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IT Lebenslauf von Professor Langmaack#

...erzählt von ihm anlässlich seines 80. Geburtstags am 9. Mai 2014

Wie kommt ein Junge vom Lande in den 1950er Jahren zur Informatik?#

Langmaack
Hans Langmaack
Der Weg war nicht ganz gerade. Insbesondere möchte ich betonen, dass niemand von neuem erfahren möchten, wie ein Junge vom Lande studieren kann und Akademiker wird. Von dieser Sorte Jungen gibt es manche. Vielmehr geht es um die Frage, wie sich ein Junge vom Lande in den 1950er Jahren ausgerechnet der Disziplin Informatik zuwenden kann, die es in jenen Jahren noch gar nicht als wissenschaftliche Disziplin gegeben hat und deshalb weder Karrieren noch Verdienstmöglichkeiten versprochen hat. Angesichts der heute enormen technischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Relevanz der Informatik ist es eben die Frage, wie sich eine innere Ahnung davon bereits damals in dem Jungen vom Lande hat festsetzen können.

Geboren wurde ich 1934 auf dem Hof Helle im Kreis Steinburg als ältestes Kind des Bauern Hermann Langmaack und seiner Ehefrau Anne, geb. Dieckmann. Meine Eltern hatten ein- bzw. zweiklassige Volksschulen besucht und sonst keine formale Ausbildung erfahren. Sie hatten nur auf ihren elterlichen Höfen gearbeitet.

Ich entstamme also einem formal bildungsfernen Milieu, wie es politisch korrekt heute heißen würde. So ganz bildungsfern fühlten wir uns in der Helle allerdings nicht, es gab dort viele Bücher, was für einen einsam gelegenen, kleinen Hof von 18 ha in der Tat ungewöhnlich ist. Die Bücher deckten nicht gerade den klassischen Bildungskanon ab, vielmehr waren sie autodidaktisch zusammengesammelt aus zwei Quellen:

Die eine Quelle war ein Urgroßonkel von mir, Jochim Schnehagen, der seine letzten Jahre von 1900 bis 1914 in der Helle bei seiner Nichte, meiner Großmutter, verbrachte, der selbst keine Kinder hatte und dessen Frau deutlich früher gestorben war. Er hatte den elterlichen Hof seiner Schwester überlassen und wurde Schiffszimmermann in Hamburg, um schon in jungen Jahren Segelschiffkapitän zu werden und für die Reederei Adolf Jakob Hertz die Weltmeere zu befahren, um vor allem Salpeter aus Chile und Reis aus Indochina zu transportieren. Wegen der damals langen Schiffsliegezeiten erkundete der Urgroßonkel regelmäßig das Landesinnere und sammelte Schmetterlinge und Käfer und andere Tiere.

Als sein Reeder, den er sehr verehrte, starb und die Söhne erwarteten, dass die Kapitäne mit den aufkommenden Dampfschiffen um die Wette segeln sollten, ließ Schnehagen sich in Hamburg als Präparator und Privatgelehrter nieder, um zoologische Institute und Museen mit Tiersammlungen, vor allem Schmetterlingen und Käfern, auszustatten. Ein Rest der Sammlungen hängt nun in den Häusern meiner Geschwister und in unserm Kieler Haus. Die Sammlungen versetzen Besucher gern ins Staunen.

Die Hinterlassenschaften des Urgroßonkels bestanden ferner aus zoologischen und botanischen Lexika, Schmetterlingskatalogen, Fachliteratur und Zeichnungen zum Segelschiffbau, nautischen Instrumenten, Geschichtsbüchern, speziell über Hamburgische Geschichte, und populär-geographischen Büchern über alle Kontinente der Erde. Interessant ist, dass dieser kinderlose Verwandte unvergleichlich bekannter geblieben ist als z.B. seine Schwester, die meine Urgroßmutter ist und über die wir nur das Geburts- und Sterbedatum kennen.

