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Leben auf verdorrter Erde#

Kein Kontinent wird stärker unter dem Klimawandel leiden als das schon jetzt mit Problemen kämpfende Afrika.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 30. Dezember 2018

Von

Ronald Schönhuber


Temperaturveränderung im Bezug auf das vorindustrielle Niveau
Temperaturveränderung im Bezug auf das vorindustrielle Niveau
Grafik: WZ/Quelle: IPCC

Safia Shekadir strahlt übers ganze Gesicht. "Nach der harten Arbeit der vergangenen Tage ist nun endlich die Ernte eingebracht", sagt die 50-Jährige. "Und es ist wieder mehr als beim letzten Mal." Die Frau mit dem blauen Kaftan und dem rot-weiß gemusterten Kopftuch ist nicht die Einzige, die sich freuen kann. Auch bei den anderen Bauern in Makala, einem winzigen Ort im Südosten Äthiopiens, sind die Getreidespeicher nach den niederschlagsreichen Monaten bis obenhin gefüllt. Einige im Dorf, die größere Felder besitzen, haben sogar so viel geerntet, dass sie die Überschüsse verkaufen können.

Sie füllen schon seit Tagen das bereits gedroschene Korn in große Säcke, die in der nächsten Woche abgeholt werden sollen. Über die 2010 von den Chinesen gebaute Autobahn, die nach 40 Betriebsjahren nun eine Generalsanierung bekommen hat, dauert es dann nur noch fünf Stunden, bis die Lieferung in Addis Abeba angekommen ist. Das ehemalige Hungerleider-Dorf Makala, das noch bis in die 2020er Jahren mit verheerenden Dürren und Ernteausfällen zu kämpfen hatte, leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Ernährungssicherheit der äthiopischen Hauptstadt. Denn ohne die Getreidelieferungen aus Orten wie Makala wäre die Versorgung von Addis Abeba, dessen Bevölkerung zwischen 2020 und 2050 von 4,5 auf knapp 9 Millionen Einwohner angewachsen ist, so gut wie unmöglich.

Wenige Gewinner, viele Verlierer#

Die Geschichte von Safia Shekadir und den Bauern von Makala mag aus der Perspektive des Jahres 2018 fern erscheinen. Unrealistisch ist sie aber keineswegs. Denn laut der Modelle der Klimaforscher wird der Osten Afrikas im Jahr 2050 zu den Profiteuren des schon jetzt immer stärker spürbaren Klimawandels gehören. So prognostiziert der Weltklimarat IPCC, der alle fünf bis sieben Jahre eine umfassende Bestandsaufnahme zur globalen Erwärmung vorlegt, für Äthiopien, Uganda sowie Teile von Kenia und Somalia eine deutliche Zunahme der Niederschläge und längere Regenzeiten. Gleichzeitig soll die Anzahl der Dürren, die diese Länder derzeit noch regelmäßig heimsuchen, geringer werden. Im Hochland von Äthiopien könnte es damit etwa deutlich einfacher werden, Mais anzubauen.

Klimawandel-Gewinner wie die äthiopischen Bauern wird es in Afrika allerdings nur wenige geben. Denn obwohl die globale Erwärmung in den verschiedenen Regionen des riesigen Kontinents mitunter sehr unterschiedliche Auswirkungen haben dürfte, werden sich die verheerenden Folgen des Klimawandels wohl in keiner anderen Weltregion so deutlich zeigen wie in Afrika.

So wird sich Afrika, wo es jetzt schon am heißesten ist, aufgrund der geografischen Gegebenheiten rund 1,5 Mal schneller erwärmen als die anderen Erdteile. Davon am stärksten betroffen werden laut den IPCC-Berichten neben dem südlichen Afrika dabei Westafrika und die Sahelzone sein, wo die Temperaturen bis 2050 selbst unter der Annahme einer baldigen und entschlossenen Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen um bis zu 1 Grad steigen. Sollte der CO2-Ausstoß ungebremst im jetzigen Tempo weitergehen, sagen die Klimamodelle sogar einen Anstieg von mehr als 2 Grad voraus.

