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Vizebürgermeisterin Katharina Schelllnegger
Vizebürgermeisterin Katharina Schelllnegger

Kulturelle Beteiligung#

(Konferenz in Permanenz)#

von Martin Krusche

Ich kann nur weiter betonen, Kunst- und Kulturschaffende begegnen Funktionstragenden der Politik wie einer anderen Ethnie. Begriffe, Codes, Modi, ethische Schwerpunkte, Fragen des Tagesgeschäftes… verschiedene kulturelle und politische Konzepte.

Was mögliche Grundlagen eines gemeinsamen kulturpolitischen Diskurses angeht, nannte Vizebürgermeisterin Katharina Schellnegger bei unserer Konferenz eine Quelle, deren Kenntnis ich dringend empfehlen mag.

Ab dem 05.05.2023 war die „Studie zum Besucher:innen-Verhalten in Kunst und Kultur“ mit dem Aviso: „Erste breit angelegte Besucher:innenstudie seit 2007. Bildungsniveau wichtigster Faktor für Kultur-Affinität.“ frei verfügbar.

Das meint die SORA-Studie „Kulturelle Beteiligung in Österreich“ (Besuch von Kulturveranstaltungen, Kultureinrichtungen und -stätten), erstellt von Daniel Schönherr und Harald Glaser. Im Auftrag des Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport vom Herbst 2022, im April 2023 vorgelegt.

Der 112 Seiten umfassende Bericht des SORA – Institute for Social Research and Consulting reflektiert die Situation unmittelbar nach der Coronakrise und liefert konkret Auskunft über Gewohnheiten wie den „Saldo zwischen ‚geplanter häufigerer Teilnahme‘ und ‚geplanter seltenerer Teilnahme‘ an Kulturveranstaltungen 2023 laut Selbstauskunft nach Merkmalen“ oder zu Fragen wie „Was würde einen häufigeren Kulturbesuch begünstigen?“

Faktenbasis als Diskussionsgrundlage#

Das Dokument ist eine anregende Diskussionsgrundlage, weil es uns Kunst- und Kulturschaffende einerseits nützt, Mythenbildung zu vermeiden und eigene Ansprüche an Realitäts-Ausschnitten zu überprüfen, andrerseits verhilft es zu mehr Klarheit, wenn wir uns fragen, was in einem Gemeinderat, etwa im Gleisdorfer Rathaus, überhaupt verhandelbar ist.

Wer von uns hätte sich aufgerafft, unser Metier im Gemeinderat zu vertreten? Welche Argumente könnte und möchte jemand im Rathaus vorbringen, der oder die nicht zu uns - dem Kulturvölkchen - gehört? Was davon hätte eine realistische Chance auf Zustimmung? Welche Genres das aktuell betrifft, kann man am Gemeinderatsbeschluß zugunsten von Gleisdorfer Förderungen für das Jahr 2026 ablesen.

Dieser politische Schritt handelt unübersehbar von einigen traditionellen Positionen und von publikumswirksamen Vorhaben. Punkt. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, daß dieses 2026er Paket noch einmal aufgeschnürt wird. Falls für die Gemeinde unerwartet weitere Kulturgelder verfügbar werden sollten, kommen die garantiert dort zur Anwendung, wo bei der Kommune derzeit noch Lücken klaffen. (Alles andere könnte man dem Gemeinderat vermutlich als Pflichtverletzung auslegen.)

Wozu nutzt uns jetzt die erwähnte Studie? Ich lese da etwa: Insgesamt lassen sich 18% der Befragten den „regelmäßigen Besucher*innen“ und 4% den „intensiven Kulturbesucher*innen“ zuordnen. Die Mehrheit der Menschen zählt zu den „peripheren Besucher*innen“ (59%), 19% zu den NichtBesucher*innen.“

Oder zum Beispiel: Im Schnitt machten Gratisbesuche 29% aller Besuche von Kulturveranstaltungen im Jahr 2022 aus.

Sehr bemerkenswert bezüglich „Veränderung der kulturellen Beteiligung seit der Corona-Pandemie“: 41% aller Menschen sagen, sie hätten derzeit zu viele andere Sorgen, um sich für Kunst und Kultur zu interessieren, ca. genauso viele (39%) geben an, dass ihnen Kunst und Kultur in den letzten Jahren immer unwichtiger geworden sei.

Themen ordnen, genauere Fragen stellen#

Ich meine, daraus ergeben sich einige brisante Fragenkomplexe, die nicht wahllos vermischt werden können. Wenn ich derlei Fragen ordne, kann ich besser klären, für welchen Teil davon der Staat, für welchen eine konkrete Kommune und für welchen andere Instanzen einer Gesellschaft zuständig seien, womöglich auch wir Kunstschaffende selbst.

Ich denke an Fragenkomplexe betreffs Spielstätten, Kulturmanagement, Kunstproduktion, die soziale Lage Kunstschaffender, die Zukunftsfähigkeit eines Gemeinwesens, die Erhöhung von Lebensqualität, den sozialen Frieden etc.

Ich lese in der Studie zum Beispiel betreffs „Motivatoren für den Kulturbesuch“: Die Befragten selbst nennen niedrigere Preise, mehr Kulturangebote in ihrer Region, mehr Zeit sowie ein verbessertes Angebot an Filmen, Konzerten, Aufführungen oder Ausstellungen als mögliche Treiber für eine stärkere kulturelle Beteiligung.

Reden wir also auf der Höhe der Zeit konkret über notwendige Leistungen, mögliche Lösungen und eine angemessene Verteilung der Lasten. Das gelingt sicher am besten, wenn die Interessen der jeweiligen Lager bekannt sind und verdeckten Intentionen ausgeschlossen werden.



Quellen#