Mini Fabula: Einhausung#
(Zum Bauwerk aus symbolischem Material)#
von Martin KruscheMit dieser Glosse eröffne ich die Phase III der laufenden Notizen zu unserem Jahresprojekt „Mini Fabula“. Wo sind wir angekommen? Damit mag der Bogen erkennbar werden, den wir heute zwischen Realraum, Cyberspce und KI bearbeiten, denn da ist kulturell und sozial Neuland zu erkunden.
In etlichen meiner Texte habe ich notiert, was ich für eine Grundsituation menschlicher Gemeinschaft halte: Jemand erzählt, Menschen hören zu. Das ist in einigen meiner Projektschritte so formuliert: Wir erzählen einander die Welt. Dieses Erzählen meine ich wörtlich (Sprache erzeug Realität), aber auch metaphorisch. Es handelt zum Beispiel Kunstpraxis von solchen Beziehungen. Kunstwerke verstehe ich als Narrative aus einer anderen als unserer zweckrationalen Alltagswelt.
Ich fand nun bei dem aus Korea stammenden Philosophen Byung-Chul Han einiges, das ich in eben diesem Sinn verstehe, detaillierter ausgeführt. (In einem Gespräch, das Alexandre Lacroix mit dem Philosophen geführt hat.) Da heißt es etwa sehr anschaulich: „Die Gemeinschaft lässt sich mit einem Bauwerk vergleichen. Es besteht aus symbolischem Material. Das Symbol bedeutet ursprünglich das Wiedererkennungszeichen zwischen Gastfreunden.“
In dem Zusammenhang fand ich den Begriff Einhausung. Das ist von Belang, wo uns im Archipel gerade Fragen der Netzkultur und die Auswirkungen der KI-Varianten beschäftigen. Zitat: „In der Informationsgesellschaft sind wir dem Flüchtigen und Ephemeren ausgeliefert. Unmöglich ist die Einhausung, nämlich das Wohnen und Verweilen.“ Ich bin ein Netizen, ein Bewohner der Netze. Aus rund 40 Jahren Praxis weiß ich allerdings, daß wir im Raum realer sozialer Begegnungen verankert und zuhause bleiben müssen, denn: Wo bin ich, wenn ich überall bin? Das Internet ist bloß ein kühles Extrazimmer.
Hier nun Han mit einer präzisen Begründunge: „Ohne Wohnen und Verweilen ist keine Gemeinschaft möglich. Gemeinschaft entsteht ums Lagerfeuer, indem wir uns Geschichten erzählen. Geschichte erzählen ist wiederum eine Form von Wiederholung. Geschichten sind hier keine Neuigkeiten, sondern Erzählungen, die eine Gemeinschaft begründen und stabilisieren. Die Krise der Gemeinschaft ist zugleich eine Krise der Narration.“ Han bezog sich dabei auch auf den französische Autor Michel Butor: „Seit zehn oder zwanzig Jahren passiert beinahe nichts mehr in der Literatur. Es gibt eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand. Die Ursache ist eine Krise der Kommunikation. Die neuen Kommunikationsmittel sind bewundernswert, aber sie verursachen einen ungeheuren Lärm.“
- Mini Fabula: Echo (Übersicht)
Postskriptum#
Im Jahr 2001 fand in Easton, PA (USA), die "Sixth Annual Conference on Austrian Literature and Culture: Visions and Visionaries in Literature and Film of Modern Austria". Ich hatte dort dieses Thema referiert: „Das kühle Extrazimmer” (Enge und Weite sind hier der gleiche Zustand). Sprachwissenschafterin Margarete Lamb-Faffelberger notierte dazu: „We set up several computers in an adjacent room and invited conference participants to join Martin Krusche in the kühle Extrazimmer. He encouraged everyone to engage in conversation whereby a narrative would be created, since — according to Krusche — the notion of ‚narrative‘ refers to a basic human need, namely to interact with others and to express ideas and feelings by sharing myths, sharing experience, sharing perspectives in an artistic as well as an everyday manner.“ (Der Volltext als PDF-Datei)- Eine ausführliche Publikation zu jener Tagung finden Sie bei Google Books: „Visions and Visionaries in Contemporary Austrian Literature and Film“: (Link)
- Zum meinem Vortrag: „Plugged In: Webgestütztes Literaturgeschenen“ (Link)
Eine Dissertation zum Thema#
Siehe dazu auch die Arbeit von Andrea Ghoneim: "Literarische Publikationsformen im World Wide Web" (Veränderungen in Produktion, Publikation und Vermittlung von Literatur am Beispiel ausgewählter österreichischer Literatur-Medien), hier als PDF-Datei verfügbar: (Link)Ergänzend#
Am 6. Dezember 2010 notierte ich: „mit november dieses jahres habe ich die redaktion der website von „kunst ost“ übernommen. die sollte zuerst einmal laufend bespielt werden, um da ein publikum zu gewinnen.“ Der Titel dieser Notiz: „das kühle extrazimmer“. Das führt zu insgesamt 17 Glossen in dieser Sache. Zu dieser Metapher finden sich dann auch etliche jüngere Einträge. Zum Beispiel:- Neustart im Juli (Kultur- und Wissensarbeit nach dem Lockdown)
- Archipel: Das kühle Extrazimmer
- Der Archipel, ins Web erweitert

