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Von Täbris über Lucca in die Herzogsgruft#


Von

Michael Mitterauer


Auf dem Leichentuch Herzog Rudolfs IV., das in der Herzogsgruft von St. Stephan gefunden wurde, steht in kufischer Schrift der Name des Ilchans Abu Said. Abu Said Bahador Chan, in mongolischer Sprache Busajid Baghatur Chan, war von 1316 bis 1335 der neunte Ilchan. Er beherrschte durch fast zwei Jahrzehnte ein orientalisches Großreich. Die Ilchane waren eine mongolische Dynastie aus dem Hause Dschingis Chans, die erst im späten 13. Jahrhundert zum Islam übergetreten war. Sie wurde von Dschingis Chans Enkel Hulegu begründet und herrschte von der Residenzstadt Täbris aus. Das Reich der Ilchane reichte am Höhepunkt seiner Expansion von Anatolien bis ins Industal. Ursprünglich waren die Ilchane Anhänger der mongolischen Stammesreligion. Das Herrscherhaus durchlief aber im ausgehenden 13. Jahrhundert auch eine Phase, in der der Buddhismus stark gefördert wurde. Mit dem Übertritt zum sunnitischen Islam trat der Einfluss von Juden, nestorianischen Christen und Buddhisten in der Verwaltung des Großreichs zurück. Abu Said war der Neunte in der Herrscherreihe der Ilchane. Er hatte gute Beziehungen in den Westen. 1322 schrieb ihm Papst Johannes XXII. aus Avignon, er möge dem christlichen Königreich Armenien in Kilikien militärisch beistehen, und legte ihm gleichzeitig den Übertritt vom Islam zum Christentum nahe – eine Aufforderung, die ohne Folgen blieb. Schon zuvor hatte es gute diplomatische Beziehungen mongolischer Herrscher zu europäischen Herrschern gegeben – vor allem zu König Ludwig IX. dem Heiligen von Frankreich (1226-1270). Ihm schenkte einer dieser Fürsten ein sehr wertvolles orientalisches Seidentuch, das im Kirchenschatz des Klosters Maubeuge erhalten blieb. Nach dem Tod Abus Saids 1335 wurden alle politischen Beziehungen zu christlichen Herrschern eingestellt. Die kommerziellen Beziehungen waren aber dadurch nicht betroffen. Wirtschaftlich führte die Herrschaft der Ilchane zu einer Blütezeit, da durch die Sicherung der Handelswege nach Mittelasien und in den Fernen Osten sowohl der Handel als auch das Handwerk einen starken Aufschwung erlebten. Infolge der Förderung durch die Ilchane entwickelte sich die Residenzstadt zu einem bedeutenden Kultur- und Wirtschaftszentrum. Täbris war eine Station an der alten Seidenstraße, an der sich wichtige Verkehrsweg bündelten. In Täbris selbst wie auch im Umland der Stadt entstand eine blühende Seidenindustrie. Luxusgüter aus chinesischer Seide wurden hier in verschiedenen Formen produziert. Solche Luxusgüter waren in Europa nicht erst im 14. Jahrhundert sehr begehrt. Man sollte sie eher allgemein als „orientalische Stoffe“ bezeichnen – nicht als „islamische“, weil ein solcher spezifisch religiöser Hintergrund nicht gegeben war.

Das europäische Seidenzentrum war seit dem Frühmittelalter die Stadt Lucca. Hier sind schon seit karolingischer Zeit vielfältige Formen der Verarbeitung von Rohseide und des Handels mit Seidenprodukten nachweisbar. Die alte Hauptstadt der Toskana konnte diesbezüglich eine einmalige Vorzugstellung unter den kommerziellen Zentren Oberitaliens erreichen und viele Jahrhunderte hindurch bewahren. Obwohl selbst keine Hafenstadt wie das benachbarte Pisa, vermochte es – durch vielfache Faktoren bedingt – diese Monopolstellung zu behaupten. Im 14. Jahrhundert spielte der Handel mit wertvollen Seidenprodukten aus dem Orient eine hervorragende Rolle. So kam es – getragen von italienischen Kaufleuten – zu einer unmittelbaren Handelsverbindung zwischen Täbris und Lucca.

