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1945: Die „Stunde null“? #

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden bei Weitem nicht alle Schuldigen zur Rechenschaft gezogen. Einigen von ihnen ermöglichte der Kalte Krieg neue Karrierechancen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (2. Jänner 2020)

Von

Martin Haidinger


Kampf um Wien. Sowjetische Soldaten auf dem Dach der Neuen Burg. Zeitgleich flüchteten zahlreiche NS-Bonzen nach Westen, Richtung „Alpenfestung“.
Kampf um Wien. Sowjetische Soldaten auf dem Dach der Neuen Burg. Zeitgleich flüchteten zahlreiche NS-Bonzen nach Westen, Richtung „Alpenfestung“.
Foto: Die FURCHE

Zweiter April 1945. Die Rote Armee rückt mit 400.000 Mann nach Wien vor. Die Stadt wird zum „Verteidigungsbereich“ erklärt. Zwanzig Tage, vom 3. bis zum 23. April, dauert die Schlacht um Wien zwischen Roter Armee auf der einen und abgekämpften deutschen Soldaten, rasch angelernten Zivilisten vom Volkssturm und Hitlerjungen auf der anderen Seite.

Die Moral ist auf dem Tiefpunkt angelangt, doch einzelne Fanatiker gibt es immer noch. Die SS knüpft die drei Wehrmachtsoffiziere Biedermann, Huth und Raschke öffentlich auf, die Wien den Russen übergeben wollten, um weiteres Unheil abzuwenden.

Als die Sowjets bereits Wien einnehmen, spucken in anderen Teilen Österreichs noch die Gauleiter und andere NS-Bonzen große Töne, ehe sich viele von ihnen selbst fluchtartig nach Westen absetzen, um den Russen zu entkommen. Einige von ihnen flüchten sich in die „Alpenfestung“ nach Tirol und ins Salzkammergut, die indes eine reine Propagandalüge der Nazis ist, um die (westlichen) Alliierten mit der Mär einer angeblich undurchdringlichen Verteidigungsstellung samt sagenhafter Wunderwaffen in den Bergen zu verwirren. Einzelne führende Nationalsozialisten wie der später als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtete Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), der Österreicher Ernst Kaltenbrunner, machen sich noch Illusionen, sie könnten mit den Amerikanern über ein Bündnis mit einem NS-geführten Österreich verhandeln und schicken Emissäre zum amerikanischen Geheimdienst in die Schweiz. Auf dieses groteske Angebot werden die USA nicht eingehen, stattdessen aber den einen oder anderen zeitweiligen „Bewohner“ der Alpenfestung wie den Raketentechniker Wernher von Braun in ihre Dienste nehmen.

Nicht schuldig! #

„Glauben Sie, dass das ganze österreichische Volk am Krieg mitschuldig ist, weil es eine Regierung an die Macht kommen ließ, welche die Welt in einen Krieg stürzen wollte?“ Auf diese Frage eines US-Meinungsforschungsinstituts antworteten im Dezember 1946 in Österreich vier Prozent mit „Ja“, 15 Prozent mit „teilweise Ja“. 71 Prozent sahen „überhaupt keine“ Mitschuld, zehn Prozent enthielten sich der Meinungsäußerung.

Freilich gab es manche Österreicher wie Deutsche, die nach dem Ende des Dritten Reiches der Meinung waren, dass die „Sache selbst“ ja gar nicht so schlecht gewesen wäre, wenn Hitler nur „das mit den Juden weggelassen“ hätte. Welcher Unsinn das war, musste man ihnen erst erklären, und das ging nicht von heute auf morgen. Den wenigsten Menschen war in den späten 1940er Jahren die Gesamtschau auf das NS-System oder gar die Sicht von außen möglich. Die letzten Jahre hatte man mehr oder weniger folgsam diktatorischen Meinungsmonopolisten gelauscht, deren Wege allesamt ins Verderben geführt hatten. Mochte man sich auch davon befreit fühlen, war man doch ebenso der alliierten Informationspolitik gegenüber misstrauisch. Dass die Gräuel und der Massenmord in den Konzentrationslagern Realität waren, musste die Bevölkerung erst einmal richtig zur Kenntnis nehmen. Das unvorstellbare Ausmaß der Verbrechen war bis zur Befreiung der Konzentrationslager selbst manchen Nachrichtendienstlern der Alliierten unglaubwürdig erschienen, ja einige hatten sie zu Beginn sogar für Produkte der eigenen Propaganda gehalten.

So relativieren sich die, basierend auf einer anderen Erhebung aus 1947, 40 Prozent Zustimmung zum Nationalsozialismus als prinzipiell „guter Idee“. Statistiken wie diese mögen uns heute schockieren, sagen allerdings nicht viel aus, da man sie an Menschen richtete, deren Einweisung in die Grundregeln der Demokratie westlicher Prägung 1947 nicht eben weit fortgeschritten sein konnte. Wie hätte denn binnen so weniger Jahre demokratische Bildung in die Hirne und Herzen der Menschen transportiert werden sollen? Und von wem? Wann ist der Zweite Weltkrieg nun wirklich zu Ende gegangen? Am 8. Mai 1945? So steht es in den Geschichtsbüchern.

