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Notiz 028: Konferenz in Permanenz#

(Oder: Haben Ihro Gnaden ein kleines Theoriedefizit?)#

von Martin Krusche
Wenn wir keine Begriffe haben,
wissen wir nicht, worüber wir reden.
(Von Michelangelo. Oder Goethe. Oder Albert Einstein,
aber mindestens von Franz Kafka.)


Intrada#

Begriffe wollen stets neu verhandelt werden, damit Kommunikation gelingt. Reflektierte Eindrücke und Erfahrungen können zu interessanten Annahmen über kommende Arbeitsschritte führen. Können, müssen aber nicht… Eine alte Überlegung besagt: Wenn wir mit der Realität kollidieren, brauchen wir Theorie. Dazu kommt die Erfahrung: Theorie soll sich nicht bezahlt machen, sondern erweisen.

Prioritäten#

Die Corona-Krise bietet einen feinen Anlaß, eigene Prioritäten zu überprüfen. Worauf kann ich sofort uns mit eigenen Mitteln reagieren? Wobei sollte ich mit anderen Leuten Übereinkünfte schaffen? Was braucht einen Plan und eine Strategie? Der aktuell Hit unter Kulturschaffenden: bedingungsloses Grundeinkommen.
Bild 'axiom'

Warum ich auf das jüngste Getöse rund um diese Frage nichts gebe? Weil das so ein wuchtiges Thema ist, daß ich ein paar anlaßbezogene Klagen und Petitionen in der Sache für völlig unerheblich halte.

Ich denke, das muß eher als kulturpolitisches Karaoke abgetan werden, durch welches wir uns eine Situation schönreden, in der konsequente und sachkundige Arbeit an solchen Themen leider verebbt ist. Aber das läßt sich ja ändern.

Ich lasse mich gerne belehren und nehme jederzeit Links entgegen, die mich zu öffentlichen Diskursbeiträgen steirischer Kräfte führen, welche sich nicht im Klagen erschöpfen, sondern dem gesamten Berufsfeld eine Debatte anbieten, die uns wenigstens mittelfristig weiterbringt. Ich sehe kurzfristig in der Frage keinerlei Möglichkeit, an der etablierten Politik etwas zu bewirken.

Durch die Krise zur Katharsis; oder auch nicht#

Eine Redensart empfiehlt, man solle keine schöne Krise vergeuden. Da uns das Corona Virus nun in Klausur zwingt, habe ich die Freiheit, mir eine Panik zu gönnen, die gepflegt sein will, wahlweise zu überlegen, was ich am Stand der Dinge ändern möchte und wie das gehen könnte.

Ich finde Viren äußerst interessant. Was ich bisher verstanden hab, können sie nur wirksam werden, wenn es ihnen gelingt, auf einem Wirtskörper zu landen, nach innen zu gelangen und in eine Zelle einzudringen. Nur dann kann das aktuelle Virion a) sich selbst reproduzieren und b) Zelleninhalte des Wirtskörpers verändern.

Ohne dieses Eindringen ist es nur eine Hülle mit verpackter Information, kann sich selbst nicht einmal bewegen. Ergo: wir müssen es uns vom Leib halten. So lange es sich bloß auf der Körperoberfläche befindet, ist gewöhnliche Seife eines der wirksamsten Mittel, die Lipidschicht der Viren effizient anzugreifen, zu zerstören.

Deshalb das Gebot, Begegnungen mit anderen Menschen radikal einzuschränken, mögliche Kontakte mit den Virionen zu vermeiden. Die dazu nützliche Stubenhockerei macht vielleicht ein paar Perspektiven auf, denen wir uns sonst derzeit eher nicht gewidmet hätten.

Für mich ist klar, ich werde die „Konferenz in Permanenz“ wieder einführen und mich den Grundlagen wie Bedingungen kollektiver Wissens- und Kulturarbeit widmen; im Austausch mit sachkundigen Leuten, mit Blick auf diverse Praxisvarianten.

