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Kulturelle Geflechte#

(Steyr-Daimler-Puch und Graz 2020: Wissenschaft und Kunst)#

von Martin Krusche

Als ich die Arbeit des unbekannten Fotografen aus dem Jahr 1920 sah, heute im Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich verwahrt, dachte ich unmittelbar an eine Skulptur, die mir zur Russischen Avantgarde gepaßt hätte. Vielleicht eine Reaktion auf El Lissitzky, vielleicht das Detail aus einer Arbeit Wladimir Tatlin. So eine Skulptur hätte auch aus dem Dadaismus kommen können. Beides bedeutende Kunstströmungen, von denen Europa bis heute beeinflußt wurde. In beiden Bereichen die energiegeladene Auseinandersetzung mit der Wucht technischer Neuerungen, welche über die Jahrhundertwende heraufgekommen waren, um den Menschen im Ersten Weltkrieg die Kräfte dieses Maschinenzeitalters zu demonstrieren. Aber das ist kein Kunstwerk, sondern ein Objekt, das aus den Arbeiten von Paul Jaray abgeleitet wurde, dem prägendesten Techniker beim Übertragen der Stromlinie auf Fahrzeuge. (Was macht denn dann die Kunst zur Kunst?)

Ideal-Strohmlinienkörper für Landfahrzeuge in der Jaray’schen Theorie. Arbeit aus dem Jahr 1920, unbekannter Fotograf, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv (creative commons license)
Ideal-Strohmlinienkörper für Landfahrzeuge in der Jaray’schen Theorie. Arbeit aus dem Jahr 1920, unbekannter Fotograf, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv (creative commons license)

In genau dieser Ära, den ersten 20 Jahren jenes Jahrhunderts, war das Automobil quasi erwachsen geworden, in alle Lebensbereiche eingedrungen, hatte sich auf viele Jahrzehnte hin zum Hauptereignis einer Industrie gemacht, von der die alte agrarische Welt zur Fußnote herabgestuft wurde.

Im Johann Puch Museum Graz werden heuer drei Jubiläen gefeiert, die prägnante Fahrzeuge der Konzerngeschichte betreffen. Vor sechzig Jahren kamen der Steyr-Puch Haflinger und das Moped Puch DS 50 auf den Markt, vor vierzig Jahren der Puch G.

Die Steyr-Daimler-Puch AG wurzelt allerdings in Betrieben, die schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bemerkenswerte Beiträge zur Kraftfahrzeuggeschichte produziert haben. Damit geht einher, daß schon früh Werbemaßnahmen gesetzt wurden, um kaufkräftige Kundschaft anzusprechen. Dabei bieten Inserate und Plakate, aber auch Prospekte, eine beeindruckende Schau der diversen Stile, der visuellen Codes und der Erzählweisen, in denen diese Themen transportiert wurden.

Dazu kommt eine sehr kontrastreiche Geschichte des Automobildesigns. All diese Darstellungsweisen korrespondieren jeweils ganz selbstverständlich mit dem Lauf der Zeit, mit technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Museumsleiter Karlheinz Rathkolb bei der Durchsicht von Archivalien. (Foto: Martin Krusche)
Museumsleiter Karlheinz Rathkolb bei der Durchsicht von Archivalien. (Foto: Martin Krusche)

Was uns also die Fahrzeuge selbst in ihren Erscheinungsformen, aber auch die umfassende mediale Vermittlung der Themen, vom 20. Jahrhundert erzählen, ergibt unter anderem eine üppige Kulturgeschichte. Diese Kulturgeschichte (als eine Variante unserer Mobilitätsgeschichte) führt uns auf Felder der Kunst und des Kunsthandwerks, hat darüber hinaus Bereiche einer Volkskultur in der technischen Welt.

Das Museum als relevanter Ort#

Es ist daher naheliegend, in einem technischen Museum diese verschiedenen Themenbereiche gelegentlich zu bündeln und Ausschnitte einer Gesamtschau anzubieten. Die Geschichtsbetrachtung erleichtert ein Verständnis der Gegenwart. Solches Verständnis der Gegenwart brauchen wir, um Blicke in die nahe Zukunft hinzubekommen, weil wir derzeit in radikalen Umbrüchen stecken.

