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Der Mann, der Hitler die Ideen gab#

Frühjahr 1951#

Im Freundeskreis erwähnte im Frühjahr 1951 Univ.-Prof. Dr. A. M. Knoll, dass ein Lanz von Liebenfels Hitler eigentlich die entscheidenden Ideen gegeben habe. Er meinte, in der „Ostara“, einer Zeitschrift, die 1905 gegründet worden sei, könne man die ganze Rassenideologie des Nationalsozialismus lesen. Das Organ ist reichlich verrückt, doch „der Nationalismus ist jene Bewegung, die das preußische Schwert der österreichischen Narretei zur Verfügung gestellt hat.“

Lanz von Liebenfels, diesen Namen hatte einer der bekanntesten Wiener Tiefenpsychologen, Dr. Wilfried Daim, im Zusammenhang mit einer Sekte schon gehört. Seinerzeit hatte er es abgelehnt, sich mit den Ideen dieser Leute zu befassen, als er aber den Namen aus dem Mund des bekannten Soziologen hörte, bekam der Name plötzlich Gewicht, er versuchte den Quellen nachzugehen.

Am 11. Mai 1951, es war ein regnerischer Vormittag, saßen Dr. Daim, ein Arzt und Professor Knoll, Lanz von Liebenfels in seiner Wiener Wohnung, Grinzingerstraße 32, gegenüber. Der „Chefideologe“ des Nationalsozialismus war damals 77 Jahre alt, gab sich freundlich und konziliant, jedoch etwas ängstlich, da er sich seiner Bedeutung hinsichtlich Hitlers Ideologie voll bewusst war. Im Vordergrund der Unterhaltung stand natürlich die Frage, ob Lanz jemals mit Hitler zusammengekommen war.

Lanz war Zisterzienser in Heiligenkreuz gewesen, wurde aber 1899 ausgeschlossen, angeblich einer Frau wegen. „Eines Tages im Jahre 1909 besuchte mich Hitler“, erzählt Lanz, „in meinem Büro und erzählte, dass er in der Felberstraße wohne und in der dortigen Trafik, die ‚Ostara‘, mein Organ, fast regelmässig kaufe. Zur Vollständigkeit würden ihm aber einige Nummern fehlen, weswegen er sich an den Herausgeber direkt wende.“ Lanz bemerkte, dass Hitler ausgesprochen arm erschien, überließ ihm die Hefte kostenlos und schenkte ihm noch zwei Kronen für die Heimfahrt. Hitler war dafür sehr dankbar. Soweit der Besuch bei Lanz, der zum Abschied noch erwähnte, dass Hitler sehr undankbar gewesen sei, da er ihm in der NS-Zeit sogar Schreibverbot gegeben habe.

An Hand der Aufzeichnungen der Wiener Polizei war es für Dr. Daim nicht schwer festzustellen, wann und wo Hitler in Wien gelebt hatte. Auch die Tabak-Trafik hatte sich bis 1934 an der angegebenen Stelle befunden, war dann verlegt und 1940 aufgelassen worden. An den Aussagen des Lanz, noch dazu in einer Zeit, da die Alliierten Wien besetzt hielten, war allem Anschein nach nicht zu zweifeln.

Auch die Lektüre der „Ostara“-Hefte lässt keinen Zweifel zu, dass Lanz und seine Anhänger die Ahnen der NS-Rassenideologie waren. ...es sei daran erinnert, dass die Hakenkreuz und Faschistenbewegungen im Grunde genommen nur Seitenentwicklungen der „Ostara“-Ideen sind“, heißt es in einem Artikel eines Anhängers des Lanz. Aber auch Lanz selbst hat sich als „Urheber der Rassenidee“ in vielen Aufsätzen bezeichnet. Kein Wunder also, wenn Hitler seinem geistigen Vater Schreibverbot erteilt hat. Allerdings schreibt Hitler in „Mein Kampf“, bei der Schilderung seiner Lehr- und Leidensjahre in Wien, dass er damals die ersten antisemitischen Schriften seines Lebens in die Hand bekommen habe. Auch Dipl. Ing. Greiner, der mit Hitler befreundet war, – es war im Männerheim in der Meldemanngasse wiederholt zu ausgedehnten Debatten über Rassenfragen gekommen – beschreibt in seinem Buch „Das Ende des Hitler-Mythos“, (es wurde infolge einer alliierten Intervention eingestampft ), dass Hitler einen an die 30 Zentimenter hohen Stoß von „Ostara“-Heften gehabt hatte.

Greiner schreibt auch, dass Hitler sich in seinen Wiener Jahren intensivst mit Geheimlehren beschäftigt habe. Interessant in diesen Schilderungen ist auch die Rolle eines gewissen Grill, eines abgefallenen Priesters der sich abmühte, eine Religion der reinen Nächstenliebe ohne kirchlichen Apparat zu stiften. Er soll der Sohn eines polnisch-russischen Rabbiners gewesen sein und war Hitlers bevorzugter Diskussionspartner im Männerheim. Die meisten antikatholischen Argumente dürften von dem Mann stammen. In einem Punkte waren sie allerdings nicht einer Meinung. Grill predigte die allgemeine Nächstenliebe ohne Ausnahme bestimmter Rassen, Hitler war unbedingt der Meinung, man müsse die Juden von der Nächstenliebe ausschließen.

Grill, der sich seinen Lebensunterhalt mit Adressenschreiben für Geschäfte verdiente, kam durch die Diskussionen des öftern mit seiner Arbeit in Rückstand. Hitler kochte dafür nicht nur für sich, sondern auch für seinen Diskussionspartner Milchreis.