Die Seidenstraße führte zunächst über den Landweg. Es war ein Karawanenweg, auf dem Handel auf dem Rücken von Kamelen durch das anatolische Hochland verlief. Diese Verkehrswege wurden auf weiten Strecken von den Ilchanen kontrolliert. Ihr Hauptziel war Konstantinopel. Die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs fungierte seit alters als ein Zentrum des Seidenhandels. Aber es waren keine byzantinischen Kaufleute, die diesen Handel betrieben. Schon im Frühmittelalter stellten jüdische Kaufleute die Verbindung her. Von den großen jüdischen Familien, die Handel mit Seide zwischen Lucca, Konstantinopel und dem Orient betrieben, spielte die der Kalonymiden, die auch durch ihre religiöse Gelehrsamkeit bekannt ist, eine entscheidende Rolle. Im Lauf des Hoch- und Spätmittelalters konkurrierten die italienischen Seerepubliken um diesen Handel. Nach dem Vierten Kreuzzug von 1204 war Venedig im Handel mit dem Byzantinischen Reich im Vorteil. Letztlich setzte sich jedoch Genua durch. Die alte Seerepublik Pisa spielte im Handel mit Seidenstoffen im 14. Jahrhundert keine Rolle mehr. Auf Grund der räumlichen Nähe von Pisa zu Lucca in einer Distanz von nur 20 km könnte man annehmen, diese Stadt hätte im Seidentransport aus dem Orient über entscheidende Standortvorteile verfügt. Das war aber so nicht der Fall. Die Rivalität der beiden Nachbarstädte war zu groß, um solche Vorteile umsetzen zu können. Und im 14. Jahrhundert hatten die Genuesen Pisa bereits weitgehend als konkurrierende Seemacht ausgeschaltet. Schon seit dem 12. Jahrhundert schloss die Republika Genua mit Lucca Verträge, die eine günstige Versorgung mit orientalischen Seidenstoffen, aber auch mit Rohseide aus dieser Region sicherstellten. Von Konstantinopel bis Genua erfolgte der Handel mit diesem Luxusgut – zum Unterschied von der Strecke dorthin – auf dem Seeweg. Kaufleute aus Genua, aber vor allem auch aus Lucca selbst waren seine Träger.

Der Seidenhandel war seit dem Frühmittelalter Sache kapitalkräftiger Unternehmer. Die Lucchesen nahmen schon damals unter den oberitalienischen Vertretern des Großkapitals eine führende Stellung ein: In Lucca entstanden die ersten großen Banken der Region – nicht in Florenz, das als Bankenplatz deutlich jünger ist. In Lucca spielten sich auch schon vor Florenz die ersten großen Bankrotte statt – ein deutliches Zeichen für diesen Entwicklungsunterschied. Lucca lag an der „Via Francigena“ – der alten Landverbindung zwischen Rom und dem Nordwesten Europas erschloss, etwa zu den grossen Messeplätzen der Champagne. Lucca verblieb die alte Münzstätte der Toskana, deren Münzen sich bis weit in den Vorderen Orient verbreiteten. Vor dem Martinsdom von Lucca kann man die uralte Tafel lesen, wie sich die Münzer in ihren Wechselgeschäften rechtmäßig verhalten sollten. Die Luccheser erfanden auch das sogenannte “Luccheser Filatorium“ – eine wassergetriebene Seidenzwirnmühle, die in der Seidenproduktion einen entscheidenden Fortschritt bedeutete. Sie konnten diese spezielle Technik lange vor Nachahmung abschirmen. So war Lucca als Seidenstadt auch in der Produktion der Konkurrenz voraus. Sowohl im Seidenhandel als auch in der Seidenproduktion nahm die Stadt einen Spitzenplatz ein. Im 14. Jahrhundert waren aber noch die im Orient erzeugten Seidenstoffe an Qualität und an repräsentativer Bedeutung der einheimischen Produktion weit überlegen. Das gilt insbesondere für die aus dem Osten importierten Gold-Seide-Stoffe. Die europäischen Fürstenhöfe bezogen aus Lucca im 14. Jahrhundert noch primär die aus dem Orient importierten Stoffe. Was am Hofe getragen wurde, aber auch was man den Fürsten an repräsentativer Kleidung ins Grab mitgab, das wurde noch von den kapitalkräftigen Händlern in Lucca aus dem Osten bezogen bzw. an deren Filialen in anderen europäischen Handelsplätzen angeboten. Die Offenheit von Kontakten mit dem Reich der Ilchane begünstigte den Import von Luxusgütern dieser Art. Bis wann Genua und Lucca in dieser Weise Importe aus dem Osten vermitteln konnten, lässt sich wohl nicht genau datieren. Spätestens mit dem Fall von Konstantinopel 1453 schloss sich dieses Zeitfenster.

Das Monopol der toskanischen Seidenstadt Lucca auf den Import von orientalischen Seidentüchern von hoher repräsentativer Bedeutung lässt kaum einen Zweifel daran aufkommen, dass die Leichentücher, die man Herzog Rudolf IV. von Österreich oder Cangrande I., dem Herren von Verona, 1365 bzw. 1329 mit ins Grab gab, über Lucca erworben wurden. Das gilt wohl auch schon für das Grabtuch, in dem der Habsburger Rudolf III. als König von Böhmen und Polen 1307 im Veitsdom in Prag bestattet wurde. Der Weg von den Produktionsstätten solcher repräsentativer Seidenstoffe in Täbris oder im Umland dieser orientalischen Residenzstadt in die fürstlichen Grablegen Europas im 14. Jahrhundert lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in dieser Form rekonstruieren.

Literatur: #

  • Berthold Spuler, Artikel „Ilchane“, in: Lexikon des Mittelalters 5, Stuttgart 1999, Sp. 377 f.
  • David Jacoby, Oriental Silks Go West. A Declining Trade in Later Middle Ages, pdf Renaissance Silk from Lucca (http://belovedlinens.net/fabrics/renaissance_Lucca_textile php, Abruf vom 11.07.2018
  • Michael Mitterauer und John Morrissey, Kapitel „Zentren in einer neuen Raumordnung: Pisa und Lucca“, in: Pisa. Seemacht und Kulturmetropole, Wien 2011, S. 13 ff.