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Franz Joseph I.#

* 18. 8. 1830, Wien-Schönbrunn

† 21. 11. 1916, Wien-Schönbrunn

Kaiser


Franz Jopseh I.
Kaiser Franz Joseph I. Foto, um 1900
© Bildarchiv der ÖNB, Wien, für AEIOU
Franz Jopseh I.
Kaiser Franz Joseph I. Gemälde, um 1855 (Stadtmuseum Leoben, Stmk.).
© Stadtmuseum Leoben, für AEIOU

Ältester Sohn von Erzherzog Franz Karl und Prinzessin Sophie von Bayern
ab 2. 12. 1848 Kaiser von Österreich

Er nahm bei der Thronbesteigung den Doppelnamen Franz Joseph I. an (ursprünglicher Name Franz). In jungen Jahren stand er stark unter dem Einfluss seiner Mutter und anderer Ratgeber, hatte großes Pflicht-, aber auch Sendungsbewusstsein.

Am 24. 4. 1854 heiratete er Prinzessin Elisabeth in Bayern. Der äußerst schwierigen Ehe entstammten 4 Kinder. Unter dem Einfluss seiner Frau stimmte er 1867 dem österreichisch-ungarischen Ausgleich mit Ungarn zu.

Er begann als absoluter Monarch, respektierte später aber alle Verpflichtungen aus der Verfassung und regierte als konstitutioneller Herrscher. Durch viele politische Fehlentscheidungen vorsichtig geworden und durch persönliche Schicksalsschläge (Erschießung seines Bruders Maximilian in Mexiko 1867, Selbstmord seines Sohnes Rudolf 1889, Ermordung seiner Gattin 1898) schwer geprüft, konzentrierte er sich auf seine Aufgaben und zog sich zurück. Er wurde zum Symbol der österreichisch-ungarischen Monarchie schlechthin.


Nach dem Scheitern seiner Ehe ging er eine enge Beziehung mit der Schauspielerin Katharina Schratt ein.


In den letzten 20 Jahren seines Lebens war er die politische Integrationsfigur des Vielvölkerstaates und wurde von vielen Zeitgenossen als einzige Stütze seines Zusammenhalts gesehen. Im Alter starrsinnig geworden, widersetzte er sich allen Reformen, unterschrieb aber 1914 doch das Ultimatum und die Kriegserklärung an Serbien. Er fühlte sich in erster Linie als Beamter und Soldat, war frommer Katholik, aber tolerant.

Kaiser Franz Joseph I.
Franz Joseph I.
© Österreichs Hort, 1908

Trotz der kulturellen Höhepunkte (Ringstraße), die in seine Epoche fallen, war er wenig kunstinteressiert.


Aus dem Buch

"Große Österreicher":

Franz Joseph I. (1830-1916)#

Der Staatsakt fand im kleinen Kreis statt, nur Mitglieder der Familie und ihre engsten Vertrauten nahmen daran teil. Kaiser Ferdinand I., der Gütige genannt, ein gemütlicher Langsamdenker, unfähig, die Regierungsgeschäfte tatsächlich zu führen, dankte ab. Erzherzog Franz, sein Neffe, am 18. August 1830 in Wien geboren, erst 18 Jahre alt, wurde zum Kaiser von Österreich und König von Ungarn und Böhmen proklamiert. Es geschah am 2. Dezember 1848, im Palais des Fürsterzbischofs von Olmütz in Mähren, wohin sich das Haus Habsburg vor dem verheerenden Sturm der Revolution zurückgezogen hatte. Ferdinand I. zeigte sich sehr bewegt, erteilte seinem jungen Nachfolger den Segen und, was das Protokoll der Zeremonie nicht vorsah, umarmte ihn: »Es is' gern g'schehen, sei brav ...« Das letzte Kapitel in der tausendjährigen Geschichte des alten Österreichs begann.