Die andere Quelle war mein Vater, der als Nachgeborener eigentlich gar keine Aussicht hatte, den Hof zu erben. Sein Volksschullehrer hatte ihn zwar fürs Gymnasium dringend empfohlen (Geld genug war bei den Eltern vorhanden), aber er konnte im Alter von 9 Jahren dem Großvater nicht sagen, ob er denn nun Pastor oder Tierarzt werden wolle. So blieb unser Vater auf der Volksschule und arbeitete hinterher einfach auf dem elterlichen Hof, denn der Großvater selbst war als Gastwirt und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler im „Krug zur Helle“ unentbehrlich. Der Hof an der Bundesstraße 5, dem alten westlichen Ochsenweg, war seit Urzeiten auch Gastwirtschaft, nötig wegen des Ausspannens der Pferde.

So begann der Vater früh, viel zu lesen. Er lieh sich zunächst die Schulbücher vom Nachbarjungen aus, der das Gymnasium (die Bismarckschule in Elmshorn) besuchen durfte, wurde Mitglied bei den jugendbewegten Jungbauern (heute Landjugend) und legte sich viele Bücher zu. Sie waren absolut anspruchsvoll, waren allerdings wegen zu wenig Anleitung in Richtung klassischer Bildung im Zuge der Lebensreform- und Jugendstilideen einseitig auf völkische Literatur ausgerichtet.

Dazu hat z.B. das hochgelehrte und nur langsam zu lesende Buch „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ des Kulturphilosophen Houston Stewart Chamberlain (Schwiegersohn Richard Wagners und Wahldeutscher) gehört, das weit mehr antipäpstlich als antisemitisch ist, was heute die wenigsten Landsleute wissen. Es sei Martin Luther gewesen, der nicht nur die landeübergreifende hochdeutsche Sprache geformt habe, sondern der die Deutschen vom buchstabentreuen, formalistisch-gesetzestreuen Glauben der Juden und in deren Gefolge der Katholiken abgebracht und gelehrt habe, an die hinter den Buchstaben und Worten stehenden eigentlichen Ideen zu denken. Ein ähnlicher Grundgedanke mit dem Gegensatz intuitiv versus formalistisch findet sich m. E. in der sog. Deutschen Mathematik, die in den 1930er Jahren aufkam. Man muß das Buch selbst gelesen haben (1200 Seiten), um sich ein Urteil bilden zu können. Ich habe es im vorigen Jahr, dem Richard-Wagner-Jahr, endlich getan. Das Buch erlebte viele Auflagen, wurde ungeheuer gut verkauft und hatte enormen Einfluß, gerade in gebildeten Kreisen. Des Vaters Buch war die 14. Auflage von 1922, da war er 19 Jahre alt.

Auch in des Vaters Bücherschrank stand Julius Langbehns „Rembrandt als Erzieher“, ähnlich früh geschrieben, etwa 1890, und ebenso einflußreich. Der deutsch-amerikanische Historiker und Freund Helmut Schmidts, Fritz Stern, setzte sich in seiner Dissertation 1953 „The Politics of Cultural Despair – Kulturpessimismus als poltische Gefahr“ eingehend mit Langbehn auseinander. Trotz allen Überschwangs im Ton, Langbehn war ernst zu nehmen, gerade wegen seines Einflusses.

Wie sehr mein Vater die Inhalte beim Lesen solcher Literatur kritisch-recht verstanden hat, kann ich im Grunde nicht sagen, er war ja kein akademisch Ausgebildeter. Er wurde 1939 als Soldat eingezogen (es war noch ein Bruder als Arbeitskraft auf dem Hof vorhanden), zur Artillerie (wohl weil er mit Pferden umgehen konnte), und ist seit den Kämpfen um Berlin 1945 vermißt. Wir wissen bis heute nichts über seinen Verbleib.

