Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Das Wiener Theaterwunder #

In den Trümmern von Wien entstand vor 75 Jahren kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine unglaublich lebendige Theaterszene.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (14. Mai 2020)

Von

Franz Zoglauer


Das Wiener Burgtheater wurde im März 1945 zerbombt und am 12. April durch einen Brand, dessen Ursache nie ganz aufgeklärt wurde, größtenteils zerstört.
Burgtheater. Das Wiener Burgtheater wurde im März 1945 zerbombt und am 12. April durch einen Brand, dessen Ursache nie ganz aufgeklärt wurde, größtenteils zerstört.
Foto: Keck; Illustration: Press-Kollektiv (Aus „Ein Jahr Wiener Theater“ Almanach über die erste Spielzeit der Wiener Bühnen nach der Befreiung Österreichs) Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger

Inmitten von rauchenden Ruinen und Schutthalden der zerbombten Stadt Wien sollten vor 75 Jahren, nur wenige Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs, Burgtheater, Staatsoper und weitere 16 (!) Bühnen ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen. So lautete der Auftrag des Oberkommandos der sowjetischen Armee, um eine schnelle Stabilisierung der prekären Lage zu beschleunigen. Die österreichische Identität sollte mit allen auch nur irgendwie aufzutreibenden Mitteln gefördert werden. Ein besonderes Anliegen war es, die Lieblinge des Publikums mitwirken zu lassen, egal, ob diese NS-belastet waren oder nicht, wie der Historiker Oliver Rathkolb in seinem Buch „Die paradoxe Republik“ anmerkte. Kultur war den Verantwortlichen der sowjetischen Besatzungsmacht so wichtig, dass minder belasteten Nationalsozialisten ein Freibrief ausgestellt wurde.

Der für die Kultur zuständige Politiker war der überaus gebildete österreichische Schriftsteller Ernst Fischer, ein überzeugter Kommunist. In Wien herrschte eine heute kaum vorstellbare Not. Es gab weder genug zu essen noch elektrisches Licht oder Gas.

Fantasie und Improvisation #

Die Theater waren von den Nationalsozialisten seit 1. September 1944 wegen des totalen Kriegseinsatzes geschlossen. Bereits am 1. Mai 1945, nur acht Monate später, sollten sie teils in Ersatzquartieren ihren Betrieb in der durch Kampfhandlungen und Bombenangriffen völlig devastierten Stadt wieder aufnehmen. Gefordert waren Fantasie, Improvisationstalent und ein heute kaum noch vorstellbarer Idealismus aller Beteiligten. Finanzielle Mittel gab es so gut wie keine. Die größten Probleme waren die Nahrungsversorgung von Technikern und Künstlern und das Beschaffen des Materials für die Ausstattungen.

Das Burgtheater wurde im März 1945 zerbombt und am 12. April durch einen Brand, dessen Ursache nie ganz aufgeklärt wurde, größtenteils zerstört. Direktor wurde der erste Schauspieler des Ensembles, Raoul Aslan. „Weltmeister im Schwimmen“ wurde er wegen seiner Textunsicherheit genannt. Aslan hatte allerdings auch ein Talent, in heiklen Situationen improvisieren zu können. Er eröffnete die Spielzeit im Ausweichquartier Ronacher mit den Worten: „Das Burgtheater ist eine Idee und die ist in seinem Publikum verkörpert. Damit sie jedoch bleibt, muss sie wirken und Zeugenschaft ablegen.“ Mit Grillparzers „Sappho“ gelang das am 30. April ohne Dekorationen vor einem einfachen schwarzen Vorhang überaus beeindruckend. Das zahlreich erschienene Publikum erlebte den Spielbeginn gleich zweimal. Da der sowjetische Marschall Tolbuchin zu spät kam, musste man noch einmal anfangen.

Mit Klassikern, zeitgenössischer österreichischer Literatur und Schauspielerinnen wie Susi Nicoletti, Elfriede Ott, Alma Seidler und Schauspielern wie O. W. Fischer oder Oskar Werner stellte sich die Begeisterung des Publikums bald wieder ein.

Die Staatsoper wurde am 12. März 1945 durch einen Bombenangriff zerstört. Alfred Jerger, der erfolgreiche Bariton, wurde zum kommissarischen Opernchef ernannt und befolgte den Auftrag des russischen Stadtkommandanten: „Du spielen Oper“. Am 1. Mai 1945 wurde am Nachmittag, da am Abend Ausgangssperre galt, im Ausweichquartier der Volksoper Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in deutscher Sprache gespielt. Der Journalist Karl Löbl erinnerte sich in einem Interview mit der Zeitschrift Die Bühne: „Ich ging vorbei an Hausruinen, Schutthaufen, Bombentrichtern zur Volksoper. Öffentliche Verkehrsmittel gab es noch nicht. Beim Bühneneingang fuhren russische Lastautos vor und brachten Musiker, Chorsänger und Techniker. Im Zuschauerraum saß ich zwischen russischen Soldaten, viele mit der Maschinenpistole im Schoß. In den Logen die Offiziere. Auf der Bühne das Wiener Ensemble. Das war der erste Opernabend im befreiten Wien.“ Direktor Jerger hatte sein Versprechen gehalten, das hohe Niveau durch den Idealismus jedes einzelnen Mitwirkenden zu erhalten.