Es begann mit einer Verlegenheitslösung und, zumindest nach dem strengen Hausgesetz der Dynastie, auch nicht ganz legitim. Ferdinand I. hatte keine Nachkommen, und so sollte, laut verbriefter Tradition, sein jüngerer Bruder, Erzherzog Franz Karl zum Kaiser und König gekrönt werden. Doch im Thronsaal des fürsterzbischöflichen Palais übergab man die Macht seinem Sohn. Die treibende Kraft hinter der nicht ganz sauberen, aber zweifellos zielführenden Hofintrige war die willensstarke und politisch weitblickende Mutter des jungen Erzherzogs, Sophie, eine bayrische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, die wohl wußte, daß ihr Gemahl Franz Karl der schweren Aufgabe, das am Rand des Zusammenbruchs führerlos dahintreibende Reich der Habsburger zu retten, nicht gewachsen war. Ihr Sohn, fleißig, gradlinig und ungemein belastbar, ließ sich von ihr und vom Chef des Kabinetts, dem Fürsten Felix Schwarzenberg, folgsam in die gewünschte Richtung lenken. Franzi, wie man ihn im Kreis der Familie nannte, nahm auf Rat Schwarzenbergs nun einen zweiten Namen, Joseph, an, um das noch immer unruhige Volk an den Reformkaiser Joseph II. zu erinnern und ihm dadurch die taktisch notwendigen Hoffnungen zu machen, die brutal niedergeschlagene Revolution werde von oben, in geordnete Bahnen gelenkt, schrittweise fortgesetzt. Kaiser Franz Joseph I. versprach feierlich, Österreich und den ihm angeschlossenen Ländern das erste Mal in der Geschichte eine Verfassung zu geben. Das war damals ein vom Ministerpräsidenten Fürst Schwarzenberg und von Erzherzogin Sophie kaltblütig geplantes Täuschungsmanöver, um Zeit zu gewinnen, um die alte Ordnung mittels Gewalt und harter Repressalien wiederherstellen zu können. Kaiser Franz Joseph I. löste sein Versprechen dennoch, wenn auch erst rund 20 Jahre später, ein, als er, bereits viel erlebt und erfahren, sich vom nachhaltigen Einfluß seiner Mutter und der alten Garde der erzkonservativen Hocharistokratie endgültig befreit hatte. Kaiser Franz Joseph I., Symbolfigur für eine ganze Epoche, saß unter allen Habsburgern am längsten auf dem Thron; er regierte 68 Jahre lang und machte dabei auch den bedeutendsten Wandlungsprozeß unter allen Herrschern, die Österreichs Schicksal gelenkt hatten, durch. Denn er begann als unbeugsamer, absoluter Monarch und landete als liberaler und toleranter Realpolitiker bei der parlamentarischen Demokratie. Victor Adler, der große Führer der österreichischen Arbeiterbewegung, erklärte 1889 auf dem internationalen Sozialistenkongreß in Paris: »Abgesehen von Frankreich und England hat Österreich in ganz Europa die freisinnigsten Gesetze, so sehr, daß es einer Republik ähnelt, die, statt eines Präsidenten, eine Majestät an der Spitze hat.« Der Kaiser hat die »freisinnigsten Gesetze« weder entworfen noch vehement befürwortet, aber als besonnener Staatsmann mit einem klaren Blick für mögliche Katastrophen ließ er den Dingen, die er nicht mehr oder nur mehr mittels Gewalt hätte aufhalten können, freien Lauf. Nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz und dem Ausgleich mit Ungarn, die den bis dahin souveränen Machtapparat des absolutistischen Systems schwer erschüttert hatten, bestätigte Franz Joseph am 21. Dezember 1867 das für die damalige Zeit erstaunlich fortschrittliche »Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder«, eine Deklaration der Menschenrechte, die 1920 beziehungsweise 1929 nahezu unverändert zum Verfassungsgesetz der Republik Österreich erklärt und am 27. April 1945 in die demokratische Verfassung der Zweiten Republik übernommen wurde.

Das Staatsgrundgesetz von 1867 legte unter anderem fest: Die Freizügigkeit der Person unterliegt keiner Beschränkung. Das Eigentum ist unverletzlich. Vor dem Gesetz sind alle Staatsbürger gleich. Die öffentlichen Ämter sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich. Es steht jedermann frei, seinen Beruf zu wählen. Jeder Staatsbürger kann an jedem Ort des Staatsgebietes seinen Aufenthalt und Wohnsitz nehmen. Die Presse darf weder unter Zensur gestellt noch durch das Konzessionssystem beschränkt werden. Die Staatsbürger haben das Recht, sich zu versammeln und Vereine zu bilden. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist jedermann gewährleistet. Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und sie haben ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege ihrer Nationalität und Sprache.

