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Von Hegeso bis Heinrich Schliemann#

Athens berühmteste Friedhöfe aus Antike und Gegenwart#


Von

Günther Jontes

Die Abbildungen wurden vom Verfasser im Jahre 2007 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


Friedhöfe waren in der Antike bei Hellenen und Römern aus dem Weichbild der Stadt verbannt und mussten außerhalb der Stadtmauern angelegt werden. Ausnahmen wie die römische Engelsburg als Grabmal des Kaisers Hadrian und der Grabhügel des Augustus sind Ausnahmen, die mit der Vergöttlichung von Herrschern zu tun haben. Das Streben nach ständischer Präsentation auch über den Tod hinaus führte dazu, dass besonders an den Hauptausfallstraßen aufwändige Grabdenkmäler entstanden, wie es im Imperium Romanum deutlich an der Via Appia Antica zu beobachten ist.

Im antiken Griechenland ist ähnliches geschehen. Und so entstand in Athen nördlich der Stadt noch in Sichtweite der Akropolis im Viertel, wo die Töpfer werkten, der kultur- und kunstgeschichtlich bedeutendste Friedhof, den man nach dem Zentrum der Keramiker von Athen und Attika Kerameikos nannte. Im Mittelalter vergessen und unter der Last der Jahrhunderte begraben, wurde er 1861 bei der Anlage einer Straße wiederentdeckt und in der Folge seit 1913 durch deutsche Archäologen erforscht und so der Menschheit wiedergegeben.

Friedhof
Friedhof
Friedhof

Durch zwei Tore – deshalb Dipylon – führte die Ausfallstraße, ein Weg durch das Heilige Tor nach dem wichtigen Heiligtum Eleusis, der andere nach Athen. Von hier aus zog die Prozession der Panathenäen zu Ehren der Stadtgöttin Pallas Athene zu deren Heiligtum auf der Akropolis. Gräber vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die Römerzeit folgen dem Lauf der Geschichte. Auch Perikles (gest. 429 v. Chr.), der große Staatsmann und Erbauer der klassischen Akropolis und Kleisthenes ( gest. nach 507 v. Chr.), der Wegbereiter der attischen Demokratie, wurden hier begraben. Ihre Gräber kennt man nicht mehr.

Der Kerameikos zählt heute in Athen nicht zu den Plätzen des Massentourismus. Es ist still hier, es führen keine Verkehrsadern mit ihrem Lärm vorbei. Der Bach Eridanos fließt gemächlich durch das Gelände, bildet Schilfinseln und wer hier in Ruhe und Andacht diese Stätte auf sich wirken lässt, wird wohl auch einer Schildkröte, einer Griechischen Landschildkröte begegnen, die gemächlich seinen Weg kreuzt und sich so zeigt, als sei sie schon von Anbeginn seit Jahrtausenden hier gewesen.

Das Gelände ist durch mächtige Mauern gegliedert, deren älteste in der Art von Zyklopenmauern errichtet wurde. Sie grenzen auch die Grabbezirke einzelner Geschlechter oder Familienverbände ein.

Schildkröte
Mauern
Mauern
Mauern
Mauern
Mauern
Mauern

Im Laufe der jahrzehntelangen Grabungen, die noch heute andauern, kam eine große Zahl von Grabstelen und anderen Denkmälern zum Vorschein, deren überragende Beispiele sich heute im Nationalmuseum in Athen befinden, während andere, ebenfalls höchster künstlerischer Qualität sich in dem kleinen, aber sorgfältig gepflegten Museum im Kerameikos selber finden.

Museum im Kerameikos

Im Freien sind die Grabstelen meist durch werkgetreue Kopien ersetzt.

Die Bestattungsformen und –bräuche sind engstens mit den Jenseitsvorstellungen verbunden. Sterben und Tod sind ein zentrales Motiv in der antiken Philosophie, an deren Wiege ja Hellas steht. Epikur meint, dass er mit dem Tod nichts zu schaffen habe, denn: Bin ich, ist er nicht - Ist er, bin ich nicht. Für Plato ist der Tod bloß die Trennung von Leib und Seele, die man durch asketisches und meditatives Leben bereits auf Erden erreichen könne.

Wenn der Mensch stirbt, so muss nach landläufigen einstigen Vorstellungen seine Seele oder seine Identität in die Unterwelt, den Hades. Dabei führt ihn der Fährmann Charon über den Fluss Styx. Eine kleine Münze, der Obolos, der dem Toten in den Mund oder auf die Augen gelegt wird, ist das Fährgeld. Aus dem Fluss Lethe trinkend, lässt der Tote alles hinter sich, was ihn an Erinnerungen an das Leben gebunden hat. Als ein freud-, aber auch leidloser Schatten wandelt er künftig dahin. Eine strafende Gerechtigkeit existiert nicht.

