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Was 1918, 1938, 1968 für Frauen bedeutet#

Drei Jahre, die denkwürdige Einschnitte für Österreich gebracht haben - zum Teil für Frauen andere als für Männer.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 27. Oktober 2018

Von

Martina Madner


Zu den ersten Frauen im Parlament zählten Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Maria Tusch, Amalie Seidel (im Bild, vorne links beginnend) und Gabriele Proft für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie die Christlich-Soziale Hildegard Burjan.
Zu den ersten Frauen im Parlament zählten Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Maria Tusch, Amalie Seidel (im Bild, vorne links beginnend) und Gabriele Proft für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie die Christlich-Soziale Hildegard Burjan.
Foto: © IMAGNO/ÖNB

Wien. 2018, im Jahr des mehrfachen Gedenkens, ist es der zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures wichtig, "Frauenstimmen" zu hören. Denn: "Die Darstellung der Geschichte ist eine verzerrte, der Männer, der Mächtigen, der Eliten." Mit einer Lesung aus Texten von Vertreterinnen der "historischen Wendepunkte" - darunter Therese Schlesinger für das Jahr 1918, der Rüstungsarbeiterin Anna T. für die Zeit nach 1938 oder Erica Fischer für 1968 - sorgte Bures für ein Stück Entzerrung.

Denn die drei Gedenkjahre haben für Frauen zusätzliche und andere Bedeutung als für Männer, wie Maria Mesner, stellvertretende Vorständin des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien, darüber hinaus aufzeigt.

1918 - als die Frauen das Wahlrecht erhielten#

Am 12. November haben Frauen Grund, nicht nur die Ausrufung der Ersten Republik zu feiern. Denn das Gesetz über die Staats- und Regierungsform spricht erstmals vom "allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts". Es ist die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts. Männer hatten es bereits mit der Reichsratswahlordnung 1907 erhalten. Mehr noch: "Frauen erhielten auch das Recht, sich politisch zu betätigen", sagt Mesner. Davor war "Ausländern, Frauenspersonen und Minderjährigen" die Mitgliedschaft in politischen Vereinen verboten. "Insofern sorgte das Jahr für einen ganz deutlichen Unterschied insbesondere für Frauen."

Österreicherinnen, wie z. B. am 12. März 1938 in Linz, begrüßten Adolf Hitler und den Nationalsozialismus nicht weniger als Männer.

Für Arbeiterinnen übrigens noch mehr als für reiche Frauen, um die sich die Familie kümmerte, wie Therese Schlesinger, die mit sieben anderen im Jahr darauf als erste Frauen ins Parlament einzog, feststellte. Sie schrieb Ende 1918 in der Arbeiterzeitung über die "Proletarierin": "Sie ist buchstäblich von der Wiege bis zum Grabe mit ihrer ganzen Existenz von der Beschaffenheit des öffentlichen Lebens abhängig." Wegen Themen wie Kindergärten, Witwen- und Waisenpflege, "bedürfte es der Teilnahme der Arbeiterfrauen an der Gesetzgebung", schrieb Schlesinger.

Aber nicht nur das: "Frauen wurden mit dem aktiven Wahlrecht als Wählerinnen relevant", sagt Mesner. Konkret lag die weibliche Beteiligung bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 bei 82 Prozent aller wahlberechtigten Frauen, jene der Männer bei 87 Prozent: "Frauen konnten nun ihren politischen Willen ausdrücken. Die Parteien mussten Frauen somit auch Inhalte bieten, was sie für sie tun wollen." - "Frauen haben Politik gemacht und Politik wurde nun auch an Frauen adressiert."

1938 - rassistische Gründe für die Mutterrolle#

Als sich die Österreicher dem bereits nationalsozialistischen Deutschland anschlossen, traten Konflikte zwischen den Geschlechtern hinter Rassismus und Antisemitismus zurück. Frauen wie Männer untermauerten damit die Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung, dann den systematischen Massenmord an Millionen. "Die zentrale Ein- und Ausschlussmarke des Nationalsozialismus war eine rassistische", hält Mesner fest.

