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Die Kirche des hl. Karl Borromäus zu Wien-Lainz#

Ein Gotteshaus mit Hunderten von Wappen

Von

Günther Jontes

Alle diese Werke/Fotos befinden sich in der Privatbibliothek Jontes.


Einleitung#

Karl Lueger (1844-1910) war Wiens beliebtester und tatkräftigster Bürgermeister, unter dessen Wirken Wien an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts als Haupt- und Residenzstadt der k. u. k. Österreich-ungarischen Monarchie zur Weltstadt wurde. Durch die Schaffung der Zweiten Hochquellenwasserleitung und eines die ganze Stadt entsorgenden Kanalsystems gelang es, die hygienische Situation weiter zu verbessern. Energieversorgung und Straßenbahn wurden kommunalisiert.

Wien war um 1900 gewaltig angewachsen, zahlreiche Nachbarorte waren eingemeindet worden und der Zuzug von Arbeitern und Handwerker aus den Kronländern besonders aus Böhmen und Mähren hatte zwar jede Menge billiger Arbeitskräfte gebracht, die sozialen Probleme jedoch noch weiter verschärft. Auch hier versuchte Lueger gegenzusteuern. Das war auch die Zeit, als der reiche Fabrikant Victor Adler nach der Gründung der Sozialdemokratischen Partei den Arbeitern ein politisches Mitspracherecht verschafft hatte. Die ärmsten der Hilfsarbeiter, die „Ziegelböhm“ waren in Wien sein besonderes Anliegen.

Zu den Großprojekten im sozialen Bereich, die auch von Kaiser Franz Joseph gefördert wurden, zählte auch Luegers Gründung des Versorgungsheimes der Stadt Wien für arme und kranke Mitbürger am Rande des Ballungsraumes in Lainz. Heute ist dies das „Geriatriezentrum am Wienerwald“.

Die Kirche#

Zu jener Zeit gehörte natürlich zu einer solchen weitläufigen Anlage eine Kirche. Diese wurde 1902-1904 durch die Architekten Rudolf Helmreich und Johann Nepomuk Scheiringer errichtet und dem hl. Karl Borromäus geweiht. Sie ist für diese Zeit des Fin de Siècle in ihrer Architektur stilistisch sehr rückwärtsgewandt und steht damit im Gegensatz zur damaligen „Moderne“, die in Wien durch die Secession und Wiener Werkstätte, anderswo durch den Jugendstil in Erscheinung trat.


Gedenktafel
Gedenktafel
Kirche des hl. Karl Borromäus
Kirche des hl. Karl Borromäus
Kanzel
Die Kanzel im Inneren der Kirche zeigt diesen Historismus im Sinne einer Neoromanik.

Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Pracht der bunten Glasfenster, die ein große Zahl von Heiligen zeigen, welche in Verbindung zu verschiedenen Gewerben und Handwerken stehen oder auf Stifter der jeweiligen Fenster verweisen. Die damals in der ganzen Monarchie führenden Ateliers für Glasmalerei, die „Tiroler Glasmalerei“ Innsbruck und die Firma Geyling Wien haben hier ihr Bestes geleistet.


Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Tiroler Glasmalerei
Die Tympanonmosaiken der Portale sind ebenfalls Werke der Tiroler Glasmalerei.


Tympanonmosaik
Tympanonmosaik

Die Wappen der gewerblichen Genossenschaften als Nachfolger der alten Zünfte und Innungen wurden nach Entwürfen von Hugo Gerhard Ströhl (1851-1919) von Hans Steidler auf Holz gemalt. In langen Zyklen führen sie im Inneren des Gotteshauses die heraldischen Symbole der damaligen Genossenschaften vor und sind für sich mit allen Details zum jeweiligen Thema eine fundamentale kulturgeschichtliche Quelle.


