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Überleben auf einem zerrütteten Planeten #

Der menschliche Einfluss auf die Ökosysteme könnte künftig ein katastrophales Ausmaß erreichen. Um die Krisen zu bewältigen, sollte man über den Menschen hinausdenken, so Kulturforscherin Anna Tsing. Ihre Arbeit zeigt, was man dabei von einem Pilz lernen könnte. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 20. Oktober 2016).

Von

Martin Tauss


Symbolbild zerstörtes Ökosystem
Neue Erdepoche „Anthropozän“ bezeichnet eine neue geologische Epoche, in der der menschliche Einfluss auf die Ökosysteme der Erde ein bislang nicht gekanntes Ausmaß erreicht.
Foto: Shutterstock

In Japan gilt der Pilz als ganz besondere Delikatesse. Sein Aroma erinnert an die Frische der Herbstsaison, und sein Geruch verdreht den japanischen Feinschmeckern den Kopf. Doch im Inselstaat ist der Pilz selten geworden. Das hat eine weltweite Pilzsuche befeuert. Seit den 1980er-Jahren wird Matsutake aus den Wäldern der nördlichen Hemisphäre nach Japan importiert: aus China, Korea, Kanada, den USA, zuletzt auch aus Schweden und Finnland. Die Pilze zu sammeln, ist nicht gerade einfach: Oft verbergen sie sich unter der Erde, und nur eine kleine Unebenheit im Waldboden verrät ihren Standort. Nicht nur Menschen, auch die Tiere des Waldes konkurrieren um Matsutake. Es braucht eine gute Kenntnis der kleinräumigen Landschaft und der ökologischen Zusammenhänge, um den wertvollen Pilz aufzuspüren.

Nicht-menschliche Akteure #

Als Anna Tsing das erste Mal von Matsutake hörte, war sie begeistert: Die US-amerikanische Kulturanthropologin forscht an der Universität Kalifornien in Santa Cruz und beschäftigt sich mit den neuen Warenströmen einer globalisierten Wirtschaft – genauer gesagt mit ihren kulturellen und ökologischen Tiefenwirkungen. „Ich ging zu dem speziellen Platz im Wald und war total aufgeregt, weil dieses sagenumwobene Produkt so schwer zu finden ist. Und ich stieß auf eine denkbar seltsame und vielsagende Warenkette“, erzählte sie im FURCHE-Gespräch, unmittelbar vor ihrem Vortrag an der Akademie der Wissenschaften in Wien. Dort referierte sie darüber, dass nicht nur der Mensch Weltgeschichte schreibt. Denn Organismen wie Pflanzen, Pilze, ja selbst Bakterien greifen über die Wechselwirkung mit dem Menschen in die Gesellschaft, die Kultur, die Wirtschaft ein. Lange bevor die Welt durch die digitalen Datenströme des Internet vernetzt wurde, reisten etwa Krankheitserreger, Nutzpflanzen, pflanzliche Genuss- und Rauschmittel rund um den Globus und machten in gewisser Weise ihre eigene Geschichte. Und gerade heute, im Zeitalter des Klimawandels und der massiven Umweltzerstörung, zeigt sich laut Tsing deutlich, wie die Natur vielfältig auf die Menschheit zurückzuwirken beginnt.

Was aber bedeuten die Geschichten rund um den weltweit meistgesuchten Pilz, de nen Anna Tsing in ihrem jüngsten Buch nachgegangen ist? Für „The Mushroom at the End of the World“ (Princeton University Press, 2015) hat die Anthropologin unlängst den Gregory Bateson-Preis beim Jahrestreffen der Amerikanischen Anthropologie- Gesellschaft erhalten. In dieser auch formal innovativen Studie untersucht sie, was Menschen aus Pilzen alles machen können – von archaischen Ritualen bis hin zu den modernen Lebensmittelmärkten. Sie stellt aber auch, oft spielerisch, die Gegenfrage und zeigt sich daran interessiert, was Pilze aus den Menschen alles machen können. Aus dieser doppelten Perspektive beleuchtet sie die unterschiedlichen Welten des Matsutake-Handels: die Welt der japanisch- stämmigen Amerikaner, die in ihrer Freizeit Pilze sammeln, der kambodschanischen und laotischen Flüchtlinge, die ihre Qualitäten als ehemalige Dschungelkämpfer in die Pilzsuche einbringen, oder die der Latino-Migranten, die Waldarbeit einem schlecht bezahlten Dienstleistungsjob vorziehen, die Welt der weißen Zwischenhändler und Firmenchefs bis hin zu den japanischen Gourmets.

