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Notiz 046: Die Solidaritätsfrage#

(Zusammenfasssung mehrerer Glossen aus der Origami Ninja Association)#

von Martin Krusche

Ich habe gemeinsam mit Musiker Oliver Mally die Origami Ninja Association formiert. Egal, wie oft uns das Leben zusammenfaltet, wir entfalten uns wieder. Wir leben seit Jahrzehnten in der Kunst, mochten uns keiner Institution anschließen, mußten diese Existenzen daher als Freelancers gestalten.

Das prägt Blickwinkel naturgemäß anders als in einer Hierarchie zu stehen, die einem Arbeitsweisen vorgibt. Wir sehen das im Kulturbetrieb komplementär angeordnet und nicht seinerseits als Hierarchie ausgebildet. Das ergibt ganz unterschiedliche, aber jeweils legitime Positionen.

Was wiegt für uns in der Verständigung mit anderen Leuten des Metiers? Derzeit vor allem Zuversicht und kritische Debatte. Das paßt zur Zeit eines radikalen Umbruchs, der nicht erst mit dieser Corona-Pandemie ins Rollen kam. Hier also eine erste Reihe von Glossen in der Zusammenfassung.

beten oder arbeiten I#

Bild 'soli01'
ich denke über solidarität nach. nein, leute, tut mir leid! solidarität ist in unserem metier ein glaubensgegenstand. eine verzierung. auch das hat seinen nutzen und seine berechtigung. es kann einem vielleicht in schweren momenten die welt erträglicher machen. ist schon okay.

aber als auffindbarer teil eines konkreten sozialverhaltens scheint es mir in unseren kreisen mehr floskel und pose zu sein, keinesfalls eine berufsbezogene strategie, auf die man bauen könnte.

ich kenne aus den wenigstens 30 letzten jahren kein einziges anschauliches steirisches beispiel für auffallend solidarisches handeln kunstschaffender, die unter druck geraten sind.

halten sie mich doch nicht gleich für einen pessimisten! ich möchte damit bloß sagen: es mag sowas ja gegeben haben. in der gegenwart ist es mehr wie ein club-abzeichen, das man sich ansteckt. das kann freude machen. kein einwand!

aber als freelancer in der kunst setze ich dann lieber auf professionalität und paktfähigkeit meiner gegenüber. kommt es zur frage „beten oder arbeiten?“, bin ich fürs arbeiten.

beten oder arbeiten II#

Bild 'soli02'
aus dem feedback zur ersten glosse über solidarität hab ich ein paar nützliche anregungen bezogen. ich hatte nicht bedacht, jene formationen aus meiner betrachtung explizit auszuschließen, die mit erheblichem mitteleinsatz im rang von kultrmanagement agieren, konsequente öffentlichkeitsarbeit machen und dabei vor allem einmal das wort solidarität als pr-faktor einsetzen, als „duftmarke“ nutzen.

es mag sein, daß bewußtseinsbildung in einem land solcher strategien bedarf. aber da wirken heute professionelle agenturen. dieser teil des themas beschäftigt mich nicht. ich habe mir übrigens im ersten corona-jahr so meinen teil gedacht, als kampagnen wie jene mit dem label „ohne kunst und kultur wird’s still“ aus einer szene von coaches und pr-fachleuten kamen.

das kann ja nützlich sein. aber ich halte slogans, die beteuern, kunst und kultur seien „systemrelevant“, für inhaltliche schlampereien, die uns kulturpolitisch nicht weiterbringen. das korrespondiert gut mit aktuellen trends, in denen POLITIK zunehmend zu public relations verkommt und sich von der option „staatskunst“ entfernt.

thomas stummer lieferte mir dann einen wesentlichen denkanstoß: „Ich glaube, es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Benefizveranstaltungen und ‚solidarischem Handeln‘ als gesellschaftliche Norm.“

intermezzo#

ich fange an mich wohlzufühlen, wenn es in einer kulturpolitischen debatte UM WAS GEHT. laßt uns ANNAHMEN ÜBERPRÜFEN! nun hat mir sandra kocuvan einen interessanten ball aufgelegt, eine hypothese deponiert. zitat: „Und Solidarität ist ein Teil von kulturellem Handeln.“

dazu meine ich, das ist

  • a) eine option, aber
  • b) keine condition sine qua non und
  • c) als simulation von solidarität eine bewährte strategie im kulturbereich, was
  • d) der zustand der steiermark an etlichen ecken belegt.
daher: kulturelles handeln kann ebensogut jederzeit ohne praktische solidarität auskommen.

beten oder arbeiten III#

Bild 'soli03'
in der kunst mag transzendenz wichtig sein. in der kulturpolitik machen mich glaubensgegenstände nervös. da wird schließlich unter anderem der zugriff auf ressourcen verhandelt.

