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Mein IT Lebenslauf#

von Helmut Beran

Genau genommen fällt mein Beitrag in dieser Reihe etwas aus dem vorgegebenen Rahmen, denn er kann nur sehr begrenzt als IT-Lebenslauf angesehen werden, beschränkte sich doch meine Tätigkeit im eigentlichen IT-Bereich auf einen relativ kurzen Zeitraum. Da mich Hermann Maurer aber ermutigt hat, mich trotzdem zu beteiligen, möchte ich im Folgenden einige Erinnerungen an diese Zeit zusammenzufassen. Das fällt mir umso leichter, als ich glaube, dass diese kurze Epoche meine berufliche Laufbahn wesentlich bestimmt hat, auch wenn diese dann in eine andere Richtung verlaufen ist.

Es war im Juli 1964, als mich mein Studienkollege und Freund Gustav Feichtinger – später Professor für Operations Research an der TU Wien – darauf aufmerksam machte, dass am IBM-Laboratorium Wien freie Mitarbeiter zur Entwicklung von Programmiersprachen gesucht würden. Feichtinger, der schon seit einigen Monaten neben seinem Studium dort tätig war, ermunterte mich, trotz fehlender Kenntnisse in Programmiersprachen und allgemein in EDV einen Versuch zu wagen.

Beran
Beran. Foto: Archiv Beran
Mein Studium in den Fächern Physik und Mathematik an der philosophischen Fakultät der Universität Wien war schon relativ weit gediehen, ich arbeitete an einer Dissertation aus theoretischer Physik und konnte eine Aufbesserung meines, hauptsächlich durch Stipendien und Ferialjobs gespeisten, Etats durchaus brauchen. So fand ich mich nach telefonischer Vereinbarung im damaligen IBM-Labor in der Liebenberggasse im I. Wiener Gemeindebezirk, gegenüber dem damals modernsten Kino in Wien, dem Gartenbaukino, bei Prof. Zemanek in seinem Büro zu einem Bewerbungsgespräch ein. Er empfing mich sehr freundlich, fast möchte ich sagen „kollegial“, und ich hatte natürlich großen Respekt davor, persönlich einem bekannten Professor und Wissenschaftler gegenüberzusitzen. Nach dem Hinweis, dass ich während meiner Gymnasialzeit ein Jahr an einer amerikanischen High School verbracht hatte, folgte seine Frage: „And how is your English now?“, und das Gespräch wurde auf Englisch weitergeführt. Offenbar hatte ich mich – trotz der schon erwähnten fehlenden Computer- und Programmierkenntnisse (zu dieser Zeit war es allerdings an der Wiener Universität noch kaum möglich, solche zu erwerben) gut „verkauft“, denn es wurde mit mir ein Vertrag als freier Mitarbeiter („Konsulent“ hieß es offiziell etwas hochtrabend) zu einem in der damaligen Zeit für einen armen Studenten beachtlichen Salär abgeschlossen.

Ich konnte erstmals einen Großrechner aus der Nähe bestaunen (nach meiner Erinnerung war dies eine IBM 1401), lernte in kurzer Zeit die Programmiersprache Fortran und arbeitete in der Folge in der Gruppe Kudielka an einem kleinen Teilproblem der in Entwicklung stehenden Programmiersprache PL/I mit. (Die erst am Beginn stehende Methodik der formalen Beschreibung von Programmiersprachen wurde später als Vienna Definition Language allgemein bekannt.)

Für den jungen Studenten hatte Wissenschaft bisher in erster Linie im Rezipieren von Inhalten bestanden, mit denen man im Hörsaal konfrontiert wurde. Erstmals konnte ich die wissenschaftliche Atmosphäre und selbstständige Arbeit innerhalb einer jungen, engagierten Forschergruppe unter der Leitung des charismatischen, international bekannten Computerpioniers Zemanek kennen und schätzen lernen, wobei jederzeit die Möglichkeit bestand, unfertige Ideen auch mit erfahrenen „Kollegen“ zu diskutieren und reifen zu lassen. Teamwork hatte im Labor einen hohen Stellenwert. Ich wurde mit dem sinnvollen Gebrauch von wissenschaftlichen Zeitschriften und Monografien vertraut. Die hauseigene Bibliothek im Labor war sehr gut ausgestattet. In Erinnerung ist mir noch das Motto, das in Anlehnung an Dantes Inferno über dem Eingang zur Bibliothek prangte: „All hope abandon ye who enter here, unless you publish papers twice a year.“ Getreu dieser unmissverständlichen Aufforderung verfasste ich in der Folgezeit schon mehrere kleine Aufsätze in IBM-internen Reports. Auch für meine parallel laufende Arbeit an meiner Dissertation konnte ich wertvolle formale und arbeitstechnische Erkenntnisse aus meiner dortigen Tätigkeit gewinnen.

