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Liebes Graz,#

von Mona Luminata

Liebes Graz,
ich weiß nicht, ob eine Stadt merken kann, wenn jemand um sie trauert aber wenn du es kannst, dann hör mir bitte zu.
Ich vermisse dich.
Das Schlimmste daran ist:
Du bist noch da.
Ich kann dich noch sehen.
Deine Gebäude, deine Straßen, deinen Hauptplatz,
aber ich finde dich nicht mehr darin.
Vor achtzehn Jahren habe ich zum ersten Mal deinen Hauptplatz betreten.
Weißt du das nicht mehr?
Natürlich weißt du es nicht mehr.
Eine Stadt merkt sich keine Menschen, aber Menschen merken sich Städte.
Und ich habe mir dich gemerkt.
Ich erinnere mich an deine Straßen, an die Geschäfte, an die Lokale, an die vollen Tische, an Gasthäuser, in denen drei Generationen am selben Tisch saßen, Großeltern, Eltern, Kinder. niemand hatte es eilig.
Menschen hatten Zeit füreinander.
Sie lachten.
Nicht dieses höfliche Lächeln, das man heute trägt, weil man gelernt hat, dass man funktionieren muss.
Sie lachten aus dem Bauch, so, dass der ganze Tisch mitlachen musste. Sie sahen zufrieden aus, erfüllt, lebendig.
Ich erinnere mich sogar an den Geruch.
Den Geruch von Einkäufen, die ganze Straße roch nach Leben.
Nach einem Leben, das nicht jeden Morgen mit der Angst begann:
Reicht es noch bis morgen?
Deine Sprache, Graz.
Deine deutsche Sprache.
Früher klang sie anders klarer, ruhiger, vertrauter, weil deine eigene Stimme noch so deutlich zu hören war.
Heute klingt alles wie fünf Kontinente in einem Atemzug, sodass niemand mehr weiß, welche Sprache eigentlich hierher gehört.
Immer öfter frage ich mich:
Was ist aus dir geworden, Graz?
Ich gehe heute durch deine Straßen und suche etwas, das ich nicht mehr finde.
Ich suche dieses Gefühl.
Dieses „Hier bin ich zu Hause“, auch wenn ich nie wirklich dir gehört habe.
Heute riecht dein Hauptplatz nach Angst, Stress, Existenzkampf und immer mehr, Graz, riechst du für mich nach Leere.
Nach Menschen, die jeden Morgen aufstehen und nicht mehr wissen, wofür.
Nach Schaufenstern, die dunkel geworden sind.
Nach Geschäften, deren Besitzer jahrzehntelang jeden Morgen den Schlüssel ins Schloss gesteckt haben.
Jeden verdammten Morgen.
Bei Regen, bei Schnee, wenn die Kasse voll war, wenn sie leer war, wenn sie krank waren, wenn ihre Kinder krank waren.
Und vor Kurzem haben sie diesen Schlüssel zum letzten Mal gedreht.
Klack.
Tür zu.
Licht aus.
Lebenswerk vorbei.
Und wir? Wir nennen das Veränderung, Entwicklung und Zeit.
Aber weißt du was, Graz?
Zeit ist nur ein anderes Wort für:
Wir haben aufgehört, aufzupassen.
Weißt du, was mir daran am meisten wehtut?
Die blutenden Hände, die diese Stadt aufgebaut haben.
Die Köpfe, die Ideen hatten.
Die Menschen, die geschuftet haben, damit ihre Kinder es einmal besser haben.
Viele von ihnen liegen längst unter der Erde.
Aber ihre Arbeit steht noch hier.
Oder besser gesagt:
Sie stand hier, denn während ihre Gräber längst zum Staub geworden sind, verschwinden ihre Spuren aus deinen Straßen.
Ich weiß nicht einmal, ob ich das alles sagen darf.
Ich gehöre nicht hierher. Nicht wirklich.
Ich bin nicht diejenige, die urteilen darf, was Graz sein soll.
Doch ich weiß: Ich muss nicht dazugehören, um etwas zu lieben.
Ich muss nicht hier geboren sein, um zu merken, wenn etwas stirbt.
Ist das nicht grausam?
Dass die nächste Generation gar nicht wissen wird, was sie verloren hat?
Denn wie soll man etwas wertschätzen, das man niemals kennenlernen durfte?
Deshalb schreibe ich dir, Graz.
Aus Schmerz und Liebe.
Denn nur wer etwas geliebt hat, kann so wütend darüber werden, wie es verschwindet.
Ich weiß nicht, ob man dich retten kann.
Ich weiß nur:
Die Tradition kann man nicht ersetzen, man kann sie nicht bestellen, man kann sie nicht neu bauen und auch nicht aus Beton gießen.
Es tut verdammt weh, dich heute anzusehen.
Dich noch zu erkennen in den wenigen Ecken, die geblieben sind.
Ich stehe da und denke:
„Da bist du ja.“ und gleichzeitig weiß ich:
„Du bist es nicht mehr.“
Also, lieber Graz, bitte werde nicht nur größer, moderner, teurer, schneller, höher, lauter.
Werde wieder menschlicher.
Vergiss nicht die Hände, die dich gebaut haben,
die Stimmen, die dich geprägt haben.
Vergiss nicht die Menschen, die vor uns hier gelebt, gearbeitet, geliebt und ihre letzten Jahre in diesen Straßen verbracht haben.
Graz, wenn du so weitermachst, verlierst du nicht nur deine Schönheit, deine Geschichte, deine Orientierung, deine Erinnerung.
Irgendwann vielleicht auch deine Seele.
Weißt du, was ich mir wünsche?
Dass ich eines Tages mit meinen Enkelkindern auf deinem Hauptplatz stehe und ihnen von dir erzähle.
Aber ich möchte nicht sagen:
„Schaut, hier war einmal eine Stadt, die ich geliebt habe.“
Ich möchte auf deinen Hauptplatz schauen, ihre Hände halten und sagen:
„Schaut. Das ist Graz.“
Und dann möchte ich, dass sie verstehen, warum ich dich so geliebt habe.