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Leben wir bald unter Tage? #

Weil Flächen knapp und teuer sind, könnten Städte künftig nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Tiefe wachsen: „Erd-“ statt Wolkenkratzer. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 9. Mai 2018

Von

Adrian Lobe


U-Bahn
Frage des Zugangs. Die Frage, ob jemand aus der Ober- oder der Unterwelt kommt, könnte in Zukunft nicht mehr bloß eine moralische oder arbeitstechnische sein. Die Erde soll unter Tage bewohnbar werden.
Foto: pixabay.com, unter PD

Städte stehen unter einem immensen Wachstums- und Verdichtungsdruck. Laut einer UN-Studie werden im Jahr 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten wohnen. In China werden Planstädte auf dem Reißbrett entworfen, um der Landflucht entgegenzutreten, Indien will unter Premierminister Narendra Modi in den nächsten Jahren 100 smarte Städte aus dem Boden stampfen. Auch in Europa bekommt man die Folgen der Urbanisierung mit voller Wucht zu spüren: Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen, Familien müssen in die Vorstädte ziehen. Die Zentren verkommen zum Schauraum und Rummelplatz.

Mexico Citys Tiefen #

Um neuen Wohnraum zu schaffen, gibt es stadtplanerisch zwei Möglichkeiten. Erstens: Man baut in die Höhe, wobei die Gefahr ist, dass sich die Hochhäuser ästhetisch nicht ins Stadtbild fügen. Zweitens: Nachverdichtung. Auch das ist besonders bei Anwohnern ein heißes Eisen, weil damit Frischluftschneisen versperrt werden und neben dem ökologischen auch das soziale Klima durch neuen Zuzug vergiftet werden kann. Derweil erkunden Stadtplaner eine dritte Möglichkeit, neuen Wohnraum zu schaffen. Die Idee: Man baut einfach in die Tiefe.

Das Architekturbüro BNKR Arquitectura hat vor ein paar Jahren den Entwurf eines „Erdkratzers“ (Earthscraper), einer umgekehrten Pyramide, vorgelegt, die sich 65 Stockwerke in die Tiefe von Mexico City bohren soll. Der Entwurf sieht vor, am Hauptplatz „Zocalo“ der Millionenmetropole, einer quadratischen Plaza von 240 Metern Breite und Länge, eine 300 Meter tiefe Struktur in den Boden zu bauen. Die ausgehöhlte Pyramide würde Platz für Wohnungen, Geschäfte und Theater bieten, begrünte Zwischendecks und Terrassen sowie verglaste Passagen die einzelnen Etagen verbinden. Die steinerne Platte des „Zocalo“ soll einem Glasboden weichen, der Einblick ins Innere der Untergrundstadt gibt. Man kann es sich wie die Pyramide des Louvre vorstellen, nur gespiegelt und um ein Vielfaches größer.

Der Hintergrund: Das historische Stadtzentrum von Mexico City besteht aus verschiedenen Schichten. Als die Azteken die Stadt unter dem Namen Tenochtitlan im 14. Jahrhundert gründeten, errichteten sie zur Anbetung der Gottheiten Pyramiden. Je mehr sich das Aztekenreich ausdehnte, desto größer wurden die Pyramiden. Als die Spanier die Stadt eroberten, bauten sie auf den Pyramiden christliche Kirchen. Mexico City ist also wie ein vielschichtiger Kuchen. Und diese Geschichte spiegelt die verkehrte Pyramidenstruktur. Zur Realisierung des Projekts kam es aber nicht. Die Kosten von 800 Millionen US-Dollar waren zu hoch. Doch die Vision, den Untergrund von Städten zu bewirtschaften, lebt weiter.

Erster Untergrundpark in New York #

In New York entsteht derzeit in einem stillgelegten U-Bahn-Schacht nach den Plänen von Dan Barasch der weltweit erste Untergrundpark. Wo einst Züge anrauschten und sich Ratten tummelten, sollen Familien in einer begrünten Parkanlage unter Tage spazieren können. Die Flora soll dabei mit Kunstlicht kultiviert werden. „Lowline“, wie der unterirdische Park heißt, soll das Gegenstück zur High Line werden, eine stillgelegte Hochbahntrasse, die zum Park umfunktioniert wurde und sich in den letzten Jahren zu einem veritablen Besuchermagnet entwickelt hat. Die Stadtverwaltung von Paris hat im Rahmen des Projekts „réinventer.paris“ (Paris neu erfinden) einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, wie man baufällige Pumpstationen, Metrostationen oder Tunnelsysteme revitalisieren könnte. „Unter dem Pflasterstein liegt die Zukunft“, verkündet die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. In Peking hat sich indes eine informelle Untergrundstadt entwickelt, die einst unter Mao als weit verzweigtes Bunkersystem im Kalten Krieg für sechs Millionen Menschen errichtet wurde und unter dem jetzigen Staatschef Xi Jinping als Wohnstätte für Habenichtse geduldet wird.

Der Stadtstaat Singapur, einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt und mit einer Fläche 720 Quadratkilometern gerade einmal halb so groß wie der Kanton Zürich, erarbeitet derzeit einen Masterplan, wie man den Untergrund effektiver nutzen könnte. In mehreren Schichten sollen Busbahnhöfe und Fahrradparkplätze im Untergrund entstehen. Fußgänger sollen zur Überquerung von Straßen oder beim Gebäudeübergang durch Unterführungen gehen. Auch Teile des Autoverkehrs sollen unter die Erde verlegt werden. Geht es nach der staatlichen Planungsbehörde JTC Corporation, könnte sogar eine ganze Wissenschaftsstadt (Science City) im Untergrund entstehen. Auf 192.000 Quadratmetern Raum sollen bis zu 4000 Wissenschaftler in fensterlosen Laboren unter Tage forschen. Mit der CityLink Mall gibt es bereits ein riesiges Einkaufszentrum unter Tage. Geld ausgeben im Untergrund? Für die Singapurer Stadtgesellschaft ist das Alltag. Künftig könnte nicht nur der Konsum, sondern auch die (Wissens-) Produktion im Untergeschoss der Megacity stattfinden.

Wohnbau über Tage #

Die Idee ist es, mit der Tieferlegung städtischer Infrastrukturen Flächen über Tage freizusetzen, die dann für Wohnbauprojekte genutzt werden können. Doch dieses kühne architektonische Ansinnen ist nicht ganz ungefährlich. Singapur liegt auf einem sumpfigen Tropenboden, was bereits den Bau von Hochhäusern zu einer statischen Herausforderung macht. Wenn man diesen rötlich-lehmigen Boden weiter abträgt, könnte das Fundament der Megacity wacklig wie ein Pudding werden. Auch die Landgewinnung birgt erhebliche Risiken durch unvorhergesehene Erosionsprozesse. Mangroven, die in den tropischen Sumpfgebieten einen natürlichen Erosionsschutz bieten, sind in dem Stadtstaat längst abgeholzt – sie mussten Hochhäusern weichen. Singapur kämpft heute mit Dämmen und Felsböschungen gegen den ansteigenden Meeresspiegel. Der Frage nach der technischen Realisierbarkeit geht jedoch die Frage voraus, ob wir in solchen Untergrundstädten überhaupt leben wollen. Die Vorstellung, im 50. Stock eines Hochhauses mit Blick auf die Stadt zu wohnen, klingt dann doch erbaulicher als ein dunkles Wohnloch im 50. Untergeschoß.

DIE FURCHE, 9. Mai 2018