Meine Eltern waren nicht so stur wie meine Großeltern, sie schickten mich 1944, noch vor Kriegsende, aufs Gymnasium, auf die Bismarckschule in Elmshorn. Bis zur Untertertia blieb ich ein eher mittelprächtiger Schüler, nur in Geschichte war ich „gut“. Entscheidende Bildungserlebnisse hatte ich in der Untertertia, als ich in der euklidischen Geometrie den Clou des Beweisens begriff und in den Klassenarbeiten die sog. angewandten Aufgaben so mühelos bewältigte, dass ich den ständigen Klassenprimus in Mathematik und Physik deutlich überholte.

Die erste Berührung mit der Informatik bekam ich in der Obertertia 1949/50. In einer Vertretungsstunde brachte uns Studienrat Dr. Hermann Athen die Schaltkreise und die Schaltalgebra nahe. Nebenbei bemerkte er, dass komplexe Schaltkreise dereinst schachspielen könnten. Dieses Thema wurde von nun an ständig am Ende meiner Schachrunden diskutiert. Alle Schachfachleute behaupteten steif und fest, ein Schaltkreis werde niemals Schach spielen können, womit sie Unrecht behalten sollten.

Woher hatte Herr Athen die Gewißheit? Er hatte in Jena und Kiel Mathematik und Physik fürs höhere Lehramt studiert, hatte hier in Kiel auf dem Gebiet der Differentialgeometrie bei Prof. Hammerstein 1936 promoviert. Er war dann aber nicht in den Schuldienst gegangen, sondern wurde Referent im Heereswaffenamt in Berlin. Während des Krieges versorgte er Universitätsmathematiker mit Forschungsaufträgen, so kannte er die deutsche mathematische Landschaft und hörte vom Dienst her vermutlich auch von Konrad Zuses Rechenmaschinen. Nebenbei habilitierte sich Herr Athen als Externer auf dem Gebiet der Ballistik an der TH Aachen. Er trug daher die Titel „Dr. phil. Dr. Ing. habil.“. Was es mit dem „habil.“ auf sich hatte, wußte kaum einer, und fragen mochte man nicht.

Herr Athen hatte auch die Idee für meine mathematische Jahresarbeit in der Oberprima 1953/54. Mein eigentlicher Mathematik- und Physiklehrer Johannes Scharfenberg (später Oberstudiendirektor des Glückstädter Dethlefsen-Gymasiums) hatte gleichzeitig in Göttingen und Kiel studiert und arbeitete mit Herrn Athen zusammen. So „lötete“ ich einen Analogrechner zusammen, womit man Winkel nach dem Cosinussatz der sphärischen Trigonometrie bestimmen konnte, und entwickelte eine Theorie dazu. Dies ist die zweite frühe Berührung mit der Informatik. Wäre Herr Athen Einheitslehrer moderner schleswig-holsteinischer (Flensburgscher) Prägung geworden, hätte er wohl nicht die frühen Ahnungen in Richtung Informatik entwickelt.

Dennoch wollte ich weder Mathematik noch Elektrotechnik studieren. Als Mathematiker hätte ich wohl nur Lehrer werden können, und das wollte ich nicht gern. Ich wollte lieber in der Industrie wirken. Und zwar als Diplomingenieur für Maschinenbau. Denn schon immer faszinierte mich alles Getriebeartige, ich hatte ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Außerdem war ich der - nicht immer richtigen - Meinung, jeder Ingenieur sei auch guter Mathematiker, und deshalb sei ich in den klassischen Ingenieurwissenschaften am richtigen Platz.

Jeder Ingenieurstudent mußte damals ein einjähriges Praktikum in passender Industrie ableisten, davon ½ Jahr vor dem Studium, weshalb die Curricula an den TH's im Herbst anfingen, während das Abitur im Frühjahr abgelegt wurde und die klassischen Universitäten im Frühjahr mit den Anfängervorlesungen begannen.

