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Notiz 030: Zügellose Schwestern#

(Zur Konferenz in Permanenz)#

von Martin Krusche

Wir haben nun zwei Wochen Lockdown absolviert. Es ist derzeit unklar, wie viele Wochen in diesem Modus folgen werden. Es ist unklar, was das mit einem Gemeinwesen macht, denn wir wissen noch nicht, wie sich das in den Familien und anderen Formationen niederschlägt.

Es ist allerdings evident, daß innerfamiliäre Gewalt in Österreich epidemische Ausmaße hat. Das erleben wir nicht erst seit gestern, das ist Teil einer vorherrschenden Männerkultur. Es muß womöglich angenommen werden, es sei ein konstituierender Teil dieser Männerkultur.

Bild 'notiz30'

Dabei hat sexualisierte Gewalt einen erheblichen Anteil. Derlei ist natürlich nicht auf Familienverbände beschränkt. Das kam gerade wieder einmal als Thema daher, da sprachen wir noch nicht von der Corona-Pandemie, die unseren Alltag kippen wird.

Ich hab am 3. März 2020 in meinem Logbuch notiert: „Sexualität und Gewalt: die zügellosen Schwestern. Die Metapher soll sagen, ich halte jene Kräftespiele in ihrer Herkunft für enge Verwandte und schätze sie als grenzenlos ein. Wir müssen ihnen einen Rahmen geben, weil sie selbst keine Limits haben.“ (Quelle)

Ich will das ganz unmißverständlich zu einem Thema unserer Konferenz in Permanenz machen. Dazu werde ich mich mit inspirierten Menschen verständigen, möglichst verschiedene Positionen beleuchten. Ich gehe selbst natürlich von meiner Geschichte aus, die ein paar sehr markante Punkte hat.

Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, die Brut einer Doppelbödigkeit, weil unter meinen Leuten die Täter auffallender waren als die Mitläufer. Da mußte damals eine Art Parallelrealität entworfen und etabliert werden, um die gehabten Traumata weich zu betten.

Das heißt, ich bin das Kind einer brutalisierten Gemeinschaft, deren Waffenträger sich jeder denkbaren Grausamkeit hingeben konnten, wenn ihnen danach war, während zuhause ein skurriles Konzept der Abhärtung von Herzen exekutiert wurde.

Ich habe in Aufzeichnungen meiner Mutter irritierende Sätze zu den Wochen nach meiner Geburt gefunden, die ich erst passend dechiffrieren und zuordnen konnte, als ich von der Kinderärztin Johanna Haarer erfuhr („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“), welche Generationen von Müttern beeinflussen durfte. (Diese Prophetin der Gefühlskälte publizierte noch nennenswert über 1945 hinaus.)

Klaus Theweleit ist einer der Autoren, von dem uns eine Faschismustheorie angeboten wurde, in der die Verzahnung von Sexualität und Gewalt unmißverständlich abgehandelt wird. Wer also, wie ich, in den 1950er Jahren geboren wurde, konnte noch eine von Einwänden sehr ungetrübte Männerkultur erleben, die bloß mühsam bemäntelte, was uns die Frauen sein sollten: gefügige Haustiere.

Es ist ganz gut überblickbar, was Frauenbewegungen daran mit großer Zähigkeit bewirkt haben. Wer heute nicht glauben will, wie weit inzwischen unglaublich erscheinenden Reglements in die Gegenwart heraufgereicht haben, braucht sich bloß Österreichs Gesetze ansehen, die ja gewissermaßen einen gesellschaftlichen Konsens ausdrücken.

Ich gehöre also einer Generation an, in der alte Konzepte noch eine enorme Wirkmächtigkeit hatten und vorerst kaum gebrochen waren. Das „Ideal vom soldatischen Mann“ klang dabei deutlich durch, auch wenn „Das Heer als Schule der Gesellschaft“ durch die Faschismuserfahrung diskreditiert war.

In meinen Teenagertagen war nicht zu übersehen, daß Frauen gegen erhebliche Widerstände zu kämpfen hatten, um über ihren Körper und auch über ihre Sexualität nach eigenen Vorstellungen verfügen zu können.

Gleichzeitig durfte ich als junger Kerl herausfinden, daß meine Annahmen über eben den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität mit Frauen so gut wie nichts zu tun hatte. Diese Annahmen waren hauptsächlich das Produkt einer Kolportage unter Männern, wobei sexuelle Prahlerei Standard war. Man kann ja bis heute, mitunter ungefragt, Ratschläge erhalten, „wie man es ihr richtig besorgt“.

Ich hab vergangenen Faschingsdienstag die derzeit jüngste Erfahrung gemacht, wie mühsam es ist, einen Mann halbwegs höflich zu beruhigen, wenn er einen mit seiner Expertise in Sachen weiblicher Sexualität beeindrucken möchte. Man muß kein Genie sein, um zwischendurch zu begreifen, daß in solcher Anmaßung schon ein Ausdruck von Gewalt liegt, der eine beunruhigende sexuelle Färbung hat.

Ich bin inzwischen längst kein Jüngling mehr und auch keineswegs ahnungslos, doch ich würde mich hüten, Aussagen über die weibliche Sexualität zu treffen. Ich neige zur Ansicht: was immer mir dabei heute klar erscheint, hat dahinter stets noch eine Dimension, die mir unklar ist.

Ich vermute, wo Ratlosigkeit regiert und Anmaßung in die Bresche springt, hat die Gewalt gute Karten. Ein ganz anderes Feld ist die freiwillige Einlassung auf eine radikalere Inszenierung der Schwesternschaft von Gewalt und Sexualität. Das ist aber hier nicht mein Thema. Zugleich fände ich eine halbseidene Bewirtschaftung dieses Themas, so in der Art von „Fifty Shades of Grey“, lächerlich und uninteressant.

Es erscheint mir reizvoll, ein kulturelles Vorhaben zu entwerfen, das diesen zügellosen Schwestern Gewalt und Sexualität gewidmet ist. Das hat augenblicklich noch keine Struktur und ist thematisch noch nicht festgelegt. Ich lote jetzt einmal aus, was davon in einem/meinem Lebensraum in den öffentlichen Diskurs finden kann und wer daran mitwirken möchte.