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Wie nahe ist uns der Nahen Osten?#

(Europa und Israel sind auf vielfache Art verknüpft)#

von Martin Krusche

Wie erkennt man im Vorbeigehen einen Juden? Ich sag es Ihnen: gar nicht. Außer er erzählt es Ihnen. Man könnte eventuell noch auf Zugehörigkeit schließen, falls er eine Kippa trägt, was in unserer Gegend praktisch nicht vorkommt. Das gilt noch mehr für die traditionelle Kleidung orthodoxer Juden. Der wird man in der Oststeiermark nicht begegnen.

Davidi Hermelin als Vortragender in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)
Davidi Hermelin als Vortragender in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)

Sollte jemand zufällig Zvi heißen, ist es sehr wahrscheinlich, daß ich einem Israeli gegenüberstehe, wie ich annehmen darf, daß ein Flurim aus Albanien oder aus dem Kosovo stammt, während ein Goran vermutlich Serbe ist. Vermutlich! Es kann sich dann immer noch anders verhalten.

Ich hab in meinem Leben schon etliche jüdische Leute kennengelernt, wußte es aber nur von jenen, die mir davon erzählt haben, daß sie jüdisch seien. Was denken Sie denn, warum unsere Leute einst viele ihrer Mitmenschen zwangen, sich gelbe Sterne anzunähen? Weil sie sonst nicht gewußt hätten, daß sie es mit Juden zu tun haben.

Es ist zwar entscheidend, welcher Ethnie sich jemand zugehörig fühlt, steht einem aber nicht auf die Stirn geschrieben. Einschränkung: Identität ergibt sich freilich auch daraus, welche Zuschreibungen von außen man hinnehmen muß. Außerdem: Identität ist keine aus einem Block gefräste, eindeutige Angelegenheit, sondern der lebendige Ausdruck eines menschlichen Daseins, also dynamisch, schillernd, zuweilen widersprüchlich.

Auf den Blödsinn von Rassenkonzepten will ich hier gar nicht eingehen. Es gilt längst als geklärt, daß die genetischen Unterschiede innerhalb von Großgruppen weit größer sind als zwischen den Großgruppen. „Rasse“ ist eine ideologische Konstruktion. Nicht einmal „Hunderassen“ lassen sich genetisch argumentieren. Das ist einfach Gerede, um sich die Welt überschaubarer zu machen.

Zu dieser Notiz kam es, weil ich eben einen anregenden Vortrag gehört hab. Der Rotary Club Gleisdorf hatte Davidi Hermelin eingeladen, über „Israel and Middle East - Impacts on Europa“ zu sprechen. Wir erfahren via Medien laufend, daß der Nahe Osten ein ständiger Krisenherd sei und ich staune oft, welche selbstbewußt vorgetragenen Statements ich im Alltag über diese Region und Israel zu hören bekomme. Sachkenntnis sieht meist anders aus.

Hermelin hat in mehreren Momenten klar gemacht, er wolle sich jeder Art von Kritik stellen, außer jemand würde ihm Antisemitismus zumuten. Woran der zu erkennen sei? Drei wesentliche Elemente: Vorurteil, Doppelmoral und Obsession.

Die Frage des Friedens im Nahen Osten habe einen zentralen Angelpunkt. So lange politische Formationen die Existenz Israels in Frage stellen, werde die Nation wehrhaft bleiben und die Waffen griffbereit halten. Man werde nicht riskieren, daß irgendeine islamistische Gang einen vernichtenden Schlag gegen Israels Hauptstadt ausführe. In diesem Zusammenhang betonte Hermelin, es müsse zwischen der Bevölkerung und den Regimen benachbarter Länder unterschieden werden, auch im Fall jener Araber, die sich als Palästinenser zu legitimieren versuchten.

Vor dem Hintergrund all der Gerüchte, Behauptungen und Simplifikationen lohnt es sich ja, zu fragen: Was sagt internationales Recht? Welchen Status hat der Staat Israel? Was wurde von der Völkergemeinschaft anerkannt? Dabei wird schnell klar, was von Akteuren zu halten ist, die das Existenzrecht Israels anfechten.

Jede Art von „Ja, aber!“ macht die Sache konfus. Es gibt einen unmißverständlichen Rechtsstatus, der braucht nicht verhandelt zu werden. Dann gibt es eine Genese, die naturgemäß sehr unterschiedlich gedeutet und erzählt wird. Wir sind gerne etwas schlampig, um zwischen Demos und Ethnos zu unterscheiden, zwischen dem Staatsvolk einer Nation und kulturell geprägten Gemeinschaften innerhalb einer Nation.

Selbst der Begriff Nation wurde durch die Jahrhunderte unterschiedlich verwendet und wird heute, je nach Weltgegend, da und dort keineswegs gleich verstanden. Wenn wir also über ein anderes Land in einer ganz anderen Region sprechen, bleibt die Beachtung von Kontext und Subtext, damit Verständigung gelingt.

