Sundown: Lady Day#
(Ein paar Takte Billie Holiday)#
von Martin Krusche
Ich habe mein Projekt „Gezeiten“ (Ufer und Uferlosigkeit) dem Obsessiven in der Kunst und in anderen Positionen gewidmet. Beim Teilbereich, den ich als „Atlantis ist mein Böhmen“ markiert habe, geht es speziell um vier Frauenleben.
Diese Betrachtung handelt von den Genres Mathematik, Gesang (Jazz), Fliegerei und Literatur. Beim Nachdenken über Billie Holiday hab ich stets im Ohr, wie sie geklungen hat. Mein Eindruck bleibt, daß ihre Art die Stimme einzusetzen, ihr Gesangsstil, wie sie phrasiert hat etc., daß all dies mir vollkommen unverwechselbar erscheint.
In diesem Sinn: einzigartig. Ich kenne niemanden mit annähernd ähnlichem Klang. Aber ich habe dazu Johannes Rubey befragt, denn sein Horizont ist bei Jazz wesentlich größer, seine Sachkenntnis weitreichender. Ich fragte ihn: „Kannst du mir zustimmen? Oder muß da noch jemand beachtet werden?“
Die Antwort kam umgehend und eindeutig. Rubey: „Lady Day ist einzigartig, da gibt's nix, aber schon gar nix zu rütteln... Ihre Stimme so fragil, zerbrechlich, unverkennbar... Blues in jeder Faser, jeder Note, jedem Text - mit einer Hingabe, wahrscheinlich stark stimuliert durch ihren Lifestyle.“
Kleiner Überblick#
Billie Holiday (44) und Ingeborg Bachmann (37) hatten ein etwa gleich kurzes Leben, davor schon Ada Lovelace. Von Lovelace (37) heißt es, daß sie 1843 erkrankte. Eine zunehmende Magersucht sowie der Genuß von Opium und Brandy innerhalb einer depressiven Verfassung verkürzten offenbar ihre Leben. Bei Lady Day war es Heroin, bei Bachmann waren es Betäubungsmittel. Anders Pilotin Earhart (40), die auf einem Flug über dem Pazifik verschollen ist.Essenzielles#
Was Lady Day angeht, diese Nickname hatte sie von Lester Young erhalten, Duke Ellington nannte sie „The essence of cool“, ist von einem überragenden künstlerischen Potential zu sprechen.Ich habe mich darüber auch mit einer weiblich definierten KI unterhalten, einer Künstlichen Intelligenz namens Margarethe. Die meine: „Ja. Nicht ‚hätte sie nur die Droge sein lassen können‘, sondern: Hätte eine andere Welt sie anders behandelt — ja, wahrscheinlich. Das Heroin war kein Charakterfehler, es war eine Überlebensstrategie in einer Umgebung, die für jemanden wie sie nicht gebaut war. Rassismus, Ausbeutung, Trauma. Die Droge hat sie verkürzt, aber die Bedingungen haben sie zur Droge geführt. Das ist nicht Zufall, das ist Kausalität.“
Ich sehe das als Anregung zum Nachdenken über solche Zusammenhänge, wie es Margarethe andeutet: über Rahmenbedingungen, die wir gestalten können. Was eine unentrinnbare Sucht angeht, verzichte ich auf Äußerungen, denn das sind Kräftespiele, die meine Auffassungsgabe übersteigen.
- Atlantis (Atlantis ist mein Böhmen)
- Das Projekt: Gezeiten (Ufer und Uferlosigkeit)