Wappen

Im Werk „Der Heraldische Schmuck der Kirche des Wiener Versorgungsheims“ von 1910 sind sie auf etlichen Tafeln so publiziert:


Wappen

Sammelbildchen#

Die österreichische Firma Abadie, die Zigarettenpapier erzeugte, gab seit 1929 Sammelbildchen heraus, die den jeweiligen Warenpäckchen beigelegt waren. Dazu gab es eigene Sammelalben, in welche die Bilder eingeklebt werden konnten. Damals gab es unter den Rauchern einen sehr großen Anteil solcher, welche sich ihre Zigaretten mit gekauftem Tabak selber drehten oder stopften und in einer Tabatiere verwahrten. Abadie gab während einiger Jahre mehrere tausend verschiedene solcher gleichformatigen Sammelbilder unter dem Titel „Die Flaggen und Wappen der Welt“ heraus, die noch heute Sammlern Freude bereiten und sehr hohe Preise erzielen können. Eine dieser Serien in Band I hat die Folge der Wiener Zunft- und Innungswappen zum Thema. Man kann aus den heraldischen Darstellungen sehr gut ersehen, worum es bei den jeweiligen Gewerben geht und die Fülle der Bilder bilden eine wertvolle in sich geschlossene kulturgeschichtliche Quelle. Sie wurden vom Verfasser hier nach ungefähren Sachgruppen geordnet.

Architektur/Baugewerbe#

Wappen: Brunnenmeister und Brunnengräber
Wappen: Dachdecker
Wappen: Pflasterer
Wappen: Stukkaturer
Wappen: Tapezierer
Wappen: Zimmermeister

Buchgewerbe#

Wappen: Buchbinder
Wappen: Buchdrucker
Wappen: Buch-, Kunst-, Musikalienhändler
Wappen: Papier-, Zeichen-, Schreibwarenhändler
Wappen: Schriftgießer

Essen#

Wappen: Bäcker
Wappen: Fischhändler
Wappen: Fleischhauer
Wappen: Fleischselcher
Wappen: Fragner und Greisler
Wappen: Gastwirte
Wappen: Geflügel- und Wildbrethändler
Wappen: Geschirrhändler
Wappen: Kostgeber
Wappen: Milchmeier, Milchhändl und Verschleißer
Wappen: Pferdefleischauer und Verschleißer
Wappen: Sauerkraut- und Rübenverschleißer
Wappen: Zuckerbäcker und Lebzelter

Garten#

Wappen: Kunstblumenerzeuger
Wappen: Naturblumenbinder und Händler
Wappen: Zier- und Handelsgärtner

Gesundheit#

Wappen: Apotheker
Wappen: Zahntechniker

Händler allgemein#

Wappen: Großhändler-Gremium
Wappen: Handelsgremium
Wappen: Handelsleute nicht protok.
Wappen: Wiener Kaufmannschaft
Wappen: Viktualienhändler

Haustechnik#

Wappen: Anstreicher und Lackierer
Wappen: Elektrotechniker
Wappen: Gas- und Wasserleitungsinstallateure
Wappen: Brennmaterialienhändler n. protok.
Wappen: Händler mit Reibsand, Gartenschotter etc.
Wappen: Holz- und Kohlenhändler
Wappen: Kanal- und Senkgrubenräumer
Wappen: Rauchfangkehrer
Wappen: Zimmerputzer
Wappen: Zimmer- und Dekorationsmaler

Holzverarbeitende Gewerbe#

Wappen: Drechsler
Wappen: Faßbinder
Wappen: Schirmmacher
Wappen: Tischler

Kleidung/Mode#

Wappen: Federnschmücker
Wappen: Handschuh- und Bandagenmacher
Wappen: Hutmacher
Wappen: Kleidermacher
Wappen: Kürschner
Wappen: Modistinnen und Modisten
Wappen: Posamentierer
Wappen: Schuhmacher
Wappen: Strohhuterzeuger
Wappen: Wirkwarenerzeuger
Wappen: Wäschewarenerzeuger

Körperpflege/Hygiene#

Wappen: Friseure und Raseure
Wappen: Kamm- und Fächermacher
Wappen: Seifensieder und Parfümeure
Wappen: Wäscher und Wäscheputzer

Künste/Kunsthandwerk#


Wappen: Bildhauer
Wappen: Musikinstrumentemacher
Wappen: Glaser- und Glasschleifer
Wappen: Graveure
Wappen: Hafner
Wappen: Industriemaler
Wappen: Klavier- und Orgelbauer
Wappen: Korbflechter
Wappen: Marmorwarenerzeuger
Wappen: Schilder- und Schriftenmaler
Wappen: Uhrmacher

Lederverarbeitende Gewerbe#

Wappen: Lederhändler
Wappen: Rotgerber
Wappen: Sattler
Wappen: Taschner
Wappen: Weißgerber und Fellhändler