Ich erhielt einen allerbesten Praktikumsplatz in der Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich & Harbeck in Hamburg-Barmbeck. Jeder Maschinenbauer wollte dort hin, und das Arbeitsamt in Hamburg siebte streng. Enttäuscht war ich aber, dass ich die 20 handverlesenen Mitpraktikanten nicht für mathematische Probleme im Maschinenbau begeistern konnte. Der Gipfel war erreicht, als ich dem Chef der Abteilung vor versammelter Mannschaft erklärte, dass die Drehbänke, die wir da produzierten und an denen wir auch arbeiteten, nur halb so viele Rückwärtsgänge wie Vorwärtsgänge hätten. Da verkündete der Herr Dipl.-Ing. Lattermann, ich sei der erste Praktikant in seinem Leben, der das selbständig herausgefunden habe. Das zu erkennen, war für mich mit einem Blick in die Konstruktionszeichnungen, in die Getriebekästen und auf die Schalthebel eine absolut leicht und klar einsichtige Sache.

Dieses hohe Lob verursachte bei mir allerdings eine Krise. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass der Maschinenbau mich nicht auf den Grund der Dinge führen würde. So erklärte ich es meiner Mutter, die natürlich erschrak, es sich aber nicht anmerken ließ. Kurz vor ihrem Tod 1968 gestand sie mir, dass sie heimlich zu meinem Lehrer Scharfenberg gefahren sei um ihn zu fragen, was denn nun mit ihrem „schlauen“ Sohn los sei. Herr Scharfenberg riet ihr, mich einfach laufen zu lassen. In den Folgemonaten fuhr ich zweigleisig. Ich bewarb mich für den Maschinenbau an den TH's Hannover und Braunschweig und für das höhere Lehramt in Mathematik/Physik an den Universitäten Münster und Heidelberg. Überall herrschte damals der numerus clausus, aber ich erhielt von überall her Zusagen.

Nach dem Halbjahrespraktikum im Oktober 1954 traf ich Herrn Athen erneut auf dem Schulfest. Er war bester Laune, denn er war gerade zum Oberstudiendirektor der Bismarckschule ernannt worden (als Nachfolger von Herrn Gustav Vollert; der unter uns weilende Physikdidaktikkollege Helmut Dahncke ist mit Vollerts Enkelin verheiratet). Herr Athen hörte sich meine Zweifel über die Studiumswahl an und empfahl mir, an die Universität Münster zu gehen, dort gebe es z.B. einen Prof. Behnke.

Weil meine Mutter Respekt vor Herrn Athen hatte, ließ sie mich ziehen (Herr Athen war mit dem auch in Elmshorn geborenen Hermann Weyl – David Hilberts Nachfolger in Göttingen – befreundet und sorgte dafür, dass H.Weyl 1955 Ehrenbürger von Elmshorn wurde). Allerdings sollte ich in den kommenden drei Jahren in den Semesterferien auf unserem Hof alle schweren Feldarbeiten mit den Pferden verrichten, bis mein Bruder nach der Lehre den Hof übernehmen könne. Natürlich wäre es der Mutter lieber gewesen, ich hätte in Hamburg studiert. Dann wäre ich ständig greifbar gewesen. Das aber wollte ich nicht. Wenn ich immer wieder Vorlesungen versäumte, würde nichts aus mir, erklärte ich. Durch das „Jobben“ auf dem Hof war es mir in jener Zeit kaum möglich, in den Semesterferien Vorlesungen nachzuarbeiten und Fachbücher zu studieren, geschweige denn schöngeistige und philosophische Literatur.

