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Von der Eigenkirche zur Kathedrale#

Zur historischen Entwicklung der Grazer Ägydiuskirche#


Von

Michaela Sohn-Kronthaler

Vortrag, Domkuratorium, Graz, 13. September 2016


Seit exakt 230 Jahren ist die Grazer Ägydiuskirche Kathedrale und somit Bischofskirche unserer Diözese Graz-Seckau. Diese relativ kurze Dauer im Vergleich mit der nun bald acht Jahrhunderte währenden Geschichte des Bistums lässt sich nur mit ihrem Entstehen im Hochmittelalter und den damit verbundenen damaligen Rechtsverhältnissen erklären. Ebenso ist das uns heute geläufige Bild der mit dem Bundesland Steiermark deckungsgleichen Diözese Graz-Seckau das Ergebnis eines jahrhundertelangen Werdens. An der Formierung des Landesbistums waren kirchliche und staatliche Kräfte beteiligt, erst im 18. und 19. Jahrhundert fand dieser Prozess weitestgehend seinen Abschluss.

Zur Diözese Graz-Seckau

Am Anfang - im beginnenden 13. Jahrhundert - stand das Eigenbistum Seckau, das als solches von Salzburg aus errichtet wurde. Als Gründer tat sich „einer der größten Salzburger Erzbischöfe", so der Kirchenhistoriker Karl Amon, hervor: nämlich Eberhard II. Dieser rief für sein ausgedehntes Gebiet, das sich von der Ziller bis zur Lafnitz und vom Inn bis zur Drau erstreckte, drei Eigenbistümer ins Leben: in Bayern Chiemsee (1215), in der Steiermark Seckau (1218) und in Kärnten Lavant (1228). Urkunden aus den Jahren 1217 bis 1219 dokumentieren den steirischen Gründungsvorgang: Mit der Vollmacht des Papstes Honorius' III. errichtete der Erzbischof selbst das Bistum Seckau, König Friedrich II. bestätigte dieses nachträglich 1218.

Erst mit der josephinischen Diözesanregulierung von 1786 trat eine tiefgreifende Änderung der seit dem beginnenden 13. Jahrhundert geschaffenen Strukturen ein. Damals entstanden unter Belassung der Metropolitangewalt Salzburgs drei Diözesen: Leoben mit Bischofskirche und -sitz in Göß für die Obersteiermark, Seckau mit Kathedrale und bischöflichem Amtssitz in Graz für die Mittelsteiermark und einen Gebietsstreifen südlich der Drau sowie Lavant mit Bischofssitz in St. Andrä im Lavanttal wie bisher für den überwiegend slowenischen Süden des Landes bis zur Grenze an der Save. Bekanntlich erfolgte die Umwandlung der offiziellen Bistumsbezeichnung in Graz-Seckau erst im Jahre 1963.

Zur Entwicklung der Ägydiuskirche#

Wehrkirche - Eigenkirche – Pfarrkirche#

Der ursprüngliche Vorgängerbau des Grazer Domes ist archivalisch erstmals 1174 als Kirche St. Ägydius fassbar. Diese war zunächst Eigenkirche eines Grundherrn, wird aber bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts als Pfarrkirche mit Pfarrfriedhof bezeichnet. Letzterer wurde erst unter Joseph II. im Zuge des Verbotes innerstädtischer Friedhöfe aufgelassen. Wir wissen über deren Aussehen nichts, vermutlich handelte es sich um einen kleinen Bau, umgeben von einer wehrhaften Mauer. Als Kirchenkastell mit Wehrmauer erhob es sich vermutlich über die tieferliegende, frühmittelalterliche Marktanlage (oder eines sogar noch kleineren Ortes). Das Ägydius-Patrozinium des beliebten französischen Volksheiligen (neben dem hl. Leonhard) ist typisch für das 12. Jahrhundert. Als erster Pfarrherr ist ein „Henricus de Graece" auszumachen, der 1188 erstmals als Pfarrer von Graz urkundlich bezeugt ist. Die Pfarre umfasste damals noch das gesamte linke Murufer des Grazer Beckens von Weinzödl bis Fernitz.