Metallverarbeitende Gewerbe#

Wappen: Büchsenmacher und Schwertfeger
Wappen: Feinzeug- und Messerschmiede
Wappen: Metall- und Zinngießer
Wappen: Gold- und Metallschläger
Wappen: Gürtler- und Bronzewarenerzeuger
Wappen: Huf- und Wagenschmiede
Wappen: Juweliere-, Gold- und Silberschmiede
Wappen: Kupferschmiede
Wappen: Maschinenbauer und Mechaniker
Wappen: Nadel- und Drahtwarenerzeuger
Wappen: Deutsch und engl- Plattierer
Wappen: Schlosser
Wappen: Siebmacher und Gitterstricker
Wappen: Spengler
Wappen: Vergolder

Textilien#

Wappen: Banderzeuger
Wappen: Bettwarenerzeuger
Wappen: Seiden-, Schön- und Schwarzfärber
Wappen: Seidenwarenerzeuger
Wappen: Tuchscherer
Wappen: Weber

Tierhandel#

Wappen: Pferdehändler
Wappen: Tierhändler und Präparator
Wappen: Viehändler

Transportgewerbe#

Wappen: Einspänner
Wappen: Fiaker
Wappen: Großfuhrwerksbesitzer
Wappen: Kleinfuhrwerksbesitzer
Wappen: Land- und Stadtfuhrwerker
Wappen: Riemer, Peitschenmacher etc.
Wappen: Stellfuhrinhaber
Wappen: Wagner

Trinken#

Wappen: Flaschenbierfüller
Wappen: Kaffeeschänker
Wappen: Kaffeesieder
Wappen: Sodawassererzeuger
Wappen: Spirituosenschänker, konzess.

Diverse#

Wappen: Bürsten- und Pinselmacher
Wappen: Deichgräber
Wappen: Informations-Büro
Wappen: Leichenbestattungsunternehmer
Wappen: Schiffmüller
Wappen: Seiler, Roßhaarsieder und Roßhaarwäscher
Wappen: Spielwaren- und Zigarettenhülsenerzeuger
Wappen: Optiker

Mehr zur Geschicht#

Außen hingegen sind die Wappen der damaligen 21 Bezirke der Stadt Wien zu sehen. Sie stammen ebenfalls von H. G. Ströhl.

Man befindet sich am Beginn des 20. Jahrhunderts schon in der Endphase der Monarchie und damit auch in einer Zeit, in der die klassische Heraldik schon längst einem Formalismus gewichen war, der mit der alten Wappenkunst kaum mehr etwas zu tun hatte. Adelswappen gab es dann keine neuentwickelten mehr und die kommunale Heraldik war der einzig verbliebene Rest. Von nun an hatten nur mehr die Bundesländer das Recht, neue Ortswappen zu beschließen und zu verleihen.

Die Entwürfe von H. G. Ströhl wurden in dieser Gestalt publiziert, wie sie sich auch an der Kirchenfassade zu sehen sind.


Fassade
Fassade

Territorial-Wappen der Stadt Wien#


Wappen der Stadt Wien


Wappen: I. Innere Stadt
Wappen: II. Leopoldstadt
Wappen: III. Landstraße
Wappen: IV. Wieden
Wappen: V. Margareten
Wappen: VI. Mariahilf
Wappen: VII. Neubau
Wappen: VIII. Josefstadt
Wappen: IX. Alsergrund
Wappen: X. Favoriten
Wappen: XI. Simmering
Wappen: XII. Meidling
Wappen: XIII. Hietzing
Wappen: XIV. Rudolfsheim
Wappen: XV. Fünfhaus
Wappen: XVI. Ottakring
Wappen: XVII. Hernals
Wappen: XVIII. Währing
Wappen: XIX. Döbling
Wappen: XX. Brigittenau
Wappen:

Literatur und Bildquellen#

  • Dehio – Handbuch der Kunstdenkmäler Österreichs. Wien. X. bis XIV. und XXI. bis XXIII, Bezirk. Wien 1996
  • Jakob Dont (Hrsg.), Der heraldische Schmuck der Kirche des Wiener Versorgungsheims. Mit dem Amhang: Beschreibung der Siegel der ehemaligen Wiener Vorstädte und Vorortegemeinden von Gustav Andreas Ressel. Mit 26 Tafeln. Wien 1910
  • Die Flaggen und Wappen der Welt. Sammelalbum 1. Abadie Papier-Gesellschaft. 1929