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Das Konzept#

Nachdem der Standort Schloss Dagstuhl gefunden worden war, wurden Verhandlungen über die Gründung einer Träger-GmbH zwischen der Gesellschaft für Informatik, dem Mehrheitsgesellschafter, und den drei Gründeruniversitäten, Universität des Saarlandes, Universität Kaiserslautern und Universität Karlsruhe aufgenommen. Die Verhandlungen waren nicht ganz einfach, weil beide Seiten verschiedene Ziele hatten. Die universitären Verhandler strebten eine auf maximale Kommunikation optimierte, eher spartanisch eingerichtete Begegnungsstätte an; die GI-Verhandler stellten sich Managerweiterbildung in nobler Umgebung vor. Symbolisiert wurde das immer wieder an der Frage, ob auf jedem Zimmer ein Fernseher stehen sollte!

Für die universitären Verhandler stand er für die Vereinzelung der Teilnehmer und eine Störung der Kommunikation, für die industriellen Verhandler stellte er einen unverzichtbaren Teil der Komfortinfrastruktur dar. Man war sich über das Konzept einfach nicht einig. Trotzdem gründete man im Frühjahr 1990 optimistisch die Internationales Begegnungs- und Forschungszentrum für Informatik GmbH.

Für mich als Gründungsdirektor und Anhänger der spartanischen kein-Fernseher-Richtung bedeutete die Uneinigkeit über das Konzept, dass ich mir nicht sicher war, wie lange ich diese Aufgabe wahrnehmen dürfte.

Was wir realisieren wollten, war vorbildlich durch das Mathematische Forschungsinstitut in Oberwolfach (MFO) vorgegeben, eine Stätte optimaler Kommunikation zwischen Wissenschaftlern. Das MFO hatte dazu einige Mechanismen gefunden, die sich leicht kopieren ließen: Versammlung der besten Forscher eines Gebiets plus vielversprechender Nachwuchs, eine vollkommen freie Zeitgestaltung, also nicht das typische 25-Minuten-Vortrag + 5-Minuten-Diskussion-Schema üblicher Konferenzen, eher mehr Zeit für Diskussionen und auch viele Räume für die Diskussion in kleineren Gruppen.

Ein Konzept für Rechnerzugang konnten wir nicht vom MFO kopieren. Dort gab es einen PC, der am Internet hing. Es war von Anfang an klar, dass Informatiker Rechnerzugang brauchten. Die Workstations wurden von uns in Rechnerräumen konzentriert, um der Vereinzelung entgegen zu wirken. Tatsächlich wurden die Rechnerräume Orte intensiver Kommunikation, bis trauriger weise die Ära des Laptops unsere Einflussmöglichkeiten beendeten.

Speisesaal
Weisser Saal. Foto: Presse Dagstuhl
Die bei allen Hauptmahlzeiten wechselnde, zufällig bestimmte Sitzordnung wurde auch von Oberwolfach übernommen. Sie soll möglichst alle Teilnehmer im Laufe der Woche miteinander ins Gespräch bringen. Ebenfalls der Weinkeller für die wichtigen abendlichen Diskussionen, die Wanderung oder der Ausflug als Zäsur am Mittwochnachmittag und auch der Saal zum Musizieren.

Diese sozialen Aktivitäten sind kommunikationsfördernd und für viele ein Teil der Dagstuhl-Erfahrung.

Wolfgang Lorenz und ich bekamen wertvolle Hinweise vom langjährigen Direktor des MFO, Martin Barner. Wir besuchten ihn, bevor wir unsere Arbeit aufnahmen. Er warnte uns insbesondere davor, Erbhöfe entstehen zu lassen, d.h. Serien von Tagungen mit immer denselben Leitern, die weiter laufen, obwohl sie bei der begrenzten Kapazität eigentlich besser motivierten Tagungen Platz machen sollten. Als Erbhöfe verstand Barner aber nicht nur Wochen, die regelmäßig bestimmten Themen zugesagt waren, sondern die immer wieder gleiche Leitung von Tagungen. Eine der Folgen des fehlenden Wechsels an der Spitze war mangelnder Austausch bei der Teilnehmerschaft. Das Motto dieser langen Serien könnte lauten, „Old chaps meet.“

Wir beherzigten Barners Rat und übernahmen von Anfang an stärker die Kontrolle über unsere Veranstaltungen, die wir Dagstuhl-Seminare nannten. Organisatorenteams mussten sich bei Wiederholung des Themas erneuern, zumindest teilweise; eine gewisse Kontinuität war durchaus erwünscht. Diese Regel wurde von manchen Oberwolfach-erfahrenen Kollegen nur mit Murren akzeptiert.

