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Regionale Wegmarken#

Wissensnetzwerk und Kulturpraxis#

von Martin Krusche

Seit etlichen Jahren verbindet uns in der regionalen Wissens- und Kulturarbeit eine bemerkenswerte Kooperation. Drei Bürgermeister aus oststeirischen Gemeinden haben einerseits untereinander ein sehr gutes Einvernehmen, sind andererseits bereit, mit uns Kulturschaffenden auf längerfristige, prozeßhafte Verfahrensweisen einzugehen.

Fundstück in Ludersdorf. (Foto: Martin Krusche)
Fundstück in Ludersdorf. (Foto: Martin Krusche)

Diese Kooperation hatte ihr Initialereignis im Jahr 2005, als Künstler in mehreren Ländern zwischen Italien und den USA übereingekommen waren, "Happy Birthday, Mister Johns!" zu feiern und so dem Maler Jasper Johns Referenz zu erweisen. Das führte damals zu einer Session in der Industriezone vor Albersdorf-Prebuch.

Zu Albersdorf kamen über die Jahre Hofstätten an der Raab und Ludersdorf-Wilfersdorf. In diesen Gemeinden wirken heute Robert Schmierdorfer, Werner Höfler und Peter Moser als Bürgermeister.

Sie engagierten sich mehrfach in Kulturprojekten mit uns, was schließlich eine Zusammenarbeit ergab, die heute unter dem Titel „Dorf 4.0“ steht und so eine spezielle Praxiszone der regionalen Wissens- und Kulturarbeit ergibt.

Daraus entwickelten sich in jüngerer Vergangenheit einige Bezugspunkte, bei denen der Wissenschafter Hermann Maurer im Jahr 2016 anknüpfte, da wir in Hofstätten eine weitere Station von Mythos Puch realisiert haben. Das ergab eine anregende Kooperation mit dem Austria-Forum (TU Graz), wo unser Kuratorium für triviale Mythen heute seine fixe Repräsentanz hat.

Hier rundet sich nun die aktuelle Geschichte. In der Arbeit des Kuratoriums ergab sich aus den letzten Jahren heraus ein Fokus auf Zusammenhänge von Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst. Das haben wir in Theorie und Praxis bearbeitet. Wo man über Volkskultur nachdenkt, fallen einem Klein- und Flurdenkmäler als eines jener Beispiele auf, die bis heute in ungebrochener Kontinuität gelebt und gepflegt werden.

Dabei lieferte Ursula Glaeser vom Kulturbüro Stainz wichtige Anregungen. Dieses kontrastreiche Zeichen- und Informationssystem mit seinem auffälligste und populären Bestand an Wegkreuzen und Bildstöcken wird zwar einerseits von wissenschaftlichen Kräften begleitet und von Professionisten behandelt, wo etwa Restaurierungen nötig sind. Doch andrerseits sind es - wie einst - engagierte Laien, die diese Exponate in unserer Kulturlandschaft errichten, gestalten, begleiten.

2005: “Happy Birthday, Mister Johns!“ (Foto: M. Krusche)
2005: “Happy Birthday, Mister Johns!“ (Foto: M. Krusche)
Tribut für den Maler Jasper Johns. (Foto: M. Krusche)
Tribut für den Maler Jasper Johns. (Foto: M. Krusche)
Eine Session im Raum Albersdorf (Foto: M. Krusche)
Eine Session im Raum Albersdorf (Foto: M. Krusche)

So finden wir uns mitten in einer komplexen vorindustrielle Info-Sphäre wider, in einer informationellen Umwelt, die weite Bereiche hat, in denen Volkskultur nicht musealisiert wurde und – fast noch bedeutender – nicht von der Unterhaltungsindustrie kontaminiert wurde. Ein ästhetisch komplex entfaltetes Informationssystem, das Lokal- und Regionalgeschichte reflektiert, in das Familiengeschichten verwoben sind.

Ursula Glaeser bei der Recherche in Straden. (Foto: Martin Krusche)
Ursula Glaeser bei der Recherche in Straden. (Foto: Martin Krusche)

Allein die Bilder und Figuren dieser Wegmarken zeigen uns ein breites Spektrum qualitativer Optionen, die einen Bogen quer durch Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst ziehen. Es liegt freilich nahe, daß traditionelle Formen dominieren. Aber es bilden sich laufend zeitgenössische Elemente heraus, die eingegliedert werden.

Dazu kommt eine stellenweise interessante Vermischung von religiösen und profanen Motiven. Es fällt auf, daß man in eben diesem Zeichensystem die Werke zeitgenössischer Künstler findet, wie in der Oststeiermark etwa von Hubert Tuttner oder Franz Weiss.

Das berührt eine wesentliche inhaltliche Angelegenheit, die sich so zusammenfassen läßt: Was immer uns gelingt, beruht auf den Vorleistungen anderer. Wir bilden uns, verfeinern unsere Talente, entwickeln uns ganz wesentlich dank der Ideen und Werke von Menschen, die vor uns gelebt haben. Das gilt generell, aber in der Kunst auf spezielle Art.

In dieser Tatsache, einem vernetzten Betrachten der Genres, liegt übrigens ein guter Grund zur Kooperation mit einem Wissensnetzwerk wie dem Austria-Forum. Es bietet, neben der Aufstellung in größeren Zusammenhängen und einem Gewinn an Sichtbarkeit, auch die Möglichkeit, Aktivitäten im analogen Raum und in den Netzen zu verknüpfen, zueinander in Wechselwirkung zu bringen. Ein grundlegender Aspekt von Netzkultur, die Telepräsenz mit realer sozialer Begegnung verbindet.

Von links: Peter Moser, Robert Schmierdorfer, Ewald Ulrich und Werner Höfler. (Foto: Martin Krusche)
Von links: Peter Moser, Robert Schmierdorfer, Ewald Ulrich und Werner Höfler. (Foto: Martin Krusche)
Von links: Hermann Maurer, Martin Krusche, Ewald Ulrich und Burghard Kaltenbäck. (Foto: Ursula Glaeser)
Von links: Hermann Maurer, Martin Krusche, Ewald Ulrich und Burghard Kaltenbäck. (Foto: Ursula Glaeser)

Dazu kommt ein weiteres interessantes Detail. Unternehmer Ewald Ulrich hat seine Firmenzentrale im Schloß Freiberg in Ludersdorf. Das ist ein Ort mit einiger Tradition im Kulturbetrieb. Ulrich engagiert sich sein Jahren einschlägig, was heute mit Fokus Freiberg einen wichtigen Angelpunkt im regionalen Kulturgeschehen bildet.

Das liefert uns zugleich in interessantes Beispiel für das fruchtbare Zusammenwirken der drei Sektoren Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Also
a) Politik & Verwaltung,
b) Unternehmen und
c) private Personen oder Formationen. Drei Dörfer, drei Sektoren, ein experimentelles Feld.

Nun also in der Praxiszone Dorf 4.0 (Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft) ein Prozeß, der verschiedene Handlungsebenen entfaltet und den Titel „Wegmarken“ (Ein kulturelles Zeichensystem) trägt.