Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):

Notiz 064: Neustart im Juli#

(Kultur- und Wissensarbeit nach dem Lockdown)#

Eben hatte ich mit Wissenschafter Hermann Maurer ein weiteres Arbeitsgespräch, diesmal in St. Ruprecht an der Raab. (Wir reisen mit unseren Treffen stets durch die Region.) Es war darüber zu reden, was nun nach dem Lockdown, weiterhin unter Bedingungen der Pandemie, aus unseren ursprünglichen Vorhaben werden soll.

Informatiker Maurer steckt mit seiner Wißbegier und seinem hartnäckigen Tatendrang laufend in kniffligen Fragestellungen, sucht nach Lösungen. Das berührt nun einmal mehr ein Thema, mit dem gerade wir Kulturschaffenden der Provinz, also abseits des Landeszentrums, unsere Arbeitsbedingungen radikal verändern konnten: „Netzwerk lnteraktiver Digitaler Bücher“ (NID).

Wissenschafter Hermann Maurer (Foto: Martin Krusche)
Wissenschafter Hermann Maurer (Foto: Martin Krusche)

Ich sitze in meinem Gleisdorfer Büro und hab via Web Zugriff auf große Bibliotheken, deren Bestand an digitalisierten Büchern und Dokumenten ich von hier aus durchsehen und nutzen kann. Früher hätte ich für das gleiche Arbeitspensum eine Menge Geld gebraucht, um verschiedene Orte und Archive zu besuchen, dort zu recherchieren.

Deshalb habe ich freilich das Reisen nicht aufgegeben. Es bleibt unverzichtbar. Aber ich kann die Reisezwecke anders ordnen. Ich treffe mich ja auch aus guten Gründen regelmäßig mit Maurer, obwohl wir alles ebenso per Teleworking durchnehmen könnten. Die reale soziale Begegnung bleibt unverzichtbar.

Online-Bibliotheken#

Nun sprachen wir über Online-Bibliotheken auf der Basis von PDF-Dokumenten und Maurers aktuelles Konzept vernetzter Bibliotheken, wobei er auf die IIIF-Technologie setzt, also die International Image Interoperability Framework („Triple-I-F“). Das ermöglicht eine neuen Umgang mit Büchern, die wir ja in ihren Papierversionen nicht verwerfen. Es geht um nächste Bedingungen in der Wissens- und Kulturarbeit.

Ich stehe gerade an der Schwelle zu einem Pilotprojekt, denn Maurer wird mir erlauben, mit dieser Technologie ein regionales Kulturprojekt aufzubauen, um solche Modi erkunden zu können. Dabei ist zweierlei wichtig:

  • Niedrigschwelliger Zugang: es muß leicht zu bedienen sein.
  • Partizipation: Kulturinteressierte müssen damit ihre eigenen Anordnungen zusammenstellen können.

Das heißt auch, wer das nutzt, kann selbst entscheiden, ob er das nur für sich macht, wahlweise für einen privaten Kreis von Menschen, eventuell aber auch öffentlich. Ich möchte dafür in der Praxiszone Dorf 4.0 eine Versuchsanordnung bauen.

Aus einem Arbeitspapier zur erwähnten Technologie: „In diesem Projekt wird eine leicht installierbaren Software entwickelt, die es Bibliotheken auf allen Ebenen ermöglicht, Bücher nicht nur (wie jetzt) einzeln als Teil einer Sammlung anzubieten, sondern mit den Büchern interaktiv zu arbeiten, Buchseiten mit anderen und WWW Seiten zu verknüpfen und umgekehrt. Das System verwendet die lllF Norm, sodass auch bestehende Bibliotheken (von Oxford bis Stanford, van Bayern bis Paris) nachgerüstet werden können und ganz neue zusätzliche Funktionen anbieten können.“

Historischer Hintergrund#

Zum besseren Verständnis hier ein paar Erläuterungen, was sich in den Medienfragen gegenüber der alten Bücherwelt (Gutenberg-Galaxis) ab den 1990er Jahren getan hat. Hypertext ist eine Technik, mit der ich Dokumente herstellen kann, die es mir ermöglichen, an beliebigen Textstellen oder enthaltenen Bildern Links anzubringen, die auf andere Dokumente verweisen. Diese Verfahrensweise entstand in den 1940er Jahren, wurde für uns Kulturleute erst rund ein halbes Jahrhundert später nutzbar.
Bücher, Bücher, Bücher, notfalls und stellenweise auch in Bodenhaltung. (Foto: Martin Krusche)
Bücher, Bücher, Bücher, notfalls und stellenweise auch in Bodenhaltung. (Foto: Martin Krusche)

Meine v@n-site ist noch komplett in HTML erstellt, also per Hypertext Markup Language, die seit 1992 in Gebrauch ist. Das ist auch die Zeit, als Österreich an das TCP/IP angebunden wurde, also das Internet hierzulande verfügbar wurde. Darunter war das WWW (World Wide Web) für uns ein vorrangig wichtiger Dienst. So konnten wir Hypertext anwenden, dessen Möglichkeiten erkunden.

Während ich beim herkömmlichen Buch nur vor- und zurückblättern kann, also linear durch das Dokument gehe, sind Hypertextdokumente für eine eigenwillige Reise durch ein ganzes Docuverse geeignet. Eine Verknüpfung dieser beiden Medien-Typen ist über PDF-Dokumente möglich, also per Dateien im Portable Document Format.

