Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Notiz 044: Raum. Geteilt.#

(Über Positionen und Konfliktlagen)#

von Martin Krusche

Gespaltene Gesellschaft? Das glaube ich nicht! Dazu müßte sie in der Zeit vor Corona homogen gewesen sein. Das war sie nie. Wozu auch? Monarchen mögen von einer homogenen Untertannenschicht träumen. Österreichs Franz Josef I. mußte sich dennoch „An meine Völker“ wenden, als er Serbien den Krieg erklärte und damit eine europäische Katastrophe auslöste. Es waren viele Ethnien, über die er zu gebieten meinte, auch in sich kontrastreich bis gebrochen.

Gesellschaft ist notwendigerweise etwas Fragmentiertes. (Foto: Martin Krusche)
Gesellschaft ist notwendigerweise etwas Fragmentiertes. (Foto: Martin Krusche)

Ist der Slogan „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ noch geläufig? Solche gleichermaßen dreiste wie dumme Einserei kennzeichnet die Tyrannis und hatte bisher noch immer ein Ablaufdatum. Das Reich, in dem jener Großspurigkeit gefeiert wurde, war von extrem kurzer Dauer; wohl weil das Konzept und sein Personal äußerst untauglich gewesen sind. Die Nazi-Kanaillen und ihre Gefolgschaft haben übrigens heute noch Anhänger.

Nein, Gesellschaft ist notwendigerweise etwas Fragmentiertes. Anders ausgedrückt: ein dynamisches Ensemble höchst unterschiedlicher Lager, die sich stellenweise konkurrenzieren, an anderen Stellen zusammenarbeiten, an manchen Stellen einander nicht einmal verstehen, an übrigen Positionen vielleicht im Kontrast Vorteile finden.

Wir gehören keiner gespaltenen Gesellschaft an, weil es keine große, nationale Gemeinschaft gibt, deren Mitglieder sich bezüglich Menschenbild und Weltsicht völlig einig wären. Wir sind also keine gespaltene Gesellschaft, sondern eine fragmentierte. Seit Jahrtausenden üben wir, über Symbole und Erzählungen Gemeinschaftsgefühle zu erzeugen. Nationale Gründungslegenden, große Narrative, allerhand kulturelle Phänomene eigenen sich dafür.

Manchmal werden Texte über mehrere Lager hinweg als verbindend angenommen. So etwa die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Das beeindruckende an diesem Narrativ: die Menschenrechte werden als universell angenommen. Das sind sie aber in der Praxis nicht.

Wie schon in frühen Abschnitten dieses Stücks Ideengeschichte, so scheint es auch heute, daß Menschenrechte an Staatsbürgerschaft gebunden sind. Wer ohne die passende Staatsbürgerschaft ist oder gar staatenlos, hat nur geringe Chancen, diese Rechte beanspruchen zu können, wie Europa mit all seinen „Werten“ gerade erst am Beispiel Moria demonstriert hat.

Mally#

Ich habe in diesem krisenhaften Jahr 2020 im Musiker Oliver Mally ein waches Gegenüber gefunden, um quer durch dieses Wechselspiel zwischen Stille und Trubel einen anregenden Faden des Austausches zu ziehen. Diese ost-südsteirische Verbindungslinie ist nicht auf Konsens angewiesen, sondern auf die Qualitäten gelingender Dialoge. In unseren Gesprächen sind folgende Motive sehr deutlich hervorgetreten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß sich in der Pandemie bestehende Lager verbreitert und vertieft haben, deren Grenzen von erregten bis empörten Leuten befestigt wurden. Das ist unter anderem eine permanente Quelle von Feindseligkeiten.
Sir Oliver Mally hat die Haare schön, Martin Moro (rechts) vermutlich auch. (Foto: Oliver Mally)
Sir Oliver Mally hat die Haare schön, Martin Moro (rechts) vermutlich auch. (Foto: Oliver Mally)

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß kaum jemand gegen seine oder ihre aktuellen Ansichten erreicht werden kann, was vor allem auch deutlich irrationale Positionen betrifft. Da ist keine Belehrung möglich, keine Überzeugung, Appelle werden als Affronts gedeutet. Wer sich im Unüberprüften oder sogar im Unüberprüfbaren verschanzt, wird dafür gute Gründe haben und diese Gründe mit allen Mitteln verteidigen.

Mally ist, wie erwähnt, Musiker, steht also für ein anderes Genre als ich. Und er gehört einer anderen Generation an, ist rund ein Jahrzehnt jünger als ist. Wer so ein Setting hierarchisch anordnen wollte, würde alles vergeuden, was ein Austausch zwischen kontrastreichen Positionen an Früchten erbringen kann.

Unser jüngstes Telefonat hatte in folgendem Satz einen Angelpunkt: „Die Evolution ist auf Wahrheit nicht angewiesen.“ Sie funktioniert nach dem Prinzip Trial & Error. Alles möge Ewigkeit erlangen, was sich bewährt, geht weiter, was in einer Sackgasse landet, geht unter. Die Evolution ist wie ein Spiel. Entstehen, Blühen, Untergang, ganz egal, solange das Kräftespiel selbst bestehen bleibt.

Teilen von Raum#

Das könnten Menschen nun als ein Argument für das Faustrecht deuten. Wer schneller und härter zuschlagen kann, möge sich durchsetzen. Aber genau dieses Konzept, das Faustrecht, hat sich in unserer Spezies eben nicht durchgesetzt, obwohl es unverkennbar eine große Fangemeinde verzeichnet. Wer für sich eine bestimmte Auffassung gewonnen hat und sie als vorteilhaft empfindet, wird dazu neigen, sie zu verallgemeinern, sie für universell zu halten. Das ist Mumpitz! Also kann ich auch meine eigenen Ansichten anderen nicht aufzwingen, sondern bloß anderen gegenüber vertreten.

Das ist ein interessante Aufgabe mit wichtigen Agenda in der Kultur. Was machen wir mit unseren und aus unseren Positionen, wenn wir sie nicht mit einem Universalitätsanspruch krönen können, sondern akzeptieren müssen, daß sie nur einige Positionen unter vielen anderen sind?

Wir teilen uns Raum, physischen und sozialen Raum, in dem wir nicht befugt wurden, eine Tyrannei zu errichten, ganz egal, unter welchen Prinzipien. Damit will ich sagen: wer meint, Andersdenkende angreifen zu müssen, zerstört den von uns geteilten Raum, in dem die Demokratie zu Hause ist. Da muß uns Besseres einfallen.