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Stille Nacht Heilige Nacht - Wie ein Abt die Entstehung des Weltweihnachtsliedes günstig beeinflusste
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Von Ernst Lanz

Beinahe hätte es das Weltweihnachtslied "Stille Nacht Heilige Nacht" wegen widriger Zeitumstände nicht gegeben. Franz Xaver Gruber, der die Melodie zum Kirchenlied geschaffen hatte, wurde 1787 im oberösterreichischen Innviertel als Sohn eines armen Leinenwebers geboren. Gruber wagte den gesellschaftlichen Aufstieg. Im benachbarten Burghausen studierte er das Orgelspiel und in Ried im Innkreis legte er die Lehramtsprüfung ab.

Benediktinerabtei Michaelbeuern, Salzburger Land
Benediktinerabtei Michaelbeuern im Salzburger Land. Hier wurde Franz Xaver Gruber Klosterangestellter und war vom Kriegsdienst befreit - Foto: Werner100359, CC BY 3.0, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Grubers Jugendzeit war von den Franzosenkriegen überschattet - und von der Sorge zum Kriegsdienst ausgehoben zu werden. 1807 sprach er in der nahegelegenen Benediktinerabtei Michaelbeuern im Land Salzburg vor, um die vakanten Posten eines Lehrers, Mesners und Organisten in der dem Kloster inkorporierten Pfarre Arnsdorf bei Lamprechtshausen übernehmen zu können. Noch im gleichen Jahr wurde er von den oberösterreichischen Behörden aufgefordert seiner Aushebung zum Kriegsdienst nachzukommen. Ein geographisch entfernter Zeitgefährte Grubers, das ostösterreichische Malergenie Ferdinand Georg Waldmüller schuf viel später ein dramatisches Ölbild "Der Abschied des Konskribierten"[1], das einen Blick auf die unheilvolle Kriegsführung der Monarchie andeutet. Zuerst wird der Krieg gegen die eigene Bevölkerung ausgefochten, dann gegen den Feind …
Abt Nicolaus III. Achatz sah Gruber wegen seiner musischen Fähigkeiten als unabkömmlich an, anstatt ihn dem kaiserlichen Heer zu überlassen. Gottesdienste brauchten vornehme musikalische Untermalung und die Kinder eine entsprechende Allgemeinbildung. Abt Nicolaus - was für ein sinniger und vorweihnachtlicher Name! - galt als charismatischer geistlicher Intellektueller, der weniger als ein halbes Jahrhundert seinem Kloster diente. Er entschied Gruber durch ein altes Vorrecht zum Mitglied der weltlichen Dienerschaft zu erheben, wodurch dieser aller Verpflichtungen zum Kaiser entledigt war. Vielleicht verstanden Achatz und Gruber einander? Wer kann das sagen? Sehen wir uns die Epoche an: Das frühere geistliche Kurfürstentum Salzburg gehörte schon zum österreichischen Herrschaftsbereich. Damals errang Napoleon Siege auf den Schlachtfeldern Europas. Der hagere Kaiser Franz I. von Österreich entschied gegen den Korsen vorzugehen. Dem Sacrum Imperium Romanum widerfuhr durch eine kaiserliche Erklärung ein offizielles Ende. Das Bildungsbürgertum stützte kritiklos den Monarchen in seinem Kampf gegen Napoleon. Durch ein 1808 herausgegebenes kaiserliches Patent wurde die Wehrpflicht zum gewaltigen Ärger der Untertanen ordentlich verschärft. Der einfache Mensch war der Staatsgewalt - etwa wie in Frankreich - hilflos ausgeliefert. Allerdings wurde die Unannehmlichkeit einer Ausdünnung der ländlichen Bevölkerung mit wirtschaftlich fatalen Folgen außer Acht gelassen. Gruber lebte in einer Ära in der die Staatskirche nicht mehr dominant wirkte und dafür die Frömmigkeit formal das Alltagsleben bestimmte. Die Welt des Biedermeiers lag in den Anfängen.
Somit war Gruber Angehöriger des Klosters Michaelbeuern. Nach bürokratischen Hindernissen durch die Salzburger Schuldirektion - einem hilfreichen Empfehlungsschreiben des Abtes und einer neu abgelegten Prüfung - konnte er endlich in Arnsdorf seit November 1807 Unterricht halten. Sein Verdienst war eher als karg zu bezeichnen und deshalb arbeitete er auch als Kirchendiener und Organist. Das wohl Bittere war nur, dass er die um einige Jahre ältere Witwe des Mesners heiraten musste. Die Vernunftehe hielt. Später folgten zwei weitere Ehen und zwei Söhne.