Hitler, er dürfte damals zwischen 19 und 20 Jahren alt gewesen sein, nahm zunächst die Rassenideologie der „Ostara“ nicht kritiklos hin. Zwar mit antisemitischen Affekten beladen, wehrte er sich zunächst gegen die kompromißlose Einstellung des Lanz, er wurde „gequält von Furcht, Unrecht zu tun, wieder ängstlich und unsicher. „Rückfällig auf Wochen hinaus, einmal auf Monate“ („Mein Kampf“).

Die endgültige Findung einer Weltanschauung ist in dieser Spätpubertätsphase sehr häufig. Die Weltanschauung des Lanz gab Hitlers Selbstwertstreben eine Unterlage, nämlich Mitglied der auserwählten Rasse zu sein. Dieses Streben gipfelt in der Behauptung: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich der Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“

Es kann nach den Untersuchungen Dr. Daim‘s keinen Zweifel geben, dass die „Ostara“ des Lanz von Liebenfels entscheidend für die politische Entwicklung Hitlers war, noch lange vor dem Zeitpunkt, da er sich entschloß Politiker zu werden, sondern in der Zeit, wo der „größte Feldherr aller Zeiten“ noch Milchreis für seine Kollegen im Männerheim kochte.

Curriculum vitae des Vaters der NS-Ideologie#

Bei dem Namen Jörg Lanz von Liebenfels stimmt fast nichts. Was bei anderen Menschen: Name und Herkunft, klar auf der Hand liegt, es sei denn. es handelt sich um ein Findelkind, ist bei Lanz höchst kompliziert. Als Adolf Lanz wurde er im Stift Heiligenkreuz geführt, den Namen Georg (Jörg) bekam er als Ordensnamen. Von seinen Mitnovizen und Patres im Stift Heiligenkreuz wurde Lanz nur „Schurl“ genannt.

Lanz hatte auch Patente angemeldet. Sie liefen unter den Namen Dr. Georg Lanz. Der Name Liebenfels war weder in Heiligenkreuz noch vor seinen Publikationen geläufig. In der Geburtsmatrikel, Pfarre Penzing, steht er als Adolf Josef Lanz. Als Sohn des Lehrers Johann Lanz und der Katharina Lanz, geborene Hoffenreich, wurde er am 19. Juli 1874 in Penzing geboren. Von Adel konnte keine Rede sein. Die „Änderungen“ im Meldeschein und in Ausweisen werfen auf das Bild des Mannes, der Hitler die Ideen gab, ein bemerkenswertes psychologisches Licht Er wollte älter sein, datierte sein Geburtsdatum um zwei Jahre hinunter, machte aus seinem Vater einen Baron Johann Lancz de Liebenfels, aus seiner Mutter eine Katherina Skala und nannte sich Georg Lancz von Liebenfels, aus Messina, Italien ohne Staatsbürgerschaft. Sein Sekretär erklärt dazu, dass Lanz sich ein Pseudonym zulegen wollte, das auch die Leute, die sein Horoskop stellen wollten, in die Irre führe, es sollte ein „astrologisches Pseudonym“ sein. Sich ein Adelsprädikat zuzulegen entspricht ganz seinen Ideen über Rasse und Herkunft. Das Ältermachen ist vergleichbar mit der Tendenz, die bei allen Sektenführern, die gerne Urbild des „Weisen“ oder „Alten vom Berg“ sein möchten, auftritt.

Über die Jungend des Lanz lässt sich nicht viel sagen. Bedeutsam ist, dass er schon in jungen Jahren ein Tempeleise werden wollte. Der Zufall wollte es, dass er Marschners Oper „Templer“ hörte, die ihn in Ekstase versetzte. Eine ähnliche Rolle spielte die Wagner Oper „Rienzi“ in Hitlers Leben, Hitler identifizierte sich mit dem Volkstribun und sah sich Herrschaften stürzen und eigene aufrichten.

Das Erhabene, das aus den Mauern des Stiftes Heiligenkreuz spricht und der Wunsch, Tempelritter zu werden, dürfte für Lanz ausschlaggebend gewesen sein, Zisterzienser zu werden. Den Plan, einen eigenen Neutemplerorden zu gründen, gab er jedoch nicht auf, der Beitritt zu einem Ritterorden war ihm verschlossen, dazu hätte er Adeliger sein müssen. Der Orden der Templer oder Tempelherren wurde 1119 gegründet und vom Papst 1128 bestätigt. Er setzte sich zum Ziel, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, um das Heilige Grab zu schützen. Lanz meinte nun, dass das eigentliche Ziel der Templer, die Rassenreinheit der „Blonden“ hochzuhalten, war. Damals begann die Grundidee des Lanz um das Symbol des Templer als Symbol, Gestalt anzunehmen. Er teilte die Menschen in zwei Gruppen ein: die Blonden oder, wie er sie später nannte Asinge – von den Asen der germanischen Götter, die Heldlinge, die Areoheroiker, die Edelrassigen, die Angehörigen der Edelrassen und die Äfflinge, dieTschandalen – von Candala, den Mischrassen im alten Indien und später die Bolschi-Juden, Waninge und Schrättlinge.