Meine Mitarbeit am IBM-Labor endete nach etwa eineinhalb Jahren (und der mittlerweile an der Universität Wien erfolgten Promotion) zum Jahresende 1965, weil ich zur Erfüllung meiner staatsbürgerlichen Pflicht den Präsenzdienst beim österreichischen Bundesheer antreten musste. Wenn ich nach meinen Erfahrungen am IBM-Laboratorium vom Physiker und Mathematiker nicht zum Informatiker, sondern zum Statistiker mutierte, war doch meine dortige Beschäftigung keineswegs ein Umweg oder gar eine Sackgasse, sondern ein wichtiger Abschnitt in meiner beruflichen Laufbahn. Geblieben sind ein Grundverständnis für die Probleme der Informatik, der Entschluss, nach Möglichkeit eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen und – lebenslange Freundschaften, etwa mit Hermann Maurer und Gustav Feichtinger, die ebenfalls vom IBM-Labor aus ihre Universitätslaufbahn starteten. Die wissenschaftliche Atmosphäre im Labor war offenbar hilfreich für so manche akademische Karriere: Nach einer Recherche von Gerhard Chroust sind aus dem „Staff“ des Labors (fest angestellte und freie Mitarbeiter) 17 spätere Universitätsprofessoren hervorgegangen!

Beran und Zemanek
Beran (rechts) und Zemanek, Foto: Archiv Beran
Eine anekdotische Begebenheit aus meiner Zeit am IBM-Labor soll hier nicht unerwähnt bleiben, zeigt sie doch einerseits die Spontaneität Professor Zemaneks und führte sie andererseits dazu, dass ich – wenn auch eher zufällig und unbeabsichtigt – doch gewisse „Spuren“ in der Informatik hinterlassen habe.

Zu jener Zeit arbeitete dort unter Ernst Rothauser eine Gruppe von Ingenieuren an der Weiterentwicklung eines Spracherkennungsgeräts, des Vocoders, auch als Sonoskop bezeichnet. Eines Tages stellte Zemanek das Gerät einer Gruppe von Reportern vor und wollte eine Demonstration von dessen Funktionstüchtigkeit geben. Sein suchendes Auge erspähte mich auf dem Gang, wo ich zufällig gerade am Laborraum vorbeiging, in welchem die Vorführung stattfand. „Kommen Sie herein, Herr Beran, und sprechen Sie in das Mikrofon. Die Herren wollen ein paar Fotos machen und Sie schauen so wissenschaftlich aus.“ Die letztere Bemerkung war wohl eine Anspielung auf meinen bereits damals ziemlich schütteren Haarwuchs! Jedenfalls geriet dadurch mein Foto auf die Titelseite eines Elektronikmagazins und landete schließlich sogar in den 1970er Jahren auf der legendären, von Zemanek initiierten IBM-Geschichtswand „Datenverarbeitung“, welche nach einer Odyssee, die sie u.a. an das Technische Museum in Wien und an die Johannes-Kepler-Universität in Linz führte, nach meinen Informationen nunmehr in Deutschland untergebracht ist.

Es wäre zur damaligen Zeit gar nicht ungewöhnlich gewesen, hätte ich nach abgeleistetem Präsenzdienst die eben begonnene „IT-Laufbahn“ fortgesetzt. Da es in Österreich noch keine formale Ausbildung in Informatik gab, waren es hauptsächlich Nachrichtentechniker, aber eben auch Physiker und Mathematiker – für die der Arbeitsmarkt damals ohnehin nicht besonders aufnahmefähig war – die in die Arbeitswelt der Computer, in die neu entstehenden Rechenzentren, aber auch in die einschlägige Forschung eintraten. In meinem Fall wollte es der Zufall anders. Gustav Feichtinger, der schon einige Monate früher vom IBM-Labor Wien auf eine Assistentenstelle am Statistischen Seminar des Instituts für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn gewechselt war, informierte mich, dass dort ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ein Jahr ausgeschrieben war. Ich riskierte erneut den Sprung ins kalte Wasser, arbeitete mich in das für mich faszinierende Gebiet der Statistik ein – und bin dabei geblieben. Nach dem Jahr in Bonn wurde ich Mitarbeiter von Professor Adolf Adam an der eben gegründeten Hochschule für Sozial-und Wirtschaftswissenschaften (der späteren Johannes-Kepler-Universität) in Linz und bin dieser Institution in meiner Geburts- und Heimatstadt treu geblieben. Zwar formal durch die Institutsstruktur immer mit den Kollegen der Informatik - auch in persönlicher Hinsicht - eng verbunden, habe ich von den Fortschritten der Informationswissenschaften hauptsächlich als “User“ profitiert – ohne leistungsfähige Computer wäre die Anwendung moderner statistischer Verfahren undenkbar.

Einmal noch wurde mir die Ehre zuteil, der Informatik (im weitesten Sinn) einen zumindest ideellen Dienst zu erweisen: Anlässlich des Ablebens von Heinz Zemanek im Jahr 2014 wurde von der Österreichischen Computer Gesellschaft ein Sammelband „In memoriam Heinz Zemanek“ herausgegeben, in welchen ich mich als ehemaliger Mitarbeiter des IBM-Labors Wien einbringen durfte; ich habe daraus auch für den vorliegenden Beitrag einige Gedanken übernommen.