wenn ich über solidarität nachdenke, kann der ausgangspunkt nur augenhöhe sein. über ein WIR mit eingebauter hierarchie brauche ich heute nicht nachzudenken. damit haben meine leute während der letzten hundert generationen alle nur denkbaren erfahrungen gemacht. dieses thema ist gegessen.

aber ein WIR in augenhöhe, das von einem kleinsten gemeinsamen nenner ausgeht, den wir konkret benennen können, das möchte ich mir etwas genauer anschauen dürfen, als es mir derzeit aus allerhand öffentlichen diskursen entgegenweht.

es geht mir um mein METIER. ein berufsfeld mit DREI schwerpunktbereichen: wissens- und kulturarbeit sowie kunstpraxis. diese fokussierung ist mir wichtig, weil es sonst schnell zu allgemein wird und dann weiß ich nicht mehr, wovon wir reden.

natürlich ist das beachten größerer zusammenhänge wichtig. aber bei sehr großen themen suche ich mir vorzugsweise einen teilbereich aus, dem ich mich mit meinen erfahrungen und kompetenzen gewachsen fühle. deshalb meine fokussierung auf wissens- und kulturarbeit sowie kunstpraxis. da kenne ich mich aus. damit lebe ich seit über 40 jahren.

intermezzo#

Wikipedia besagt: „Solidarität (von lateinisch solidus „gediegen, echt, fest“) oder solidarisch bezeichnet eine zumeist in einem ethisch-politischen Zusammenhang benannte Haltung der Verbundenheit mit – und Unterstützung von – Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer. Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus (siehe auch Solidaritätsprinzip). Der Gegenbegriff zur Solidarität ist die Konkurrenz.“ (Quelle)

beten oder arbeiten IV#

Bild 'soli04'
wie hat sich das alles kulturpolitisch in der provinz entwickelt? ich kann es von der oststeiermark sagen und darf annehmen, daß es in der übrigen steiermark ähnliche phänomene gab. spätestens ab 2010 ließ sich beobachten, wie die VERWALTUNG an vielen stellen zu heftigen umarmungen der leute aus kunst und kultur ansetzte.

das motiv blieb nicht verborgen. es ging darum, die leute und die budgets gleichermaßen unter kontrolle zu bekommen. das ging nicht von heute auf morgen, aber es hat funktioniert. wer immer also heute solidarität REKLAMIERT, sollte mir erst einmal diesen prozeß einer galoppierenden entsolidarisierung erklären, der spätetens ab 2015 unübersehbar wurde, aber ab zika 2010 leicht entdeckt werden konnte.

wie war das überhaupt möglich und weshalb? die verwaltung hat einerseits der politik als umsetzende kraft zu dienen, hat andrerseits der zivilgesellschaft begleitend und verstärkend beizustehen. (es gibt gute gründe, weshalb viele budgets an das „bottom up-prinzip“ gebunden sind.)

dieses KAPERN des kulturbetriebs war zum beispiel deshalb möglich, weil menschen mit partei-funktionen in der verwaltung ihr brot verdienen und dabei auf ein genre inhaltlich einwirken können, obwohl der job das nicht nahelegt. parteiräson unterstützt solche interessenskonflikte.

doch wie konnten die primären kräfte der kunst- und kulturschaffenden solche entwicklungen zulassen, ohne daß dieser prozeß wenigstens in kulturpolitischen diskursen auftaucht?

naja, wenn etwa SOLIDARITÄT bloß als SIMULATION existiert, um einem milieu die passende DUFTMARKE zu bieten, aber real kaum vorkommt, bleiben solche machenschaften hinter den gleichen schleiern verborgen.

das verhindert einen lebhaften kulturbetrieb keineswegs, schafft aber MACHTVERHÄLTNISSE, denen die sogenannte „freie initiativenszene“ ursprünglich entgegenstand. und genau das ist für den zeitraum 2015 bis 2020 gut darstellbar. die corona-pandemie mit ihren belastungen führte schließlich zur nagelprobe dieses systems.

abschließende betrachtung#

Bild 'ona_stempel400'
ich habe backstage genau einen hiweis auf einen individuellen solidaritätsakt bekommen. außerdem jenen tipl, der auch on stage mehrfach daherkam: „die vielen“. auf facebook: „8.245 Personen gefällt das, 9.086 Personen haben das abonniert“. wo findet man die, außer im web? „Die Vielen e.V. Mariannenplatz 2 10997 Berlin“.

gut, das brauche ich jetzt wohl nicht kommentieren, wenn ich auf der facebook-leiste unserer origami ninja association nach dem THEMA und nach dem GEHALT des wortes SOLIDARITÄT frage, ausrücklich die steiermark im fokus habe, und es kommt ein hinweis auf eine berliner initiative. ich schließe diese reihe meiner glossen nun ab und mache beim thema „initiativenszene“ weiter. (die hier verwendeten vignetten sind ausschnitte aus gemälden im bereich der public domain.)