Nachwehen des Schreckens #

Warum hörte ich dann seine Stimme noch 50 Jahre danach mitten in Wien? Immer dann, wenn ich in meiner Heimat, dem Arbeiterbezirk Favoriten, über den Reumannplatz zur U-Bahn ging? Wie von Sinnen brüllend lief da beständig eine alte Frau mit grotesk verzerrten Gesichtszügen auf und ab und gab unverständliche Laute von sich. Das ganze Leid der Welt schien in den heiseren Schreien zu liegen. „Die ist narrisch worden“, erzählte mir einmal ein alter Favoritner, „wie’s damals im ’45er Jahr bei einem Bombenangriff im Keller verschüttet worden ist.“ Irgendwann, so gegen Ende der 1990er Jahre verschwand die Alte aus dem Straßenbild, und mit ihr das Gebrüll. Nicht für mich. Ich habe es heute noch im Ohr, das ferne Geheul des Krieges.

Eines steht wenigstens fest: Nach knapp 150 Jahren hat 1945 die alldeutsche Idee hierzulande bis auf ein paar randständige Resterscheinungen ihr Ende gefunden. Jetzt erst sind die Österreicher von deutschen Österreichern zu österreichischen Österreichern geworden! Ideologisch bricht eine neue Zeit an, und zwar genau am 12. März 1947: Da erklärt der amerikanische Präsident Harry S. Truman dem US-Kongress, dass vor dem Hintergrund von Stalins Begehrlichkeiten im Iran, in der Türkei und in Griechenland die USA jenen freien Völkern beistehen würden, die sich dem Kommunismus widersetzen. Die alliierte Anti-Hitler-Koalition ist beendet, der Kalte Krieg zwischen Ost und West hat begonnen. Auch in Österreich. Und er zieht seine Spur mitten durchs Land.

2010 schilderte mir Jury von Luhovoy, ein russischstämmiger ehemaliger Agent des US-amerikanischen Geheimdienstes CIC in Wien, diesen abrupten Wechsel und seine Auswirkungen auf die Arbeit der US-Intelligence: „Und da kam der Zeitpunkt, wo eines Tages der Chef des CIC während einer Morgenbesprechung zum Ausdruck brachte, dass sich das Feindbild des nationalsozialistischen Verbrechers geändert hatte, also dass diese NS-Leute in dieser Form nicht mehr der wirkliche Zielpunkt der Erhebungen sein sollten, sondern wir müssen zur Abwehr des Kommunismus übergehen. Das hat damals in dem Büro zu Divergenzen geführt. Ich erinnere mich an einen jüdischen Offizier, der eine Schreibmaschine gegen die Wand geworfen hat, weil er es nicht verstanden hat, wieso auf einmal Nationalsozialisten pardoniert wurden und man gegen die Waffenbrüder der Sowjetunion aggressiv sein sollte.“

Ehrung für Alt-Nazis #

Einigen Alt-Nazis rettet der Kalte Krieg sogar das Leben und verschafft ihnen glänzende Karrieren, wie dem Wiener SS-Sturmbannführer Wilhelm Höttl (1915–1999). Als NS-Untergrundagent im Wien der 1930er Jahre, Freund von Holocaust-Organisator Adolf Eichmann, Agent für den SS-Sicherheitsdienst in Ungarn, Italien und auf dem Balkan während des Zweiten Weltkriegs, dann als wichtiger Zeuge im Nürnberger Prozess und Gewährsmann für die Zahl sechs Millionen ermordeter Juden wurde er 1945 trotz seiner bekannten Beteiligung am Massenmord in Ungarn Spion für die USA und zuletzt Schuldirektor in Bad Aussee.

Dass er an seinem Lebensende mit einem steirischen Verdienstorden hochgeehrt einen ruhigen Lebensabend in Altaussee verbrachte, ist nicht nur ein Symptom für eine seltsame Kontinuität nach 1945, sondern auch das Thema meines soeben erschienenen Buches „Wilhelm Höttl – Spion für Hitler und die USA“. Die in Sonntagsreden vielbemühte „Stunde null“ war also nicht mehr als ein kurzes „Time out“ im Fluss der Geschichte.

Der Autor ist Historiker, Journalist und Wissenschaftsredakteur. Der Autor ist Historiker, Journalist und Wissenschaftsredakteur.

Bild 'Buchcover'

Wilhelm Höttl. Spion für Hitler und die USA

Von Martin Haidinger

Ueberreuter 2019

208 S., geb., € 22,95

DIE FURCHE (2. Jänner 2020)