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Höhlen, Heim und Horror#

Der 6. Juni ist „Tag der Höhlen“ – Höhlenmalereien setzen in Erstaunen, doch lauern auch Drachen und Monster.#


Von der Wiener Zeitung (6. Juni 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Dachstein - Südwandhöhle
Höhlen sind Wege ins Innere der Erde. Nur wer völlig frei von Klaustrophobie ist, kann sie auch beschreiten.
Foto: R. Seebacher

Orte der Geborgenheit – Orte des Horrors – Orte religiöser Erfahrungen – Orte der Forschung – Orte des Extremsports. Galerien der Urzeit (auch Orte der Fälschungen?): Höhlen sind Mysterium und Naturphänomen. Sie faszinieren und erschrecken, versetzen in Entzücken und in klaustrophobische Zustände. Am heutigen 6. Juni ist der Internationale Tag der Höhlen und der unterirdischen Welten, vorerst als solcher nur von Höhlenforschern und Geologen, aber man bemüht sich um die Zustimmung der Unesco, die nur eine Frage der Zeit sein kann.

Wie sehr die Höhle übrigens auch in der Sprache verankert ist, merkt man ausgerechnet um den Fachausdruck für Höhlenforschung: Speläologie. Da spukt die Spelunke durchs Wort, die Lasterhöhle im Alkohol- und Opiumnebel.

Höhlenmalereien überall#

Aber Höhlen haben auch Auswirkungen auf viele Menschen, die mit Höhlen nichts am Hut haben. Hat jemand sein Bett an die Wand des Schlafzimmers gestellt, schläft gar gerne mit Wandberührung? Oder hat jemand einmal die Decke über den Kopf gezogen, um sich vor den Nachgeräuschen der Kindheits-Ungeheuer zu schützen? Etliche Psychologen gehen davon aus, dass sich in diesem Verhalten uraltes Menschheitsgedächtnis niederschlägt. Denn Geborgenheit fanden die Menschen der Urzeit in Höhlen, in denen sie zeichnend wohl auch Jagdzauber ausübten oder an erfolgreiche Jagden erinnerten. Davon künden die Zeichnungen von Altamira und Lascaux.

Nicht nur in Spanien und Frankreich statteten die Höhlenmenschen ihre Wohnstätten künstlerisch aus. Österreich, Deutschland, Spanien, Italien, Russland, Algerien, Libyen, Argentinien, Indonesien, Australien: überall Malereien in Höhlen. Da hat nicht einer die Idee eines anderen nachgeahmt. Es ist ein Phänomen der Menschheit, etwas, das offenbar im Menschsein selbst angelegt ist.

Apropos: Auch die Gaunerei dürfte zu den Urinstinkten gehören. Und so ist es schon irgendwie passend, dass möglicherweise auch Höhlenmalereien gefälscht wurden. Im Fall von Chauvet wurde bisweilen sehr deutlich erwähnt, dass Pablo Picasso zu den ersten Besuchern der Höhle gehört hatte. Sollte er am Ende schon vor ihrer offiziellen Entdeckung drin gewesen sein? Welch grandiose Geschichte gäbe das ab!

Graue Realität, nicht weniger faszinierend: Die dortigen Höhlenmalereien dürften echt sein. Was nicht heißt, dass nicht Verschwörungstheoretiker hartnäckig bei der Picasso-Variante bleiben. Die älteste Höhlenmalerei, die bisher entdeckt wurde, befindet sich übrigens auf der indonesischen Insel Sulawesi (früher Celebes) und ist 44.000 Jahre alt.

Beim Zufluchtsort, der vor Wind und Wetter schützt, ist es freilich nicht geblieben. Vielleicht waren manche Höhlenmenschen Messies und ließen die Reste ihrer Mammut-Mahlzeit an Ort und Stelle liegen, vielleicht hauchte manch Säbelzahntiger und manch Höhlenbär in einer Höhle sein Leben aus.

Ein Imagewandel#

Jedenfalls fanden die Menschen der Antike und des Mittelalters in Höhlen Knochen und Zähne, deren Herkunft sie nicht erklären konnten. So musste Odysseus in einer Höhle dem einäugigen Menschenfresser Polyphem entgegentreten, und Ritter machten sich zu den Drachenhöhlen auf, um die darin hausenden Untiere zu bekämpfen (woher soll denn ein Ritter wissen, dass ein Grottenolm ein Grottenolm ist und kein Jung-Drache?). Was konnten sie berichten, wenn es doch nichts zu berichten gab? – Den Drachen wuchsen Flügel, und sie spien Feuer. Man erzählt allerhand dem Heldentum zuliebe.

Damit wechseln die Höhlen ihr Image. Sie werden zum unheimlichen Ort, zum Ort des Schreckens, gar zum Ort des blanken Entsetzens. Dunkel sind sie, unheimlich. Man weiß nicht, was in den Gängen lauert. Die Fackeln, Laternen und Lampen werfen kryptische Schatten, das Geräusch herabfallender Wassertropfen multipliziert sich zur verwirrenden Kakophonie. Wo war doch gleich der Ausgang ins Freie? Verirrt in den labyrinthischen Gängen wäre das Ende nahe. In einer skurrilen Kurzgeschichte von Thomas Bernhard verschwinden Menschen in einer Höhle, dann verschwindet die Suchmannschaft, dann die Suchmannschaft für die Suchmannschaft. Will jemand das Rätsel lösen? – Besser, den Eingang der Höhle verschließen.

Stalagmiten und Stalagtiten#

Szenenwechsel: Höhlenforschung. Ein geologisches Abenteuer. Die Forscher brauchen Schutzkleidung gegen die Kälte. Bisweilen müssen sie Tauchgänge vollführen, um den Geheimnissen der Erde, ihrer Gesteinsschichten und deren Bewegungen auf den Grund zu gehen. Im Schulunterricht schlägt sich das peripher nieder: Schulausflug in die Dachstein-Rieseneishöhle oder in die Salzburger Eisriesenwelt, Prüfungsfrage: Was sind Stalagtiten, was Stalagmiten? (Stalagtiten wachsen von oben nach unten, Stalagmiten von unten nach oben; Eselsbrücke: Tit-tit-tit tropft das Wasser.)

Szenenwechsel zurück: Und dann kam 2005 „The Descent“, ein erschreckender Nur-Frauen-Höhlenhorrorfilm, der naturgemäß nicht ohne Nachfolger bleiben konnte: Nicht, dass es nicht schon früher Höhlenhorrorfilme gegeben hätte (wie „Beast from Haunted Cave“ oder „The Unnamable“), aber da waren die Höhlen eher Abkömmlinge der Gothic-Tale-Schauerromantik. Jetzt wurden die Höhlen als Höhlen Hauptdarsteller. Und es fragt sich nur, wer die Höhlenerkunder aufmampft: Crawler, Parasiten oder namenlose Monster. Man möchte nur noch irgendwo Zuflucht nehmen.

Und wenn es gar nur eine Spelunke wäre.

Wiener Zeitung, 6. Juni 2020