Pfarr- und Hofkirche#

Noch vor seiner Wahl zum deutschen König (1440) und zum römischen Kaiser (1452) begann Herzog Friedrich von Innerösterreich eine Stadtburg zu errichten, die auch den Neubau unserer St. Ägydius-Kirche zur Folge hatte. Eindrucksvoll und außergewöhnlich war die Größe dieser Grazer Pfarrkirche, die nach Karl Amon „vielleicht schon zur Zeit ihrer Erbauung als bischöfliche Kathedrale gedacht [war]". Immer wieder finden wir Inschriften mit den rätselhaften Vokalen AEIOU. Die Bauzeit lässt sich aufgrund der eingemauerten Datierungssteine auf den Zeitraum 1438 bis 1464 festlegen.

Die kunsthistorische Ausstattung und architektonische Erschließung dieser für das 14./15. Jahrhundert typischen spätgotischen Hallenkirche überlasse ich meinem Kollegen Hochschulpfarrer MMag. Alois Kölbl.

Die Ägydiuskirche blieb weiterhin Pfarrkirche der Stadt und wurde nun auch in deren Ummauerungsgürtel integriert.

Das Gotteshaus war nun auch Kirche des kaiserlichen Hofes. Diese enge Beziehung zwischen Herrscher und Hofkirche wurde durch einen Verbindungstrakt zum Ausdruck gebracht. Dieser bestand zwischen Burg und Kirche über der Hofgasse, wie dies noch sehr eindrucksvoll das Bild von Conrad Kreuzer 1840 zum Ausdruck bringt. Die enge Beziehung Friedrichs zu seiner Kirche zeigte sich auch im Christophorus-Fresko: Es trägt die Züge Friedrichs III., der damals jedoch bereits Kaiser war und mit dem steirischen Herzogshut abgebildet ist.

Residenzkirche - Jesuiten- bzw. Ordenskirche#

Auf eine weitere Bedeutung der ehemaligen Pfarrkirche St. Ägydius möchte ich an dieser Stelle hinweisen. Im 16. Jahrhundert bildeten sich auch in der Steiermark mehrere Konfessionen heraus. Graz stieg 1564 zur Residenzstadt Innerösterreichs auf, der habsburgisch-katholische Erzherzog Karl II. residierte in der Grazer Burg. Im Rahmen seiner Rekatholisierungsmaßnahmen rief er die Jesuiten, zumal beinahe die ganze Stadt Graz um 1570 protestantisch geworden war. Diesen wurde nicht nur der Pfarrhof übergeben, an dessen Stelle das Jesuitencollegium (heute Priesterseminar) erbaut wurde, sondern 1577 auch die Pfarrkirche St. Ägydius, die nun als Hofkirche zwei Jahrhunderte Ordenskirche der Gesellschaft Jesu in Graz wurde (bis zur Auflösung des Ordens 1773). Aus diesem Grund entstand ein zweiter direkter Zugang bzw. Verbindungstrakt zwischen Jesuitenkolleg und Ordenskirche, da nach den Vorschriften der Generalkongregation der Jesuiten ein solcher gegeben sein musste. Erst in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dieser Bauteil zusammen mit der ehemaligen Friedhofsmauer entfernt.

Die mächtige Jesuitenkirche lag nun eingebettet zwischen der Burg des Landesfürsten und dem Jesuitenkollegium. Sie war das sakrale Zentrum des Ordens, dort wurden die wichtigsten Feste der Universität begangen. Die Gesellschaft Jesu war infolge der Exemtion des Ordens überpfarrlich aktiv; die Menschen kamen gerne, um fundierte Predigten zu hören, um die Sakramente der Buße und des Altares zu empfangen. Mit anderen Worten: Die Ägydiuskirche war die wichtigste Seelsorgekirche von Graz und stand mitunter in Konkurrenz zur Heilig-Blut-Kirche, die inzwischen (1585) zur Stadtpfarrkirche erhoben worden war.

