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Die Kunst schützt uns vor Gleichgültigkeit#

(Über ein Gespräch mit dem bosnischen Autor Dzevad Karahasan)#

Archiv externer Beiträge, Blatt #13#

von Martin Krusche
„Die Kunst schützt uns vor Gleichgültigkeit, der Mensch aber lebt,
solange er nicht gleichgültig ist.“
(Karahasan)




In der Geschichtschreibung deutet man das 19. gelegentlich als „Das lange Jahrhundert“. In dieser Sicht endete es nicht mit 1900, sondern 1919, mit dem Ersten Weltkrieg. Für Karahasan, der dieser Deutung zustimmt, ist das 20. demnach „Das kurze, das kürzeste Jahrhundert“, welches „mit dem Krieg in Bosnien 1992 endgültig zu Ende ging.“ Von diesem „kurzen Jahrhundert“ handelt im Grunde sein Buch „Berichte aus der dunklen Welt“.

Karahasan, der Sarajewo unter wachsender Bedrohung durch serbische Kräfte hatte verlassen müssen, man war damit befaßt gewesen, die bosnische Intelligenz auszulöschen, schrieb in seinem „Tagebuch der Aussiedlung“: „Das ist die niederschmetternde Wirkung dieses Krieges auf jene, die davonkommen, auf jene, die nicht verletzt oder getötet werden: sie verlieren das Vertrauen in die Realität ...“ In der Disapora schreibt er sich offenbar nach Kräften in ein Realitätsvertrauen zurück.

Dzevad Karahasan (Foto: Martin Krusche)
Dzevad Karahasan (Foto: Martin Krusche)

Sein Prosaband „Berichte aus der dunklen Welt“ beginnt mit einer „Anatomie der Traurigkeit“ in einem Café in Piacenca. Von da führt er in Zeitsprüngen durch die Geschichten einiger Menschen, um die Hintergründe der europäischen Geschichte dieses „kurzen Jahrhunderts“ etwas auszuleuchten.

Der Bosnier Karahasan, ein Moslem, mit Koran und Aristoteles gleichermaßen gut vertraut, sagt selbstironisch: „Ich bin ein Balkaneser.“ Das spielt auf Ressentiments an, die er immer wieder erfährt. Das handelt aber auch von einem erheblichen Selbstbewußtsein als Europäer. Die südslawischen Völker wurden während der letzten fünf Jahrhunderte von Osmanen und Habsburgern vor allem als regionale Manövriermasse verstanden und behandelt. Der Kalte Krieg und der Sezessionskrieg Jugoslawiens boten danach einen Satz von Stereotypen an, der auch heute noch breite Verwendung findet.

Karahasan: „Das Bild von mir in Deinen Augen spricht möglicherweise etwas von mir. Von Dir spricht es aber unbedingt. Notwendigerweise besagt es etwas von Dir. Nämlich: Was wir von anderen Menschen und anderen Dingen behaupten und denken, besagt sehr selten etwas von diesen Menschen und diesen Dingen, aber von uns besagt es immer etwas. Insofern ist es absolut unmöglich, mich vor den Vorurteilen anderer Menschen zu beschützen. Ehrlich gesagt, ich versuch es auch nicht. Im Gegenteil!“

Europa hat es offenbar nicht sehr lange ohne das bipolare Konzept der Feindseligkeit samt seinem Eisernen Vorhang ausgehalten. Hieß es eben noch „Kommunisten versus Christen“, so heißt es nun „Moslems versus Christen“.

Karahasan: „Die Herrschaften vergessen stets, daß Harmonie eigentlich das Verhältnis zwischen zwei entgegengesetzten Haltungen ist.“ Abgesehen davon: „Es gibt keinen einheitlichen Islam. Zwischen Sunniten und Schiiten sind die Unterschiede so groß, wenn nicht noch größer, wie zwischen Protestanten und Katholiken.“ Und das sind bloß zwei der vielen Richtungen des Islam.

Simplifizierung und die medial forcierte Praxis des Banalen ergeben den Erfolg von Ansichten, in denen der Begriff „Balkan“ mit Chaos, Korruption und Mordlust assoziiert wird. Karahasan: „Es tut mir leid, wenn manche Begriffe, die in sich eine Erinnerung an eine großartige Kultur tragen, die europäische Kultur ist eine großartige, auf eine politische Dimension reduziert werden. Ohne Balkan gäbe es kein Europa. Der Balkan ist die Wiege der europäischen Kultur.“

Das wird dem Südosten in politischen Kräftespielen der Gegenwart gerne aberkannt. So heißt es etwa exemplarisch im Kapitel 5 des Programmes der FPÖ unter Christentum -- Fundament Europas: „Die europäische Zivilisation hat ihre ältesten Wurzeln in der Antike.“ Man beruft sich auf solche „Werte“ und polemisiert gegen Menschen vom Balkan, gegen Muslime, gegen „Fremde“.