Kaiser Franz Joseph wurde oft nachgesagt, er wäre zu unbeweglich und zu stur gewesen; er war es keineswegs, doch er zeigte stets eine kompromißlos starre Haltung, wenn es um Verträge, Gesetze und Verordnungen ging. Im Gegensatz zum britischen König Edward VII., dem französischen Monarchen Napoleon III. und nicht zuletzt auch zum »eisernen Kanzler«, Otto von Bismarck, lehnte er, ein hölzerner Grandseigneur der konservativen Staatskunst, Wortbruch, feinverpackte Lüge oder auch nur eine zweideutige Interpretation als brauchbare Mittel der Politik entrüstet ab. Er hielt sich stur an das Grundgesetz, wenn auch vieles von den neuen Verordnungen in der alltäglichen Praxis vorerst nur bedingt verwirklicht werden konnte - oder so gut wie gar nicht, wie das schöne Vorhaben über die Gleichberechtigung der Nationen. Franz Joseph versuchte die heikle Frage immer wieder durch verschiedene Varianten zu lösen, doch er scheiterte, weil er nicht bereit war, Gewalt anzuwenden, und zog sich dann für längere Zeit gekränkt zurück. Ob die Völker der Monarchie in seinem Bewußtsein tatsächlich gleichberechtigt waren, weiß man nicht. Er vermied jegliche Herabsetzung der einen oder der anderen Nationalität, es gibt keine amtliche Aufzeichnung, ja nicht einmal eine Anekdote, die darauf hinweisen würde, daß der Kaiser gegen Serben, Ungarn, Rumänen, Ruthenen oder Polen, gegen Protestanten, Juden oder Muslims je eine Drohung ausgesprochen, sich ein Schimpfwort erlaubt hätte. Kein Ausrutscher ist bekannt. In seinen Regierungen hatten nichtdeutschsprachige Österreicher oft die wichtigsten Ressorts geführt, im Heer Offiziere polnischer, serbischer oder ungarischer Abstammung hohe Kommandoposten bekleidet. Franz Joseph I. liebte seine schöne Armee, die er aber, nach den bitteren Erfahrungen verlorener Schlachten, nach Solferino und nach Königgrätz, in keinen Krieg mehr schicken wollte. Er trug zwar stets Uniform, aber er war kein Soldatenkaiser, kein Feldherr auf dem Thron: in der ein wenig abgetragenen Montur eines k. u. k. Generals setzte sich in der Hofburg oder im Schloß Schönbrunn tagtäglich ein fleißiger Beamter an den Schreibtisch, ein Frühaufsteher, pflichtbewußt bis zur Selbstaufopferung, ein Aktenarbeiter mit großem Interesse auch für eher unwesentliche Detailfragen. Der Kaiser am frühen Morgen in seinem Arbeitszimmer war zunehmend zu einer allegorischen Gestalt geworden, zur allerhöchsten Bürgschaft für eine heile österreichische Welt. Sie war freilich, rückblickend gesehen, keineswegs heil, sie war ein absurdes Sammelsurium von miteinander harmonierenden Gegensätzen und Unmöglichkeiten, doch sie funktionierte jahrzehntelang ganz ordentlich. Der große, ungemein vielfältige und frei zugängliche Wirtschaftsraum der Donaumonarchie warf beträchtliche Gewinne ab, die Handelsbilanz war zwischen 1876 und 1898, 22 Jahre hindurch, stets aktiv.

