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Pieter Verbruggen: Skizze für Dädalus und Ikarus (2. Hälfte des 17. Jahrhunderts)
Pieter Verbruggen: Skizze für Dädalus und Ikarus (2. Hälfte des 17. Jahrhunderts)

Apropos Höhenflüge#

(Corrida: Das Endorphin-Festival)#

von Martin Krusche

Ich hab in der vorigen Glosse schon von Kreta, von Minos und dem Minotaurus, von Daedalus und Ikarus erzählt. Was ich heute bei „Mythos Puch“ als „Tänzchen mit dem Speed Demon“ thematisiere, ein subkulturelles Motiv, zeigt sich in einer Jahrtausendgeschichte als menschliches Verlangen, über die Grenzen der eigenen Körperkraft hinauszugelangen.

Ein simples Beispiel: Wie viele Kilometer Reichweite erlauben Ihre Beine und Ihre körperliche Konstitution? Einmal zu Fuß, das andere Mal auf einem unspektakulären Fahrrad, dessen Tretkurbel es ihnen ermöglicht, Muskelkraft und Hebelgesetz zu kombinieren. Die Differenz dürfte erheblich sein.

Wer je mit einem Fahrrad einen Berg runtergefahren ist, wobei man mühelos 60 bis 70 Km/h erreichen kann, hat schon einen ersten Eindruck, was mit „Speed Demon“ gemeint sein mag. Da sind Sie physisch, kognitiv und emotional in einem ganz anderen Gebiet angekommen.

Unsere Mythen#

Wir finden bereits in den antiken Mythen Europas dieses Motiv, daß Menschen Möglichkeiten nutzen, um über die durch eigene Körperkraft begrenzte Reichweite mittels technischer Lösungen hinauszugelangen. Zwei prominente Charaktere unserer Mythologie haben das umgehend mit ihrem Leben bezahlt.

Der Sonnenwagen von Gott Helios war das Werk des hinkenden Schmiedes Hephaistos, dessen Ideenreichtum und Handfertigkeit rund um den Olymp prägend gewesen ist. Phaeton, der Sohn des Helios, war seinem Vater ausdauernd in den Ohren gelegen, die Quadriga mit den feurigen Pferden einmal fahren zu dürfen. Der Alte zierte sich, stimmt aber letztlich zu. Das ging dann auch gleich gründlich schief. Phaeton verlor erst die Kontrolle über das Gespann, dann sein Leben in einem Unfall, der fast einen Weltenbrand auslöste.

Apropos Weltenbrand. Als Gott Zeus über menschliches Verhalten so erzürnt war, daß er den Menschen das Feuer wegnahm, wurde diese Sanktion durch den Titan Prometheus mit einer List revidiert. Er stahl das Feuer vom Himmel und änderte so auf Erden den Lauf der Dinge. Seine Name bedeutet übrigens „der Vorausdenkende“ und er gilt als Patron von Technik und Fortschritt.

Wir Ikarier#

Ikarus ist der andere prominente Tote in diesen Geschichten. Er ist wegen einer Missetat seines Vaters Daedalus, einem bedeutenden Handwerker und Künstler, mit ihm auf die Insel Kreta verbannt worden, in das Reich des furchterregenden Minotaurus. Der Stiermensch war ein Sohn des Minos, den Gott Zeus mit der phönizischen Prinzessin Europa gezeugt hatte. (Wir schon erwähnt, auch eine Stier-Geschichte.)

Um von Kreta flüchten zu können, hatte Daedalus Flügel angefertigt, deren Federn mit Wachs fixiert waren. So wurden Vater und Sohn flugfähig. Er hatte seinen Sohn Ikarus gewarnt, nicht zu hoch zu fliegen und der sengenden Sonne nahezukommen. Ich darf den Ausgang der Geschichte als bekannt voraussetzen.