Dieses westliche Europa mit seiner Kolonialgeschichte, seinen eurozentristischen Denkkonzepten und einem jahrtausendalten Antisemitismus, der mindestens ab dem ersten Kreuzzug (11. Jhdt.) eine unübersehbare Schneise der Pogrome quer über den Kontinent zog, dieses Europa mit dem Holocaust und seinen immer noch lebhaften Lehrlingen, hat es dringend nötig, bei solchen Fragen Kontext und Subtext der Debatten nicht unbeachtet zu lassen.

Anders ausgedrückt, Europa hat mit nationalistisch geprägten Formen der Deutungshoheit viele Erfahrungen gemacht, die bis in die Gegenwart wirksam sind. Das betrifft keineswegs bloß jüdische Leute. Katholiken und Protestanten in Irland, Basken in Spanien, Wallonen und Flamen in Belgien, Serben und Albaner im Kosovo…

Sogar manche Schiiten und Sunniten finden es gelegentlich unwiderstehlich, sich im Exil die Fresse eizuschlagen. Diese ekelhaften Spielarten des angriffslustigen „Wir und Ihr“, des gesundheitsgefährdenden „Drinnen und Draußen“ ist also international und ist offenkundig eine schäbige Seite der Conditio humana.

Selbstverständlich erweist sich dabei das Bedrohen jüdischer Menschen und folglich Übergriffe, auch Attentate, als eine ganz andere Kategorie, vor allem in seiner Reichweite und Dauer, zumal der Antisemitismus sich in Europa gerade zu neuen Festspielen aufschwingt. Es hat keine regionale Eingrenzung.

Diese spezielle Situation erhält ihre Färbung nicht bloß durch den Holocaust, sondern – wie erwähnt - durch die irritierend weit zurückreichenden Praktiken ganz verschiedener Formen eines völlig irrationalen Antisemitismus. (Ich ignoriere an dieser Stelle die vielen lächerlichen Rechtfertigungsvarianten, mit denen antisemitischen Attacken erklärt sein wollen.)

Es ist eine Spielart der gefährlichen und verächtlichen Strategie „Selbstdefinition durch Feindmarkierung“. Ich darf annehmen, Sie haben Momente dieser schäbigen Verfahrensweise bei etlichen der jüngeren Wahlkämpfe in Österreich durchaus bemerkt.

Das spottet einer Erfahrung, die Europa quer durch das 20. Jahrhundert gemacht hat. Jedem Massaker geht ein Krieg der Worte voraus. Wer in solchen Zusammenhängen seine Zunge nicht im Zaum halten kann, macht sich zum Wasserträger der Täter.

Mir ist überhaupt kein anderes Beispiel als jenes bekannt, daß sich über so lange Zeit in so vielen Regionen der Welt anmaßende Leute an den jüdischen Menschen austoben, abarbeiten. Genau dazu kommt dann diese zynische Form der Täter-Opfer-Umkehr, indem manche behaupten: „Na, dann wird’s wohl an den Juden liegen.“

In meinen Notizen befindet sich eine sehr anregende Passage als Erinnerung an ein Gespräch mit dem bosnischen Schriftsteller Dzevad Karahasan. Diese Textstelle verweist auf jene Mechanismen, deren Wirkung wir uns gönnen, wenn wie Komplexität reduzieren wollen.

Karahasan: „Das Bild von mir in Deinen Augen spricht möglicherweise etwas von mir. Von Dir spricht es aber unbedingt. Notwendigerweise besagt es etwas von Dir. Nämlich: Was wir von anderen Menschen und anderen Dingen behaupten und denken, besagt sehr selten etwas von diesen Menschen und diesen Dingen, aber von uns besagt es immer etwas. Insofern ist es absolut unmöglich, mich vor den Vorurteilen anderer Menschen zu beschützen. Ehrlich gesagt, ich versuch es auch nicht.“ (Quelle)

Daran könnte einem deutlich werden, wie wichtig die reale soziale Begegnung ist, auf daß Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Rede und Gegenrede stattfinden, Fragen möglich sind und auch Dissens als Gewinn empfunden werden kann. Wie Karahasan in unserem Gespräch treffend sagte: „Die Herrschaften vergessen stets, daß Harmonie eigentlich das Verhältnis zwischen zwei entgegengesetzten Haltungen ist.“

Darin liegt eine weitere, vermutlich sehr wichtige Anregung, die übrigens seit der Antike debattiert wird. Wir sollten nicht bloß Demos und Ethnos kategoreal unterscheiden können, wenn wir „Volk“ sagen, wir müßten auch den Kontrast sehen können, was Argumente zur Sache und Argumente zur Person sind.

Wer solche Kategorien nicht zu unterscheiden weiß, ist entweder ahnungslos, womöglich ein Dummkopf, oder hat verdeckte Intentionen.