Den Kampf der Nationen gegen Wien und gegeneinander trugen meist kleine, von Berufschauvinisten geführte, lautstarke Gruppen aus. Tomäs G. Masaryk, nach 1918 der erste Präsident der Tschechoslowakei, stellte fest: »Der Nationalitätenstreit würde ein Ende nehmen, gäbe es nicht Personen, die davon lebten.«

Es gab aber auch eine sehr weit- und tiefreichende Verständigung, Verbrüderung und Verschwägerung der Nationalitäten, vor allem in den unteren Volksschichten, aber auch in den Kreisen der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kunst, in der Armee und auf den Schlössern des Adels. Man heiratete kreuz und quer durch Österreich-Ungarn, man schickte die Kinder zu den böhmischen, ungarischen oder österreichischen Verwandten auf Sommerfrische, man gründete gemeinsame Firmen und nahm Kredite, wo man sie eben bekam. Man war, ob man im Kaffeehaus saß, im Seziersaal studierte, mit dem Nachtzug fuhr, auf der Bühne probte oder in irgendeiner entlegenen Garnison Wache schob, fast immer mit Fremden aus dem eigenen Reich zusammen, die im Grunde gar keine Fremden waren: in der Werkstätte, auf dem Tanzboden, in der Kaserne und im Schlafzimmer herrschte Frieden unter den Nationen. Die Großmutter aus Brunn, der Schwiegersohn aus Debrecen, der Kompagnon aus Triest, die Amme aus Iglau, der Regimentsarzt aus Graz hielten den Vielvölkerstaat still und zäh zusammen - auch nach seinem Untergang, im imaginären Zwischenbereich der Sehnsucht und der Erinnerung. In den letzten Jahren der angeblich schon altersschwach und morsch gewordenen Donaumonarchie ist Österreich zu einer geistigen Weltmacht geworden, ihr später Glanz leuchtet immer noch und zieht Millionen von Fremden an. Vom Hof zwar selten gefördert, aber niemals bekämpft, brach gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf allen Gebieten der Kunst und der Wissenschaft die Moderne durch. Franz Joseph verstand zwar nichts von Musik, nichts von Literatur, nichts von Bildern und Skulpturen, er las keine Bücher, seine Lieblingslektüre war »Danzers Armeezeitung«, aber er mischte sich auch, im Gegensatz zu Königin Viktoria in England oder zu Zar Nikolaj II. in Rußland, nicht in die Angelegenheiten der Kunst und Kultur ein; er verhinderte nichts, und das war für einen konservativ eingestellten Monarchen immerhin eine beachtliche Leistung. Er ging brav ins Theater und ins Konzert, um pflichtschuldig zu repräsentieren, er eröffnete später legendär gewordene Ausstellungen, er sagte dabei: »Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut«, was man als stereotypstupide Äußerung eines allerhöchsten Ba¬nausen belächelte - obwohl es vielleicht doch die Weisheit eines alten Mannes war, der wußte, daß er die Welt nicht mehr verstand und sich daher in eine nichtssagende Floskel rettete, um kein folgenschweres Werturteil abgeben zu müssen. Er hatte, was man immer wieder in Abrede stellt, auch Sinn für einen feinen, subtilen Humor, Beweise dafür findet man in seinen Briefen genug; seine stille Selbstironie hat nicht selten auch seine Gegner beeindruckt. Als er Engelbert Pernerstorfer, einen führenden Mann der Sozialdemokratischen Partei, empfing, wartete die Öffentlichkeit gespannt auf den Zusammenprall zweier, im Grunde doch unversöhnlich feindseliger Welten. Franz Joseph, der angeblich keinen Humor hatte, kommentierte die ungewöhnliche Audienz mit der leisen Bemerkung: »Der Herr Pernerstorfer war sehr nett zu mir...« Franz Joseph war auch nicht gefühlskalt, doch er lebte eisern nach der im Haus Habsburg überlieferten Lehre, ein Monarch, die erste und höchste Person im Staat, darf, auch inmitten von Krisen und Katastrophen, keine Emotionen zeigen. Krisen und Katastrophen, schwere persönliche Schicksalschläge trafen den Kaiser mehr als genug. Die Einzelheiten sind hinlänglich bekannt - ihm blieb wahrhaftig nichts erspart. Seine stürmische Liebe zu seiner jungen, entzückenden Frau, der bayrischen Prinzessin Elisabeth, mündete, als sie sich ihm immer mehr entfremdete und von ihrem vierzigsten Lebensjahr an deutlich an der Grenze krankhafter psychischer Störungen balancierte, in einer schmerzhaften Resignation. Elisabeth irrte, fast bis zum Skelett abgemagert, ruhelos in der Welt umher und wurde auf der Genfer Uferpromenade von einem Anarchisten ermordet. Kronprinz Rudolf, Franz Josephs einziger Sohn, den er nicht verstand und von dem er nicht geliebt wurde, tötete im Jagdschloß von Mayerling seine junge Geliebte und nahm sich selbst das Leben. Maximilian, der jüngere Bruder des Monarchen, der durch fragwürdige außenpolitische Ränkespiele Kaiser von Mexiko geworden war, wurde von aufständischen Mexikanern erschossen. Ludwig Viktor, der jüngste Bruder, zog sich nach einem Skandal in einem Wiener Bad nicht ganz freiwillig für immer aufs Schloß Kleßheim bei Salzburg zurück. Von den engsten Verwandten ging Erzherzog Johann Salvator, der aus dem Erzhaus austrat und sich fortan Johann Orth nannte, mit einem Schiff in der Nähe des Kap Hoorn spurlos unter; Erzherzog Leopold Ferdinand landete unter dem Künstlernamen Leopold Wölfling auf der Kabarettbühne in Berlin, Erzherzog Ferdinand Karl gründete mit der Professorentochter Bertha Czuber einen bürgerlichen Haushalt in München, Erzherzogin Luise verließ ihren Mann, Friedrich August, Kronprinzen von Sachsen, und heiratete den italienischen Komponisten Enrico Toselli. Franz Joseph, immer mehr vereinsamt, fand sein spätes Glück, an dem ganz Österreich diskret und wohlwollend Anteil nahm, in einer bürgerlichen Idylle, bei der Burgschauspielerin Katharina Schratt, bei der »gnädigen Frau«, die sich maßvoll im Hintergrund hielt und niemals versucht hat, auf politische Entscheidungen des Kaisers Einfluß zu nehmen.