Seltsam blutleer sind solche Vorstellungen. Keinerlei Erlösungshoffnungen nach einem Leben voller Arbeit und Plage, Sorgen und Leid gibt es. Es nimmt daher nicht wunder, dass Religionen und Vorstellungen wie das Christentum, der Isis- und der Mithraskult später so erfolgreich waren.

Zwar entrückten die Götter Helden, denen sie die Unsterblichkeit geschenkt hatten, in ein paradiesisches Gebiet am äußersten Rand der vom Okeanos umflossenen Erdscheibe. Das war das Elysion Pedion, die „seligen Gefielde“, welche die Römer und damit auch wir dann Elysium nannten. Später versetzten Dichter wie Vergil das Elysium in die Unterwelt, wo in einem bevorzugten Winkel die Frommen und Gerechten Platz finden.

Philosophische Gelassenheit zeichnet in den figuralen Grabstelen des Kerameikos die Darstellungen aus. Das Wort Stele bedeutet „Säule, Grabstein“. Ein Typus trägt Name und Bild und ist nach oben hin mit Blättern und Blumen, dem Anthemion, abgeschlossen.

Der Grabbezirk des Koroibos mit seinen Stelen

Grabbezirk des Koroibos
Stele der Hegeso
Grabbezirk des Koroibos

Hier befindet sich auch die bereits 1870 ergrabene Stele der Hegeso, die als schönste und am meisten ergreifende der ganzen attischen Grabmalkunst gilt. Das Original steht heute im Athener Nationalmuseum.

Eine Alltagsszene ist in eine Architektur eingeschlossen, die von einem Giebel gekrönt wird. Das Relief aus pentelischem Marmor ist 1,56 m hoch und dem Stil und der perfekten technischen Ausführung nach von dem berühmten Bildhauer Kallimachos oder einem seiner Werkstättengenossen am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. geschaffen worden. Eine Inschrift nennt als Dargestellte Hegeso Proxene, also die Frau oder Tochter eines Proxenos.

Vom Tod oder von Trauer und Abschiedsschmerz ist weder real noch symbolisch etwas zu spüren. Auf einem eleganten Sessel mit Lehne sitzt eine junge Frau in gefälteltem Gewand mit gelösten Sandalen. Vor ihr steht eine Dienerin, die proportional etwas kleiner ist und damit ihre untergeordnete Stellung im Haushalt andeutet. Der Typus ihres Gewandes und die das Haar verbergende Haube weisen sie als Sklavin aus. Sie reicht der Herrin eine Schmuckschatulle, aus der Hegeso ein Stück genommen hat und prüfend betrachtet. Die Darstellung strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Harmonie des Wollens und Tuns spricht den Betrachter an. Tod und Verklärung ohne Pathos hat so gar nichts mit dem freudlosen Schattendasein im Hades zu tun. Eine entspannte häusliche Szene zeigt uns diese Stele, die man lange Zeit auf sich einwirken lassen und mit seinen eigenen Vorstellungen von Tod und Leben vergleichen sollte.

Viele andere Stelen vom Kerameikos kommen ebenfalls ohne die Darstellung von der Unabänderlichkeit des Todes aus. Zahlreich sind die liebevollen Gesten eines sanften Abschieds von der Familie, von Ehegatten, von Kindern und Alten. Wenngleich viele in ihrer Qualität nicht an die absolute Stele der Hegeso heranreichen, sind sie doch alle berührend.

Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen
Grabstelen

Besonders ergreifend sind die Stelen, die vom Tode eines Kindes erzählen.

vom Tode eines Kindes
Grabstelen
Grabstelen

Aus der üblichen Art der Darstellung fällt das in seiner Dynamik bemerkenswerte Grabmal des Dexileos, der als Adjutant den Oberbefehlshabers im korinthischen Krieg (395 – 387 v. Chr.) begleitet hatte und im Alter von nur zwanzig Jahren in einer Schlacht gefallen war.

An den Panathenäenzug, der am Dipylon seinen Anfang nahm, erinnert dieser Fries berittener Jünglinge.