Kaum jemand störte sich daran, dass es weder im Zuschauerraum noch auf der Bühne elektrisches Licht gab. Besonders beeindruckten Sena Jurinac mit ihrem sensationellen Debüt in der Hosenrolle des Cherubin und der Dirigent Josef Krips , der in der NS-Zeit aus rassischen Gründen Auftrittsverbot gehabt hatte und zum ersten Mal wieder dirigieren durfte.

Ratten und Champignons #

Mit Beethovens „Fidelio“ wurde das zweite Ausweichquartier im Theater an der Wien eröffnet. Direktor war damals bereits Franz Salmhofer. Er soll das verfallene, von Ratten bewohnte Haus mit seinen Technikern betreten und zu der alten Portiersfrau, die auf der Bühne Champignons züchtete, gesagt haben: „Mutterl, jetzt sind wir die neuen Hausherren!“ Er engagierte sie auf der Stelle als Toilettenfrau. Die Choristen wurden damals von ihm auch als Tischler, Tapezierer und Schneider eingesetzt. Am 6. Oktober konnte mit Beethovens „Fidelio“ eröffnet werden. Als Dekoration musste man sich mit den echten Mauern des Bühnenraumes begnügen: die Leonore war Anny Konetzni; Max Lorenz, der Sänger des Florestan, durfte von der amerikanischen nicht in die russische Besatzungszone reisen und musste im letzten Augenblick ersetzt werden. Salmhofer, der seinen Vertrag in kurzer Lederhose unterschrieben hatte, war ein jovialer Vater des Ensembles. Für die Beschaffung der Nahrung für die hungernden Techniker und Künstler dachte er sich oft abenteuerliche Tricks aus, beschaffte in Verkleidung eines Lieferanten Eier und Speck aus den Lagerhäusern der Alliierten. Er entdeckte so manche Talente; weibliche mussten sich allerdings vor ihm in Acht nehmen. „Der Veitinger Bauer ist ein ganz ein schlauer“, hieß es in seiner bäuerlichen Oper „Das Werbekleid“, die er selbst dirigierte. Sein legendäres Ensemble wurde durch die mangelnden Möglichkeiten zu reisen zusammengeschweißt.

Wie aber war es um die zahlreichen anderen Theater bestellt? Im Theater in der Josefstadt etwa sorgte der feinfühlige Direktor, Regisseur und Schauspieler, Rudolf Steinboeck, für wienerisches Idiom in Hofmannsthals „Der Schwierige“, und in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ nützte Paula Wessely sehr zum Missvergnügen des Autors die Gelegenheit, sich von ihrer NS-Vergangenheit zu distanzieren.

Beachtlicher Neuanfang #

Im Volkstheater setzte Schauspieler Günther Haenel als Direktor auf die von den Nazis verbotenen Autoren. Für den ersten Theaterskandal der Nachkriegszeit sorgte er mit dem Eröffnungsstück „Haben“ des ungarischen Autors Julius Hay, in dem sich Frauen eines Dorfes ihrer kapitalistischen Männer mit Gift entledigen. In den Kammerspielen beklagte sich Pächter Hanns Horak, dass einfach nichts vorhanden wäre. Nichtsdestotrotz gelang ihm bald eine respektable Aufführung von Franz Werfels letztem Theaterstück „Jacobowsky und der Oberst“. Einen Rekord stellte im Theater „Die Insel“ der spätere, legendäre Intendant des Volkstheaters, Leon Epp, auf. Er schaffte in der ersten Saison sensationelle 14 Premieren, in denen 70 Schauspieler auftraten.

Im Künstlertheater flirtete Harry Fuss mit der Filmschauspielerin Herta Mayen „Bei Kerzenlicht“, im Wiener Bürgertheater zündeten Annie Rosar und O. W. Fischer in der Komödie „Im sechsten Stock“ ein Feuerwerk an Pointen, und im Neuen Wiener Schauspielhaus gelang es dem Regisseur Ernst Waldbrunn, seinen Hauptdarsteller Hans Moser derart zu bändigen, dass er die übrigen Mitwirkenden nicht von der Bühne drängte. Noch neun weitere Bühnen schafften einen beachtlichen Start.

Ein Neustart wird hoffentlich bald auch den derzeit wegen Corona geschlossenen Theatern gelingen. Mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Situation freilich nicht vergleichbar. Einen tiefen Einschnitt bedeutet sie dennoch. Mut, Idealismus und Fantasie werden mehr denn je gefragt sein. Vor allem aber der Glaube an und die Liebe zur Kunst.

DIE FURCHE (14. Mai 2020)