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Maximilians Glück und blutiges Ende #

Vor 150 Jahren endete für Maximilian, den jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph, der Traum vom eigenen Reich in Mexiko vor einem Erschießungskommando. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Sonntag, 18. Juni 2017)

Von

Christian Weniger


Die Hinrichtung des Kaisers – als Gemälde von Edouard Manet
Die Hinrichtung des Kaisers – als Gemälde von Edouard Manet.
Quelle: Kleine Zeitung

Schon am frühen Morgen an diesem 9. April 1864 trifft Kaiser Franz Joseph im Schloss Miramare bei Triest ein, um die brisante Familienangelegenheit endgültig zu regeln. Das weiß getünchte Märchenschloss gehört seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Maximilian. Der will dem Lockruf des französischen Kaisers Napoleon III. und einer konservativen Gruppe Mexikaner folgen, die ihm die Kaiserkrone von Mexiko, das eigentlich längst eine Republik mit einem Präsidenten ist, anbieten. Franz Joseph jedoch verlangt als Oberhaupt des Hauses Habsburg-Lothringen für seine Zustimmung, dass Maximilian auf alle Thronfolgeansprüche in Österreich verzichtet. Das entzweit die Brüder, deren Streit wochenlang wogt. Der jüngere Erzherzog gibt nach und unterschreibt jetzt die Verzichtserklärung. Kaiser Franz Joseph schickt sich gleich nach diesem Staatsakt an, wieder zu gehen. Noch einmal dreht er sich um, eilt auf Maximilian zu und umarmt ihn. Ein Abschied zweier ungleicher Brüder, ein Abschied für immer. Tags darauf lassen sich Maximilian und seine Frau Charlotte zu Kaiser und Kaiserin von Mexiko ausrufen.

Für Maximilian scheint sein Traum von einem eigenen Reich in Erfüllung zu gehen. Als Zweitgeborener stand er immer im Schatten seines kaiserlichen, zur bürokratischen Zwanghaftigkeit erzogenen Bruders, von dem er sich in seinem Wesen grundlegend unterscheidet. Der Erzherzog interessiert sich für Literatur, für die Künste, schreibt Gedichte, malt. Aber es mangelt ihm an Härte, er gilt als weich, zu weich. Als Schwärmer, als Phantast. Bei der Marine versucht er sich zu verwirklichen, wird mit nur 22 Jahren zum Kommandanten der Kriegsmarine ernannt, die freilich nur eine Nebenrolle in der Habsburgermonarchie spielt.

Der junge Admiral will reformieren, die Flotte ausbauen. Er reist um die Welt, besucht die Gräber der spanischen Vorfahren, deren Feldherr Cortez einst das mexikanische Reich der Azteken eroberte. Am Brüsseler Hof von Leopold I., dem König der Belgier, lernt Maximilian dessen Tochter Charlotte kennen, welcher der Ruf vorauseilt, eine außerordentliche Schönheit zu sein – auch eine gute Partie, für den finanziell stets maroden Erzherzog kein unwesentlicher Aspekt. 1857 wird geheiratet. Nur kurz bleibt ihm das Amt des Generalgouverneurs des aufrührerischen Lombardo-Venetien, da von Wien als zu nachsichtig beurteilt. Dann übernimmt das Militär die Verwaltung dieses Reichsteils, der nach der Schlacht von Solferino an Italien verloren geht.