Karahasan: „Selbstverständlich. Wie alle Ungebildeten. Herr Strache ist eben ein erfolgloser Student von irgendetwas. Und Herr Strache hat sein gutes Recht auf seine Ängste, auf seine Vorurteile, er hat auch das Recht auf Feindbilder, die es ihm leichter machen, mit eigenen Komplexen, Niederlagen, Ängsten irgendwie zurecht zu kommen.“

Der selbstbewußte Einschub des Europäers Karahasan lautet dazu: „Meine Herrschaften, es tut mir leid, aber Platon war ein Balkaneser. Sokrates auch. Aristoteles, auf den sie sich stets berufen, seit Thomas von Aquin ihn ihnen erklärt hat, der war ein Angestellter am balkaneser Hof der Mazedonier.“

Thomas von Aquin hätte ohne das Werk und die Leidenschaft von Ibn Ruschd wohl nie von Aristoteles erfahren. Viele Texte der griechischen Philosophie sind über Rückübersetzungen aus islamischen Kulturen wieder nach Europa gekommen, nachdem man sie hier verloren hatte. Wozu eigentlich die permanente Komplexitätsreduktion? Wozu die Polemiken?

Karahasan: „Solange in einer Gesellschaft Strache und seine Gefolgsleute bis 15 % der Stimmen bekommen, ist die Welt vollkommen in Ordnung.“ In einer jeden Gesellschaft müsse es bis 15 % Menschen geben, die eigene Probleme „irgendwie durch Feindbilder zu artikulieren versuchen.“

Der Bosnier räumt ein: „Es stört mich nicht im geringsten, wenn Herr Strache, ein Lastwagenfahrer, ein Unteroffizier, ein Kellner nach Vereinfachungen greifen, sich die Welt zu erklären. Du bist Feind, er ist Freund. Sie ist Frau, sie ist eine Heilige, sie ist eine Hure. Die Welt ist gottseidank einfach, meinem Verstand angepaßt. Aber wenn die Intellektuellen, wenn die ‚Werteproduzenten’, wenn die Leute, die Wertbegriffe, Wertvorstellungen schaffen, wenn Deutungseliten nach Vereinfachungen greifen, ist der Teufel los.“

Er bekräftigt: „Nichts ist so einfach, wie manche es gerne hätten. Und ich sage bloß, Vereinfachungen sind das Gefährlichste, was es überhaupt geben kann.“

Er sieht bei den „Werteproduzenten“ eine maßgebliche Rolle und Verantwortung. Das macht Karahasan am Beispiel des Sezessionskrieges Jugoslawiens deutlich: „Die Kriege auf dem Balkan sind vorab geschrieben worden.“ Er betont ein bemerkenswertes Faktum: „Genosse Tito war der größte ‚Sohn unserer Völker und Völkerschaften’. So wurde er stets bezeichnet.“ Aus dem „sin svih naschih naroda i narodnosti“ wurde ein Sample von „ocevi nacije“: Väter der Nation.

Karahasan ironisch: „Seit uns Freiheit und Demokratie überfallen haben, hat ein jedes Volk auf dem Balkan einen Vater der Nation.“ Tudjman in Kroatien‚ Dobrica Cosic in Serbien, Alija Izetbegovic in Bosnien ...

Karahasan: „Der Unterschied zwischen einem Vater und einem Sohn in einer patriarchalen Gesellschaft ist gewaltig. Wir sagen, die Herrschaften haben mit der Geschichte, mit der Zeit schlechthin, Liebe gemacht, und die Völker wurden geboren. Das ist etwas äußerst Merkwürdiges, mein Lieber. Das zeugt von unserer Entdemokratisierung. Der Genosse Tito war immerhin noch ein Mensch.“ Doch dann begann dieses „Titanen-Geschäft“ mit dem „Gebären“ von Völkern und Nationen. Das ist aber nicht „Der Balkan“, auf dem solche Merkwüdigkeiten entwickelt worden wären, das ist „Europa“ seit Napoleon.

Karahasan: „Die zweite Winzigkeit, auf die ich Dich aufmerksam machen möchte, ist, daß diese Herrschaften bis zum Jahre 1966 sehr treue kommunistische Funktionäre waren.“

Da sind sie also selber noch Söhne gewesen.