Weil durch die reformatorischen Unruhen bauliche Schäden entstanden - so steht es in den Visitationsprotokollen jener Zeit -, nutzten die Grazer Jesuiten die Gunst der Stunde, um ihrem Gotteshaus mit der nötig gewordenen Gesamtrenovierung ihre eigene bauliche Prägung zu geben. Das auf die Jesuiten zurückzuführende, uns heute so vertraute Aussehen ist im Kirchenraum und äußerlich unverkennbar. Es sei nur exemplarisch auf die Kapellenzu- und Ausbauten verwiesen, die auch das Programm der Katholischen Reform verdeutlichen, wie u. a. die Wiederbelebung der Heiligenverehrung.

Filialkirche - Universitätskirche – Seminarkirche#

Mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 entstand im geistigen und kirchlichen Leben von Graz eine große Lücke. Die Ägydiuskirche wurde nun von einem Subdirektor geleitet, an seiner Seite fungierten drei Exjesuiten als Prediger. Rechtlich bildete sie nur eine Filiale der Stadtpfarrkirche. Seit 1781 fungierte sie wieder als Universitätskirche und war „sogar Eigentum der kaiserlichen Universität" (Karl Amon), 1782 wurde sie Kirche des neu errichteten josephinischen Generalseminars Innerösterreichs, das sich im ehemaligen Jesuitenkolleg befand.

Kathedrale und Kirche der Dompfarre#

Vielleicht wäre die Ägydiuskirche sogar Metropolitankirche geworden, wenn der vom damaligen Bischof Joseph Adam Graf Arco unterstützte Plan Kaiser Josephs II. zur Schaffung einer innerösterreichischen Kirchenprovinz mit Graz als Metropolitansitz nicht am Widerstand des Salzburger Erzbischofs Colloredos gescheitert wäre. Arcos Ernennung zum Erzbischof war bereits 1783 ausgesprochen worden. Voller Freude ließ der Grazer Oberhirte ein erzbischöfliches Wappen an seinem Bischofspalais, am Eingangstor, voreilig anbringen, das indes die Zeitläufte überstand - bis zur Zerstörung durch einen Bombentreffer 1944.

Ihren höchsten Rang erhielt die Ägydiuskirche dann als Kathedrale des steirischen Bistums Seckau. Papst Pius VI. stimmte den Plänen von Joseph II. zu, wonach Graz neuer Bischofssitz von Seckau, die Ägydiuskirche Kathedrale mit einem Domkapitel und einer Dompfarre wurde. 1786 übertrug der Kaiser den Bischofssitz von Seckau nach Graz, das Jesuitenconvikt wurde zum Domherrenhaus. Der feierliche Einzug von Bischof und Kapitel fand am 26. November 1786 statt. Es war Bischof Arco, der als erster Seckauer Bischof von der Kirche Besitz nahm. Erster Dompfarrer wurde Joseph Maximilian von Heipel.

Kapitelkirche#

Kaiser Joseph II. hatte zwei Jahre zuvor, 1784, ein neues Domkapitel eingerichtet, da das Augustinerchorherrenstift zu Seckau, das zugleich (nominelles) Domkapitel (mit Propst, Dekan, Scholaster und vier Kapitularen) gewesen war, der josephinischen Klosterreguliemng zum Opfer gefallen war. Das Kapitel wurde 1786 bei der Verlegung des Bischofssitzes nach Graz und der Erhebung der ehemaligen Jesuitenkirche zur Kathedrale installiert. Seine Mitglieder übernahmen leitende Stellen in der Diözesanverwaltung. Als Kollegium unterstützte es fortan den Bischof bei seiner Amtsführung. Somit ist unser heutiger Dom nicht nur Kathedrale beziehungsweise Bischofskirche, sondern auch Kapitelkirche.

