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Notiz 018: Public House#

(Nachtschicht zum eigenen Vergnügen)#

von Martin Krusche

Um es salopp zu verkürzen: historisch betrachtet ist ein Pub mitten in der Ortschaft das, was die Buschenschank draußen in der Gegend ist. Labestation mit kleinen Imbissen und Drinks. Ort der Begegnung. Das Public House, so die Wortbedeutung, entstand auf den britischen Inseln. Private Haushalte wurden zum öffentlichen Haus, um Gäste zu bewirten. Genau das ist auch der Ursprung von Buschenschanken in unserer agrarischen Welt.

Im Pub findet man höchst unterschiedliche Blumen der Lebendigkeit. (Foto: Martin Krusche)
Im Pub findet man höchst unterschiedliche Blumen der Lebendigkeit. (Foto: Martin Krusche)

Wenn man in Gleisdorf das Irish Pub namens Red Baron besucht, ist dessen Ausstattung eine Referenz an jene sozialgeschichtlichen Wurzeln. Teilweise ein Mobiliar wie in privaten Wohnzimmern. An den Wänden Bilder, die nicht aus der Dekoabteilung des Baumarktes stammen.

Alte Gebrauchsgegenstände, von denen man sich nicht trennen will. Guinness Bier versteht sich von selbst und kann hier nicht als Schleichwerbung gedeutet werden, weil diese Marke eng mit der Inselkultur verknüpft ist, wie sie in Österreich verstanden wird.

Meine Erinnerungen an das reale Irland besagen, daß man in Pubs und Porterhouses Säufer, Musiker und Dichter treffen kann, was so klischeehaft klingt, daß ich es kaum laut sagen möchte. Ich denke, dieser kulturelle Hintergrund macht einen starken Reiz aus, der bei uns geschätzt wird. England, Schottland und Irland haben ungebrochene Traditionen des Erzählens und des Musizierens, die wir attraktiv finden.

Gastronom Hansi Grimm, hier im Red Baron, hat über viele Jahrzehnte das Nachtleben Gleisdorfs mit seinem Stil geprägt. (Foto: Martin Krusche)
Gastronom Hansi Grimm, hier im Red Baron, hat über viele Jahrzehnte das Nachtleben Gleisdorfs mit seinem Stil geprägt. (Foto: Martin Krusche)

Es ist kein Zufall, daß genau diese kulturellen Traditionen auch bei Spitzenkräften der populären Musik immer wieder durchkommen. Led Zeppelin, Tom Jones, Sting, U2, Van Morrison, um nur einige zu nennen, haben diese Rückbindung oft betont und hörbar gemacht. Darin liegt etwas sinnlich Erfahrbares, das ja auch wichtig ist, wenn man ein Lieblingslokal hat.

Facebook hin, WhatsApp her, ohne die reale Begegnung von Menschen wären Gemeinschaften verloren. Das Internet bewährt sich ohne Frage schon lange als kühles Extrazimmer, in dem sich über die Jahre immer mehr soziales Leben ereignet. Auch der Handel hat dort Terrain gewonnen und die Politik hat sich etabliert. Aber der gemeinsame Tisch, an den man kommt, oder die Theke, an die man sich setzt, bleiben wichtig.

Das Pub als Besprechungszimmer: Mathias Petermann hat eine Foto-Ausstellung zu konzipieren. (Foto: Martin Krusche)
Das Pub als Besprechungszimmer: Mathias Petermann hat eine Foto-Ausstellung zu konzipieren. (Foto: Martin Krusche)

Das gilt um so mehr, als Orte in ganz Europa polyzentrisch geworden sind, in dem man Einkaufszentren an ihrer Peripherie forciert hat. Damit haben die alten Zentren der Orte an Betriebsstätten, Attraktivität und Leben verloren, was im Zusammenhang mit dem boomenden Internetgeschäft eine Fülle von ungünstigen Konsequenzen hat. Das heißt, Orte der Begegnung und des Verweilens sind weniger geworden, ihre Notwendigkeit gestiegen.

Die Verschwörung der Poeten#

Ein Arbeitsgespräch mit Mathias Petermann war für mich aktuell der Anlaß, im Gleisdorfer Pub Red Baron an die Theke zu gehen. Früh am Abend, ruhige Atmosphäre, passend, um das Pub an einer Ecke zum Büro zu machen. Petermann bereitet für das Frühjahr 2020 eine Fotoausstellung vor, zu der er momentan an einer komplexen Konzeption tüftelt.

Bar-Chefin Sigrun Wolf ist inhaltlich gut gerüstet, auf das Thema Kunst einzugehen. Diese kulturelle Wachheit auf beiden Seiten der Theke hat Vorteile. So gelangten wir bei unseren Erörterungen unweigerlich zur Frage, was ein reges geistiges Leben nicht nur an Inhalten, sondern auch an Rahmenbedingungen braucht.

Hansi Grimm 2003 in seiner Bar. (Foto: Martin Krusche)
Hansi Grimm 2003 in seiner Bar. (Foto: Martin Krusche)
2003: Philosophin Elisabeth List (†) (Foto: Martin Krusche)
2003: Philosophin Elisabeth List (†) (Foto: Martin Krusche)
2003: Theaterschriftsteller Wolfgang Siegmund. (Foto: Martin Krusche)
2003: Theaterschriftsteller Wolfgang Siegmund. (Foto: Martin Krusche)

Hier ist ein wichtiger Aspekt verborgen. Der Unterschied zwischen kulturellem Leben und Entertainment hat viel mit dem Unterschied zwischen Partizipation und Konsumation zu tun. Das würde man so vermutlich in keinen Geschäftsplan schreiben. Aber Pubs haben traditionell mit der Unterscheidbarkeit solcher Nuancen zu tun.