Heldlinge und Äfflinge#

Lanz war von seiner Idee besessen. Das zeigt auch eine kleine Episode aus seinem Klosterleben. In Heiligenkreuz sah er einen Grabstein, auf dem ein Ritter dargestellt war, wie er ein affenähnliches Untier tötet. Lanz behauptet nun, dass es der Grabstein des Berthold von Treun sei und fügt dazu einige Bemerkungen über den Kampf des Reinen mit dem bösen Prinzip hinzu. Tatsächlich aber dürfte es sich um den Grabstein des nie zur Regierung gelangten Herzogs d. Grausamen handeln, der in Abwesenheit seines Vaters, Leopolds VI., einen Aufstand anzuzetteln versuchte und seinem Vater nach dem Leben trachtete. Zur Busse legte man den jung verstorbenen Herzog in Asche und verzichtete auf eine hinweisende Grabinschrift. Für Lanz allerdings wurde in einem Traumgesicht die Figur zu: „Der Heldling tritt den Äffling.“ über den folgenden Austritt des Lanz aus dem Orden findet man im Verzeichnis der Mönche eine lateinische Notiz, die ins Deutsche übersetzt folgend lautet:

Der Lüge des Zeitalters ergeben und von fleischlicher Liebe erfasst, warf er am 27. April 1899 das Mönchgewand und die Priesterwürde, vielleicht sowohl den katholischen als auch den christlichen Glauben von sich und fiel schändlich ab. Man muss annehmen, dass eine Frau im Spiel war, geht aber nicht fehl zu glauben, dass die aufkeimende Rassenideologie des Lanz eine nicht geringe Rolle gespielt hatte.

Schon kurz nach dem Austritt aus Heiligenkreuz versucht Lanz die Gründung des Ordens der Neuen Templer (ONT) der rassenpolitische und rassenreligiöse Ziele hatte. Seine Predigten an die kleine Schar von Anhängern hatten zunächst nicht den gewünschten Erfolg. Ziele und Programm wurden von Lanz festgelegt, der statt Jesus am liebsten „Frauja“ sagt, weil dieses Wort in der Bibelübersetzung des Gotenbischofs Ulfila für Jesus gebraucht wird. „Die Staaten werden im Interesse ihres Bestandes der Kultur zur planmässigen Zucht der staats- und kulturerhaltenden Menschen arischer Rasse kommen müssen!”

Das Programm verdient wörtlich wiedergegeben zu werden – ein Musterbeispiel der verschrobenen Ideen eines schweren Psychopathen.

Das Programm des Psychopathen#

„1. Müssen sich vor allem alle Gleichgesinnten treffen und einander womöglich im persönlichen oder brieflichen Verkehr näher rücken. Zu diesem Zweck ist die „Ostara“ gegründet worden und in diesem Sinne hat sie bereits, trotz ihres kurzen Bestandes, äußerst ersprießlich gewirkt.

2. Wir empfehlen jedem unserer Freunde, bei Wohltätigkeitsspenden stets die Rasse zu beachten. Den Menschen arischer Rasse muss mehr und schneller gegeben werden. Schon beim Trinkgeld fange man an.

3. Bei Errichtung von Stiftungsurkunden, Legaten und dgl. mache man die Zuteilung der Pfründen, des Stiftungsbetrages nicht von einem Diplom, sondern von der Rasse abhängig. Man bestimmt z. B., dass nur Menschen mit goldblonden Haaren, blauen oder blaugrauen Augen, rosiger Gesichtsfarbe, mit länglichem Gesicht, mit länglichen anliegenden Ohren, hochsatteliger, schmaler gerader Nase, proportioniertem Mund, gesunden weißen Zähnen, vollem Kinn, mit ebenmäßiger hoher Körpergestalt, schmalen Händen, schmalen Füssen beteilt werden dürfen. Bei einer derartig abgefassten Stiftungsurkunde gibt es dann keine Bevorzugung.

4. Veranstaltung von Wettbewerben um asische Rassenschönheitspreise. Näheres ist von der Schriftleitung dieses Flugschriftenverlages zu erfahren. Die „Ostara“ gibt seit einiger Zeit eigene „Ostara“-Postkarten heraus, die in zusammenhängender Reihenfolge die schönsten Menschen asischer Artung in künstlerischer Wiedergabe darstellen und den Sinn für Rassenschönheit wecken sollen. Ich bin bereits zur Gründung eines Museums für Rassenschönheit geschritten, für das ich eine geeignete Örtlichkeit zur Verfügung gestellt habe. (Burg Werfenstein. Anm. d. Red.)

5. Die „Ostara“ weckt und fördert den Sinn für die Heiligkeit des Blutes und der Vererbungsgesetze, indem sie jedem Leser kostenlos Auskunft über Herkunft seiner Familie, über Bedeutung und Alter seines Namens, Wappenfähigkeit und dgl. erteilt.

6. Fördern wir die Gründung von asischen Reinzuchtkolonien. Nur auf ländlichem Boden kann die asische Rasse gut gedeihen, die Stadt mordet sie leiblich und geistig. Noch gibt es auf der Welt ungeheure Strecken fruchtbaren Landes, wo Asing ein freies und ungebundenes Herrenleben auf eigener Scholle führen, wo er für einige hundert Mark hundert Hektar reichen Landes erwerben kann. Ich habe daher ein Handbuch für solche Kolonisten geschrieben und den Reinertrag dieses Buches der Gründung einer Reinzuchtkolonie gewidmet.