Die vorgeschlagenen Teilnehmerlisten wurden begutachtet und oft Modifikationen verlangt. Das ging manchmal so weit, dass das Direktorium einem Seminar, welches eine sehr homogene Gruppe zu einem durchaus umstrittenen Thema versammeln wollte, einige „Störenfriede“ verordnete mit der expliziten Aufgabe, die Basisannahmen der Gruppe zu hinterfragen. Die Reaktionen darauf waren fast immer positiv.

Ein typischer Fehler, gerade jüngerer Antragsteller, war und ist, dass sie ihre Teilnehmerliste veredeln wollen, indem sie sämtliche Gurus des Seminar- und angrenzender Gebiete auflisten. Die Erfahrung sagt allerdings, dass ein echter Guru schon deshalb nicht teilnehmen kann, weil er jede Woche ein Kamingespräch mit dem/der Bundeskanzler/in, ein Treffen mit dem/der Bundesforschungsminister/in, zwei Projektbegutachtungen und mehrere Kooperationstreffen mit der Industrie hat und darum bedauerlicherweise verhindert ist. Deshalb sah das wissenschaftliche Direktorium diese Veredelungen eher kritisch.

Musik
Musik und Kunst sind Teil von Schloss Dagstuhl. Foto: Presse Dagstuhl
Musik
Tag der Kinder. Foto: Presse Dagstuhl
Musik
Robo Cup! Foto: Presse Dagstuhl

Unsere Verantwortung für die Teilnehmerlisten hat einen entlastenden Effekt auf die Organisatoren; es entledigt sie der Verpflichtung, nicht mehr aktive Kollegen einzuladen, denen gegenüber sie vielleicht persönliche Verpflichtungen haben. Dagstuhl, das wissenschaftliche Direktorium und schließlich der wissenschaftliche Direktor haben ein breites Kreuz und überleben giftige Reaktionen (zu Recht) nicht eingeladener Kollegen leichter als ein Organisator, der irgendwann zu unpassender Zeit eine Rechnung präsentiert bekommt.

Ganz schlimm wurde ich attackiert, als unverschämter weise der (wissenschaftlich aktive) Assistent eines bekannten (nicht (mehr) wissenschaftlich aktiven) Kollegen, aber nicht der Kollege selbst eingeladen wurde. Er wünschte Dagstuhl eine finstere Zukunft an den Hals.

Botschaften an die Gäste Wir lernten schnell, wie wichtig Botschaften an die Gäste sind. Zum Beispiel haben die Gäste in Schloss Dagstuhl keine Schlüssel für ihre Zimmer. Das führte bei Gästen z.B. aus New York, die sich zuhause nur sicher fühlen, wenn ihre heimischen Türen mit mehreren Riegeln und Bolzen verbarrikadiert sind, zur Verunsicherung. Aber alle verstanden sehr schnell die Botschaft, nämlich dass alle Gäste einander vertrauen sollten. Tatsächlich gab es niemals Probleme mit Diebstählen. Ein anderer Vertrauensbeweis an die Gäste war die abendliche Versorgung mit Getränken. Es gab und gibt offene Regale und Kühltheken, aus denen man sich die Getränke nimmt. Seinen Konsum notiert man auf einem Laufzettel, den man beim Empfang bekommt und beim Abschied zur Abrechnung abgibt. Kollegen aus südeuropäischen Ländern haben mir immer wieder versichert, dass das bei ihnen nie funktionieren würde. Aber sieh an, es klappt bis heute wunderbar! Eine weitere sehr wichtige Botschaft war, dass man nie zeigen sollte, dass man zu viel Geld hat. Das Bewusstsein der beschränkten Mittel beschränkt auch die Erwartungen. Die Einrichtung wurde deshalb schön und zweckmäßig, aber nicht prächtig gewählt. Das enttäuschte den vom zuständigen Regierungsvertreter – zuständig für die sparsame Haushaltsführung - ausgesuchten Möbellieferanten sehr. Er hatte doch schon sein teuerstes Programm für uns ausgesucht, weil „es doch um die internationale Spitzenklasse geht“. Ich beschied ihm, dass das schon der Fall wäre, aber bei der Wissenschaft und nicht bei den Möbeln.