Fries berittener Jünglinge
Fries berittener Jünglinge

Sinnend betrachtet dieser Athlet das Strigill, ein Schabegerät, mit welchem er nach einem sportlichen Kampf oder Training seinen Körper vom anhaftenden Öl befreit hat. Er ist damit schon fertig und hat ein Gewand lässig übergeworfen. Es bleibt nur mehr, das Stirnband zu lösen. Ist das feine Lächeln ein Bezug auf einen siegreichen Wettbewerb? Jedenfalls bringt es die vollkommene innere Harmonie dieses jugendlichen Menschen nach dem Agon zum Ausdruck. Ein fast jenseitiges Lächeln ziert das Fragment eines vollbärtigen Männerkopfes aus der Zeit des strengen Stiles.

Einzigartig in seiner Größe und darstellerischen Wucht ist der Stier vom Grab des Dionysios von Kollitos.

Grabwächter in Gestalt mythischer Löwen und Chimären wurden ebenfalls der Erde des Kerameikos entrissen.

Römischem Stilempfinden folgt diese lebensgroße Grabplastik einer Dame in einem schön gerafften Gewand.

Anderen Bestattungsbräuchen entspringen die Ansammlungen von Urnenstelen.

vollbärtiger Männerkopf
Stier vom Grab des Dionysios von Kollitos
mythischer Löwen und Chimären
mythischer Löwen und Chimären
Dame in einem schön gerafften Gewand
Urnenstelen
Urnenstelen
Urnenstelen
Urnenstelen

Ein Sprung über Jahrtausende#

1829 hatte Griechenland nach einem langen Freiheitskampf gegen die Türken seine staatliche Selbständigkeit erlangt und sein Schicksal dem bayerischen Königsgeschlecht der Wittelsbacher anvertraut. 1933 bezog Otto I. als König der Hellenen Athen als seine Hauptstadt und aus der kleinstädtischen Siedlung mit kaum 4000 Einwohnern entstand so eine durch den Zuzug von zahlreichen Beamten, Künstlern und Handelsleuten sich rasch in alle Richtungen ausbreitende Hauptstadt.

1834 wurde die Bestattung Griechisch-Orthodoxer um ihre Kirchen untersagt. Eine neue Begräbnisordnung gebot, dass künftig Friedhöfe erst mindestens 100 m von menschlichen Ansiedlungen entfernt angelegt werden dürfen. Den anderen Konfessionen wurden noch weiter ihre Kirchfriedhöfe erlaubt. So wurde südlich der Hauptstadt der „Erste Friedhof Athens“ (griechisch Próto Nekrotapheio Athinón) gegründet. Er ist somit der seit seiner Gründung am längsten in Gebrauch stehende Friedhof der Stadt und gleichzeitig der heute kulturgeschichtlich interessanteste.

Am meisten sticht das Denkmal des für Griechenland bedeutendsten Deutschen ins Auge. Es handelt sich um das Grab Heinrich Schliemanns (1822-1820), der den Griechen und der Menschheit Troja und Mykene wieder schenkte, und seiner griechischen Frau Sophia (1852-1932).

In den Proportionen des klassischen Niketempels auf der Athener Akropolis gehalten, wurde dieser neoklassizistische Bau von dem deutschen Architekten Ernst Ziller entworfen.

neoklassizistische Bau
neoklassizistische Bau
neoklassizistische Bau
neoklassizistische Bau
neoklassizistische Bau

Ein umlaufender Fries von Reliefen illustriert Szenen aus den antiken Mythen um das Schicksal von Troja

umlaufender Fries von Reliefen
umlaufender Fries von Reliefen
umlaufender Fries von Reliefen
umlaufender Fries von Reliefen

Neoklassizismus bestimmt überhaupt den Charakter dieses Athener Zentralfriedhofes. Eine antikisierende Palmettenstele mit dem Relief eines trauernden Genius mit gesenkter Fackel könnte auch auf dem antiken Kerameikos stehen.

Palmettenstele
Palmettenstele
Palmettenstele

Ein Engel als Seelenführer#

Kranzspenden werden bei Begräbnissen reicher Familien in großer Zahl niedergelegt. Es fällt auf, dass die Trauerfarbe hier weiß ist und damit die farbliche Schmucklosigkeit im Tode zum Ausdruck bringt.

Kranzspenden
Kranzspenden
Kranzspenden
Kranzspenden
Kranzspenden Kunststoff

Die Unsitte „pflegeleichten“ und dauerhaften Erinnerungsschmuckes aus Kunststoff reißt aber auch hier ein.

