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Des Menschen Recht#

Archiv externer Beiträge, Blatt #32#

von Martin Krusche

Mit dem Weihnachtsabend ist das Ende des Arbeitsjahres schon sehr absehbar. Dieses 2021 wurde für mich eine Überraschung, deren Irritationen eine noch nicht absehbare Tiefe haben. Was mir aber schon unterwegs klar geworden ist, zeigt sich in zwei Aspekten mehr als deutlich. Erstens ist die uns vertraute Kulturpolitik am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt und reproduziert sich inzwischen selbst. Es wird also Zeit, über eine nächste Kulturpolitik zu reden.

Als wäre man in einem U-Boot. (Foto: Martin Krusche)
Als wäre man in einem U-Boot. (Foto: Martin Krusche)

Zweitens hat sich eine neue Bourgeoisie herausgebildet, die einen merkwürdig hohen Anteil an strebsamen Leuten erkennen läßt, welche höchst widersprüchlich wirken. Sie pflegen die Posen des Bildungsbürgertums, haben aber auf adäquate Bildung weitgehend verzeichnet und simulieren ein geistiges Leben, das Akzente schafft.

Durch die Corona-Pandemie wurde deutlich, daß wir keine Spaltung der Gesellschaft fürchten müssen, denn wir waren schon davor keine homogene Masse von Untertanen. Wir sind als Bevölkerung Österreichs in höchst unterschiedlichen Lagern aufgestellt, an manchen Ecken enorm fragmentiert. Durch die Pandemie und ihre Konsequenzen wurden die Kontraste viel deutlicher.

Ein sehr prominenter Angelpunkt, um den sich aktuell Auffassungsunterschiede drehen, sind die Themen Menschenwürde und Menschenrechte. Auch wenn wir uns in Österreich sogar per Verfassung zur Universalität der Menschenrechte bekennen, sind sie das nicht. Sie werden nicht überall auf der Welt anerkannt. Aber selbst über solche Differenzen hinweg können wir leicht eine Reihe von Gemeinsamkeiten finden, die weltumspannend Gültigkeit haben.

Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Näherin aus Indien, eine Baggerfahrerin aus den USA, dazu eine Ärztin aus Nordkorea und eine Fischer aus Schweden am gemeinsamen Tisch mit einem Bürgermeister aus China, einem Bergbauern und einer Diplomingenieurin aus Österreich, einem Bauarbeiter aus Italien.

Müßten die sich verstehen, Weltbild und Menschenbild teilen? Keineswegs! Ich hielte das für eher ausgeschlossen. Aber sie fänden vermutlich leicht Konsens, daß niemand von ihnen an Leib und Seele verletzt werden möchte. Niemand möchte wegen Mißwirtschaft Gras fressen und schließlich verhungern.

Niemand möchte dank Korruption und mangelnder Verteilungsgerechtigkeit in Not leben, während andere die Früchte ihrer Arbeit konsumieren und sich ein schönes Leben machen. Ich nehme an, sie würden alle gleichermaßen Rechtssicherheit bevorzugen, ein Schweigen von Waffen schätzen und sie möchten bestimmt lieber, daß man sie nicht ohne Konsequenzen überfallen und berauben darf. Sie wollen garantiert nicht gerne den Mund verboten bekommen.

Muß ich weitermachen? Wohl kaum! Bei allen Differenzen, die ich an anderen Menschen entdecken kann, finde ich auch mühelos jede Menge Gemeinsamkeiten, mit denen ich lange Listen füllen könnte, um zu erkennen, was ich selbst mit dem absonderlichsten Menschen noch teile, ganz egal, was wir als trennend feststellen mögen.

Da würde ich gerne für mein Jahr 2021 ansetzen. Was ist das Verbindende gegenüber dem Trennenden? Was ist das Funktionierende gegenüber dem Festgefahrenen? Was ist die Fülle gegenüber den Defiziten?

Erstmals publiziert in der KW 52/2020 bei „Kunst Ost