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Gleisdorf vor Jahren V: Der Troll#

(Herr Konrad geht ein wenig pöbeln)#

von Martin Krusche

Netzkultur bleibt an „Netiquette“ gebunden, an eine Etikette für die Telepräsenz. Die Rabauken gehen uns bei all dem nicht verloren. Man findet sie offenbar überall in Foren und Nischen. Aufgeregte Menschen, die sich jemanden herausgreifen, um sich an der Person ein wenig abzuarbeiten. Oder sie treten ein allgemeines Gezänk los. Jedes Thema ist recht. Die Muster gleichen sich.

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Den Herrn Konrad kannte ich noch nicht. Die Facebook-Software gibt über ihn ein wenig Auskunft. Er war gerade im dritten Monat dabei, hatte in diesem Forum noch keinen Beitrag gepostet. Er war hauptsächlich da, vielleicht auf der Lauer. Ich hatte ihn bisher weder über Likes noch über Kommentare bemerkt. (Na, es werden schon wo welche sein.)

Herr Konrad eröffnete unser Tänzchen mit einem kleinen Scherz zu meinem Namen, der das Setting klären sollte, die Hierarchie; Stichwort Definitionshoheit: „ja herr kusch, und an der ecke beim gez gibt es keinen bankomaten mehr, wäre ja auch was zum jammern übrigens, wenn sie aus einem farbfoto ein schwarz weißes machen wird es nicht automatisch alt“. (Das GEZ ist ein Gleisdorfer Einkaufszentrum.)

Die Melodie der Abwertung#

Der Kusch-Krusche sollte dann noch zum „kuschi“ werden, schließlich zum „kuschilein“. Das ist die sanfte Deklination einer Abwertung. In der gröberen Variante würde eventuell Plan B zur Wirkung kommen, aber dahin gelangten wir dann gar nicht erst. Zur Erläuterung, Plan B im Troll-Katechismus geht so: erst wird der Verstand des Gegenübers in Frage gestellt („Du bist ein bißl deppert!“), dann das körperliche Aussehen („Man sieht ja, wie du…), schließlich wird man in sexueller Färbung desavouiert. (Denken Sie sich was aus, möglichst was Abschätziges.) So zumindest einer der Troll-Klassiker.
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Derlei Abläufe finden meistens statt, wenn man den Troll füttert, also ihm ungefähr gleich angriffslustig, wahlweise etwas beleidigt, zurückkommt. Darum gilt die Faustregel: „Don‘t feed the troll“. Nicht einsteigen, nicht auf die gleiche Art reagieren, denn dann spult er sein Programm weiter ab.

Dieses Programm handelt vom merkwürdigen Vergnügen, ein Gegenüber zu provozieren, zu beleidigen, aus der Reserve zu holen. Sobald das auch noch Reaktionen anderer Forenmitglieder auslöst, feiert der Troll ein Fest seiner Manifestation: „Ich bin hier und ich besorg es euch allen!“ Wer keine Lust hat, solchen Kanaillen als Ressource zu dienen, steigt vorzugsweise aus: keine Reaktion mehr! Findet der Troll in einem Tänzchen kein Futter, braucht er eine neue Kampagne und muß eventuell in ein anderes Forum ausweichen.

Wer aber, wie ich, manchmal gelaunt ist, den Troll von der Tanzfläche zu begleiten könnte feststellen: gnadenlose Höflichkeit bewährt sich, ein Schuß Ironie gibt dem Theater etwas Unterhaltungswert. Dann ist es gewöhnlich schnell vorbei. Herr Konrad postet auf seiner eigenen Facebook-Timeline fast nur Portraitfotos von sich selbst. (Bei 20 hab ich zu zählen aufgehört.) Das läßt erahnen, er weiß selbst nichts zu sagen, nutzt seinen Account vermutlich vorzugsweise, um an anderen Stellen herumzugeistern und Terz zu machen.

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Worum ging es?#

Die Facebook-Gruppe „Gleisdorf vor Jahren“ verrät ihren Zweck im Titel. Ein Zeitrahmen ist nicht vorgegeben, „vor Jahren“ sollte also wenigstens zwei, drei Jahre umfassen, vorzugsweise etwas mehr. Besonders beliebt zeigen sich Motive, die gut 50 bis 100 Jahre alt sind, aber auch die letzten zehn, 15 Jahre sind für freundliche Reaktionen gut.