Evolutionäre Kooperation#

Auf diese Weise entsteht ein immer vielschichtigeres Bild der wirtschaftlichen Verflechtungen rund um den begehrten Pilz. Aber nicht nur das: Auch die ökologischen Netzwerke, die Verletzlichkeit und Resilienz des Lebens, das Verhältnis von Mensch und Natur, die Analogien von biologischem und wirtschaftlichem Überleben treten zutage. Matsutake ist bekannt dafür, Nadelbäume symbiotisch zu ernähren und Wäldern auch in abschreckend kargen Landschaften zum Wachstum zu verhelfen. Der Pilz selbst wächst auch in einem verwüsteten Umfeld und war Gerüchten zufolge das erste Lebewesen, das nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima im verseuchten Boden zu finden war. Bei Anna Tsing erhält der widerstandsfähige Pilz somit Symbolkraft für das aktuelle Überleben in einem zunehmend zerrütteten und ausgebeuteten Umfeld – für die „Möglichkeit des Lebens in kapitalistischen Ruinen“, wie der Untertitel ihres Buches heißt.

Matsutake
Matsutake. Der Pilz gilt in Japan seit langem als besondere Delikatesse. In den letzten Jahren ist Matsutake auch in China, Europa und Nordamerika beliebt geworden.
Foto: Shutterstock

„Überleben“ hat hier freilich wenig mit populären amerikanischen Fantasien zu tun, wonach man andere bekämpfen muss, um sich selbst zu retten. Viel eher geht es um Überleben durch Kooperation, Zusammenwirken, Symbiose, so wie sie anhand der Interaktionen des Matsutake-Pilzes deutlich werden. Der Blick auf die Evolution fällt somit anders aus als in den gängigen Darwin-inspirierten Deutungen: Im Gegensatz zur Theorie der „egoistischen Gene“, die auf einen Wettkampf zwischen genetisch „reinen“ Individuen und Arten hinausläuft, lenkt Tsing das Augenmerk auf die Art und Weise, wie Organismen andere Lebewesen prägen – und umgekehrt von deren Entwicklung geprägt werden. Die Autorin übernimmt daher ein Zitat des Biologen Scott Gilbert: „Fast jede Entwicklung könnte eigentlich eine Co-Entwicklung sein.“

Neben ihrer Professur in Kalifornien leitet Tsing an der Universität Aarhus in Dänemark ein Forschungsprojekt über das Anthropozän. Dieser Begriff bezeichnet eine neue geologische Epoche, in der der menschliche Einfluss auf die Ökosysteme der Erde ein bislang nicht gekanntes Ausmaß erreicht. „In unserem Projekt sollen künftige Lebensmöglichkeiten mit Multi- Spezies-Interaktionen beleuchtet werden“, erläutert Tsing. Sie glaubt nicht daran, dass technische Maßnahmen den Klimawandel deeindämmen könnten: Die Idee eines „guten Anthropozäns“, in dem die Ingenieure schon alles richten werden, hält sie sogar für hochgradig gefährlich.

Ökologische Zukunftsängste #

„Worüber ich derzeit am meisten besorgt bin, ist, dass wir die Möglichkeiten künftiger Generationen auf dieser Erde zerstören könnten“, bemerkt die Forscherin. „Die Organisation des modernen Kapitalismus ist Teil des Problems, sofern er natürliche Ressourcen nur noch auf finanzielle Werte reduziert und etwa großen Investoren aus der Ferne erlaubt, die gewachsenen Lebensbeziehungen von Menschen und ihrer Umwelt durcheinander zu bringen – ohne dass diese vor Ort mit den ganzen Folgen ihres Handelns konfrontiert sind.“

Wenn die Wälder abgeholzt sind, das Öl ausgeht und der Boden keine Ernte mehr bringt, geht die Suche nach verwertbaren Ressourcen anderswo weiter, so die Beschreibung des globalen ökonomischen Settings in Tsings Buch. In diesem Sinn ist der Matsutake-Handel relativ harmlos: Er zerstört keine Lebensräume, im Gegenteil, oft entspringt er Wäldern, die bereits stark abgeholzt sind. Tsing sieht darin nicht unbedingt ein Modell für die Zukunft, wohl aber einen Weg des „Zurechtkommens auf einem in Mitleidenschaft gezogenen Planeten“. Genau darauf könnte es künftig ankommen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 20. Oktober 2016

Weiterführendes#