Was momentan als Vierte Industrielle Revolution bezeichnet wird, ist ein Kräftespiel, das Wirtschaft und Lebenswelten radikal zu ändern begonnen hat. Unsere Kinder werden in einer Welt bestehen müssen, die ganz andere Produktionsweisen und Arbeitsbegriffe kennt als wir, da wir als Kinder der Zweiten Industriellen Revolution (Automatisierung) zur Welt gekommen sind und in den 1970er Jahren den Durchbruch der Dritten Industriellen Revolution (Digitalisierung) erlebt haben.

Das aktuelle Tempo solcher Umbrüche ist in der Menschheitsgeschichte völlig neu und raubt der Gesellschaft jene Adaptionsphasen, die man einst hatte, um sich mit technischen Innovationen vertraut zu machen.

Industriedesign ergibt historisch einen Angelpunkt zwischen Kunst und Kunsthandwerk. (Foto: Martin Krusche)
Industriedesign ergibt historisch einen Angelpunkt zwischen Kunst und Kunsthandwerk. (Foto: Martin Krusche)

Wir werden das voraussichtlich nicht bremsen können. Europa hat die historische Erfahrung schon gemacht, daß Maschinenstürmerei keine der sozialen Probleme löst, die durch Automatierungssprünge in der Arbeitswelt verursacht werden. Wir sind also gefordert, andere menschliche Qualitäten zu forcieren, um unserer nahen Zukunft so zu begegnen, daß wir uns den maschinen nicht völlige unterlegen fühlen müssen. (Der Philosoph Günter Anders nannte das „Prometheische Scham“.)

Dafür eignet sich unter anderem der Kulturbereich sehr gut, denn er ist seit der Antike eine wichtige Quelle für Betrachtung und Reflexion, für die Entwicklung von nützlichen Annahmen, was in der Zukunft für uns bedeutsam sein werde. Ein nächster Grund, warum sich das Johann Puch Museum also Ort für solche Vorhaben empfiehlt.

Zugleich mahnt Wissenschafter Hermann Maurer: „Wir haben zu wenig Phantasie. Vieles, was gedacht wurde, ist nicht gekommen. Vieles, was gekommen ist, wurde nicht vorausgesehen.“ Siehe dazu sein Web-Book: Wir haben zu wenig Phantasie, welches Maurer für das 2017er Kunstsymposion Artist is Obsolte (Kunst und Technik) erstellt hat.

Die Antike liefert uns eine grundlegende Fragestellung, die hier, an einem Industriestandort mit bedeutender Vorgeschichte, gut aufgehoben ist, um aus solchen Fragestellungen heraus aktuelle Schlüsse zu entwickeln. Das machen wir prozeßhaft.

Wer wir? Einerseits Künstler Martin Krusche im Dialog mit Museumsleiter Karlheinz Rathkolb, um die Projektträgerschaft inhaltlich fundiert auf den Weg zu bringen. Andrerseits Krusche im Dialog mit Wissenschafter Hermann Maurer (TU Graz), der als Informatiker wichtige Teile des technischen Metiers kennt, an dessen Entwicklung mitgewirkt hat, zugleich als Kulturschaffender komplementäre Zugänge nutzen kann. So entwickeln wir nun im Jahr 2019 (via Mythos Puch VI) schrittweise jene Themenstellung, mit der wir anschließend einen Beitrag für „Graz Kulturjahr 2020“ umsetzen werden: Das 2020-Projekt.

Was wir aus der Antike beziehen#

Ist Ihnen der Name Daedalus geläufig? In der griechischen Mythologie, neben Hephaistos, dem Schmied, einer der bedeutendsten Handwerker. Er fertigte jene Flügel an, dank derer er mit seinem Sohn Ikarus die Flucht von der Insel Kreta angehen konnte. Dort hatte er zuvor für König Minos das berühmte Labyrinth erbaut. Daedalus galt aber auch als ein großer Künstler seiner Zeit, dessen Werke die Menschen verblüfft habe. Es heißt, die Göttin Minerva selbst hätte ihn dazu befähigt.
Der historische Bogen (von hinten): Mit dem Chrysler Airflow kam die erste Großserie eines Stromlinienautos auf den Markt. Karl Jenschkes Steyr Baby wurde ein feiner Streamliner, da war Porsches Volkswagen noch längst nicht in Sicht. Die G-Klasse bringt als rollender Quader das Gegenteil davon auf die Straßen. (Foto: Martin Krusche)
Der historische Bogen (von hinten): Mit dem Chrysler Airflow kam die erste Großserie eines Stromlinienautos auf den Markt. Karl Jenschkes Steyr Baby wurde ein feiner Streamliner, da war Porsches Volkswagen noch längst nicht in Sicht. Die G-Klasse bringt als rollender Quader das Gegenteil davon auf die Straßen. (Foto: Martin Krusche)