Frauen waren zwar nicht als Soldatinnen oder in hohen Rängen der NSDAP willkommen, "sie haben sich aber bei allen anderen Möglichkeiten der Täterschaft, von der Denunziantin bis hin zur KZ-Aufseherin, nicht sonderlich von Männern unterschieden".

Bemühungen in Richtung mehr Gleichstellung hatte bereits der Austrofaschismus ein Ende gesetzt. Die Argumentation war nun aber anders: "Der Mann als Oberhaupt in der Familie wurde nun mit dem Führerprinzip argumentiert." Frauen wurden nun nicht mehr traditionell, katholisch auf die Mutterrolle einzementiert, sondern "eugenisch, rassistisch - mit der Aufzucht bestimmter Kinder".

Diese Rolle wurde aber schon nach einem Jahr, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, konterkariert: Frauen mussten nun arbeiten. Anna T. wurde als 14-Jährige zum sogenannten Reichsarbeitsdienst ins Rüstungswerk der Steyr-Daimler-Puch AG einberufen. "Da hat’s den Panzer zerrissen mit dem Buben drin, da sind in der Halle drinnen die Fetzen herumgelegen von dem", berichtete sie später dem "Verein für erzählte Geschichte" - und dass sie darüber schweigen musste: "Wir haben uns dann wie Sträflinge zum Appell hinstellen müssen. ‚Haben Sie etwas gesehen?‘ - ‚Neiiiin!‘ - ‚Gab es heute einen Toten?‘ - ‚Neiiiin!‘"

1968 - der politische Aufbruch, auch von Frauen#

Gegen das Schweigen der Elterngeneration, insbesondere über die Verbrechen im Nationalsozialismus, lehnten sich Studierende 1968 auf. Vom vergleichsweise bescheidenen Aktionismus in Österreich 1968 ging insbesondere die "Aktion Kunst und Revolution" am 7. Juni 1968 im Hörsaal eins des Wiener NIG als "Uniferkelei" ins kollektive Gedächtnis ein. Die international lautstark eingeforderte "Revolution" war stiller, kürzer - die Demonstration von sozialdemokratischen Studierenden am 1. Mai bei der Eröffnung des Blasmusikfests wegen der Kündigungen im staatlichen Elin-Konzern schon nach Minuten polizeilich beendet.

1968 fand laut Mesner, "wie in Österreich alles sonst auch, zeitverzögert" - auch der Start der neuen Frauenbewegung, darunter auch die Aktion Unabhängiger Frauen, kurz AUF, ab 1972. Frauen engagierten sich "nicht aus Männerfeindschaft in der Frauenbewegung", wie Erica Fischer, Autorin und Mitbegründerin der Frauenzeitschrift AUF in einem ORF-Interview erzählte: "Die Trennung zwischen Männern und Frauen schien mir unerträglich." Und: "Politisch aus mir herausgehen konnte ich erst, als ich die Frauenfrage für mich entdeckt hab."

Im Unterschied zu 1968 insgesamt beschreibt Mesner die Frauenbewegung als "erfolgreicher": die ersten Frauenhäuser; Selbstbestimmung, auch über den eigenen Körper mit Pille und ab 1975 der Fristenlösung, die den Abbruch von Schwangerschaften bis zur zwölften Woche straffrei stellte; die Familienrechtsreformen, wo unter anderem die Stellung des Ehemanns als Oberhaupt der Familie abgeschafft wurde. "Es ist bemerkenswert, dass sich die Frauen mit ihren Forderungen aus dieser Zeit nachhaltig durchgesetzt haben", sagt Mesner. Und die Männer? "Für die männlichen 68er war das auch eine Kränkung, weil sie von den Frauen auch ins Unrecht gesetzt wurden und bei diesen Themen nicht auf der Seite der Unterdrückten standen."

Wiener Zeitung, 27. Oktober 2018