Maximilian und Charlotte
Maximilian und Charlotte
Quelle: Kleine Zeitung

Maximilian und Charlotte ziehen sich in ihr Schloss Miramare zurück. Argwöhnisch beobachtet von Kaiser Franz Joseph, der sein Reich absolut wie auch glücklos regiert. Bei Solferino kommandierte er seine Armee selbst und verlor. Beliebt ist der Herrscher bei seinem Volk nicht, auf den Straßen rufen Menschen immer wieder: „Es lebe Kaiser Maximilian.“ Daher scheint es dem Kaiser in Wien zuerst ganz recht zu sein, dass man seinem Bruder, dem möglichen Konkurrenten daheim, die Krone des fernen Mexiko anbietet. Mexiko, ein politisch zerrissenes Land mit wechselnden Machthabern, die als Diktatoren regieren. Finanziell bei europäischen Banken und Staaten hochverschuldet und mit exorbitanten Zinsforderungen über den Tisch gezogen. Benito Juárez verkündet 1858 bei seinem Amtsantritt als Präsident, die Rückzahlung der Staatsschulden auszusetzen. Das nützt das Kaiserreich Frankreich für einen Inkasso-Feldzug, Napoleon III., ein Neffe des ersten Napoleon, schickt Truppen nach Übersee zur Eroberung Mexikos – unter Beifall von mexikanischen konservativen Oligarchen. Man bietet die Krone von Mexiko dem habsburgischen Erzherzog Maximilian an, gaukelt ihm vor, das mexikanische Volk verlange nach ihm. Angetrieben von seiner ehrgeizigen Gemahlin Charlotte, nimmt der Habsburgerspross an. Frankreich verlangt per Vertrag von ihm, dass alle Kosten für die militärische Intervention und die Unterstützung vom eigentlich bankrotten Mexiko zu bezahlen ist. Der Kaiser von Mexiko, so sehr er sich als Mexikaner mit Sombrero gebärdet und sich um Reformen abmüht, sich mit Bauwerken Monumente schafft, bleibt er eine Marionette der Franzosen.

Nach dem Ende des nordamerikanischen Bürgerkriegs unterstützten die USA den Präsidenten Juárez. Napoleon III., in Europa in Bedrängnis, beginnt, seine Truppen aus Mexiko abzuziehen. Maximilian, der in seinen Briefen nach Wien die Lage in Mexiko immer schönt, überlegt zwar, abzudanken und das Land zu verlassen, lässt sich aber von Verwandten und Beratern immer wieder umstimmen. Zuletzt verschanzt er sich mit den restlichen Truppen in Querétaro, wo ihn die Soldaten von Benito Juárez festnehmen. Eine heimliche Flucht aus der Stadt lehnt er ab. Ein Kriegsgericht verurteilt den Kaiser zum Tod, trotz Interventionen mächtiger europäischer Staaten.

In den Morgenstunden des 19. Mai 1867 steht Maximilian in einem schwarzen Zivilanzug gekleidet vor dem Exekutionskommando, neben ihm zwei seiner gleichfalls zum Tod verurteilten Generäle. Der Kaiser gibt jedem der Soldaten ein Goldstück, bittet sie, gut zu zielen und sein Gesicht zu verschonen. Sein Wunsch wird nicht erfüllt, es bedarf eines Gnadenschusses.

Elf Tage zuvor, am 8. Juni, waren Kaiser Franz Joseph und Elisabeth in Budapest zum König und zur Königin von Ungarn gekrönt worden, zur Besiegelung des Friedens mit dem zweiten Reichsteil der Habsburgermonarchie. Der Thron des Franz Joseph ist gefestigt. Selbst dass er nun in Aussicht stellt, Maximilian wieder in seine Erbfolgerechte in Österreich einzusetzen, rettet den Bruder nicht.

Kaiser Franz Joseph schickt Vizeadmiral Wilhelm Tegetthoff, den Held der Seeschlacht von Lissa, aus, um den einbalsamierten Leichnam Maximilians heimzubringen. Im Jänner 1868 kann der einstige Kaiser von Mexiko in der Habsburger-Familiengruft bei den Wiener Kapuzinern beigesetzt werden.

Charlotte überlebte ihren Mann um 60 Jahre. Als sich das Ende in Mexiko abzeichnete, reiste sie nach Europa, um Hilfe zu organisieren, und verfiel dem Irrsinn. Den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918 bekam sie nicht mit. Sie starb 1927 in Belgien, in dem Wahn, noch immer gemeinsam mit Maximilian zu herrschen.

Kleine Zeitung, Sonntag, 18. Juni 2017