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Mitten im sechsten Massensterben#

Der Mensch zerstört die Erde in beispiellosem Tempo: Seit 1970 ist die Zahl der Wirbeltiere um drei Fünftel geschrumpft.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 28. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Elefant
Elefanten haben aufgrund von klimabedingten Regenausfällen zu wenig Trinkwasser - die Populationen schrumpfen.
Foto: © dpa/Rumpenhorst

Wien. (est) Der Mensch ist mächtiger als die Natur: Er wirkt so stark auf die Erde ein, dass er eine Epoche prägt, die alles verändert, warnt die Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) International.

In einer fernen Zukunft könnten Geologen unser Zeitalter, das Anthropozän, demnach an komplexen fossilen Strukturen erkennen, die von gigantischen Städten übrig bleiben. Die Urbanisierung wird eine dicke Schicht Beton im Sedimentgestein hinterlassen. Die Wissenschafter werden für unser Zeitalter Pestizid-, Stickstoff- und Phosphormarker finden. Im Meeressediment werden sie eine Schicht von partikelförmigem Plastik ausmachen - und mit Sicherheit werden die Geologen der Zukunft eine plötzliche und rapide beschleunigte Abnahme der Artenvielfalt in Tier-Fossilien entdecken. "Schon heute verlieren wir Arten im Ausmaß eines sechsten Massensterbens", heißt es im "Living Planet Report 2016" des WWF und der Zoological Society of London, der als Gradmesser für den ökologischen Zustand der Erde gilt.

Nach der am Donnerstag veröffentlichten Langzeitstudie ist die Zahl der Wirbeltiere seit 1970 um fast drei Fünftel zurückgegangen. Der Mensch macht anderen Erdenbewohnern den Lebensraum streitig - seine ungebremste Ausbreitung hat zerstörerische Folgen für die Tierwelt. Die Fauna schwinde "in beispiellosem Tempo", sagte WWF-Generaldirektor Marco Lambertini zur "Agence France Press". Die Befunde der Studie seien "ein Weckruf, um die Erholung dieser Populationen voranzutreiben", so der Forschungsdirektor der Zoological Society of London, Ken Norris.

Säugetiere, Fische, Vögel, Amphibien, Insekten, Reptilien#

Der von den Forschern dokumentierte Rückgang betrifft Säugetiere, Fische, Vögel, Amphibien, Insekten und Reptilien. Besonders betroffen sind unter anderem Elefanten, die bis zu 300 Liter Wasser täglich trinken und unter klimabedingten Regenausfällen zu leiden haben. Auch Schmetterlinge, Zugvögel und Meeresfische fallen der Erderwärmung und der Umweltverschmutzung zum Opfer. Wilde Tiere wiederum verlieren ihren Lebensraum an die Landwirtschaft und an die Ausdehnung der Städte.

Tierarten sterben, Menschheit wächst Illustration
Tierarten sterben, Menschheit wächst. Forscher haben die Entwickung der Population seit 1970 untersucht, die Ergebnisse sind fatal: Ein sechstes Massensterben ist bereits voll im Gange.
Foto: © WZ-Illustration

Parallel dazu hat sich die Zahl der Menschen seit 1970 auf 7,4 Milliarden verdoppelt. Die Studienautoren warnen, dass der Mensch zu viel jagt, zu viel fischt und den Lebensraum insgesamt zu stark verschmutzt. Hinzu kommen Arten, die in fremde Lebensräume eingeführt werden und dort Schaden anrichten. Weiters verbreiteten sich Krankheiten unter den Tieren.

Die Forscher setzen all dies in eine lange zeitliche Perspektive: In den vergangenen 500 Millionen Jahren habe es auf der Erde nur fünf Massenauslöschungsperioden gegeben - derzeit erlebe der Planet durch das Einwirken des Menschen jedoch seine sechste. Eine Massenauslöschungsperiode sei per definitionem dann gegeben, wenn eine Tierpopulation 1000 Mal schneller zurückgeht, als dies unter normalen Bedingungen der Fall wäre.

Für die Erhebung hatten die Wissenschafter über viele Jahre rund 14.000 Populationen von 3700 verschiedenen Tierarten weltweit beobachtet und gezählt. Den stärksten Rückgang sahen sie in Süßgewässern, wie Seen, Flüssen und Sümpfen. Die Populationen der 881 beobachteten Arten hätten sich in diesen Lebensräumen zwischen 1970 und 2012 um 81 Prozent verringert. Die Zahl der Ozeanbewohner sei im gleichen Zeitraum um 40 Prozent zurückgegangen, vor allem wegen der Überfischung. Die Populationen der Wirbeltiere zu Land seien um 38 Prozent geschrumpft.

Nahrungsmittel-Produktion ist ein zentraler Faktor#

Der Kollaps der Fischbestände und die Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlenstoff seien "weitere drastische Auswirkungen dieser Entwicklung", berichtet der WWF Österreich in einer Aussendung zu dem Bericht. Es stehe schlecht um die Gesundheit unseres Planeten. Gegenwärtig brauche die Menschheit Ressourcen von 1,6 Erden auf. Das Tiersterben sei eine Folge dieser Überbeanspruchung.

"Das Verhalten der Menschheit treibt den globalen Rückgang der Wildtierpopulationen an, das betrifft sämtliche Habitate, auch den Lebensraum Süßwasser, wo die Situation besonders dramatisch ist", erläuterte Thomas Wrbka, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des WWF Österreich. Auch die Produktion von Nahrungsmitteln ist ein zentraler Faktor: Derzeit verbraucht die Landwirtschaft rund ein Drittel der gesamten Landfläche der Erde und beansprucht etwa 70 Prozent des Wasserverbrauchs.

Wiener Zeitung, Freitag, 28. Oktober 2016