Am 28. Juni 1914 kam der letzte, schwere Schlag: Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wurde in Sarajevo ermordet. Franz Joseph wollte keinen Krieg. Keine militärische Strafexpedition gegen Serbien, war seine erste Reaktion auf die Nachricht über das Attentat. Wochenlang wehrte er sich gegen den Gedanken eines auch nur »begrenzten Waffenganges«, aber schon ohne Ratgeber, ohne Beistand. Es gab in jenem verhängnisvollen Sommer keinen einflußreichen österreichisch-ungarischen Politiker, keinen hohen Militär, der den Krieg nicht gewollt hätte. Franz Joseph war allein, er war 84 Jahre alt, er war müde und verbraucht. »Ein Schleier lag zwischen ihm und der Welt«, schrieb seine Tochter, Erzherzogin Marie Valerie, in ihr Tagebuch. Er saß isoliert in der Kaiservilla in Bad Ischl, dort suchten ihn die Kabinettsmitglieder immer wieder auf, um ihn zur fatalen Kriegserklärung zu drängen. Als man ihm bewußt falsche Nachrichten auftischte, serbische Truppen hätten an der unteren Donau österreichisch-ungarische Grenzposten angegriffen, gab er schließlich nach.

Er starb mitten im Krieg, am 21. November 1916, im Alter von 86 Jahren. Die vorschriftsmäßige österreichische Ordnung, die er zeit seines Lebens geliebt und geachtet hatte, ließ ihn noch einmal grüßen: Im Schloß Schönbrunn wurde auch für ihn der für jede auf dem Hoheitsgebiet der Monarchie verstorbene Person unerläßliche Totenbeschaubefund ausgestellt: »Vor- und Zunamen: S. M. Kaiser Franz Joseph I. Berufszweig und Berufsstellung: Kaiser von Österreich, König von Ungarn etc., etc. Glaubensbekenntnis: römisch-katholisch. Stand: Verwitwet. Unmittelbare Todesursache nebst Angabe der etwaigen Grundkrankheiten, aus welcher sich die unmittelbare Todesursache entwickelt hat: Herzschwäche nach Lungen- und Rippenfellentzündung. Gestorben: 21. XI. 1916 um 9 Uhr 5' Abends. Ist zu beerdigen: In Kapuzinergruft.«

