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Notiz 014: Das Grobe und das Feine#

(Hintergründe des Artefaktes Fiat Lux)#

von Martin Krusche

Fetisch. So nennen wir einen unbelebten Gegenstand, zu dem jemand eine starke emotionale Beziehung hat. Dabei werden dem Ding vom Menschen Eigenschaften zugeschrieben, die sich rational nicht überprüfen lassen. Das trennt auch die Kunst von der Technik. Beides blieb in der Menschheitsgeschichte Seite an Seite, das belegen schon die ältesten Funde. Das Transzendente und die pure Funktion im Wechselspiel.

Das Artefakt Fiat Lux, Status 2017. (Foto: Martin Krusche)
Das Artefakt Fiat Lux, Status 2017. (Foto: Martin Krusche)

Ob Talisman, Kunstgegenstand, ob Automobil oder beliebige Konsumartikel, offenbar eignet sich alles, um auf solche Art als beseelt zu gelten. Dabei ergeben Maschinen ein besonderes Gebiet unserer Spekulationen.

Wir waren im Jahr 2015 so weit, ein Artefakt unter die Leute zu schicken, das in seiner Grundform ein Automobil zitiert, aber mit seinen Omniwheels ganz ungewöhnliche Bewegungsmuster ausführen kann. Sensoren und eine Kamera geben dem Rechner an Bord die Möglichkeit, auf Menschen zu reagieren. Außerdem hab ich dem Maschinchen ein Repertoire an Texten, Bildern und Tönen mitgegeben.

Ewald Ulrich stattete den Unterboden des Artefakts mit einem Lichtsystem aus, das in Farben und Frequenzen als Codesystem nutzbar ist, quasi-emotionale Mitteilungen machen kann. Wenn das Ding aktiviert ist, interagiert es mit Menschen auf eine Weise, die wir nicht vorhersehen können. Es macht das autonom, also gemäß den eigenen Regeln.

Ich bin bis heute nicht schlüssig, wie dieses Ensemble definiert werden soll. Vielleicht ist aber genau das ein wichtiger Aspekt der Geschichte, daß eine binär codierte Anlage mehrdeutig bleibt. Soll ich das bloß für eine Anordnung halten, die nach einem digital gesteuerten Zufallsprinzip jene Elemente kombiniert und rekombiniert, die ich zur Vergnügung stelle? Ist es ein Stück ohne feste Partitur und darin eigenständig, also von mir abgekoppelt? Was ist mit den Leistungen der Leute, die Hard- und Software adaptiert haben?

Das Omniwheel macht irritirende Fahrzeugbewegungen möglich. (Foto: Martin Krusche)
Das Omniwheel macht irritirende Fahrzeugbewegungen möglich. (Foto: Martin Krusche)

Die japanische Kultur kennt wenigstens seit dem 18. Jahrhundert eine Tradition im Bau verblüffender mechanischer Puppen. Dieses Genre heißt Karakuri ningyō. Europa hatte Anfang des 16. Jahrhunderts in der Stadt Nürnberg einen bemerkenswerte Konzentration hervorragender Handwerker und Feinmechaniker.

Daß rund 100 Jahre davor die Zugfeder erfunden wurde, führte all das unter anderem zu sehr kleinen Mechanismen, zu Taschenuhren und Spieldosen von außergewöhnlicher Qualität. Allerdings belegt ein märchenhafter Fund, daß viel von solchem Know how schon in der Antike verfügbar gewesen ist, aber offenbar vergessen wurde. Der etwa 1900 aus dem Meer geborgene Mechanismus von Antikythera zeigt, wozu man vor rund zweitausend Jahren schon in der Lage war.

Davor tauchten in der griechischen Mythologie allerhand Automaten auf. Hephaistos, Schmied einfallsreicher Handwerker im Rang eines Gottes, soll staunenswerte Mechanismen ersonnen und gebaut haben, etwa den Riesen Talos, den mechanische Adler Ethos, automatische Dienerinnen etc.

Das Grobe und das Feine… Waren in Europa über Jahrtausende vor allem Mühlen der Anlaß, die Maschinenbaukunst zu entfalten und allerhand Ideen für Getriebe wie für andere mechanische Vorrichtungen zu ersinnen, so begleiten uns offenbar Ideen zu feinmechanischen Apparaten, seit Mythos in Logos überging.

Die Gestaltung des Artefakts erledigten die Industriedesigner Willi Gangl und Alfred Urleb (WiGL Design), technisch wurde es von Ewald Ulrich (Ana-u) und seinem Team auf Stand gebracht.