Der Künstler und Handwerker, beides in einer Person zusammengefaßt. Die Kunst und die Kunstfertigkeit. In der Antike unterschied man daher zwischen den freien Künsten (Artes liberales) und den praktischen Künsten (Artes mechanicae). Während der mehr als zweitausend Jahre, die inzwischen vergangen sind, hat sich freilich immer wieder verschoben, neu geordnet, was unter freier Kunst und was unter Kunsthandwerk beziehungsweise angewandter Kunst verstanden wird.

Der Philosoph Josef Pieper hat solchen Zusammenhängen im Zuge seiner Befassung mit Aristoteles und Thomas von Aquin ein ganze Buch gewidmet: „Muße und Kult“. Er behandelt darin den Kontrast zwischen „vita contemplativa“ und „knechtlichen Arbeiten“. Dabei unterstreicht er: „Wir arbeiten um der Muße willen“. Muße ist das Gegenteil von nützlicher Arbeit. Im Lateinischen heißt Muße Otium, die Arbeit im Sinn von praktischer Tätigkeit folglich Negotium, also Nicht-Muße.

Pieper mißtraut gemeinsam mit den alten Meistern der „Überbewertung der Mühe und des Schweren“ und schreibt über die Tugend als „Verwirklichung des Guten“ an einer Stelle: „…sie mag sittliche Anstrengung voraussetzen, aber sie erschöpft sich nicht darin, sittliche Anstrengung zu sein“.

Pieper betonte, eine Freiheit der Künste liege darin, „daß sie nicht verfügbar sind für Zwecke, daß sie sich nicht zu legitimieren brauchen aus der sozialen Funktion, nicht daraus, daß sie Arbeit sind“.

Graz 2020#

Für das „Graz Kulturjahr 2020“ ist ein Arbeitsansatz gefordert, der Kunst und Wissenschaft betont, beleuchtet. Es mag manche überraschen, daß wir uns dieser Aufgabe in einer Fabrikshalle widmen, die noch aus jenen Tagen stammt, als Altmeister Johann Puch hier gewirkt hat. Aber grade unsere Mobilitätsgeschichte quer durch das 20. Jahrhundert ist ein markantes Beispiel, wie "Artes liberales" und "Artes mechanicae" über weite Strecken Hand in Hand gehen. Das bedeutet auch, Handwerker und Künstler schöpfen teilweise aus den gleichen Quellen.
Wissenschafter Hermann Maurer (links) und Künstler Martin Krusche. (Foto: Ursula Glaeser)
Wissenschafter Hermann Maurer (links) und Künstler Martin Krusche. (Foto: Ursula Glaeser)

Was ist nun die eigentliche Herausforderung in diesen Zusammenhängen? Wir erleben derzeit, daß computergesteuerte Maschinen und selbstlernende Systeme rasante Leistungssprünge machen, daß sie inzwischen viele Arbeiten leisten, deren Erledigung wir bisher nur Menschen zugetraut haben. Das heißt, die Maschinenwelt, mit der wir uns umgeben haben, macht radikale Entwicklungssprünge.

Was sind heute in solchen Entwicklungen jene Felder, auf denen der Mensch den Maschinen vorerst noch überlegen ist? Welche Kompetenzen sollten wir forcieren, um in unserer Koexistenz mit Maschinen gute Positionen zu behalten? Sie sehen, das paßt als Thema doch sehr gut in ein technisches Museum, dessen Standort einst realer Produktionsort war.

Wir betrachten das 20. Jahrhundert prüfend, haben dazu Artefakte aus der Zeit zur Verfügung. Wir beachten dabei eine europäische Ideengeschichte, die seit der Antike gründlich dokumentiert ist. Wir haben mit Hermann Maurer einen Wissenschafter im Boot, dessen internationale Reputation auf Leistungen im Rahmen der Digitalen Revolution beruht. Wir sind gerüstet, den Bogen zwischen altem Handwerk und neuen Technologien anschaulich zu machen. Und wo das Denken darüber hinaus gehen soll, beziehen wir die Gegenwartskunst ein.

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Kultur- und Wissensarbeit in der Praxis#

Weiterführend#

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