Anpassung mit Grenzen#

Vor allem im Sahel, schon jetzt Afrikas Armenhaus, dürfte ein solcher Temperaturanstieg in Kombination mit den damit einhergehenden Dürreperioden es zunehmend schwieriger machen, dem Boden noch Erträge abzuringen. Denn irgendwann stoßen auch die zahlreichen derzeit diskutierten Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel - etwa die Einführung von Frühwarnsystemen, der Umstieg auf andere Getreidesorten oder Wassereffizienzprogramme - unweigerlich an ihre Grenzen. "Wir werden uns nicht überall anpassen können", sagt Reinhard Mechler, Klimafolgenforscher am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg und Mitautor des jüngsten IPCC-Sonderberichts. "Bewässerung etwa wird in vielen Fällen nicht möglich sein."

Der Klimaforscher Robert Mendelsohn geht auf Basis mehrerer komplexer Modellrechnungen sogar davon aus, dass Tschad und Niger in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts so starke Verluste an landwirtschaftlichen Flächen erleiden werden, dass bis zum Jahr 2100 nahezu der ganze Ackerbausektor verschwunden sein könnte. Massive Ernteausfälle dürfte es aber auch im südlichen Afrika geben. So werden die Mais-Erträge in Simbabwe und Südafrika laut den Prognosen des IPCC im Jahr 2050 um 30 Prozent niedriger sein als heute.

Die Konsequenzen eines substanziellen Rückgangs der landwirtschaftlichen Produktion wären in jedem Fall weitreichend. Denn ein Ausbleiben der Ernte würde in den betroffenen Ländern nicht nur die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen gefährden, sondern auch zu erheblichen Verschiebungen in vielen anderen Bereichen führen. So trägt die Landwirtschaft derzeit zwar nur knapp 15 Prozent zum gesamten Bruttoinlandsprodukt Afrikas bei, doch noch immer arbeiten fast zwei Drittel der Afrikaner in diesem Sektor. Schon jetzt kommen die Staaten Afrikas kaum noch damit nach, neue Jobs für die heranwachsenden Generationen zu schaffen. Ein Wegbrechen vieler Agrarjobs wäre für Afrika, dessen Bevölkerung sich bis zum Jahr 2050 von derzeit 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln soll, daher nur schwer verkraftbar.

Dass die daraus entstehenden Verteilkonflikte nicht immer friedlich gelöst werden, liegt dabei auf der Hand. Zwar lassen sich die Kriege und innerstaatlichen Krisen des Jahres 2050 nicht seriös prognostizieren, doch einige künftige Brennpunkte wie die Sahelzone oder das bevölkerungsreiche Nil-Delta scheinen bereits jetzt festzustehen. Weitgehend einig sind sich die Wissenschafter auch darüber, dass sich gewisse Konfliktmuster, bei denen es vor allem um den Zugang zu fruchtbarem Land und sauberem Wasser geht, durch den voranschreitenden Klimawandel noch weiter verstärken werden. So fordern die auch von ethnischen Spannungen getragenen Konflikte zwischen sesshaften Ackerbauern und nomadisierenden Viehzüchtern schon jetzt zehntausende Tote pro Jahr.

Millionen auf der Flucht#

Die Gemengelage aus Nahrungsmittelknappheit, fehlendem Trinkwasserzugang und gewaltsamen Konflikten wird auch ein wesentlicher Treiber für Flucht und Migration sein. Da vor allem die Ärmsten der Armen kaum über die nötigen Mittel verfügen, um weite Reisen zu finanzieren, wird neben Europa vor allem Afrika selbst davon betroffen sein. So gehen die Autoren einer vor kurzem veröffentlichten Weltbank-Studie davon aus, dass es 2050 allein in Subsahara-Afrika zumindest 30 Millionen Klimaflüchtlinge geben wird, die im eigenen Land oder in Nachbarstaaten Zuflucht suchen werden. Bei einem Hochemissionsszenario und dem damit verbundenen starken Temperaturanstieg von 2 Grad muss sogar mit 86 Millionen Binnenvertriebenen gerechnet werden.

Was die enormen Migrationsströme für das Zusammenleben in Afrikas Dörfern und Städten bedeuten, lässt sich nur schwer abschätzen. Safia Shekadir, die äthiopische Bäuerin, wird die Folgen des Massenexodus aber jedenfalls aus unmittelbarer Nähe miterleben. Denn neben den großen Städten werden auch Regionen wie das östliche Hochland, wo Malaka liegt, zu den primären Zielen der sich abzeichnenden Migrationsbewegungen in Ostafrika gehören.

Wiener Zeitung, 30. Dezember 2018