In allem und jedem müssen wir uns als Jünger des neuen Tempels und als Jünger Fraujas fühlen. Wir müssen den asischen Menschen, seine Schönheit und seine Herzensgüte suchen wie eine kostbare Perle. Ihm soll die Weltherrschaft und das Reich vorbehalten sein. Denn so spricht Frauja: „Abermal ist gleich das Reich der Himmlischen (der Asinge) einem Kaufmann der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er hatte und kaufte dieselbige . . . Abermal gleicht das Reich der Himmlischen (der Asinge) einem Netze, das ins Meer geworfen wird, damit man allerlei Rassenart fängt. Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es an das Ufer, sitzen und lesen die guten in ein Gefäß zusammen, aber die faulen werfen sie weg (Matthäus XIII. 45 ff). Für die „Perlen“ alles, für die „faulen Fische“ nichts.“

1907 wurde die erste Hakenkreuzfahne gehisst#

Lanz hatte die Burg Werfenstein im Strudengau, Oberösterreich, erworben. Er nannte sich Fra Jörg und war Prior in seinem Orden. Daneben gab es noch andere Grade wie p. ONT Presbyter, NONT Novize, MONT Magister, CONT Convenual und FNT Familiar. Jeder Templer gehörte zu einer bestimmten Burg, etwa Fra August ad Werfenstein oder Fra Rig ad Staufen. An Gebeten gab es bald Psalmen, die später unter dem Titel „Die Psalmen Teutsch“ erschienen. Als Autor zeichnete Lanz. Der Orden dürfte über beträchtliche Geldmittel verfügt haben. In den folgenden Jahren entstanden weitere Ordensburgen, so in Marienkamp in der Nähe des Plattensees, in Ulm, Bayern, in Hertesburg in der Nähe von Rügen an der Ostsee sowie ein Haus in Salzburg. Die zusätzliche Einrichtung der Burg Werfenstein war aus rohen Brettern gezimmert. Es gab eine blaue Herrenstube und eine Meisterstube sowie eine alte Orgel aus dem Schloß Steyregg. Merkwürdige Bilder von alten Tempelrittern, von St. Georg dem Drachentöter, von Erdmenschen und Göttermutter Hertha vollendeten den Kulissenzauber. Im Rahmen einer Kulthandlung hißte nun Meister Lanz-Liebenfels – es war zu Weihnachten 1907 – auf Burg Werfenstein eine Hakenkreuzfahne. So ist Werfenstein wohl jener historische Ort, an dem zum ersten Mal eine Hakenkreuzfahne, wenn auch in anderer Farbe, wehte.

Lanz schreibt darüber 1928: „Wir haben vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal die Hakenkreuzfahne – heute Symbol einer von uns ausgegangenen wichtigen, zukunftsreichen Bewegung! – öffentlich gehißt . . .“

Das Hakenkreuz findet man auch in den „Ostara“-Heften und auf Flugzettel. Es steht allerdings nicht fest, ob Hitler auch das Hakenkreuz von Lanz „entlehnt“ hat.

Nach der Gründung seines Ordens schrieb Lanz Bücher. 1903 erschien „Katholizismus und Jesuitmus“, das die Verjudung des Katholizismus durch den tschandalischen Jesuitenorden darstellt. Die Version von den verjudeten Jesuiten ist völlig unsinnig. 1904 erschien das Hauptwerk Lanz „Theozoologie“, wohl das Verrückteste was man sich vorstellen kann. Auf das Werk kurz einzugehen ist nahezu unmöglich, Lanz widerspricht sich selbst einige Male, stellt aber eine Zusammenfassung von Lanz Weltentwurf dar.

„Ein fruchtbares Buch gegen die Neuheiden“, schrieb der schwedische Dichter August Strindberg in einem Brief an seinen deutschen Übersetzer Emil Schering. Die Lehren des Lanz dürften auf den Dichter einen großen Einfluss gehabt haben. Es bestehen wenig Zweifel, dass Strindberg auch Mitglied des Neutemplerordens war und den Namen Fra August ad Werfenstein führte.

Strindberg war kurze Zeit mit der Österreicherin Frieda Uhl verheiratet, deren Familie im Strudengau ein Gut hatte. 1896 war auch Lanz, damals noch Zisterzienser, im Strudengau, um die Verhandlungen zum Kauf der Burg Werfenstein einzuleiten. Während Lanz in der Wirtsstube auf den Kastellan wartete, erzählte er seinen Freunden von seinen „arithmosophischen“ Berechnungen. Als sie dann aufbrachen, stellte sich ihnen ein Mann vor und bat, sie begleiten zu dürfen. Es war Strindberg, der den kabbalistischen Gesprächen zugehört hatte. Strindberg war bei der Besichtigung der Burg anwesend und „auf‘ s tiefste ergriffen“. Lanz traf sich mit Strindberg noch „drei oder viermal“. Sie sprachen damals über einen eventuellen Eintritt Strindbergs in einen alten Orden, wobei Lanz Strindberg genauer unterrichtete und ihm riet, Ordensklöster zu besuchen und zu studieren. Strindberg war besorgt, es könne in einem solchen Kloster Wein und Tabak nicht erlaubt sein, doch Lanz beruhigte ihn.

Im Gegensatz zu den „Abschreibern“ wie Hitler, zitierte Strindberg im „Blaubuch“, der „Synthese seines Lebens“ wiederholt Lanz. In diesem Buch finden wir auch ein Bild, das Lanz anscheinend besonders liebte. Es handelt sich um die Skulptur „Geraubt“ von E. Fremiet. Lanz hat dieses Bild in seinen Werken dreimal wiedergegeben.