Reges geistiges Leben meint jene Erweiterungen, in denen wir über die Alltagsbewältigung hinausgehen. Das meint rationale, aber auch emotionale Terrains, auf denen wir schließlich unsere Existenz sinnlich erfahren, woraus aber auch die Zukunftsfähigkeit einer Gemeinschaft erwächst. Diesen wesentlichen Angelegenheiten bleibt bei der Alltagsbewältigung zu wenig an Möglichkeiten. Das ist eine zentrale Bedeutung kultureller Anstrengungen.

Hansi Grimm kam mitten in diese Erörterungen, was überaus symbolträchtig war. Er hatte in seiner Zeit als aktiver Gastronom genau solchen Zusammenhängen immer Raum gegeben. Ganz im Sinn des Wortes. So war Anfang der 2000er Jahre eine seiner Bars der Ort, an dem sich Die Verschwörung der Poeten verdichtet hat. Ein Prozeß, in dem damals auch Sigrun Wolf kurz aufgetaucht war, während sie ihre Zeit in Neapel mit einem Gleisdorf-Besuch unterbrach.

Manchmal verdichtet sich ein spezieller Moment von erheblicher Reichweite. (Foto: Martin Krusche)
Manchmal verdichtet sich ein spezieller Moment von erheblicher Reichweite. (Foto: Martin Krusche)

Verläufe#

Aus der „Die Verschwörung der Poeten“ entwickelte sich 2003 das auf 20 Jahre anberaumte Kunstprojekt „The Long Distance Howl“, dessen 17. Jahr eben zu Ende geht. Auf dieser Strecke gab das Red Baron schon etliche Male eine markante Station ab, teils für Arbeitsgespräche und kleine Konferenzen.

Eines der kuriosesten Beispiele dafür stamm aus dem Jahr 2007. Da saß ich unter anderem mit der türkisch Kuratorin Övül Durmusoglu und Architekt Mark Blaschitz (SPLITTERWERK) im Red Baron. Wir sprachen darüber, daß bei uns gerne ignoriert wird, welch Erfolge Johann Strauss mit seiner Musik im Osmanischen Reich gefeiert hatte, was sich sogar im Werk des bedeutenden osmanischen Komponisten Dede Efendi niedergeschlagen hat. Durmusoglu überraschte uns damit, daß sie eines dieser Lieder kennen würde und singen könne, wovon ein kleines Tondokument erhalten ist: (Link mp3)

Wir hatten damals eine Kooperation mit dem Festival „steirischer herbst“ und brachten unter dem Titel next code: love Kunstschaffende aus Österreich, Serbien und der Türkei nach Gleisdorf. Eine der folgenden Herbst-Kooperationen führte zu einem ähnlich ungewöhnlichen Set im Pub.

Von links: Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov sowie Sergej Romashko und Sabine Hänsgen von den Kollektiven Aktionen. (Foto: Martin Krusche)
Von links: Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov sowie Sergej Romashko und Sabine Hänsgen von den Kollektiven Aktionen. (Foto: Martin Krusche)

Eine Crew der Kollektiven Aktionen Moskau hatte mit uns eine Woche lang in Gleisdorf gearbeitet. Der gerahmte Ausschnitt einer Reproduktion von Raffaels „Sixtinischer Madonna“ war dann im Pub Auslöser einer komplexen Debatte. Eine Sequenz von The Track: Virtuosen der Täuschung (Ein Einblick in das Universum der Gruppe Kollektive Aktionen)

Wir haben jedes Talent zur Geselligkeit, auch hinreichende Trinkfreude, zugleich geht es oft auch tief den Fragen des Lebens und der Kunst nach. Das war nun an diesem Abend festzumachen: erstens hat Petermann reichlich Arbeit vor sich, um seine künstlerischen Pläne 2020 auf den Boden der Realität zu bringen. Zweitens sind wir uns einig, daß ein angemessenes geistiges Leben die reale soziale Begegnung an konkreten Orten braucht, das Virtuelle ist dann erst die Erweiterung dahinter.

Poesie#

Wolf kombiniert das im Satz „Für die Poesie im Leben“, wobei es dabei nicht um das Verserl-Schmieden geht. Dieser besinnungslose Ableger von Lyrik hat ja keine Aussagekraft, sondern ist bloße Dekoration. Poesie meint dagegen ursprünglich das praktische Handeln, so auch das Herstellen von Dingen. Dafür steht das antike griechische Wort Poiesis.
Zum Thema Aprilfestival (von links) Winfried Lehmann, Ewald Ulrich und Helmut Oberbichler. (Foto: Martin Krusche)
Zum Thema Aprilfestival (von links) Winfried Lehmann, Ewald Ulrich und Helmut Oberbichler. (Foto: Martin Krusche)
Zum Thema Design: Unternehmer Ewald Ulrich (links) und Historiker Karl Stocker. (Foto: Martin Krusche)
Zum Thema Design: Unternehmer Ewald Ulrich (links) und Historiker Karl Stocker. (Foto: Martin Krusche)

Was wir unter Poesie verstehen, was ursprünglich ein professionelles Verfassen von Literatur, so könnte man es heute ausdrücken. Literarische Arbeit unter Beachtung literarischer Regeln. Freilich hat der Begriff allerhand Bedeutungswandlungen erfahren. Wer aber wenigstens ahnt, welche Bedeutung etwa die griechische Tragödie einerseits als Kunsterlebnis, andererseits als Beitrag zur Alltagsbewältigung hatte, wird diese Verbindung mögen.

Das hat in etlichen Aspekten auch so allerhand mit dem zu tun, was das Pub historisch war und heute sein kann. Das bedeutet ferner für uns ganz konkret: Provinz, das muß ja nicht „provinziell“ heißen…