Das erste Semester WS 1954/55 war ungemein hart. Ich startete mit Infinitesimalrechnung II (Analysis II) und Analytischer Geometrie II (Linearer Algebra II). Weil ich die Anfängervorlesungen des SS 54 nicht gehört hatte, hatte ich bis Weihnachten 1954 den Eindruck, ich tickte gar nicht richtig im Kopf. Die abstrakte Argumentation, besonders in der linearen Algebra (eigentlich leichter als die Analysis) kam mir unheimlich vor. Weil ich die Dinge begreifen wollte und um mich anhand der Randbemerkungen der Korrekteure zu prüfen, erledigte ich die Übungsaufgaben ganz allein, obwohl 2 oder 3 Namen auf einem Lösungsbogen hätten stehen dürfen. Unser Würzburger Kollege Josef Stoer war der einzige andere Student jenes Jahrgangs, der alle Übungsaufgaben allein löste. Letztlich erreichte ich ohne Kommilitonenhilfe genügend viele richtige Lösungen und bestand die zugehörigen mündlichen Übungsscheinprüfungen. In Infinitesimalrechnung II hatte ich insgesamt nur einen halben Fehler gemacht, und die Analytische Geometrie II-Prüfung sei sogar die beste von allen gewesen, erklärte Prof. Sommer.

Was ich mündlich nicht erwähnt habe: Die Härte des ersten Studiensemesters habe ich sogar durch eigenes Zutun erhöht. Kurz vor Weihnachten 1954 traf ich in der Mensa Verbindungsstudenten, die mich spontan zu einem Kegelabend einluden. Dort ließ ich mich gegen Mitternacht erweichen, der studentischen Landsmannschaft im Coburger Convent „Westfalen“ zu Münster beizutreten. Dieser Schritt forderte mir noch strengeres Organisieren des Tageslaufs ab. Letztlich ist das weniger aufreibend als das Lösen von Übungsaufgaben gewesen, und ich habe den Schritt nie bereut. Später fusionierten die „Westfalen“ mit der alten Leipziger Landsmannschaft „Sorabia“. Daß letztere die älteste studentische Verbindung sei, gegründet 1716, das hatte Prof. Behnke früher schon in einer Vorlesung erwähnt.

Weil ich durch den unkonventionellen Einstieg ins Studium aufgefallen war, holte Prof. Behnke mich im 6. Semester in sein Doktorandenseminar. Dort verstand ich zunächst nur wenig, aber gemäß Prof. Sommer hieß die Ausbildungsdevise damals ganz einfach „Schwimmenlernen durch ständiges Vorträgeanhören“.

Und hier geschah wieder etwas in Richtung Informatik, obwohl in Münster höchst reine Mathematik getrieben wurde. Prof. Behnke hatte im Herbst 1959 einen Brief von Prof. Bauer, Direktor des Instituts für Angewandte Mathematik der Universität Mainz, erhalten, der für seinen Kollegen Klaus Samelson einen promovierten Assistenten suchte. Prof. Behnke hatte zwar im Moment keinen abzugeben, aber weil ich der Nächste war, der mit dem Promovieren fertig zu werden versprach, sagte Herr Behnke zu mir „Dort gehen Sie hin“.

Obwohl reinster Mathematiker, wußte Herr Behnke sehr wohl, wo künftig die Musik spielen würde. Weil ich durch Herrn Athen schon Berührung mit Rechenautomaten hatte, sah ich hier sofort die Chance, Rechenmaschinen näher kennenzulernen, um mich auf diesem Wege der Industrie anzubieten. Lehrer wollte ich ohnehin nicht so gern werden. Ich sagte spontan zu. Die zweite Reinschrift meiner Dissertation und das Rigorosum standen noch aus, zum 1. Juni 1960 trat ich meinen Dienst als wiss. Assistent bei Prof. Klaus Samelson in Mainz an. Dort traf ich den schon genannten Kommilitonen Josef Stoer als Assistent von Prof. Bauer wieder. Und Manfred Paul, der unter uns weilt, war damals gerade damit beschäftigt, den ALCOR MAINZ Z22 zu konstruieren, das Übersetzerprogramm, das Programme der jüngst veröffentlichten höheren Programmiersprache ALGOL60 auf dem Zuse-Rechner Z22 in den Maschinencode der Z22 übersetzte.

