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Absperren#

Ein Hochzeitsbrauch#

von Martin Krusche

Ich hab seit Jahrzehnten keine Hochzeit ohne Absperren erlebt. Dennoch kommt es in meiner Handbibliothek über Volkskultur kaum vor. Es ist ein sogenannter Heischebrauch, was bedeuetet, den Gästen wird etwas abverlangt, Leistung oder Geld. Günther Jontes erwähnt in seinem Buch „Das ist der steirische Brauch“, daß auf dem Weg zum Hochzeitsmahl eine Sperre errichtet werde, an der die Hochzeitsgesellschaft von den Beiständen freigekauft werden müsse. Andere Quellen erwähnen den Weg zur Kirche als Anlaß dafü. Es gibt wohl regionale Vielfalt in der Umsetzung.

Hier ist entweder Maut für die Braut fällig, oder aber Wegzoll auf jeden Fall. (Foto: Martin Krusche)
Hier ist entweder Maut für die Braut fällig, oder aber Wegzoll auf jeden Fall. (Foto: Martin Krusche)

Das Bezahlen einer Brautmaut soll ursprünglich für dorffremde Bräute üblich gewesen sein, heute aber generell zur Anwendung kommen. Es gibt auch die Version, daß derlei Maut an die unverheirateten Burschen und Mädchen zu entrichten sei, da nun zwei aus ihrer Mitte genommen wurde und ins Lager der Eheleute wechseln.

Manche Quellen nennen übrigens das Durchsägen eines Baumstamms als notwendige Leistung, um die Sperre aufzuheben.

Verrät die Verkleidung des 'Türhüters' eine Jugendsünde des Brautpaars? (Foto: Martin Krusche)
Verrät die Verkleidung des "Türhüters" eine Jugendsünde des Brautpaars? (Foto: Martin Krusche)

Es können aber auch andere Arbeiten verlangt werden. Im Internet kann man gelegentlich Erörterungen solcher Bräuche finden, wobei auch Argumente dagegen vorgebracht werden.

Zum Beispiel: „Ich kenne nur das Baumstumpf durchsägen und das finde ich total blöd. Da kann ja auch das Kleid beschädigt werden.“ (Marion) Mancherorts müssen die Brautleute hinnehmen, daß an der Sperre allfällige Jugendsünden ausgeplaudert werden.

Ich hab es bisher nur so erlebt, daß man an der Sperre einen Beitrag für das Fest leistet, wahlweise Kindern, von denen abgesperrt wird, auf diesem Weg ein Taschengeld zukommen läßt. Als ich jüngst in Maria Fieberbründl (Oststeiermark) Zaungast einer Hochzeit war und mich auf dem Weg zum einzigen Gasthaus nahe der Wallfahrtskirche befand, kam ich an so eine Absperrung, die von gut gelaunte Erwachsenen vorgenommen wurde.

Gewissermaßen: ein fröhliches und sehr geselliges Inkassobüro. (Foto: Martin Krusche)
Gewissermaßen: ein fröhliches und sehr geselliges Inkassobüro. (Foto: Martin Krusche)
Wer behauptet, kein Kleingeld dabei zu haben, muß Kompensation anbieten. (Foto: Martin Krusche)
Wer behauptet, kein Kleingeld dabei zu haben, muß Kompensation anbieten. (Foto: Martin Krusche)
Der Wegweiser macht klar, um wen es an diesem Tag geht. (Foto: Martin Krusche)
Der Wegweiser macht klar, um wen es an diesem Tag geht. (Foto: Martin Krusche)

Am Seilende saß ein Mann als Baby kostümiert, nahm eine Flasche in den Mund und greinte laut, während er das Seil straffte. So fand ich Gelegenheit, bei dieser Hochzeit als erster eine Abgabe an dieser Sperre zu leisten, wofür mir allerdings umgehend ein Getränk angeboten wurde. Ein freundlicher Leistungsaustausch.

Der Bräutigam kommt im rasanten Lancia Delta integrale an. (Foto: Martin Krusche)
Der Bräutigam kommt im rasanten Lancia Delta integrale an. (Foto: Martin Krusche)
Die Braut fährt im komfortableren Ford Mustang vor. (Foto: Martin Krusche)
Die Braut fährt im komfortableren Ford Mustang vor. (Foto: Martin Krusche)

In ihrem Buch Verschwundene Bräuche (Das Buch der untergegangenen Rituale), das hier online verfügbar ist, erläutert Helga Maria Wolf: „Heischebräuchen mußten keine sichtbaren Gegenleistungen zu Grunde liegen. Es reichte die Verheißung von Segen und die Darbietung von Sprüchen.“

Gesegnet wurde ich in Maria Fieberbründl zwar nicht, aber an flotten Sprüchen war kein Mangel, vor allem aber ein Übermaß guter Laune, von der man sich begleiten lassen konnte. Und das ist auf jeden Fall eine Gabe, von der man eine Weile zehrt.

Post Scriptum#

Manche Brautleute wünschen sich für die Fahrt an diesem Tag einen Rolls Royce oder eine überlange Stretch-Limousine. Damit wird noble Distanz zum Alltag demonstriert. Wie festliches Gewand dazugehört, soll eben auch das Transportmittel einen festlichen Charakter ausdrücken. In den Zeiten vor der alllgemeinen Volksmotorisierung war es zum Beispiel üblich, daß Taxifahrer bei solchen Fahrten das Taxi-Schild abmontierten, auf daß der Anschein von Privatbesitz hergestellt werden konnte.
Der Stolz des Bräutigams: Seine Puch 250 S4 (Sport-Viergang) von 1936. (Foto: Martin Krusche)
Der Stolz des Bräutigams: Seine Puch 250 S4 (Sport-Viergang) von 1936. (Foto: Martin Krusche)

Auch hier wurde mit der Wahl von zwei Klassikern eine spezielle Position betont. Der Lancia Delta Integrale ist ein europäischer Youngtimer, welcher Rallye-Geschichte geschrieben hat. Der Ford Mustang ist eine amerikanische Ikone, von der vor allem die scharfen Versionen von Carroll Shelby Legenden-Status haben. So zeigt sich, daß es dem Bräutigam im Auftritt nicht um Noblesse ging, sondern um einen ebenso emotionalen wie sachkundigen Zugang zur Automobilgeschichte.

Nebenbei bemerkt: Da ein wuchtiges Gewitter den Verlauf dieser Hochzeit verzögert hat, fand der Bräutigam Zeit, um zu zeigen, woran er mit seinem Großvater gearbeitet hat: Eine der begehrten Puch 250 S4 von 1936, nun wieder in Top-Zustand. Ein kleiner Querverweis auf die Volkskultur in der technischen Welt, in der teilweise Kompetenzen erhalten werden, welche die Wirtschaft derzeit nicht mehr braucht.

Weiterführend#