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Wo Methan und Honig fließen #

Auf den Salomon-Inseln, die vom globalen Klimawandel am stärksten betroffen sind, haben Bürger die Klimainitiative ergriffen. Mit großem Erfolg. Eine Reportage. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (22. November 2018)

Von

Doris Neubauer / Auckland


Jordan Lilloux bei der Produktion von Honigseife
Lass Honig fließen. Jordan Lilloux bei der Produktion von Honigseife. Der Honig fließt nur, wenn die Natur um die Bienenstöck intakt ist
Foto: © Neubauer

Elegante Blumengestecke zieren einen der Tische. Auf einem anderen liegen praktische Fächer neben Portmonnaies, quietschgelben Girlanden sowie Grußkarten; und am nächsten präsentieren sich knallige Ohrringe in allen Farben des Regenbogens. „Die Männer werfen Plastik weg, wir Frauen sammeln es ein und machen etwas Wunderschönes daraus“, meint Josephine mit einem verschmitzten Grinsen und zeigt mir stolz ihre orangefarbenen Hänge-Ohrringe: „Ich habe sie gegen eine Tasche getauscht, die ich aus einem alten Regenschirm genäht habe.“ Die kecke Dame ist eine von dreißig, die sich im Frauenzentrum der Stadt Gizo im Westen der Salomonen versammelt haben, um mir ihre Produkte vorzustellen. Produkte, die allesamt aus recyceltem Plastik hergestellt worden sind. Keksverpackungen, quadratische Milchcreme-Tüten, grüne Sprite-Flaschen – Plastikmüll gibt es auf der Insel Ghizo jede Menge. „Wir haben kein Abfallmanagement“, klagt Rendy Solomon, die fürs Gesundheitsministerium die Region betreut. Zwar wurden vor vier Jahren rote Holzgerüste aufgestellt, auf denen Haushaltsmüll gesammelt und wöchentlich zu einem Mülldepot transportiert werden soll. Die überquellenden Ablagestellen aber machen das Scheitern der Idee sicht- sowie riechbar. Es ist nicht das Einzige, das nur auf dem Papier funktioniert: Per 1. Juli 2018 erteilte die Region, die häufig von Erdbeben und Tsunamis betroffen ist, ein Verbot für Einwegplastiktüten und -flaschen. Im stillen Kämmerlein wie es scheint, denn angesichts fehlender Information und Gesetzgebung bleibt es nur ein weiterer wirkungsloser Versuch, der Plastikberge Herr zu werden.

Am Kunststoff verhungern #

Schildkröten und Seevögel, die Kunststoff als vermeintliche Nahrung aufnehmen und verhungern; Robben, die sich in Fischernetzen verwickeln und verenden oder Kamele, die in den entlegensten Regionen die allgegenwärtigen Plastiktüten fressen – schockierenden Bilder wie diesen begegnen wir täglich in den Social-Media-Kanälen. Bekannt ist ebenfalls, dass die giftigen Stoffe mit Meerestieren und übers Trinkwasser in unseren Mägen landen sowie zu Krankheiten wie Krebs führen können. Damit nicht genug, trägt Mikroplastik direkt zum Klimawandel bei. Zerfallen die winzigen Teile nämlich unter Sonnenlichteinstrahlung, werden laut Studie der „Universität Hawaii“ Treibhausgase wie Methan freigesetzt. Angesichts dessen wundert es nicht, dass Plastikmüll von Argentinien bis Zanzibar zum globalen Feindbild erklärt worden ist. Allein wirksame Waffen gegen das Ausbreiten des unkaputtbaren Kunststoffabfalls scheinen zu fehlen. Vielmehr führt der weltweit steigende Konsum zu einem Mehr an Verpackungsmaterial und infolgedessen wachsenden Müllbergen. „Wir importieren all diese Produkte aus dem Ausland“, bringt Rendy Solomon das Problem auf den Punkt, „wissen aber nicht, was wir mit der Verpackung tun sollen. Wir können sie nur wegwerfen ... oder etwas Sinnvolles damit anstellen.“ Gemeinsam mit anderen Frauen der salomonischen Insel Ghizo hat sie sich für Letzteres entschieden.

