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Vom egalitären Charme des "platteland"#

Gemeinsam mit Valletta, der Hauptstadt von Malta, ist das niederländische Leeuwarden 2018 Kulturhauptstadt Europas.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 30. Jänner 2018

Von

Tobias Müller


Leeuwarden
Ein ganzes Jahr lang Kultur auf hoher See
Foto: © KH-Leeuwarden
Leeuwarden
Ein ganzes Jahr lang Kultur auf Wiesen
Foto: © KH-Leeuwarden

Eine bekannte Sängerin aus einem 600-Seelen-Dorf singt Fado auf dem größten Platz der Stadt. Auf Friesisch, wohlgemerkt. Der Platz ist trotz Wind und Regen gerammelt voll, genau wie der am Oldehove, dem tatsächlich ziemlich schiefen Turm von Leeuwarden. Oben steht ein junger MC mit chinesischen Wurzeln und rappt über Hering und das Wattenmeer. Reiter auf friesischen Pferden tänzeln übers nasse Kopfsteinpflaster zwischen beiden Orten, ein Glockenschlag ertönt von drei Türmen zugleich, und Europa hat eine neue Kulturhauptstadt.

In La Valetta, dem anderen Standort der seit 1985 organisierten Festival-Reihe, begann das Treiben vor einer Woche. Nun hat Leeuwarden nachgezogen, die Hauptstadt der Provinz Friesland weit oben im Norden der Niederlande, und für hiesige Verhältnisse ganz schön weit ab vom Schuss. 40.000 Menschen tummelten sich am Eröffnungsabend vergangenen Samstag entlang der Grachten im Zentrum, und während man sich bei den Organisatoren gelegentlich gefragt hatte, ob dieser Startschuss nicht viel besser in den Frühling passe, ließen sich die Festgäste vom unwirtlichen Wetter keinesfalls stören.

Innerstädtische Wasserläufe#

Die Organisatoren haben sich einiges vorgenommen - nicht nur in Leeuwarden, sondern in der gesamten Provinz, die man, wie alle etwas entlegeneren Gebiete in diesem Land, im Ballungsraum Amsterdam-Rotterdam kaum richtig wahrnimmt. Denn ganz Friesland soll mitmachen: Ein Wind weht übers "platteland", wie die Peripherie auf Niederländisch heißt, nicht nur wegen des bekannten Eleven-Fountains-Projekts, zu dem elf internationale Künstler in den historischen "elf friesischen Städten" jeweils einen Brunnen gestaltet haben - die Region richtet auch zahlreiche Events aus. "Leeuwarden-Frieslân 2018" ist dann auch dessen offizieller Name: ein Festival als Roadtrip.

Just mit diesem Konzept konnte man einst die Jury überzeugen. Leeuwarden setzte sich gegen die größeren, bekannteren und budgetstärkeren Mitbewerberinnen Eindhoven und Maastricht durch. Was ein solches Veranstaltungsjahr in puncto City-, und regionalem Marketing mit sich bringt, steht außer Frage. In Leeuwarden aber meint man nicht nur deswegen, ihn zu spüren, den Aufbruch, den "Startschuss für eine schönere Zukunft", wie es im offiziellen Programm steht. Schön im pittoresken Sinn werden die Besucher Leeuwarden mit seinen innenstädtischen Wasserläufen und den alten Häusern sicherlich finden. Daneben zählt die Stadt allerdings auch zu den zehn ärmsten Kommunen der Niederlande, und es dürfte interessant sein zu sehen, was dieser ehrlich gemeinte Optimismus hier bewegen wird können.

Es ist der Blickwinkel, der, sofern sich das zu diesem Zeitpunkt sagen lässt, diese Kulturhauptstadt ausmacht. Er ist weit, wie das Land, ist man geneigt zu sagen, und sorgt für ein Programm, das so dicht wie räumlich verteilt ist und aus dem wenige vermeintliche Top-Attraktionen hinausragen.