Zu den mächtigsten Grabmälern zählt das des Georgios Averoff (1815-1899), eines der reichsten Geschäftsleute Griechenlands. Man verehrt ihn auch heute noch als einen der großzügigsten Philanthropen, der neben vielen Schulen auch die Polytechnische Universität und die Militärakademie finanzierte. Als die Fertigstellung des für die Wiedergeburt der Olympischen Spiele unabdingbaren Panathinaikon-Stadions an der Finanznot des Staates zu scheitern drohte und man deshalb 1896 die Spiele schon verlegen wollte, sprang Averoff ein und ließ das Stadion auf seine Kosten fertigstellen. Das erklärt auch, dass auf seinem Grab, auf welchem er thront, Reliefs mit Darstellungen antiker athletischer Wettkämpfe zu sehen sind.

Grabmal des Georgios Averoff
Grabmal des Georgios Averoff
Grabmal des Georgios Averoff

Der Erste Athener Friedhof ist auch von dem liberalen Geist des Athener Großbürgertums geprägt. Kreuzesdarstellungen, wie sie katholische Gräber dominieren, sind hier selten. Auf diesem Grab wurde für jedes verstorbene Familienmitglied ein eigenes einfaches Kreuz gesetzt. So entstand ein ganzer Berg davon.

Im Übrigen zeitigt die familiäre Präsentation von gesellschaftlicher und finanzieller Bedeutung immer wieder die Errichtung unübersehbarer Monumente, die von einer Persönlichkeit und ihrer Darstellung ausgehen.

Kreuzesdarstellungen
unübersehbare Monumente
unübersehbare Monumente
unübersehbare Monumente

Ganzkörperdarstellung sind die Ausnahmen. Am häufigsten ist das Bruststück mit Kopf und Schulterpartie vollplastisch oder im tiefen Porträtrelief. Griechenland ist überreich an hervorragenden Marmorsorten. Das spürt man auch hier.

Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten
Büsten

Zwei Grabplastiken ruhender und schlummernder junger Frauen haben es den Besucher besonders angetan. Es sind die die Grabmäler von Sophia Aphendaki und einer weiteren weiblichen Gestalt: Menschliche Schönheit über den Tod hinaus ins Leben herübergerettet.

Grabmal der Sofia Afendaki
Grabmal der Sofia Afendaki
Grabmal der Sofia Afendaki
Grabmal der Sofia Afendaki

Tätigkeit und Arbeitssinn im Leben finden ebenso ihre Darstellung.

Kann aber auch ins allzu Betuliche, ja Lachhafte umschlagen, wenn sogar die Untersicht eines Schreibtisches ins Bild gerückt wird.

Arbeitssinn
Arbeitssinn
Arbeitssinn

In Griechenland hat sich auch ein Brauch erhalten, der sehr an antike Gedächtnismähler für Tote, sogenannte Agapen erinnert. An Jahrtagen des Todes sammeln sich die Familienmitglieder und Nachfahren am Grab. Ein Kuchen wird gebracht und gemeinsam am Grab zum Gedächtnis des Verstorbenen verzehrt.

Brauch
Brauch
Brauch

Viele Stände sind auf dem Próto Nekrotapheio Athinón versammelt. Die Geistlichkeit bestattet hier sogar orthodoxe Kirchenfürsten. Aber auch von ihrer Gemeinde verehrte und geliebte Popen finden hier ihre letzte Ruhe.

Bestattung orthodoxer Kirchenfürsten
Bestattung orthodoxer Kirchenfürsten
Bestattung orthodoxer Kirchenfürsten
Bestattung orthodoxer Kirchenfürsten

Allegorische Gestalten, oft in Engelsgestalt, drücken verhaltene Trauer aus.

Engelsgestalt
Engelsgestalt
Engelsgestalt

Griechenland hat in den fast 200 Jahren seines Bestehens als selbständiger neuzeitlicher Staat seit dem Freiheitskampf viele Kriege durchgemacht. Das Militär hat trotz verlorener Feldzüge seine Bedeutung im Staatsgefüge nicht verloren. Grabmäler von einst bis heute zeugen davon.

Grabmäler Militär
Grabmäler Militär
Grabmäler Militär

Schließlich sind auch Künstler wie die Schauspielerin und Kulturpolitikern Melina Merkouri und der Ministerpräsident Andreas Papandreou hier an prominenter Stelle bestattet worden.

Grabmäler Künstler
Grabmäler Künstler

Auch neue Formen der Grabgestaltung ziehen langsam ein. Die Funeralkultur ist ja sehr konservativ und man trennt sich an der Schwelle von Tod und Leben nur ungern von Altüberliefertem. Die Moderne wird spürbar und schließt den Kreis, den Athens Friedhöfe seit dreitausend Jahren begonnen haben.

neue Formen der Grabgestaltung
neue Formen der Grabgestaltung