Mit den Waffen der Frauen #

„Vor ein paar Jahren habe ich Taschen und Girlanden aus recyceltem Plastik in einem Magazin gesehen“, erzählt Georgina. Das können wir auch, meinte sie und begann, mit anderen Mitgliedern der „United Church Women’s Fellowship“ bunte Kunststofftüten von der Straße einzusammeln und Girlanden daraus zu basteln. Im Mai 2017 gründeten die Frauen „Plasticwise Gizo“. Seither ist nicht nur die Produktpalette rasant gewachsen, auch sonst ist viel geschehen: Straßenaufräumaktionen, Schulprojekte zur Abfallentsorgung, Radioprogramme zur richtigen Mülltrennung, Kompost- sowie Bastel-Workshops und Pop-up-Märkte, auf denen die kreativen Arbeiten verkauft werden – angesichts der Aktivitäten könnte einem schwindelig werden. Aus dem kleinen 5-Frauen-Team ist in Rekordgeschwindigkeit ein stattlicher Verein mit über 100 Mitgliedern – darunter auch drei Männer – geworden. Inzwischen arbeitet die Gruppe als Teil des „Networks for Sustainable Environment“ mit 15 lokalen NGOs sowie den „UN Women“ zusammen. Außerdem wurde sie im August 2017 von der australischen Organisation „Plasticwise“ als deren erste internationale Zweigstelle anerkannt. „Mittelfristig möchten wir einen Markt für diese Kunstwerke etablieren“, geht die Reise für Rendy weiter, „es soll ein Zentrum sein, in dem wir Bewusstsein für die Abfallproblematik schaffen, informieren und inspirieren.“ Die farbenfrohen Plastiktaschen oder knalligen Schmuckstücke scheinen dafür wie gemacht. Nachbarinseln wie Noro und Santa Isabelle haben sich bereits von den kreativen Ideen anstecken lassen und Plasticwise Gizo zu Workshops eingeladen. Das ist in der melanesischen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit. „Männer treffen alle Entscheidungen, sie hören nicht auf uns Frauen“, freut sich Rendy, jetzt eine Stimme zu haben: „Wir sind für den Einkauf zuständig, wir ziehen unsere Kinder groß. Wir müssen Teil der Lösung sein. Wo sollen wir wohnen, wenn unsere Inseln im Müll untergehen? Wo sollen wir unser Essen anbauen, wenn unsere Böden verseucht sind?“

Es begann mit den Bienen ...#

Farmer und Exporteur Frédéric Chatelain in seinem Geschäft. Sein Label „La Foret de Mou“ exportiert Naturware bis nach Japan. Nun will er Gewächshäuser errichten.
Farmer und Exporteur Frédéric Chatelain in seinem Geschäft. Sein Label „La Foret de Mou“ exportiert Naturware bis nach Japan. Nun will er Gewächshäuser errichten.
Foto: © Neubauer

Auf weibliche Unterstützung bei der Beantwortung dieser schwierigen Fragen setzt auch Frédéric Chatelain im benachbarten Inselstaat Neukaledonien. „Meine Ladies haben mir beigebracht, mich um meine Umwelt zu kümmern“, schwärmt der 38-Jährige, „sie ernähren sich vom Wald und schützen ihn gleichzeitig. Sie sind die besten Lehrerinnen.“ Etwa 200.000 Angebeteten schmiert der ehemalige Hoteldirektor hier eben jenen Honig ums Maul, den sie normalerweise für ihn produzieren. Seit drei Jahren züchtet Frédéric auf dem väterlichen Bauernhof auf Mont Mou bei der Stadt Paita nämlich Bienen. „Jeder Stock hat eine andere Persönlichkeit“, kennt er seine Süßen so gut wie seine Westentasche, „Nummer drei ist besonders launisch, Nummer eins ist die Freundlichste.“ So unterschiedlich die Persönlichkeiten, so einzigartig schmecke der jeweilige Honig. Nur eines hätten alle gemeinsam: „Meine Ladies produzieren den besten Honig.“ Davon scheint nicht nur Frédéric überzeugt zu sein. Sein roher Naturhonig macht auf dem eigenen Markt genauso Furore wie in Japan sowie Frankreich, zu dem der Inselstaat gehört. „Wir können derzeit gerade 50 Prozent des Bedarfs abdecken“, weiß der Geschiedene, der für seine Export-Erfolge 2016 die höchste nationale Auszeichnung erhalten hat, „und das, obwohl unser Honig der Teuerste auf dem Markt ist.“ Mindestens ebenso begehrt sind die handgemachten Seifen, die Chatelains Business-Partner Jordan Lilloux in feinster „Harry Potter“-Manier aus Bienenwachs, Ölen und Zutaten wie melanesischem Kaffee sowie japanischem Grüntee zaubert. „Die Menschen merken, dass wir unsere Berufung gefunden haben“, glaubt Frédéric das Geheimnis seines Start-ups „La Forêt de Mou“ zu kennen. Eine, die zwar mit den Bienen anfing, damit aber längst nicht endet.