Zu Letzteren zählt die Ausstellung des künstlerisch berühmtesten Sohnes der Stadt, MC Escher, die im April im Friesischen Museum beginnt. Auch die "Aida"-Inszenierung der Operngesellschaft Spanga im Juli und August wäre zu nennen, ebenso wie die aufwendige Musiktheaterproduktion De Stormruiter, die ab September das Schimmelreiter-Motiv aufgreift und mit zahlreichen friesischen Pferden an die auf ewig von der Nordsee bedrohte hiesige Küste verlegt.

Leeuwarden
Ein ganzes Jahr lang Kultur auf Äckern
Foto: © KH-Leeuwarden
Leeuwarden
Ein ganzes Jahr lang Kultur in der Stadt
Foto: © KH-Leeuwarden

Offene Gemeinschaft#

Fraglos werden diese Events ein Gros der Besucher in den hohen Norden bringen. Wer ein wenig Zeit und Entdeckungssinn mitbringt, sollte sich aber durchaus auch Fahrtwind um die Nase wehen lassen. Im Sommer gibt es überall in der Provinz Modelle eines zukünftigen "fossilienfreien Frieslands" zu sehen. Entlang des Slachte-Dijks findet ein zweitägiger Spazier-Marathon statt, an dessen Route überall Kulturveranstaltungen geplant sind.

Bereits im April lockt ein Dorf namens Sexbierum mit einer Musiktheater-Aufführung im Gewächshaus. "Lost in the Greenhouse" ist der Titel, es geht um eine Liebesgeschichte "zwischen den Paprikas", aber auch zwischen Vertretern der beiden vertretenen Gruppen, der friesischen und der polnischen Arbeiter, die doch auch eine Gemeinschaft sind und damit einen zentralen Aspekt des gesamten Festivals berühren: "iepen mienskip" heißt er auf Friesisch, was nichts anderes als "offene Gemeinschaft" bedeutet und ein Leitmotiv im Leeuwardener Programm ist - schon von der Kandidatur an. "Wir brachten unsere Bewerbung mit einer Delegation zur Jury nach Amsterdam, mit friesischen Pferden und marokkanischem Volkstanz", erinnert sich Oeds Westerhof, einer der Direktoren der ausrichtenden Stiftung. Das Internationale ist hier mehr als ein Multikulti-Revival in Zeiten, die dieses Konzept auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgt haben: Es geht vor allem um die Verbindung zwischen unterschiedlichen Ecken der Welt, und nicht zuletzt den vermeintlich unscheinbaren, wie in der Theatervorstellung über europäische Dorfbewohner und ihre Klischees im Jahr 2018, die im Herbst durch Friesland zieht.

Blick auf die Welt#

Aus dieser Perspektive erschließen sich dann auch die musikalischen Darbietungen des Eröffnungswochenendes noch einmal ganz anders: Nynke Laverman, die friesische Fadista, singt in ihrem extra komponierten Stück "Seis oere thús": "Flieg in die Welt, mein Junge, um sechs Uhr zu Hause". Und Rapper Kuò nimmt dieses Motiv auf: "Sechs Uhr zu Hause, alle am Tisch. Wo du auch bist, woher du auch kommst." Calvinistische Essenszeiten, so die deutliche Botschaft, müssen einen weiten und warmherzigen Blick auf die Welt nicht verbauen.

Direktor Oeds Westerhof sieht es so: "Die Hälfte der Bevölkerung Europas lebt genau wie wir in kleinen oder mittleren Städten in einer ländlichen Umgebung. Friesland ist also eine Metapher für sehr viele Gebiete in Europa, und genauso präsentieren wir das auch." Das Pfund, mit dem Leeuwarden durchaus charmant wuchert, ist eine auffällige Melange aus Bodenständigkeit und peripherer Exotik.

In dieser Schnittmenge gedeihen Perlen wie die "Triennale von Beetsterzwaag": vier Tage voll bildender Kunst in einem Dorf von 3.500 Menschen. Oder aber Präsentationen unbekannter regionaler Sportarten aus ganz Europa. Ganz im Sinne Oeds Westerhofs, der erklärt: "Kultur ist eine Reaktion von Menschen auf Veränderungen ihrer Umgebung. Kunst ist eine Reflexion dieser Veränderungen. Darum spielt Kunst eine zentrale Rolle bei der Entdeckung der Zukunft."

Wiener Zeitung, 30. Jänner 2018