Einkommen und Auskommen#

Nun kurz zurück zum großen Thema. Aber ja! Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde weite Bereiche des Kulturbetriebs radikal verändern. Was die sogenannte Initiativenszene seit den 1970er Jahren ausmacht, hat einen ungebrochenen Anteil, das Ehrenamt mit dem Hauptamt zu verzahnen, also die Wirkung von bezahlter mit unbezahlter Arbeit zu kombinieren.

In manchen Projekten wurde genau das zur Problemquelle, wo jemand etwa für Neid und für einen unscharfen Blick anfällig ist. Doch erst in der dynamischen Verknüpfung dieser Optionen (bezahlte und unbezahlte Arbeit) kann bottom up eine sehr selbstbestimmte Kulturarbeit gedeihen.

In den günstigsten Fällen, von denen es viele gibt, bedeutet das, jeder an Cash investierte Euro wird durch individuelles Engagement vervielfacht. Außerdem lassen sich dadurch Verteilungs- und Verdrängungswettbewerbe absenken, die immer dann zunehmen, wenn Budgets wegfallen.

Wann haben wir im Bereich der Wissens- und Kulturarbeit, der Kunstpraxis und verwandter Genres, die Debatte darüber zuletzt öffentlich geführt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Gibt es seriöse Rechenmodelle, die gute Gründe für ein BGE bieten würden? Freilich gibt es die.

Und die Einwände? Sind enorm. Der Kapitalismus mit seiner globalisierten Wirtschaft ist für wenige Familien ein so atemberaubendes Erfolgsmodell, daß viel ideologischer Aufwand nötig war, den Menschen jene Vorstellungen schmackhaft zu machen, dank derer sie die Fragen von Verteilungsgerechtigkeit eher nicht verfolgen.

Dieser Prozeß läuft auf spezielle Art seit der Renaissance. Vor den Konzepten einer Geldwirtschaft und deren seither erprobten Praxisformen war es gar nicht möglich, solche Vermögen anzuhäufen. Ich denke, niemand, der bei Trost ist, wird folgendes bestreiten: „Im Jahr 2019 besaßen 0,9 Prozent der Weltbevölkerung 43,9 Prozent des weltweiten Vermögen. 56,6 Prozent der Weltbevölkerung besaßen hingegen lediglich 1,8 Prozent des weltweiten Vermögens.“ (Diverse Quellen)

Um es noch einmal zu betonen: vor der Renaissance, der doppelten Buchführung, der Erfindung von Bankenwesen und Wechselgeschäften, der Einführung von Börsen, waren solche Verhältnisse gar nicht machbar. Ich leite daraus ab: Was wir derzeit kennen und erleben, ist auch bloß eine historische Episode und nicht für die Ewigkeit festgeschrieben.

Wer darf denn nun wann und wo über nächste Konzepte und deren Umsetzungsmöglichkeiten nachdenken? Natürlich geschieht das schon. Vergleicht man die Ideen zum BGE ersten mit der Feudalzeit und zweitens mit dem heutigen Kapitalismus, ist das eine sehr erfrischende und anregende Debatte.

Daß sich Legionen von „Braven und Tüchtigen“, die sich selbst zu „Leistungsträgern“ erklären, was bei näherem Hinsehen vor allem trübe Kategorien offenbart, gegen diese Debatten stellen, ist klar. Das hat so seine Schattenseiten. Ich staune regelmäßig, was Österreich an Großmäulern in diesem Lager der „Leistungsträger“ aufbietet, die früher oder später wegen schweren Malversationen, Korruptionsfällen und Steuerhinterziehungen auffliegen, auch politisch Meister der Doppelzüngigkeit sind. Davon erfahren wir laufend aus den Medien.

Konferenz in Permanenz#

Also: handlungsfähig bleiben. Handeln. Die Basis dafür ist mir schon klar. In wenigen Tagen werde ich das Setting der Startsituation definiert haben. Ich werde einige Menschen direkt ansprechen, einladen. Wer darüber hinaus Interesse hat, möge sich mit mir in Verbindung setzen: (Kontakt)


https://pioneersofchange.org/

-- gamauf gerald antal, Mittwoch, 18. März 2020, 17:20