Einer der sachlichen Einwände von Herrn Konrad illustriert, wie schwierig es ist, eine Ära zu markieren. Er meinte: „ich dachte die gruppe hier heißt gleisdorf vor jahren und nicht die jüngste vergangenheit von gleisdorf“. Also liegt „die jüngste vergangenheit von gleisdorf“ noch nicht Jahre zurück? Da Herr Konrad diese Belanglosigkeit nicht übergeht, sondern deshalb etwas anzettelt, darf man vermuten: es ist also kein Problem, sondern ein Vorwand.

Herrn Konrad deklariert sich selbst als „Satiriker“: Den Unterschied zwischen erheiternder Satire und abschätzigem Zynismus hat er sich vorerst noch nicht erarbeitet. (Er hat mir übrigens meine Frage nach seinen Kriterien für „vor Jahren“ nicht beantwortet.) Hier die betreffende Dialogpassage:

  • die bildunterschrift: „auch schon geschichte: casa michaela“
  • konrad: ja vielleicht wurde auch irgendwo eine hundehütte abgerissen! ich dachte die gruppe hier heißt gleisdorf vor jahren und nicht die jüngste vergangenheit von gleisdorf.
  • kru: ja, und was genau stört dich jetzt, das für mich "vor jahren" nicht erst "voriges jahrhundert" bedeutet? auch: nach welchen kriterien schließt du "nicht die jüngste vergangenheit von gleisdorf" aus?
  • konrad: Martin Krusche kuschi, ich wusste gar nicht, dass wir zusammen die schulbank geteilt haben, und per du sind!
  • kru: oooch, ich nehm mir das einfach gegenüber einem zornigen jüngling heraus. ich bin so. und ich bin ja auch für jedes tänzchen zu haben. grade jetzt, wo man sonst so wenig geselligkeit hat. übrigens: "kuschi" find ich nett. meist hat es nur für "kru" gereicht.
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Das Finale#

Ich kürze ab. An einer Stelle schrieb ich: „bin mit so einer überschaubaren menge von menschen, die mich bemerken, völlig zufrieden. du ja für dich nicht, wie es scheint, also: bingo! JETZT haben dich hier einige mehr bemerkt, die dich vielleicht noch nicht gekannt haben. (ein einfaches „danke, kuschi!“ genügt.)“
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  • konrad: „tja kuschilein, ihre künstlerische größe wird wohl auch weiterhin überschaubar bleiben“
  • kru: „so ist es! das drama meines lebens: ein mangel an bedeutung. (ist ja ein sehr weit verbreitetes problem. manche kompensieren das, indem sie sich anderen leuten aufdrängen.) gut, du hattest deinen spaß, ich muß was arbeiten. also: schönen tag noch! p.s. bedeutet ‚kuschilein‘, daß wir jetzt freunde sind?“

Das Postscriptum#

Am Tag danach habe ich einen der Diskussionspunkte noch präzisiert: „ich sehe, hier gibt es wache und kritische geister, die mein faible für momente des umbruchs als ein jammern verstehen: ‚ja herr kusch, und an der ecke beim gez gibt es keinen bankomaten mehr, wäre ja auch was zum jammern‘. ein mißverständnis!“

Vielleicht haben sich viele Menschen zu sehr daran gewöhnt, den Abriß von Strukturen zu beklagen. Mir geht es damit völlig anders: „ich sehe schönheit im abbruch und umbruch und ich mag daran, daß das nur FLÜCHTIGE bilder sind, weshalb ich sie festhalte. ich bin überzeugt: die stadt verändert sich immer. daran gibt es nichts zu bejammern. (sonst wär sie ja nicht stadt, sondern immer noch dorf.)“

Postscriptum#

In manchen Bereichen, wie etwa Wikipedia oder Facebook, denke ich nicht mehr über meine Bildrechte nach, wandle aber gelegentlich Farbfotos in Schwarzweißfotos, um sozusagen schwächere Versionen auszustreuen. (Alle Fotos: Martin Krusche)