Ort von Bischofs- und Priesterweihen - Grablege der Bischöfe#

Als Stätte von Bischofsweihen hat der Grazer Dom keine lange Tradition. Die ersten Bischofskonsekrationen fanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. 1880 soll dort ein ungarischer Weihbischof geweiht worden sein. Vier Jahre später wurde im Dom der damalige Grazer Ordinariatskanzlers und Kapitular Jakob Missia aus Heiligenkreuz bei Luttenberg/Ljutomer (heute Slowenien) zum Bischof von Laibach konsekriert. 1948 empfing Leo Pietsch die Bischofsweihe; 1969 wurde mit Johann Weber wieder ein Diözesanbischof in dieser Kirche geweiht. 2002 erfolgte dort die Weihe von Franz Lackner zum Weihbischof. Am 14. Juni 2015 wurde Wilhelm Krautwaschl als 58. Diözesanbischof von Graz-Seckau im Grazer Dom konsekriert.

Die Priesterweihen der Diözese (Graz-)Seckau sind von 1585 (also die Zeit von Bischof Martin Brenner) bis 1968 in den Weiheprotokollen mit Angabe des Ortes dokumentiert. Pro Jahr gab es bis zu 21 Weihetermine an zum Teil unterschiedlichen Orten. Die erste quellenmäßig in der „Hofkirche zum Hl. Ägydius" in Graz nachweisbare findet sich in den Weiheprotokollen des Jahres 1615. Spätestens mit der Erhebung zur Kathedrale wurde die Ägydiuskirche zum permanenten Ort der Priesterweihen.

Selbstverständlich kommt dem Dom auch Bedeutung als Grablege der Bischöfe zu. In die neue, 2010 geschaffene Grablege wurden die Oberhirten Joseph Adam Graf Arco (1780-1802), Johann Friedrich Graf von Waldstein-Wartenberg (1802-1812), Roman Sebastian Zängerle (1824-1848) sowie Weihbischof Leo Pietsch (1948-1967) überführt.

Ort des Widerstandes und der Erinnerung#

In diesen knappen Ausführungen soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich in der Barbarakapelle des Grazer Domes während der drangvollen NS-Herrschaft Mitglieder der späteren Katholischen Hochschulgemeinde und der „Barbaragemeinde" (die Bezeichnung kam im Nachhinein auf) getroffen haben, dort regelmäßig Gottesdienst gefeiert und gebetet und sich wohl auf diese Weise auch Kraft und Halt gegeben haben. Das Anbringen einer Erinnerungstafel im Rahmen des Diözesanjubiläums wäre ein starkes Zeichen des Nichtvergessens von mutigen Christinnen und Christen in einer dunklen Zeit, die couragiert ihren christlichen Glauben gelebt und praktiziert haben.

Schlussbemerkungen#

So spiegelt sich im Dom zum hl. Ägydius eine vielfältige Geschichte. Aus der ehemaligen Eigen- und Pfarrkirche, der Hof- und späteren Jesuitenkirche wurde der Dom der Diözese Graz-Seckau. Er ist das Herz der Grazer Stadtkrone - Hanns Koren bezeichnete sie sogar als „Landeskrone" - und somit zentrales Bauwerk der Grazer Altstadt, die 1999 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde. Der Dom ist Teil des geschichtsträchtigen Stadtensembles mit der Burg, dem Mausoleum, der Alten Universität und dem diözesanen Priesterseminar.

Wie in keiner anderen Landeshauptstadt Österreichs liegen das weltliche und geistliche Zentrum so eng nebeneinander wie in Graz. Zwar wurden die einst gemauerten Verbindungsgänge zwischen Dom und Jesuitenkolleg bzw. im weiteren Sinne der Alten Universität als kirchlich-geistliche und wissenschaftliche Zentren und zur Burg als Sitz der politischen Macht im 19. Jahrhundert abgerissen. Doch die historisch gewachsenen Verbindungen zwischen Kirche und Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst (mit dem Schauspielhaus) sollen weiterhin Bestand haben und von allen Beteiligten gepflegt werden.