Karahasan: „Tudjman war der Lieblingsgeneral von Tito. Dobrica Cosic war ein Lieblingsbeamter des serbischen Polizeiministers. Als Tito sie entmachtet hatte, sind sie quasi Dissidenten, Nationalisten und so weiter geworden. Sie haben eben die Kriege auch geschrieben. Man muß bloß die Texte von ihnen lesen. Man muß Aussagen in Interviews lesen. Die Kriege auf dem Balkan sind geschrieben worden. Danach wurden sie bloß in der Wirklichkeit ausgeführt.“

Es wäre natürlich Unfug, eine besondere Feindseligkeit oder Grausamkeit der Südslawen zu behaupten. Karahasan betont: „Die ganze Zeit des Krieges gab es viele Beispiele, die genau das Gegenteil beweisen. Viele Serben haben ihr eigenes Leben riskiert, um muslimischen oder bosniakischen Nachbarn zu helfen. Viele Kroaten haben ihr Leben und Hab und Gut riskiert, um bosniakische Nachbarn irgendwie zu beschützen. Und umgekehrt. Es geht darum, daß eine gute Information keine Zeitungsnachricht ist. Man redet nicht darüber. Gute Beispiele würden uns zwingen nachzudenken. Zu analysieren, zu überlegen, eigene Vorurteile, gestaltete Bilder in Frage zu stellen.“

Er lacht, als er sagt: „Die ganze Zeit des Krieges auf dem Balkan habe ich in Belgrad viel mehr Freunde gehabt als Miloševic.“

Der Autor prangert „die Praxis der Fälschung, die Herrschaft der Vorurteile, diese Selbstzufriedenheit“ an. Eine Stelle im „Tagebuch der Aussiedlung“ lautet: „Die Menschen haben uns den Rücken gekehrt, das Glück hat uns verlassen, diese Welt hat sich von uns losgesagt. Allein unser Auftrag hat uns noch nicht verlassen, noch schützt uns das, was wir lernen, und das Handwerk, dem wir dienen. Die Kunst schützt uns vor Gleichgültigkeit, der Mensch aber lebt, solange er nicht gleichgültig ist.“

Das bekräftigt Karahasan in unserem Gespräch. „Vergangenheit ist immer da. Es sei denn, du hast sie wirklich kritisch verstanden und artikuliert zu einem Bestandteil deiner Tradition und Kultur gemacht.“ Kultur ist also nicht das, was einem durch das Verrinnen der Zeit einfach zufällt, sondern ergibt sich aus einem vorsätzlichen Tun, aus der Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist. „In unserer Zeit wird Kultur auf Zivilisation reduziert. Also Juristerei und Bequemlichkeit. Aber das ist eine verdammte Fälschung. Kultur ist am wenigsten das.“

Er greift zu einem Bild, das sich vielleicht auch aus der Konvention schöpft, daß Hunde in islamischen Kulturen sehr negativ konnotiert sind. „Auch ein Hund kann sehr bequem leben, kennt die juristischen Regeln des Benehmens, benimmt sich anständig, solange er es tun muß. Und auch er achtet die Wünsche seines Herrchens.“ Dagegen: „Die Kultur ist vor allem und mehr als alles eine Ausdehnung des menschlichen Wesens in der Zeit. Eine Auseinandersetzung des Menschen mit der Vergangenheit, mit der Gegenwart und mit der Zukunft.“

Anders ausgedrückt: „Kultur, das heißt glauben, das heißt Erde bearbeiten, das heißt die Toten begraben. Also Kultur ist unzertrennlich durch Zeit mit unserem Verhältnis zum Tod verbunden. Am wenigsten ist Kultur eine Kunst bequem zu wohnen. Oder bequem seinem Nächsten aus dem Wege zu gehen. Quatsch! Ich behaupte, daß es heutzutage bei uns immer weniger Kultur gibt, weil die Pseudokulturindustrie daran arbeitet, unsere Zeitvorstellung auf jetzt zu reduzieren.“

Zu den Bedingungen einer Massenkultur stellt er sich selbst in Kontrast: „Als Journalist mußt Du eine Leserschaft ansprechen. Als Schriftsteller einen einzelnen Menschen. Meine Aufgabe liegt darin, daß ich Dich in Deiner absoluten Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit, irgendwie berühre und anspreche. Verstehen wir uns? Ich hab keine Leserschaft. Ich hab Gesprächspartner.“

Erstmals publiziert in der KW 45/2007 bei „next code: divan