Äffling Uljanow-Lenin und die ­Theozoologie#

Eine Baronin habe, erzählt Lanz, den persönlichen Kontakt zwischen ihm und Lenin hergestellt. Das Gespräch zwischen dem ideologischen Hintermann des Nationalsozialismus mit dem „Bolschi-Häuptling“ soll in Lausanne stattgefunden haben. Lanz berichtet 1934 darüber:

„ . . .Andererseits lernte ich zufällig Lenin kennen, unterhielt mich mit ihm zirka eine Stunde und musste zu meiner grenzenlosen Verblüffung feststellen, dass er die „Theozoologie“ gründlich studiert hatte. Beim Abschied sagte er mit feiner Ironie „Schade um Sie! Ihre Ideen sind richtig! Aber vor Ihren Ideen werden unsere Gegenideen Wirklichkeit werden. Denn die Christen und Arier an die Sie sich wenden, sind eben keine Christen und Arier mehr, sondern Cochons, die Sie nicht nur nicht verstehen, sondern genau so wie mich deportieren würden, wenn sie Sie fangen könnten! Ich muss dem Bolschi-Häuptling recht geben, denn ich erlebte und erlebe es noch, dass gerade die hochkonservativen, national, völkischen Kreise die erbittertsten und unbelehrbarsten Gegner waren und bis auf den heutigen Tag geblieben sind. Die einzigen, die vor dem Krieg mich und unsere Lehre verstanden und daraus ihre Folgerungen zogen, waren Lord Kitchener und Lenin, der eine zum Nutzen des Angelsachsentums, der andere zum Nutzen des Untermenschentums. . . .“

Wer über einen gesunden Menschenverstand verfügt und jemals ein „Ostara“-Heft in die Hand bekommen hat, muss sich fragen. wie es möglich ist, dass dieser Unsinn jemals ernst genommen werden konnte. Lanz verlangt so, dass die Asigen vor Gericht zu bevorzugen seien und milder bestraft werden müssten als die Äfflinge. Nicht uninteressant Ist seine Einstellung zur Frau. Der Mann ist der unbeschränkte Herr über die Frau, welche die Natur selbst Sklavinnen bestimmt hat. Da „sittlich und gut“ das ist, „was der höheren Rasse frommt“, unsittlich und schlecht, was ihr schadet, wird die Geschlechtsmoral auch von diesem Standpunkt bestimmt. Unsittlich ist die Rassenvermischung, die Lebewesen schafft, die nicht leben sollen. Zur Rassenreinhaltung empfiehlt Lanz in seinen Schriften auch Verbrechen, wie Kindesabtreibungen und Kindesaussetzungen.

In einem Tempeleisen-Gebet von Fra Detlef ad Werfenstein heißt es:#

„Gib, Vater, uns Mütter aus deinem Geschlecht,
Und laß sie bevölkern die irdische Welt
Mit arischen Söhnen und arischem Recht
Und allem was artreine Ordnung erhält.
Dann kehrt zu uns wieder der Urahnen Glück
Und alles, was du uns verheißen, zurück.“
„Dann führ uns zum letzten, entscheidenden Kampf
über Südlands schneeig glänzenden Paß,
Gen Osten und Westen, dass überall dampft
Die Erde vom Blute der Mischlinge Rass,
Ein würdiges Opfer dem arischen Gott

Und Fra Erwin in „Ich gab dem Arya die Erde“

„Und wer soll dann die Götter zeugen,
Und wahren alt ererbten Geist,
Wenn uns ein toller Teufelsreigen,
Das Weib von unserer Seite reißt?
Und wen soll dann das Leben freuen
Und wo ist edle Minne mehr,
Wenn Heldenbräute nicht mehr scheuen
Der Äfflinge bacchantisch Heer?“

Man muss sich vorstellen, dass die ­„Ostara“ eine Auflage von 100.000 erreichte, eine Auflagenziffer, die heute gerne so manche bekannte Tageszeitung hätte.

Rassenkampf bis auf‘s Kastrationsmesser#

Soweit die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, die Zeit also, die für Hitler maßgebend gewesen sein dürfte. Lanz nahm nach einem Abstecher nach Ungarn, wo er in die Bela Kun-Wirren geriet, seine Tätigkeit als Rassenapostel wieder auf. Seine Erlebnisse finden wieder in Artikeln der „Ostara“ ihren Niederschlag. So schreibt er: „Die sozialistische-bolschewistische Urmenschenrasse hat uns die Mundschaft gekündigt. Gut, wir kündigen ihr Wohltätigkeit und Humanität. Sie wollen den Klassenkampf, sie sollen den Rassenkampf haben, Rassenkampf von unsrer Seite bis auf‘s Kastrationsmesser!“

Zu guter Letzt schildert er wieder einmal prophetisch die Endzeit: „Nicht mehr Parlamente, auch nicht Autokraten und Tyrannen, sondern weise Priesterfürsten, geniale, ariosophisch-mystisch geschulte Patrizier und Führer ritterlich-geistlicher Geheimorden und Geheimverbände werden die Geschicke der Völker leiten.“

Zu den späteren Freunden des Lanz zählte auch ein gewisser Frodi Ingolson Wehrmann, ein Schüler von Guido List, der nachher auf Lanz gestoßen war und für ihn Artikel und Gedichte schrieb.

