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Was unverzichtbar bleibt#

Archiv externer Beiträge, Blatt #16#

von Martin Krusche

Ich hab heute keinen Zweifel mehr, selbst jene, die sich per Deklaration dem Gemeinwohl verschrieben haben, sind teilweise unermüdliche Repräsentanten der Eigennützigkeit. Das ist unanfechtbar und per Diskurs nicht zu ordnen. Wenn ich an der Zuversicht festhalten darf, dann vor allem deshalb, weil zwischen den fröhlichen Egoisten-Rudeln zum Glück noch genug Menschen bleiben, die um andere Positionen und Verhältnisse ringen.

Eine Arbeit von Christian Strassegger (Foto: Martin Krusche)
Eine Arbeit von Christian Strassegger (Foto: Martin Krusche)

Es kann also nicht darum gehen, sich dem Pessimismus in die Arme zu werfen oder sich womöglich einer Weltuntergangs-Sekte anzuschließen.

Ich habe bisher keinesfalls angenommen, Kunst- und Kulturschaffende seien „bessere Menschen“, aber mir schien Folgerichtigkeit ein konstituierendes Element der Arbeit. Also war ich der Ansicht, wer sein Denken, Reden und Tun nicht wenigstens in ein Fließgleichgewicht bringt, beraubt sich selbst etwa in künstlerischer Praxis brauchbarer Ergebnisse. Das war viel zu naiv gedacht.

Inzwischen scheint mir, es bleibt nur die individuelle Anschauung einer Person, die konkrete Einlassung, dann wird man sehen, womit man es zu tun hat. (Ethos hat keine allgemeine Verbindlichkeit.)

Schrittweise lassen sich so Nischen gewinnen. Ich möchte etwa für den Kernbereich der Schlüsselpersonen bei „kunst ost“ heute ausschließen, daß diese Leute vom Eigennutz überrannt werden könnten und auf Kosten anderer expandieren würden.

Das ist für mich ein wichtiger Zusammenhang, ohne den ich vermutlich an diesem ganzen Engagement nicht festhalten könnte. Ich finde auch auf der Meta-Ebene Leute mit solchen Qualitäten. Da ringen wir um Mittel und Wege, dieses Kulturprojekt durch jede Schwierigkeit, durch jede Serie von Belastungen zu führen. (Sowas schafft nur ein engagiertes Kollektiv.)

Andere verstehen Kooperation als etwas, wo ihr Part ihnen bedeutet, daß sie sich um ihre eigenen Vorteile kümmern müssen; und zwar NUR um ihre Vorteile. Das ist eine etwas gespenstische Orientierung. Doch es läßt sich solchen Leuten nichts zurufen. Und es scheint so zu sein, daß sie ein stärker gemeinwesenorientiertes Arbeiten anderer eher als eine Art Schwäche oder Makel deuten, aus dem sie offenbar zusätzliche Legitimität für ihr Expandieren beziehen.

Ich denke, gegen solche Positionen kann man einzig durch ANDERES VERHALTEN vorgehen. Ich drücke es vorzugsweise so aus: Das Kulturfeld ist, wie auch etliche andere Metiers, enorm anfällig für Eifersucht und Mißgunst. Oft bekämpfen Zwerge andere Zwerge aus mitunter schwachen persönlichen Motiven.

Gerade Menschen mit inhaltlichen Schwächen (Kunstdiskurs, kulturpolitische Fragen) zeigen sich dabei oft besonders anfällig. Fragen um Geld und öffentliches Ansehen sind in den meisten Fällen Anlässe für Kontroversen, denen selbst gute und (vorerst) stabile Projekte zum Opfer fallen.

Daher gibt es in unserem Netzwerk ein paar eiserne Regeln und wer immer sich mittelfristig nicht aufraffen kann, diese Regeln in ihrer Gesamtheit zu achten und zu vertreten, kommt für eine nähere Kooperation nicht weiter in Betracht. Die Einhaltung der Regeln muß explizit eingefordert werden, ihre mehrmalige Mißachtung muß Konsequenzen haben. Die Regeln lauten:

Eine Arbeit von Christian Strassegger (Foto: Martin Krusche)
Eine Arbeit von Christian Strassegger (Foto: Martin Krusche)

  • Wir zentralisieren nicht. Wir bevorzugen eine Mehrheit völlig eigenständiger, stabiler Formationen, Initiativen, die an verschiedenen Orten der Region wirken. Ein Zusammenziehen von aktiven Leuten an bloß einem Ort ist unakzeptabel.
  • Kommunikation. Wechselseitiges Informieren, das Dokumentieren von Teilprojekten und die Ablehnung verdeckter Intentionen sind vorrangig.
  • Kooperation. Das bedeutet, ich will die Prioritäten anderer kennen, ich setze die Schritte nicht nur zu meinem Wohl, sondern zum Wohl des gesamten Projektes, das allen Beteiligten nützen soll. Kein Teilsystem soll ein anderes oder die anderen dominieren.
  • Niemand wird bekämpft. Auch Dissens ist fruchtbar. Doch manche können einfach nicht mit einander; bis an die Grenze von Feindseligkeit. Solche Emotionen sind im Konfliktfall normal, doch wer gegen andere interveniert, wer Kampfmaßnahmen in Erwägung zieht, um andere zu beschädigen, hat in unseren Projekten nichts mehr verloren.
Erstmals publiziert in der KW 26/2013 bei „Kunst Ost