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Zeit.Raum, Slot I, Vol. 71#

Gegenstand und Abstraktion#

von Monika Lafer

Künstlerische Arbeiten werden gerne in gegenständliche und abstrakte Werke unterschieden.

Doch wenn man sich genauer mit Malerei und Zeichnung befasst, stellt man fest, dass Bilder mit gegenständlichem Inhalt immer abstrakte Elemente enthalten. Technisch geht das gar nicht anders, selbst bei dem ausgefeiltesten altmeisterlichen Verfahren.

Monika Lafer, 2026, Sedum, 80 x 120 cm, Acryl auf ungrundierter Baumwolle
Monika Lafer, 2026, Sedum, 80 x 120 cm, Acryl auf ungrundierter Baumwolle

Was bedeutet eigentlich das Wort „Abstraktion“?

Ursprünglich kommt es vom lateinischen „abstrahere“, was so viel bedeutet wie „wegziehen“. In weiterer Folge hieß der Begriff „für sich stehend“, „losgelöst“, beziehungslos“.

Für die Kunst heißt es, es gibt einen Ausgangspunkt – ein gegenständliches Motiv, eine Wahrnehmung, einen Gedanken, ein Gefühl, usw – von dem ausgehend gearbeitet wird. Ob man nun im Sinne des Realismus oder der Ungegenständlichkeit vorgeht – es kommt immer zur Abstraktion, also zum „Loslösen“ vom Startpunkt:

Gegenständliches wird als Bildausschnitt auf die Leinwand gebracht, man fotografiert und bearbeitet vielleicht im Vorfeld, man entscheidet sich für eine bestimmte Farbigkeit, die vom Original abweicht oder verändert die Komposition,… Auch das Auftragen der Farbe folgt ihren eigenen Gesetzen, die erahnen lassen, ob das Motiv in der Tiefe erfasst wurde oder nicht – auch hier steht dieser minimale Interpretationsspielraum für ein „Wegziehen“ vom Ausgangsmaterial.

„Die Malerei hat immer abstrahiert, seit den Höhlen von Altamira über Velázquez bis zu Picasso. Den Fanatikern des Realismus habe ich oft gesagt, dass es Realität in der Malerei nicht gibt. Sie existiert einzig und allein im Kopf des Betrachters. So sehe ich auch keinen Gegensatz zwischen Abstraktion und Figuration, solange sie jene Idee von Wirklichkeit in uns evozieren. Die „Realität“, die das Auge uns zeigt, ist nur ein armseliger Schatten der Wirklichkeit.“ | Antoni Tàpies

Der spanische Künstler Antoni Tàpies (1923-2012) galt als einer der bedeutendsten Vertreter des Informels seines Landes. Informel ist ein Sammelbegriff für gegenstandslose Kunst, die ihren Ursprung im Paris der 1940/50ern hatte.

Bei Ungegenständlichkeit liegt die Abstraktion hingegen klar vor – und lustigerweise suchen wir nach etwas Gegenständlichem. „Was soll denn das sein?“, hört man oft. Das liegt wohl an unserer steinzeitlichen Vergangenheit. Unklarheit sorgt für Unsicherheit und Unsicherheit könnte bedeuten, dass ein Säbelzahntiger in unserer Nähe lauert. Natürlich gab es auch unbeschwertere Steinzeitmenschen, aber die sind möglicherweise aus unserem Genpool verschwunden.

Somit darf plakativ verkürzt gesagt werden: Unser Gehirn will immer wissen, womit es zu tun hat. Bei ungegenständlichen Werken kann das ein bewusstes Sich-Einlassen erfordern und es auszuhalten, dass man eben nicht alles mit der gegenständlichen Welt erklären kann.