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Wie ich zur Informatik kam#

von Roland Vollmar

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Vollmar
Händler
Wolfgang Händler. Foto: Jacobs, Konrad, (c) MFO, unter CC BY-SA 2.0

Eigentlich wollte ich Physik studieren. Als ich mich aber 1958 an der Universität Heidelberg dafür immatrikulieren wollte, ergab sich eine Schwierigkeit: Ich konnte kein Praktikum vorweisen. Das mag illustrieren, wie unvorbereitet ich dem „Ernst des Lebens“ entgegenging, eine allerdings zu jener Zeit nicht unübliche Haltung, machte man sich doch keine Gedanken über eine spätere Berufstätigkeit, da man glaubte, sich darauf verlassen zu können, mit einem abgeschlossenen Studium auf jeden Fall eine Stelle zu bekommen.

Auf meine Frage im Immatrikulationsbüro, welches Studium ohne Vorpraktikum begonnen werden könne, schlug man mir „Mathematik“ vor, wofür ich mich dann auch ad hoc einschrieb.

Da meine spätere Frau im darauffolgenden Jahr Germanistik und Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken zu studieren begann, wechselte ich zum dritten Semester dorthin.

Es war die Zeit zu der die Deutsche Forschungsgemeinschaft einer Reihe von Technischen Hochschulen und Universitäten elektronische Rechenmaschinen finanzierte. Prof. Dörr, der Angewandte Mathematik lehrte, war mit einem Antrag für eine ZUSE Z22, ein Produkt der ZUSE KG, erfolgreich. Um die Beschäftigung mit solchen Maschinen theoretisch zu stützen, warb er mit Dr. Wolfgang Händler einen Experten der TELEFUNKEN GmbH an. Dieser war in Backnang wesentlich mit der Konzeption und dem Bau des TR4, dem damals schnellsten kontinentaleuropäischen Rechner, befasst gewesen. Er führte in einem Teil der Übungen zur „Angewandten Mathematik“ in die Prinzipien der EDV und speziell der Programmierung der Z22 ein.

Z22
Deckblatt Z22 Prospekt. Foto: Archiv H. Zuse
Hier sind wohl einige Bemerkungen zur Z22 angebracht: Es war ein Röhrenrechner mit einer Trommel von 8 K Wörtern Kapazität und einem Schnellspeicher von 32 (!) Wörtern. Die Eingabe erfolgte über Lochstreifen, ebenso die Ausgabe, wofür zusätzlich ein Fernschreiber verfügbar war. Zum Starten eines Programmes mußte ein „Urlader“ über die Konsole manuell eingegeben werden. Die Programmierung erfolgte im sog. Freiburger Code, einer einfachen Assemblersprache. Etwas später war sogar die Nutzung eines „abgespeckten“ ALGOL 60, ALCOR genannt, möglich.

Ich muß gestehen, dass ich keineswegs vom Programmieren fasziniert war – aber, man lernt ja etwas erst dann schätzen, wenn man „nützlichen Gebrauch“ davon machen kann.

Mein gesteigertes Interesse an Rechnern wurde erst durch einen Seminarvortrag über die Maschine BULL Gamma 60, den ich (wohl) 1961 hielt, geweckt. Sie hatte eine ungewöhnliche Struktur: Ein zentrales Steuerwerk und ein zentraler Speicher versorgten Verarbeitungswerke verschiedener Art und E/A-Geräte, Trommeln und Magnetbänder mit Aufträgen, so dass ein Multiprozessorbetrieb ermöglicht wurde.

Ich fuhr eigens nach Paris, wo man mir im Werk in zuvorkommender Weise meine Fragen beantwortete. Den stärksten Eindruck hinterließ allerdings bei der Werksbesichtigung das manuelle Einfädeln von etwa 3 mm großen Magnetkernen.

Durch Vermittlung von Herrn Händler, der weiterhin mit TELEFUNKEN verbunden war, arbeitete ich in den Semesterferien etwa 6 Wochen bei dieser Firma in Konstanz, wo ich mich mit der Mikroprogrammierung der TR 5-Anlage beschäftigte. Leiter der entsprechenden Abteilung war Dr. F. R. Güntsch, und das Büro von Dr. G. Hotz war meinem Arbeitsplatz benachbart. Etwas irritiert war ich, als ich mitbekam, dass es eine TELEFUNKEN-interne Diskussion zwischen Mitarbeitern in Backnang und in Konstanz über die „richtige“ Konzeption eines derartigen mittelgroßen Rechners gab.

Danach wurde ich freier studentischer Mitarbeiter bei TELEFUNKEN unter Leitung von Herrn Händler, der sich intensiv mit Parallelarbeit oder wie es damals hieß mit Simultanarbeit in und von Rechnern beschäftigte (und mit F. R. Güntsch einen einflußreichen Artikel dazu veröffentlichte). Er empfahl mir, mich diesem Gebiet zu widmen, darauf gebe es noch lange Zeit Forschungsbedarf.

Den Schwerpunkt meines Studiums legte ich auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik, so dass es naheliegend war, eine Diplomarbeit über warteschlangentheoretische Aspekte bei der Konzeption von Parallelrechnern anzufertigen. Dabei stellte ich fest, dass es so gut wie keine Aussagen über die Verteilung der verschiedenen Befehlsklassen bei dynamischen Programmabläufen gab. Ein Tracingprogramm sollte solche Ergebnisse liefern. Der analytische Befehlscode der Z22 mit mehr als 10000 sinnvollen Befehlen stellte eine gewisse Schwierigkeit dar. Um einigermaßen realistische Resultate zu erhalten, verbrachte ich geraume Zeit an der Maschine, einmal ununterbrochen ca. 36 Stunden. Eine Anwesenheit bei den Programmläufen war unabdingbar, da es im Mittel alle 2-3 Stunden zu einem Halt durch einen sog. „Trommelalarm“ kam, u.a. verursacht durch Spannungsspitzen beim Betrieb des Aufzuges im Haus. Dann mußte manuell ein Wiederstarten der Maschine veranlaßt (bzw. versucht) werden.

In meiner Diplomprüfung wurde ich in Reiner Mathematik, Angewandter Mathematik und Physik und wohl als einer der ersten im Anwendungsfach „Elektronische Rechenanlagen“ geprüft.

Herr Prof. Händler hatte in der Zwischenzeit den Lehrstuhl „Elektronische Rechenanlagen“ an der (damaligen) TH Hannover übernommen. Eine angebotene Stelle nahm ich an, beschäftigte mich dann aber vornehmlich mit Automatentheorie und Formalen Sprachen.