Es war der Totenschein der Monarchie. Das dumpfe Gefühl, mit dem alten Kaiser gehe auch das alte Reich, bemächtigte sich der Bürger des bedrängten Vielvölkerstaates. Die übernationale, streng monarchistische Staatsidee der Habsburger hatte sich überlebt. Sie starb mit dem greisen Franz Joseph I. und wurde am 30. November 1916, einem tristen, verregneten Tag, mit der letzten zeremoniellen Beisetzung eines Habsburgers in der Kapuzinergruft zu Grabe getragen. Die frischen Blumen, die heute noch von Hunderten von Besuchern, darunter immer mehr auch von Italienern, Ungarn und Polen auf seinen Sarg niedergelegt werden, liefern den stillen Beweis, daß man ihn, die letzte große Gestalt des alten Österreichs und seine Zeit, die uns zunehmend als eine schöne und reiche Epoche erscheint, nicht vergessen hat.


Aus dem Buch:

Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987)

FRANZ JOSEPH I.#

Kakaniens Kaiser
.Burggarten
Denkmal im Wiener Buggarten - Foto: P. Diem
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„Überhaupt, wie vieles Merkwürdige ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! Es war zum Beispiel kaiserlich-königlich und war kaiserlich und königlich; eines der beiden Zeichen k. k. oder k. u. k. trug dort jede Sache und Person, aber es bedurfte trotzdem einer Geheimwissenschaft, um immer sicher unterscheiden zu können, welche Einrichtungen und Menschen k. k. und welche k. u. k. zu rufen waren. Es nannte sich schriftlich Österreichisch-Ungarische Monarchie und ließ sich mündlich Österreich rufen; mit einem Namen also, den es mit feierlichem Staatsschwur abgelegt hatte, aber in allen Gefühlsangelegenheiten beibehielt, zum Zeichen, daß Gefühle ebenso wichtig sind wie Staatsrecht und Vorschriften nicht den wirklichen Lebensernst bedeuten.

Es war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte freisinnig. Vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich, aber nicht alle waren eben Bürger. Man hatte ein Parlament, welches so gewaltigen Gebrauch von seiner Freiheit machte, daß man es gewöhnlich geschlossen hielt; aber man hatte auch einen Notstandsparagraphen, mit dessen Hilfe man ohne das Parlament auskam, und jedesmal, wenn alles sich schon über den Absolutismus freute, ordnete die Krone an, daß nun doch wieder parlamentarisch regiert werden müsse."

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Literatur#

  • E. C. Conte Corti, Kaiser Franz Joseph, 3 Bände, 1950-55
  • F. Herre, Kaiser Franz Joseph von Österreich, 1978
  • Kaiser Franz Joseph und seine Zeit, Ausstellungskatalog, Grafenegg 1984
  • Kaiser Franz Joseph in seiner Zeit, Ausstellungskatalog, Grafenegg 1987
  • E. C. Conte Corti und H. Sokol, Kaiser Franz Joseph, 6/1990
  • B. Hamann, Die Habsburger, 4/1993
  • A. Palmer, Franz Joseph I., 1995
  • Das große Buch der Österreicher – 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild (1987), ed. W. Kleindel & H. Veigl, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 615 S.
  • Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Erschienen 2013 DVA München, ab Seite 500ff findet sich die Genese der „Julikrise“
  • Manfried Rauchensteiner: Der 1.Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie. Ab S 93ff. Böhlau, 2013
  • Annika Mombauer: Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg. Beck, München 2014, S.117ff


Stimmporträt #


Hörprobe Österreichische Mediathek


Vorführung des Poulsenschen "Telegraphons". Ausschnitt
Wien, 1901

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Weiterführendes#

Quellen#

  • AEIOU
  • Große Österreicher, ed. Th. Chorherr, Verlag Ueberreuter, 256 S.
  • www.mediathek.at


Redaktion: I. Schinnerl



Sehr gut gelungen; nach der 1866 entscheidenden Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz verliert Österreich seine Position als Präsidialmacht des Deutschen Bundes, womit der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland endgültig verloren ist und der Ausgleich mit Ungarn ein Gebot der Stunde. FJ scheint in mehrfacher Hinsicht mit seiner Rolle -etwa ganz im Gegensatz zu Bismarck- überfordert.

--Glaubauf karl, Donnerstag, 7. Januar 2010, 19:15