Dazu sei gesagt, dass die Benediktinerabtei Michaelbeuern in ihrem Archiv musikhistorische Schätze (Gesänge, Kirchenmusik) fast aus einem Jahrtausend barg.[2] Ein engerer Bestand ging auf Johann Michael Haydn - Bruder des berühmten Joseph Haydn - zurück. Denkbar, das der musisch begabte Franz Xaver Gruber sich entsprechendes kompositorisches Wissen angeeignet hatte.
Seine Söhne Franz Xaver II und Felix und dessen Kinder Franz Xaver III, Anna und Felix waren ebenfalls (bis ins 19. und 20. Jh.) musikalisch tätig.
Arnsdorf (Lamprechtshausen) im Winter
Arnsdorf Wallfahrtskirche Maria im Mösl (Lamprechtshausen) im Winter Foto: Franz Spöcklberger, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Als angesehener Lehrer erlebte er die Spannungen zwischen Arm und Reich. Später wurde er noch Hauptlehrer von Berndorf, das nordöstlich von Oberndorf liegt. Später wirkte er in Hallein - als Chorregent und geachteter Bürger - wo er auch 1863 begraben wurde. Im erwähnten Oberndorf begegnete er dem engagierten Hilfspriester Joseph Mohr (1792 - 1848), dessen 1816 in Mariapfarr geschriebenes Gedicht von der Stillen Nacht er vertonte. In der Mette 1818 kam das Lied als "Stille Nacht Heilige Nacht" mit seiner signifikanten Melodie noch unbeachtet von der weiten Welt zur Uraufführung. Nur gesungen und begleitet vom Klang der Gitarre.
'Weynachts-Lied' Stille Nacht, 1820/1825
"Weynachts-Lied", Autograph "Mohr" (Text 1816, Melodie von Fr. Xav. Gruber), datiert 1820/25. Hier: "Stille Nacht! Heil ge Nacht! Alles schläft …": Aufbewahrungsort Salzburg - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Alles Große, so scheint es, entsteht im Unbekannten, im Stillen. Heute wird es in sämtlichen Sprachen gesungen.
Im gleichen Jahr in dem Waldmüller das Gemälde "Abschied eines Conscribierten" geschaffen hatte, schrieb der inzwischen 67jährige Franz Xaver Gruber eine Entstehungsgeschichte des Liedes an die Königlich-Preußische Hofkapelle in Berlin (30. Dezember 1854):
"Authentische Veranlassung / Es war am 24. Dezember des Jahres 1818, als der damalige Hilfspriester Herr Joseph Mohr bei der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf bei Salzburg dem Organistendienst vertretenden Franz Gruber (damals zugleich auch Schullehrer in Arnsdorf) ein Gedicht überreichte, mit dem Ansuchen eine hierauf passende Melodie für zwei Solostimmen samt Chor und für eine Guitarre-Begleitung schreiben zu wollen."
Erst 1866 wurde das "Stille Nacht"-Lied in ein Kirchenliederbuch in Salzburg aufgenommen.
Franz Xaver Gruber, Porträt
Franz Xaver Gruber, Öl auf Leinwand, Sebastian Stief, 1846. Damals zählte Gruber 59 Jahre - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Franz Xaver Gruber - so steht es in dicken Musiklexika - gilt als wenig bedeutender Kirchenmusiker. Zumindest war er schöpferisch tätig: Er hinterließ zweihundert Werke. Aber keines davon erreichte die Qualität des Weltweihnachtsliedes.
Sein Leben begann im endenden Zeitalter der Aufklärung, das von brutalsten Auseinandersetzungen geprägt war. Was für eine gruselige Annahme: Gruber wäre auf dem Feld der Ehre gefallen, als namenloser Krieger - das Stille-Nacht-Lied hätte womöglich nie existiert. Als Alternativen hätte es wohl die älteren Weihnachtsmusiken gegeben. Experten beteuern, in der Melodie finden sich Anklänge aus Werken klassischer Meister wie Mozart und Spuren eines aus dem Süden gekommenen Neujahrsliedes. Aber wen stört das alles? Wichtig ist doch die Friedensbotschaft des edelsten aller Kirchenlieder - auch in einer globalisierten Welt.

Copyright Ernst Lanz 2009-2010-2018-2019


Anmerkung [1] Der Abschied des Konskribierten, 1854, Öl auf Holz, 59 × 74 cm; Leopold Museum, Wien. Vergleiche Abbildung bei https://www.kunstkopie.de/a/waldmueller-ferdinand-geo/derabschieddesconscribierten.html- Eine zweite Fassung von 1858 befindet sich im Wien Museum, siehe Bilder und Videos/Historische Bilder IMAGNO/Waldmüller, Ferdinand Georg/00232962 [2] Stefan Engels, Art. „Michaelbeuern‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online.
Benützte Quellen
  • Josef Mühlmann, Franz Xaver Gruber. Sein Leben. Salzburg 1966
  • Josef A. Standl, "Stille Nacht! Heilige Nacht!" Die Botschaft eines Liedes, das die Menschen dieser Welt berührt. Oberndorf 1997
Zusätzliches Aktuellster Wissensstand