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Revolution an der Öresundbrücke #

Wegen der Flüchtlingskrise hat Schweden die Grenze zu Dänemark dicht gemacht. Eine Rückwärts-Entwicklung, die viele Bürger nicht einfach so hinnehmen wollen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 27. Oktober 2016).

Von

Juliane Fischer/Öresund


Öresundbrücke
Öresundbrücke
Foto: AFP/TT News Agency/Erland Vinberg

Hej an alle Pendler! Ich bin elf Jahre lang mit dem Auto über die Brücke gependelt. Als ich meinen Arbeitsplatz gewechselt habe, dachte ich, ich könnte das Zugfahren probieren. Nach einem Monat habe ich aufgegeben. Es war der schrecklichste Monat meines Lebens“, schreibt Maria Mårtensson in die Facebook-Gruppe „Öresundsrevolution“.

Wie ihr geht es vielen unter den 15.100 Pendlern, die täglich über die Öresundbrücke fahren, circa die Hälfte von ihnen mit dem Zug. Seit Schweden zu Jahresbeginn als einziges Land externe ID-Kontrollen eingeführt hat, hat sich der Grenzverkehr zu Dänemark schlagartig verändert. Vom Hauptbahnhof in Kopenhagen gibt es keine direkte Verbindung mehr nach Schweden. Stattdessen muss man zum Flughafen Kastrup fahren, wo Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma am Bahnsteig die Pässe kontrollieren. Dazu hat das schwedische Parlament die Verkehrsbetriebe verpflichtet. In Folge dessen gibt es in der Früh um acht Züge, am Abend gar um zehn Züge weniger. Verspätungen, Ausfälle, überfüllte Wagons gehören nun zur täglichen Reise. „Jeden Tag habe ich zwei bis drei Stunden mehr Zeit gebraucht. Immer dieser Stress, um den Anschlusszug noch zu erwischen. Nie weiß man, wann man daheim sein wird“, schildert Mårtensson. Eine Umfrage des Öresund Instituts bestätigt dieses Gefühl: Zwei Drittel der Pendler geben an, viel gestresster und müder zu sein. „Unsere Auswertung zeigt auch, dass 82 Prozent überlegen, ihr Leben grundlegend zu ändern, weil das Pendeln nicht mehr funktioniert“, sagt Britt Andresen, Analytikerin am Institut.

Andere Lebensperspektiven #

Wie die betroffenen Menschen ihr Leben neu ordnen, kann man auf der Facebook-Seite „Öresundrevolution“ mitverfolgen. Maria Mårtensson sucht jetzt Mitfahrer, weil das Pendeln mit dem Auto so teuer ist. Eva Joensuu hat ihren Job aufgegeben, weil sie sich nicht mehr um ihr Pferd kümmern konnte. „Meine Reisezeit von Tür zu Tür betrug vor den Kontrollen eineinhalb Stunden, jetzt dauert die Heimreise im Schnitt drei Stunden“, schildert sie ihre Situation.

„Wir ahnten, wie schlecht sich das auf die Region auswirken wird“, sagt Niels Paarup-Petersen, der Gründer der Facebook-Seite und Kommunalpolitiker in der liberalen Zentrumspartei. Binnen weniger Wochen hatte die Seite mehr als 20.000 Fans. „Wir wurden die Stimme der Region und auch zum Kanal der Frustration, weil wir geschrieben haben, was sich jeder hier dachte“, erzählt er. „Als Nächstes trafen wir die schwedische Verkehrsministerin, um ihr klarzumachen, was sie da eigentlich tut.“

Paarup-Petersen beschäftigt sich schon lange mit der Öresundregion, die mit ihrem Universitäten- und Forschungsnetzwerk als eine der wirtschaftsfreundlichsten der Welt gilt. Er ist das Leben in einer Grenzregion gewohnt, stammt er doch aus Haderslev in Jütland, das bis nach dem Ersten Weltkrieg zu Deutschland gehörte. Studiert hat Paarup-Petersen in Århus, dann in Kopenhagen. So kam er zum Konsortium für die Öresundbrücke, wo er als Analytiker untersuchte, wie sich die Verbindung dieser beiden bevölkerungsstarken Gebiete auswirkt. Viele Unternehmen verlagerten ihren Firmensitz hierher.