Ein Kuriosum im Panoptikum der Rassenverfechter stellt seine „Vaterunserübersetzung“ dar:#

„Göttlicher Geist, der Du in den Himmelssöhnen wohnst, abgesondert und heilig sei Dein Auswahlvolk, zu uns komme Dein Reich, Dein Wille geschehe bei Deinen Kindern, wie bei den Kindern der Welt! Unser geistiges Leben fördere heute und vergib uns unsere Artfehde, wie auch wir denen gegenüber Nachsicht üben, die gegen uns verstoßen. Lasse uns nicht in die Vermischung versinken, sondern befreie uns von den Niedermenschen, dann ist Dein das göttliche Weltreich bis in die fernsten Nachkommen. So soll und wird es geschehen.“

Lanz schrieb außerordentlich viel. Allein ein zehnbändiges Werk, etwa 3.500 Seiten, „Bibliomystikon“, reichte so nebenbei einige Patentschriften ein und bekam dann 1938 von Hitler Schreibverbot. Sein geistiges Kind verleugnete den Vater und schloss ihm noch den Mund. Lanz, der eine Internationale der blaublonden anstrebte, war ein Gegner des nationaldeutschen Kurses.

Dann kam der zweite Weltkrieg und schließlich der Zusammenbruch all der Regime, die Lanz gefallen hätten. Werfenstein wurde geplündert, über die Ordenssitze in Ungarn rollten russische Panzer. Lanz saß in seiner Wohnung, Grinzingerstraße 32 und diktierte seine Memoiren. Kurz vor seinem Tod empfing er noch die Sterbesakramente und starb am 22. April 1954. Er wurde im Grab der Familie Lanz in Penzing begraben, angetan mit dem Zisterzienserhabit, das mit dem Kreuz des „Neuen Tempels“ geziert war.

Lanz hatte kurz vor seinem Tod versucht, noch einmal Kontakt mit dem Stift Heiligenkreuz zu erhalten. Er wollte in der Nähe des Grabsteins Heinrichs des Grausamen begraben werden, der zum Symbol seines Weltbildes geworden war. Dieser Wunsch musste ihm vom Stift verweigert werden. In Neutemplerkreisen – der Orden dürfte noch ein kümmerliches Untergrunddasein führen – kursierte jedoch das Gerücht, dass Lanz von Mönchen ausgegraben worden und nach Heiligenkreuz gebracht worden sei. Davon kann natürlich keine Rede sein. Mit Lanz, dem Hitler 1938 die Gestapo auf den Hals gehetzt hatte, der seine Kultzeremonien in der Burg Werfenstein verboten hatte, schied ein Mann aus der Welt, dessen Lehren Hitler übernahm, wenn er auch die Schriften, aus denen er sieh hatte als „unwissenschaftlich“ und „ungeheuerlich“ bezeichnete, dessen Lehren Strindberg als das „Licht“ pries, von denen Kitchener angeblich begeistert war und die Lenin mit „feiner Ironie“ belächelte. Zweimal ausgewiesen, zweimal vor dem Tod durch Erschießen, dann durch seinen größten Schüler am Schreiben verhindert, hatte er ein bewegtes Leben hinter sich.

Wenn aus den Schriften des Lanz auch nur ein Bruchteil zitiert werden konnte, so möchte doch jeder vernünftig denkende Mensch meinen, dass Lanz kein Hahn nachkräht. Irrtum! In der Schweiz erscheinen die Schriften neu und feiern fröhliche Urstand.

Bei der Bundespräsidentenwahl 1953 wurde der Innsbrucker Universitätsprofessor Dr. Burghard Breitner vom VDU nominiert. Eine zweifellos unantastbare Persönlichkeit, die sich als Präsident des Roten Kreuzes und in der Gefangenschaft im ersten Weltkrieg Verdienste erworben hatte. Mit immerhin 600.000 Stimmen ließ er den Kandidaten der Regierungsparteien den Vortritt. Burghard Breitner gab nun 1951 ein Buch über Bisexualität heraus, in dem Freud nur ein einziges Mal erwähnt wird und da nur unter „zitiert bei Burda“. Breitner hatte den Nestor der Sexualforschung nicht einmal gelesen, aber die „Theozoologie“ des Lanz wird wohlwollend erwähnt. Eine späte Ehre für den Psychopathen Lanz.

Das Programm#

Aus Platzmangel kann auf die Ideologie des Lanz nicht eingegangen werden. Zehn Punkte des Programmes sollen aber als Beispiel erwähnt werden. 1. Die Wiedererrichtung der ursprünglichen Rassenkultreligion. Diese verpflichtet die Menschen zur Reinzucht und erklärt die Rassenmischung zur Todsünde.
2. Es werden Prämien für Blondehen gestiftet.
3. Die Blonden erhalten Sonderrechte. Das Recht wird vom Rassenstandpunkt begründet und durchformt.
4. Die Frauen werden in einer Art von Klöstern zu Zuchtmüttern erzogen, damit sie sich nicht mit Tschandalen einlassen.
5. Reinzuchtkolonien schaffen blonde Reservate.
6. Der blonde Mann hat das Recht, mehrere Frauen zu besamen, damit die höhere Rasse in stärkerem Maße fortgepflanzt wird.
7. An Stelle mannesschwacher Männer treten Ehehelfer.
8. Neuordnung der Schule, Erziehung zur Arioheroik.
9. Die Blonden gehören auf das gesunde Land.
10. Zusammenschluss zu Schützenvereinigungen und bewaffneten Korps.

