Meine Anmerkungen
Die Voodoo-Fraktion#
(Konferenz in Permanenz)#
von Martin KruscheOffenbar ist die Idee, Entbehrung werde zu „wahrer Kunst“ führen, vorerst noch unausrottbar. Ich halte das für einen quasireligiösen Unfug, der zu verbergen hilft, daß Kunst und Markt zwei grundverschiedene Kategorien sind.
Die Entbehrung mag einem Asketen als etwas Selbstgewähltes nützlich sein, bleibt jenseits davon bloß eine Bürde. Was „die Wahrheit“ und „das Wahre“ sein möge, überlasse ich gerne den Fachkräften der Philosophie und der Theologie. In der Kunst ist das eine trübe Kategorie.
Zu derlei Fragen stehe ich im Lager von Markus Lüpertz. Worum es in der Kunst geht? Um Qualität und um Vollendung. Alles andere halte ich für nachgeordnet. Wer für sich in solchen Zusammenhängen einen Status in der Art von Priesterschaft ableitet, womöglich mit Heilsversprechen daherkommt, sollte auf Jahrmärkten tingeln. Mir ist jene Voodoo-Fraktion sehr suspekt.
Bei diesen Konsorten ist die angebliche Funktion „Spiegel der Gesellschaft“ sehr beliebt. Dabei muß gelegentlich sogar der mittelalterliche Topos „Hofnarr“ herhalten. Ich halte es für erbärmlich, so ein Motiv auf die Gegenwart zu übertragen, wo eine praktische Erfahrung leicht gemacht werden kann. Jene Personen, welche in einer beliebigen Hierarche über uns rangieren, verstehen gewöhnlich keinen Spaß, wenn unsereinem nach Kritik ist.
Selbst als Kabarettistin oder Stand-up Comedian kann man da bei Gericht landen. Ich hab sogar schon aus den eigenen Reihen für kritische Glossen Post von einem Anwalt bekommen. Was aber das Gros unserer Gesellschaft angeht, werden offenbar Spiegel vor allem zum Herstellen von Selfies gebraucht.
Die Mehrzahl meiner Mitmenschen scheint sich auf dem Boulevard sehr wohlzufühlen, frönt der Popularkultur, bestaunt das Treiben im aktuellen Circus Maximus, dem Reality TV, läßt sich von der Unterhaltungsindustrie die Zeit vertreiben. Kein Einwand aus meiner Position.
Ich hab anderes zu tun, als an diesen Dingen zu kurbeln. Ich anerkenne die Wucht des Boulevards und engagiere mich dafür, daß es Nischen gibt, wo andere Bedingungen eines geistigen Lebens herrschen. (Wann immer in den letzten zwei- bis vierhundert Jahren die Frage der Menschenwürde vorangekommen ist, kam das nicht vom Boulevard, sondern aus Nischen.)
Wenn ich also kulturpolitisch argumentiere, dann genau nicht mit Selbstdefinition durch Feindmarkierung. Mich muß es nicht geben, weil der Boulevard ist, wie er ist, sondern weil ich auf meinen Weg Anspruch erhebe.
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