Fundamentaler Wechsel #

Inspiriert durch die Arbeit seiner Ladies tauschte der bis dahin gestresste Tourismusexperte Anzugschuhe gegen Gummistiefel und erkannte: „Es ist wichtig, auf die Natur zu hören und zu lernen, ihre Signale zu dekodieren.“ Heftige Regenfälle in der Trockenzeit zwischen Juni und November, gefolgt von Hitzeperioden, die die Wasservorräte zum Versickern bringen und Stürme, die immer öfter und in immer stärkerer Wucht die Pazifikinseln treffen. Man muss wohl kein Experte sein, um diese Signale deuten zu können. „Wie alle unsere Nachbarn im Südpazifik spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels besonders“, fasst Chatelain, der in den USA, der Schweiz und der Mongolei gelebt hat, zusammen, „die Folge sind Missernten und stark variierende Gemüsepreise. Jetzt zahlen wir zwei Euro für Salat, aber in Spitzenzeiten sind 10 Euro keine Seltenheit. Für eine Durchschnittsfamilie ist das unleistbar.“ Abgesehen davon sei Neukaledonien stark von importierten Lebensmitteln abhängig: 13.563 Tonnen eingeführtes Gemüse und Obst stünden 18.194 Tonnen lokal Produziertem gegenüber, weiß der Martial-Arts-Fan. Durch die ungesunde Ernährungsweise nehmen Diabetes und Kinderkrankheiten laut „United Nations“ zu, ganz zu schweigen von den unübersehbaren Abfallbergen. Es ist das er- und abschreckende Szenario, auf das ich auf meiner Reise durch den Südpazifik immer wieder treffe. Doch nur mit dem Beobachten gab sich Frédéric nicht zufrieden, er hat nach einer Lösung für diese komplexen Herausforderungen gesucht: „Auf YouTube habe ich die Aquaponik-Methode entdeckt“, berichtet er von seinem Fund, „und ich habe begonnen, mein Gewächshaus dementsprechend zu bauen.“ Das war 2015. Heute stehen wir in eben diesem 20 Meter langen Eigenbau, und der 38-Jährige zeigt mir, wie das „effizienteste Landwirtschaftssystem der Welt“ funktioniert. Dabei werden in einer geschlossenen Kreislaufanlage gleichzeitig Fische gezüchtet und Nutzpflanzen kultiviert, deren Wurzeln nicht in der Erde, sondern in wassergefüllten Behältern stecken. Das Wasser geht dabei nicht verloren, sondern wird automatisch mit Solarenergie von einem Becken ins Nächste gepumpt. Das macht das System nicht nur besonders ressourcenschonend, auch auf chemische Düngemittel kann man verzichten: Die Exkremente der Fische liefern sämtliche Nährstoffe fürs Grünzeug. „Du konservierst Wasser, produzierst keinen Abfall und bist von Wetterkapriolen oder Temperaturschwankungen unabhängig“, betont Frédéric und zupft Petersilienblätter ab, „wir pflanzen zehn Kilo, wir produzieren zehn Kilo – und das das ganze Jahr hindurch. Nur die Fische müssen wir regelmäßig füttern.“ Dass es funktioniert, stellen Business-Partner Jordan und er seit drei Jahren unter Beweis und zählen damit zu den Vorreitern auf den Pazifikinseln: Zehn Familien versorgen sie zu einem Fixpreis mit Lebensmitteln. Interessenten für den „Garten- Korb“ aus dem Haus La Forêt de Mou gibt es bei weitem mehr.