Ebenso die 11 Punkte für die Ausmerzung der Tschandalen:
1. Predigen der kinderlosen Ehen durch Verhütungsmittel (nur den Tsehandalen)
2. Kastration
3. Sterilisation
4. Streik der Wohltätigkeit – die Tschandalen verhungern und gehen durch Krankheit zugrunde 5. Sklaverei
6. Zwangsarbeit
7. Deportation in die Wüste
8. Prostitution
9. Verwendung als Kanonenfutter
10. Direkte Liquidation, vor allem beim letzten Entscheidungskampf, der Weltrevolution der Arioheroiker 11. Aufhebung der Pressefreiheit.

Das deutsche Volk ist zur Weltherrschaft berufen#

Hitler war ein viel zu guter Propagandist, um übernommene Ideen vor seiner absoluten Macht laut hinauszuschreien. Als geheime Zielsetzung erscheinen sie, wenn man an die Gaskammern der späteren Jahre denkt. sehr wahrscheinlich. Viele, die sich der NSDAP anschlossen, wurden überrascht, als sie sahen was geschah.

Eigenartig ist die Hass-Liebe Hitlers zu bzw. gegen Wien (siehe Kasten Seite 117). Andererseits: „Der Deutschösterreicher dachte mehr als groß“ – …Wien ströme ein ungeheuerliches, geradezu kolossales Fluidum aus“ – … Eine ungeheure Aufgabe, Wiens Vormachtstellung auf kulturellem Gebiet in den Alpen und Donaugauen zu brechen . . .“ – … das Wiener Cafe, eine Quelle der Ruhe, Beschaulichkeit und Besinnung“ –

„Mir erscheint die Riesenstadt als Verkörperung der Blutschande“ – „Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte“ – Dieses Österreich ist verjudet. Dieses Wien keine deutsche Stadt mehr. Slawische Mestizen machen sich breit. Ein anständiger Deutscher gilt nichts mehr. Pfaffen und Juden regieren. Diese Wenzels müssen raus!“

Ebenso wenig wie über Österreich und Wien war sich Hitler über Rasse und Volk im Klaren. Einmal die Nation ist leer geworden“, dann wieder ..das deutsche Volk ist zur Weltherrschaft berufen.“

Für Hitler gab es nicht Menschen im Allgemeinen, sondern nur Götter, die nordische Rasse, und Tiere, die Minderrassigen. Neger sind für ihn Halbaffen gewesen.

Lanz war in dieser Frage bescheidener. Er sah Frauja-Christus als Erlöser an, betrachtete die Kirche als verjudet und wollte sie zum „Ursprünglichen“ hinführen. Er aber wollte selbst nie Erlöser sein, sondern nur Reformator. Für Hitler gab es keinen Platz für Christus, er wollte selbst Erlöser sein. Nun musste er aber, will er die nordische Rasse erlösen, eine neue Kirche gründen – die NSDAP –, die es unternimmt, die Gemeinschaft zu formen.

Hitler gründete Ordensburgen, er hatte sich auch mit dem Gedanken getragen, ­„Einen Bund der Tempeleisen um den Gral des rassenreinen Blutes zu schaffen“. Himmler meinte zu seiner SS: „So sind wir denn angetreten und marschieren nach unabänderlichen Gesetzen, als ein nationalsozialistischer Orden nordisch bestimmter Männer!“ Blondehenprämien gab Hitler in Norwegen und Holland.

Auch an Zuchtehen dachte Hitler, SS-Leute brauchten Heiratsgenehmigungen, sie erhielten bedeutende Zubußen – angeblich zahlte man die Alimentation für 12 Kinder – blondblaue Frauen vorausgesetzt. Das Recht, mehrere Frauen zu besamen, war nicht nur Recht, sondern für den blonden SS-Mann beinahe Pflicht. Wie die positiven Maßnahmen zur Aufzucht einer blondblauen Rasse, waren Hitler auch die negativen nicht unbekannt. Liquidation war davon die bekannteste. An Parallelen zu den Schriften Lanz fehlte es im 1000-jährigen Reich keineswegs.

Der Tiefenpsycholog Dr. Daim meint dazu:#

„Es ist das allgemeine Erlösungsbedürfnis, das hier seine inadäquate Befriedigung findet. Aus dem christlichen Rahmen gefallen, in die Immanenz projiziert, aber im gleichen Schema gebannt, das ist die Ideologie des Lanz ebenso, wie die Hitlers.

Man kann nun nicht mit Unrecht behaupten, dass die Christen, nachdem sie als Salz schal geworden waren und sich nicht mehr fähig zeigten, genügend Faszination auszuüben, an der Perversion der christlichen Lehren mit schuld waren. Hiezu muss man ganz einfach ja sagen. Eine genügend konsolidierte Welt hätte Lanz und Hitler psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt, wenn sie es nicht überhaupt vermocht hätte, beide im Christentum zu binden.

Das alles aber liefert keine Argumente gegen die Tatsache, dass der Nationalsozialismus eben ein pervertiertes Christentum darstellt und seine Gefährlichkeit eben in dieser Perversion bestand.

Hier ist es sehr bemerkenswert, dass es um Hitler herum einige Apostaten gab.

Im Männerheim in der Meldemannstraße war es Grill, der abgefallene Priester und Rabbinersohn. Und es gab den Einfluss des Lanz, der abgefallener Mönch war. Und es gab schließlich auch noch Greiner – der knapp vor der Priesterweihe aussprang. Hier zeigt sich die Gefährlichkeit der Apostaten. An der Quelle des Heiligtums gewesen und dann doch davon abgekommen. Es würde sich wohl lohnen, einmal die Rolle solcher Apostaten gründlich zu beleuchten.