Rasch wuchs die Metropole zu einer wichtigen transnationalen Wirtschaftsregion heran. „Seit 100 Jahren hat man davon gesprochen, diese Brücke zu bauen, aber es hat technisch und politisch länger gedauert“, erzählt Britt Andresen vom Öresund Institut. Mindestens 20 Jahre politischer Arbeit wurde in dieses Zusammenführungsprojekt investiert. Dabei ging es um weit mehr als nur das Bauvorhaben. Gesetze, die die unterschiedlichen Arbeitsmärkte und Sozialsysteme betreffen, wurden angepasst, sodass zum Beispiel ein Schwede, der in Kopenhagen arbeitet, trotzdem Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wenn er den Job verliert. „Mit der Öresundbrücke haben die 18 Kilometer begonnen, das zu sein, was sie eigentlich immer waren, nämlich: eine kurze Distanz“, sagt Paarup- Petersen, für den seine jetzige Heimat Malmö und Kopenhagen „eine natürliche Region“ sind. „Es ist selbstverständlich, dass es zusammengehört. Historisch, praktisch und auch logisch.“

Personenkontrolle
Personenkontrolle
Foto: AFP/TT News Agency/Njorn Lindgren
Personenkontrolle
Personenkontrolle
Foto: AFP/TT News Agency/Johan Nilsson

Ungeahnte Nebenwirkungen #

Die Grenzkontrollen durch die Polizei hat Schweden im November 2015 eingeführt. Das Land, das im Verhältnis zur eigenen Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge aufgenommen hatte, fühlte sich zunehmend überfordert. Anfang 2016 kamen die Kontrollen auf dänischer Seite dazu. Wer keine Papiere vorweisen kann, wird gar nicht erst zur Grenze gebracht. So vermeidet Schweden Asylanträge von papierlosen Flüchtlingen.

Seit den ID-Kontrollen ist die Integrationsarbeit auf beiden Seiten schockgelähmt. Emsig arbeiten Forschung und Kommunalpolitik an Analysen, um der Regierung zu zeigen, was sie mit ihrem Kurzschlussgesetz angerichtet hat. „Ich weiß nicht, ob sie die Folgen abgeschätzt haben“, sagt Paarup-Petersen. „Bis zu einem gewissen Grad sieht die Regierung vielleicht Kopenhagen als Gefahr für Schweden. Es ist eine Konkurrenz für Stockholm.“

Die Südschweden fühlen sich jedenfalls von der Hauptstadt alleingelassen. Diese Anti-Stockholm- Haltung hat hier ohnehin Tradition. Laut einer Umfrage der südschwedischen Handelskammer, fühlen sich viele Schonen der dänischen Hauptstadt nicht nur physisch näher.

Für einen Großteil ist Stockholm die Hauptstadt auf dem Papier, sie identifizieren sich aber mit Kopenhagen. Diese Befragung war freilich nach dem Bau, aber vor den Grenzkontrollen. Die Debatte entblättert symbolisch die typischen Zwistigkeiten, die Regionen fern von der Hauptstadt mit der zentralisierten Macht dort haben. Schweden sei seit seinem Gründer Gustav Vasa der zentralistischste Staat in Europa, vielleicht weltweit, schätzt Paarup-Petersen. Er kritisiert, dass alles auf Stockholm ausgerichtet ist. „Es gibt kein Verständnis dafür, dass die Macht aufgeteilt sein kann.“

Ungenutztes Potential #

Gemeinsam mit rund 900 Pendlern will er sich jetzt in Stockholm Gehör verschaffen. In einer Sammelklage fordern sie Schadensersatz für den wirtschaftlichen Nachteil. „Wir klagen quasi den schwedischen Reichstag“, sagt Paarup-Petersen. Unterstutzt werden sie dabei von der Sudschwedischen Handelskammer. Dort hat man einen Verlust an Marktpotenzial und Arbeitsmarkt im Wert von 1,5 Milliarden SEK (155 Millionen Euro) prognostiziert. Das entspricht dem jährlichen Gewinn der Musikbranche in Schweden, die weltweit die Dritterfolgreichste ist. „Die Klage konnte einiges ins Rollen bringen“, meint Per Tryding, stellvertretender Geschaftsführer der Handelskammer.

Er bangt um die vielen grenzübergreifenden Projekte, allen voran das Europäische Spallation Source, die modernste Atomphysik- Forschungsanlage der Welt. „Das illustriert, was hier am Spiel steht“, sagt er. „Wir müssen uns als eine Region betrachten, sonst nutzen wir das Potential nicht, wenn wir die Ländergrenzen wieder aufziehen.“

Die Brücke ist nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung dieser bevölkerungsstarken Region enorm wichtig, sie ist auch ein Symbol für den grenzfreien Norden. Schon 1954 schlossen sich Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden zur Nordische Union zusammen. Seit diesem Zeitpunkt gab es Reisefreiheit.

„Die Öresundregion ist ein Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensraum, der sich nun einmal über zwei Staaten erstreckt”, sagt Paarup- Petersen über die Hauptstadtregion, die unter dem Namen ,Greater Kopenhagen‘ beworben wird. Von Anfang an ging es um diese geschlossene Region als Ganzes. „Wir wurden oft als das perfekte Beispiel für gelungene europäische Integration genannt”, fügt er ein wenig wehmutig hinzu, „und auf viele Arten symbolisiert die Öresundregion, was in Europa derzeit passiert“. Das lasst den Pro-Europäer noch starker hoffen, dass sich das Problem am Nadelöhr Öresundbrucke bald lost.

Entstanden im Rahmen von „eurotours 2016“, einem Projekt des Bundespressedienstes im Bundeskanzleramt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 27. Oktober 2016

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