Bachmann: Auftakt#
(Atlantis ist mein Böhmen)#
von Martin Krusche
Wir hatten uns im „Archipel“ schon ab 2025 mit Aspekten der Wirkung von Schriftstellerin Ingeborg Bachmann befaßt. Dabei war uns dieses Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ mehrfach eine Anregung gewesen. Das führte zur Übereinkunft, 2026 einen weiteren Schwerpunkt zu setzen. Also planten wir eine Ausstellung unter diesem Titel.
Ich halte mich für einen erfahrenen Lyriker. Deshalb war es mir auf Anhieb naheliegend, mit diesen Mitteln auf Bachmann zu reagieren. Daraus wurde nichts. Die poetische Kraft der Bachmann, das Sprachvermögen, die Tiefe des Textes, der Horizont, all das hat mich als Autor einfach überfordert.
Dazu kam mein wachsender Unmut über das öffentliche Treiben rund um sie. Vor allem mißfiel mir, wie umfassend ihr Wesen geplündert wurde, soweit man es in privaten Aufzeichnung nachvollziehen kann, in Notizen, welche sie von sich aus gewiß nicht veröffentlicht hätte. Ich stehe da heute im Lager von Elfriede Jelinek. Sie meint, man solle das Biografische beiseitelassen, das Werk möge sprechen. (Ich sehe das ebenso.)
Orientierungsfragen#
Damit war meine erste Idee zur Mitwirkung an diesem Gleisdorfer Projekt erledigt. Der Ausweg? Den hab ich nach einer Weile gefunden, weil ich im „Archipel“ mit den Genres Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst befaßt bin. Also auch mit trivialen Mythen, mit Unterhaltungsliteratur, mit Spielfilmen, die nicht gerade als cineastisch gelten.Ich griff daher - trotz aller bekannten Paradoxa - die romantische Vorstellung von einer funktionierenden Zeitmaschine auf. Freilich kommt die, um etwa auf H. G. Wells zu verweisen, auch in der Weltliteratur vor. Ich nahm zusätzlich Anleihen in der Popularkultur und nutzte generative KI. Das packte ich gesamt in meine Deutung des klassischen Mythos von Atlantis, der mir auch als Metapher für Neurodivergenz dient.
Dazu im Hintergrund meine Erörterung mit Psychologin Petra Schwarz zur Frage, was da berührt werde, falls man sich in ein Frau verliebt, die vor einem halben Jahrhundert gestorben ist. Schwarz, die – nebenbei bemerkt - im Autismus-Spektrum lebt, hat in diesen Belangen sehr unaufgeregte Ansichten. Sie machte mich postwendend mit den „Zehn zentralen Merkmalen der hohen Minne“ vertraut. Das ist ja, nebenbei bemerkt, ein überaus literarisches Genre, auf das ich später noch eingehen werde.
Reisezeit#
Also konzentriere ich mich nun ein Weilchen auf die Zeitreiserei und hab davon für die Gleisdorfer Ausstellung „Böhmen liegt am Meer“ ein paar Fotos mitgebracht. Die betreffen vier höchst verschiedene Frauenleben, bei denen ich einige Schnittstellen zueinander vermute.Und zwar mindestens in dem, was ich als das Obsessive verstehe, wie es in verschiedenen Genres für außerordentliche Wirkung sorgt. Eigene Interessen verfolgen. Gegen all die Widerstände, wie sie in einem außergewöhnlichen Frauenleben unweigerlich vorkommen:
- Ada Lovelace (Mathematikerin): 1815 bis 1852
- Billie Holiday (Sängerin): 1915 bis 1959
- Amelia Earhart (Fliegerin): 1897 bis vermutlich 1937
- Ingeborg Bachmann (Autorin): 1926 bis 1973
Dabei ist übrigens auch Johannes Rubey mit mir unterwegs. Sein Zeitreisen folgt bloß einem ganz anderen Konzept, auf eine andere Technik gestützt. (Fortsetzung folgt!)
- Gezeiten: Atlantis (Übersicht)
- Böhmen liegt am Meer (Die Dokumentation)