Land und Wasser #

Die Vorreiterinnen der nachhaltigen Wirtschaft in Neukaledonien, die Frauen von „Plasticwize Gizo“.
Die Vorreiterinnen der nachhaltigen Wirtschaft in Neukaledonien, die Frauen von „Plasticwize Gizo“.
Foto: © Plasticwise

Ginge es nach Chatelain, würde er diese auch bereits beliefern – allein es fehlt an finanziellen Mitteln. Die Finanzspritze der neukaledonischen Regierung, die das Potenzial seines Aquaponik- Systems erkannt hat, reichte zwar dafür, die Wasserpumpen zu bezahlen. Um mehr Gemüse und Obst anbauen zu können, muss ein größeres Gewächshaus errichtet werden. „Das Gute ist, ich habe Land und Wasser. Das sind die teuersten Elemente“, erklärt der kreative Geschäftsmann, „doch fürs Bauen und Betreiben der Gewächshäuser benötige ich rund 200.000 Euro.“ Nachdem es für seinen revolutionären Ansatz seitens der Banken im konservativen Neukaledonien bisher nur Absagen regnete, hat Chatelain jetzt einen neuen Zugang gefunden: „Ich möchte Anteile meines Unternehmens an private Investoren verkaufen“, hat er sich bewusst gegen privates Crowdfunding entschieden. Erste Interessenten aus Belgien waren bereits auf seinem alternativen Bauernhof zu Besuch, der von Kunstateliers, Yoga- und Massage- Schulen und Permakultur-Feldern umgeben ist. „Und wenn das große Gewächshaus fertig ist, benötigen wir fünf Vollzeit-Angestellte“, so der Halb-Vietnamese, der von rotierendem Bio-Sojaanbau bis Eco- Lodges schon die nächsten Pläne auf Lager hat, „drei dieser Positionen sollen von Frauen besetzt werden, zwei von Menschen mit Behinderung. Ich möchte einen Ort der Vielfalt schaffen.“ Auch das hat er von der Biodiversität des Waldes und seiner Bienen gelernt.

Unabhängigkeit auf dem Teller #

Das, was ihm seine Ladies fürs Leben gelehrt haben, möchte Chatelain nicht für sich behalten. Im Gegenteil. „Ich wollte ein Modell entwickeln, das auch an anderen Orten und auf anderen Inseln des Südpazifiks funktioniert“, geht es dem Beinah-Vegetarier ums große Ganze, „mit einem 50.000-Euro- Gewächshaus kann man monatlich 300 Kilo Salat ernten und damit eine Gemeinde von 60 Familien ernähren. Damit könnte ein Grundproblem aller Pazifikinseln gelöst werden: der sichere Zugang zu Lebensmitteln. Mit Aquaponik ist es egal, ob dein Boden durch den Anstieg des Meeresspiegels versalzen ist oder du neben einem aktiven Vulkan wohnst.“ Es gehe ihm dabei jedoch nicht darum, sein System zu verkaufen, betont der Vater zweier Grundschulkinder, er wolle vielmehr sein Know-how teilen. „Ich möchte Menschen Werkzeuge in die Hand geben, damit sie wirtschaftlich unabhängig werden“, meint er und fügt hinzu: „Dazu gehört, sich selbst versorgen und ernähren zu können.“ Schon seit einigen Jahren unterrichtet er deshalb in Schulklassen sowie an Universitäten und lässt Praktikanten auf seinem Bauernhof nicht nur im Aquaponik-Gewächshaus Pflanzen züchten, sondern bringt sie auch mit seinen eigenen Lehrmeisterinnen, den Bienen, in Kontakt. Wer weiß, zu welch kreativen Lösungsansätzen in Sachen Umwelt- und Klimaschutz sie die nächste Generation anstacheln ...

DIE FURCHE, 22. November 2018