Die neue Technologie, von der mir Maurer nun erzählte, geht darüber weit hinaus. Für uns eine sehr spannende Option. Maurer: „Ein Buch stellt einen gewissen inhaltlichen Rahmen dar, in dem (ohne Änderung der Grundsubstanz) jederzeit beliebige lnteraktionen, Experimente, Medien etc. in einer geeigneten Form zusätzlich angeboten werden können. NIDs haben das Potential, das Lernen mit Computern zu revolutionieren.“

Von der v@n-site zu Kunst Ost#

Die „Virtuelle Akademie Nitscha“ (v@n) war eines der ersten autonomen Netzkulturprojekte Österreichs. Daran erinnert eine Studie aus jener Zeit: „Medium Internet und die Freie Szene“ von Sabine Bauer 1998 publiziert. Darin wurden vier Projekte vorgestellt, darunter wir: „Die v@n-site ist das jüngste Projekt der Virtuellen Akademie Nitscha. Es geht in der v@n unter anderem darum, auszuloten, wie weit sich traditionelle ‚Standortnachteile‘ im kulturellen Engagement durch kompetente Nutzung der Telematik ausgleichen lassen.“ (Quelle)
Markierungen: Mit Nine-Eleven hatte sich meine Welt verändert, nun mit Corona erneut. (Foto: Robert J. Fisch, CC BY-SA 2.0)
Markierungen: Mit Nine-Eleven hatte sich meine Welt verändert, nun mit Corona erneut. (Foto: Robert J. Fisch, CC BY-SA 2.0)

Diese Entwicklung basiert auf meinen Erfahrungen mit autonomen Modi in den 1980er Jahren. Das führte damals von der „Garage Graz“ zur oststeirischen Edition „SO“. Eine ausführlichere Darstellung dieser Ära lieferte Alexandra Monz mit ihrer 1996er Diplomarbeit, die man bei Wissenschafter Murray G. Hall als PDF abgerufen werden kann.

Da heißt es zum Beispiel: „Um effizienter und erfolgreicher arbeiten zu können, schuf Krusche 1986 eine offene Kooperative, die Garage. Sie löste seinen Eigenverlag, die Subway-Press, ab und entwickelte sich schließlich 1987 zu einem Kleinverlag – dem Garage-Verlag, der mit der Edition SO-die Edition verbunden war.“ (Quelle)

Am 18. Oktober 2001, also rund einen Monat nach den Terroranschlägen auf das New Yorker World Trade Center (11.9.2001), war ich zu Gast bei einer Konferenz in den USA, die dem Thema “Visions and Visionaries in Literature and Film of Modern Austria” gewidmet war. Da hatte ich diese Erweiterung von der Gutenberg-Galaxis in das kühle Extrazimmer Internet schon realisiert und referierte darüber:

„We set up several computers in an adjacent room and invited conference participants to join Martin Krusche in the kühle Extrazimmer. He encouraged everyone to engage in conversation whereby a narrative would be created, since - according to Krusche - the notion of ‚narrative‘ refers to a basic human need, namely to interact with others and to express ideas and feelings by sharing myths, sharing experience, sharing perspectives in anartistic as well as an everyday manner.“ (Quelle: „The Conference, Malca, And Beyond“ von Margarete Lamb-Faffelberger, hier als PDF-Datei.)

Regionale Wissens- und Kulturarbeit#

Mit diesen Entwicklungen hat sich das lange wirksame Gefälle zwischen Zentrum und Provinz verändert. Netzkultur ist für uns eine wichtige Option geworden, ohne – wie schon erwähnt – die reale soziale Begegnung aufzugeben. Auf diesem Weg haben wir nebenbei auch ein Stück steirischer Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Siehe eine detailliertere Darstellung in Da gibt’s kein Dort (Über Veränderungen im Verhältnis von Zentrum und Provinz)! Dazu finden sich auch wichtig Überlegungen in Können Computer intelligent werden? Was ist Künstliche Intelligenz?“ von Hermann Maurer. Wäre noch eine kleine Kuriosität im Ablauf zu erwähnen.
Über die Anfänge der Netzkultur in Österreich. (Foto: Martin Krusche)
Über die Anfänge der Netzkultur in Österreich. (Foto: Martin Krusche)

Die 1985er Markierung#

Dieser Prozeß erhielt übrigens schon im Oktober 1985 einen Kreuzungspunkt unserer Wege. Maurer hatte mit seinem Team ein Vorkäuferprojekt dessen entwickelt, was wir später als WWW im Internet genutzt haben; das System MUPID.

Ich hab bei einen Symposion von Amnesty International an einen MUPID-Terminal gekonnt und war erstmals in einem Netzwerk. Drei steirische Autoren, Peter Köck (†), Wolfgang Siegmund und ich nutzten diesen Zugang, um Gedichte in den virtuellen Raum zu setzen. Siehe dazu: Sehr persönliche Ergänzung von Hermann Maurer, Oktober 2016!

Die Corona-Pandemie und der Lockdown hatten für uns einen laufenden Arbeitsprozeß unterbrochen und alles durcheinandergeworfen: Hundert Jahre sind um (Mensch und Maschine, Phase II). Also zurück zum Start und nächste Runde!

Dazu werde ich auch eine Hintergrundfolie weiter aufrollen. Das Projekt Prometheus in Ketten (Himmelsstürmerei und die Folgen) war durch den Lockdown ins Stocken geraten, bekommt aber nun in der nächsten Anordnung unserer Vorhaben neues Gewicht.