An dem entscheidenden Punkt der Entwicklung von Hitlers Ideologie steht vor allem ein Apostat: Lanz. Er verhilft ihm zu jener rationellen Konstruktion der Rassentheologie, die es ihm ermöglicht, ein perverses Affektsystem zu rationalisieren.“

Da die tiefenpsychologischen Überlegungen den Rahmen sprengen würden, muss ein Nachwort von Dr. Daim genügen: „Vorliegende Arbeit lässt viele Fragen offen. Das Thema ist in seinen vielfältigen Verzweigungen nicht im entferntesten ausgelotet. Aber das ist auch aussichtslos. In welche Richtungen müssten weitere Vorstöße zielen? Da ist zunächst einmal der totale Staat als System, der eine psychologische Deutung als Ganzes fordert. Man hätte zu zeigen, in welcher Weise die pervertierte Religion zum System gefriert und sich im Zusammenstoß mit der Realität entwickelt.Hier wird eine Psychologie der Revolution gefordert, die psychologische Gesetzmässigkeit ihres Schicksalsablaufes.

Hitler als pervertierter Erlöserheld fordert dringlich eine Psychologie des Heldentums als solches, die letztlich auf eine konkretisierte Ethik hinausläuft.

Ähnlich wie die Struktur des Nationalsozialismus wäre auch die anderer Ideologien zu erhellen. Hier könnte eine kollektivpsychotherapeutische, geistespolitische Arbeit ihren Anfang nehmen – mit weittragenden politischen Folgen.

Aber es gibt auch noch andere Probleme. So wäre die Person Alfred Schulers einer gründlichen Beachtung wert, ebenso die Guido von Lists, die ja ähnlich bedeutsame Figuren des europäischen Untergrundes darstellen wie Lanz. Dazu gibt es noch diese merkwürdige Figur: Grill. Dieser Grill hat ja auch einen großen Einfluss auf Hitler ausgeübt, vor allem was die antichristliche Haltung betrifft.

Eine der entscheidensten Fragen, die nach einer psychologischen Behandlung verlangen, ist die Judenfrage und der Anti­semitismus. Alle bisherigen Versuche, dieses Problem befriedigend zu lösen,­ scheinen mir reichlich ungenügend zu sein, besonders bei Schuler könnte man einen sehr tiefen Ansatz für das Problem finden. Solange nämlich das Judenproblem nicht bündig und schlüssig gelöst ist, bleibt auch der Antisemitismus als Untergrundphänomen bestehen. Diesen aber muss man, ähnlich wie wir hier versuchten, den Nationalsozialismus an der Wurzel zu packen, als allgemeines Phänomen ebenso tief ausheben. Eine Arbeit hierüber ist aus geistespolitischen und kollektivpsychotherapeutischen Gründen ähnlich nötig, wie eine über das Rassenproblem. Wer glaubt, dass in diesen Fragen im deutschsprachigen Raum alles geklärt sei, den kann man nur einer beträchtlichen Naivität zeihen.

Gelingt es nicht, eine Umstellung dieser verborgenen Affekte im großen Stil zu erzielen, wird man auch noch mit anderen inadäquaten großräumigen Reaktionen rechnen müssen.

Man sieht, die Aufgaben sind Legion. Wenn einmal ein wichtiges Problem aufgerollt wird, zeigen sich sofort neue. Es wird aber der Anstrengungen vieler bedürfen, soll man hier entscheidend weiter kommen.“

Eine Welt mit Schreckensbildern, wie sie menschliche Phantasie hätte nie ausdenken können, taucht auf. Man erklärt dazu: Vorbei!#

Ist es wirklich vorbei, sind all diejenigen, die seinerzeit dem Unsinn von faszinierenden Persönlichkeiten Glauben schenkten, die Tür und Toren öffneten, um dem Rassengedanken Einlass zu verschaffen, wirklich ausgestorben und sitzt nicht in Hunderttausenden noch der Rest von Ideologien, denen wir entronnen zu sein glauben? Der Erfolg des demokratischen Systems, das die Rechte jedes einzelnen Staatsbürgers klar umreißt, die darauffolgende“ Konjunktur der Wirtschaft, mag viel ausgelöscht haben; Keimherde jedoch sind übriggeblieben. Noch sitzt das Grauen vor Rassennarren nicht fest genug, noch fehlt das allestötende Lysol, das dem letzten Keim einer verirrten Ideologie den Garaus macht, noch immer gibt es verkapselte Keimzellen, die aufzubrechen drohen. Noch immer gibt es Kastenschranken, welche christliche Nächstenliebe nicht durchbrechen konnte. Die Lanz‘ und Hitlers sind unter uns! Sie gedeihen unter dem schützenden Flügeln der Gluckhenne Demokratie.

Unmöglich, das Verdienst des Wiener Tiefenpsychologen Dr. Wilfried Daim zu würdigen, der mit seinem Werk Breschen bricht. Ganze Buchseiten mussten ihrer Eindringlichkeit wegen wörtlich übernommen werden. Unmöglich, ihn jedesmal gesondert zu zitieren. Seine Arbeit, in einem umfassenden Werk zusammengefaßt, wird Bestseller im wahrsten und positiven Sinne des Wortes werden. Ein Verdienst, mit wissenschaftlichem Ernst einer Mythologie entgegen zu treten, die uns neuem Grauen entgegengehen lassen könnte.

Quelle#

  • Der Aufbruch, Heft 5/1958

Weiterführendes#

Der Mann, der Hitler die Ideen gab! Lanz von LiebenfelsWilfried DaimVerlag Der ApfelWien2013jetzt im Buch blättern