Flocke: Wasser, Spiegel und Reflex#
(Konferenz in Permanenz: Debatten)#
von Martin KruscheIch höre sehr gerne zu, wenn versierte Menschen Fragen ihres Metiers diskutieren, sich über unterschiedliche Auffassungen und Übereinstimmungen verständigen. Da war zum Beispiel dieser Gedanke: „Ich muß ein Bild im Kopf haben, sonst kann ich kein Bild machen.“
Das bedeutet? Richard Mayr sagte: „Andere machen Fotos. Ich mache Bilder.“ Im Laufe des Gesprächs erwähnte er: „In meiner Familie war Fotografie immer da. Es hat mir das nur niemand erklärt.“ Dieser Zusammenhang ist beispielsweise durch einen Stapel alter Glasnegative aus dem Haus Mayr belegt. Und irgendwann bekam er einen Fotoapparat geschenkt.
Bei Milena Findeis war es auch ein Geschenk mit Konsequenzen. Allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Sie hatte dem Magazin „trend“ Texte geliefert. Der leitende Redakteur meinte, sie solle sich auch an der Fotografie versuchen und schickte dieser Empfehlung eine Kamera hinterher.
Ich stehe übrigens ebenfalls in den Folgen so einer Geschichte, hab es bloß mit meinen Kompetenzen nicht so weit gebracht wie die beiden. Mein Vater ist ein passionierter Hobbyfotograf gewesen. Als er auf eine Spiegelreflexkamera umstieg, überließ er mir seine handliche Kodak Retina. Da war ich noch ein Volksschüler.
Der Flow#
Bei Mayr, mit dem ich bisher zwei Bücher realisiert habe, kenne ich das Obsessive als wirksame Kraft auf seinem fotografischen Weg. Bei Findeis wird es nicht anders sein. Ich vermute, wir haben alle drei Zugang zu diesen inneren Befindlichkeiten, wo etwas Außersprachliches wirkt, sich ereignet, Raum nimmt. Es geschieht und will dann umgesetzt werden.Wahrnehmungserfahrungen lösen Reaktionen aus. Manches davon ist inneres Erleben, das keinerlei direkte Verbindung zur Außenwelt hat. Aber durch mediale Verfahrensweisen wird diese Lücke zwischen unserem Inneren und dem Außen überbrückt.
In meinem Fall führt das bei Fotografieren zu einem Dokumentarstil, an dem dann nicht mehr viel zu tun ist. Den Moment erwischen, die gewählten Fotos etwas nachbearbeiten, so daß sich die Ergebnisse mit den eigenen Erwartungen halbwegs abgleichen lassen. Da ist noch kein Handwerk im Spiel, sondern ein sehr freier Umgang mit den Möglichkeiten.
Bei Findeis und Mayr vollzieht sich dieses Geschehen komplexer. Wie ich es an Mayr erlebt habe, neige ich zur Ansicht, daß es eine spezielle Art ist in der Welt zu sein. Die Kameras als Schnittstelle der aufwendigen Prozesse im Innen und im Außen. Das bietet zugleich Hinweise, was man sich unter künstlerischer Praxis vorstellen darf.
Ein höheres Aufkommen intrinsischer Vorgänge, die mit dem äußeren Geschehen in Wechselwirkung kommen. Dazu gehören Handwerk und Praxis in Progress. Man muß im Grunde darüber nicht viele Worte verlieren. Es geschieht einfach und zeigt sich im Ergebnis. Punkt. Jedes Gewese darüber hinaus… Nutzlose Posen.
Wenn man eine Arbeit von Mayr bestaunt, kann man leicht von ihm hören: „Ja, hab schon schlechtere gemacht.“ Damit ist schließlich vor allem gesagt, daß ein gutes Ergebnis kein Gerede braucht. Man honoriert es mit Aufmerksamkeit.
Wildnis#
Dann war da noch diese kleiner Episode zu erzählen, anhand derer Mayr deutlich machte, was einen der fundamentalen Unterschiede zwischen digitaler und analoger Photographie ausmacht. Er nahm eine alte Kamera vom Tisch: „Dafür brauche ich keine Batterien.“ (Wenn er heute in die Wildnis geht, muß er einen Stapel Akkus und eine Ladestation mitschleppen.)Und dann wäre da die robuste Feinmechanik. Als er einmal weit weg von allem mit dem Kanu gekentert war und die Kamera absoff, beute er hinterher einige Komponenten ab, entfachte ein kleines Feuer, in dessen Hitze er das Kameragehäuse trocknete.
Nicht perfekt, aber der Fotoapparat blieb funktionstüchtig. Wenn ihm seine aktuelle Digitalkamera unter Wasser ginge, könnte er sie bloß noch wegschmeißen.
- Wasser, Spiegel und Reflex II
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Ergänzend#
- Richard Mayr: „Interferenzen 2019“ (Booklet)





