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Nennen Sie Ihre Gründe!#

(Ein Auftakt in Novi Sad)#

Archiv externer Beiträge, Blatt #15#

von Martin Krusche

Nur wenn ich reise, verstehe ich mich selbst. Ich habe tausend Fragen an die Fremden. Zur Zeit fahre ich gerne nach Süden. Die Länder des vormaligen Jugoslawien interessieren mich sehr. Früher hätte ich nicht damit gerechnet, daß ich „nation building" je aus der Nähe sehen könnte. Welche Aufgabenstellungen suchen und welche Fragen finden Menschen, deren Land erst seit einigen Jahren Nation ist?

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Die Praxis der „talking communities" läßt mich Menschen suchen, welche als kritische Intelligenz verstanden werden dürfen. Wenn ich solche Menschen zu einem Gespräch in ein Schaufenster bitte, dann bedeutet das, ich vermeide es, eine Situation zu reproduzieren, die als billige Variante bürgerlicher Salons gelten will. Ich hatte vor Novi Sad schon verschiedene Möglichkeiten erprobt, kleine Diskurs-Räume so zu besetzen, daß sie mindestens öffentlich sichtbar und zugänglich sind, teilweise auch mitten im öffentlichen Raum liegen.

Der reale Dialog erweist sich als erhabenes Ereignis im Gegensatz zur Flut von Geschwätzigkeit, die täglich über Massenmedien freigesetzt wird. Die konkrete soziale Begegnung ist eine klare Position gegen diese Flut. Es geht nicht um die Illusion, derlei Flut aufhalten zu können; dazu müßten wir alle unsere Stromnetze abschalten.

Mit „talking communities" rücken wir den realen Dialog wieder in die Mitte kultureller Vorhaben. Keine große Inszenierung, kein aufwendiges Equipment, sondern handelnde Personen und das Prinzip „Nennen Sie Ihre Gründe!".

Vladimir Kopicl (Foto: Nikola Dzafo)
Vladimir Kopicl (Foto: Nikola Dzafo)

Der Blick auf Serbien war mir lange durch eine westliche Berichterstattung verstellt, in der sich offenbar ein Großteil der Medienleute damit begnügt hat, von einander stets wiederkehrende Klischees abzuschreiben. Deshalb wußten wir auch schnell, wer „Die Serben" angeblich sind und wie sie angeblich sind und was sie angeblich bewegt.

Also bin ich seit Jahren in eine endlose Kette von Gesprächen verwoben, denn all das ist ja nicht bloß „Der Süden", sondern auch „Mein Europa". Darin sind wir unseren „alten Nachbarn" etwas fremd worden. Ein Entfremdungsprozeß, der offenbar wenigstens seit 1914 nicht abklingen will. Wie eingangs erwähnt: Ich habe tausend Fragen an die Fremden.

Martin Krusche & Ivan Pravdic (Foto: Nikola Dzafo)
Martin Krusche & Ivan Pravdic (Foto: Nikola Dzafo)

Vizebürgermeister Vladimir Kopicl sagte an einer Stelle unseres Gesprächs ironisch: „Meine Generation lebte zwei Utopien. Sozialismus und Rock & Roll." In den 1990ern haben alle erleben müssen, daß die Welt ein unsicherer Raum sei. Apropos Raum! Wir saßen ebenerdig im Schaufenster eines Hauses, wo einige Stockwerke höher der Schriftsteller Aleksandar Tisma gewohnt hatte.

Künstler Bojan Kripokavic sieht sich nicht als Teil einer bestimmten Generation, dieses „Wir-Gefühl" scheint ihm zu fehlen. Er sagt aber grundsätzlich: „Ich bin kein Pessimist. Wir müssen einander finden. Auch in den neuen Nachbarländern."

Der junge Ivan Pravdic, von Kindheit an Teil des Theaterlebens, erstaunte mich mit der Aussage: „Ich glaube nicht, daß der Krieg in dieser Gesellschaft was geändert hat." Journalistin Jovanka Zlatkovic erinnerte sich auf jeden Fall an das Einbrechen demokratischer Strukturen: „Ich konnte die Veränderungen nicht akzeptieren", sagte sie über ihr Metier. „Es gibt keine freien Medien in Serbien." Es ist freilich ein europaweiter Trend, sich von Journalismus, der diese Bezeichnung verdient, zu verabschieden.

Jovanka Zlatkovic (Foto: Martin Krusche)
Jovanka Zlatkovic (Foto: Martin Krusche)

Igor Buric, mit diesem Beruf ebenfalls vertraut, berief sich auf eine minimalistische „Grundausstattung": „Schau genau hin! Es geht darum, auf sehr verschiedene Weise zu sagen was es ist." Zum Geschäft mit den Klischees meinte er: „Wenn dich wer falsch versteht oder auch unterschätzt, willst du ja nicht unbedingt dagegen anschreien."

Es geht also unter anderem um Fragen der Definitionsmacht und es geht darum, wie sich Deutungseliten formieren, welchen Rang sie in einer Gesellschaft gewinnen, wie die Zugänge geregelt sind und wer von einem „öffentlichen Deutungsgeschäft" ausgeschlossen bleibt.

Philosoph Dragan Prole kommentierte solche Zusammenhänge mit: „Die Macht ist klug um an der Macht zu bleiben." Ich vermute, wir sind gut beraten, diese Themen und Diskurs aufrecht zu erhalten, uns selbst darin zu üben, wie man das praktisch tut, auch wie man eine „Praxis des Kontrastes" pflegt. Dieses Europa hat sicher zur Genüge geklärt, daß „Wahrheit" nicht zutage tritt, indem man einfach alle Widersprüche eliminiert.

Erstmals publiziert in der KW 6/2011 bei den „talking communities