Auf mich kam die Aufgabe zu, zusammen mit Frau Ursula Hill (später Herrn Samelsons Frau) ALGOL60-Übersetzer für die Siemens-Rechenanlage 2002 zu bauen, also zu programmieren. Mit dem späteren Einstieg in die Industrie wurde es nichts, die Herren Samelson und Bauer rieten mir, Hochschullehrer zu werden, insbesondere weil ab Mitte der 1960er Jahre ganz konkrete Pläne zur Schaffung eines universitären Diplomstudiengangs Informatik reiften, wo dann Dozenten und Professoren für Informatik gebraucht würden.

Ein großes Glück war, dass ich in Münster neben Mathematik und Physik Mathematische Logik studieren konnte, die dort in den 1930er Jahren vom Kieler Theologen und Münsterschen Philosophen Heinrich Scholz im Rahmen der philosophischen Fakultät gegründet worden war. Unseren Kollegen Arnold Oberschelp und seine Frau Anneliese kenne ich von Münster her. Meine Kenntnis der Mathematischen Logik ist für mich in der Informatik von weit höherem Nutzen gewesen als die Kenntnis der komplexen Analysis mehrerer Veränderlicher.

Sie sehen, letztlich hat bei mir der Lehrer gegenüber dem Ingenieur die Oberhand gewonnen. Ausgesprochen gern hielt ich Anfängervorlesungen, weil ich da anhand intellektuell-anspruchsvoller Übungen und auch durch die aufkommenden Fragen Talente entdecken konnte, die ich mir für spätere Aufgaben „warm“ halten konnte. Wenn Zuhörer mich beim Argumentieren an der Tafel auf Ungereimtheiten aufmerksam machten, fühlte ich mich besonders wohl, eben weil ich die Gewißheit hatte, die Zuhörer nicht verloren zu haben. Wenn für Projekte geeignete Kandidaten gesucht wurden, etwa auch von Kollegen, fiel es mir selten schwer, geeignete Kandidaten anzusprechen. Durch den von der Mathematik übernommenen Vorlesungsstil bilde ich mir ein, meist schon in den Anfangssemestern erkennen zu können, wer gute fachliche bzw. wissenschaftliche Karriere machen würde.

Offenbar erinnern sich so manche meiner Studenten gern an meinen Ausbildungsstil. Vor acht Wochen rief mich Herr Karl-Friedrich Bach ganz unvermittelt an, um sich für die Ausbildung zu bedanken, die er in seinen ersten vier Semestern von WS 1976/77 bis zur Diplomvorprüfung im Herbst 1978 bei mir genossen habe. Er hat sein Studium in Hamburg fortgesetzt, hat seine Diplomarbeit bei Prof. Brunnstein (der heute auch unter uns weilt) angefertigt und betreibt seine europaweiten Informatik-Projekte von Kiel-Suchsdorf aus. Erwähnen sollte ich, dass am 18. Juni 2011, 15 Uhr, plötzlich ohne Ahnung meinerseits etwa 30 meiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler vor der Haustür standen, um noch einmal eine Grillparty in unserem Garten zu erleben, wie meine Frau und ich sie jedes Semester mit den Seminarteilnehmern und Lehrstuhlmitarbeitern zu veranstalten pflegten. Die Schülerinnen und Schüler waren teilweise eigens aus Oldenburg, Warschau, Münster, Wien, Berlin, Hamburg und Hannover angereist.

So viel Ingenieurhaftes die Informatik hat, ich sehe sie in erster Linie als Kind der Mathematik. Ein Programm ist für mich eine mathematische Definition einer Transformation, auszuführen auf einer mathematischen Maschine. Ein Programm bedarf immer eines mathematischen Beweises, ob die beabsichtigte Aufgabe auch wirklich erfüllt wird. Es ist zwar häufig mühsam und für den Erkenntnisdrang nicht immer prickelnd, da die eigentliche mathematische Fragestellung mit dem anschließenden Beweis zu finden. Jeder weiß heute, welch ernste wirtschaftliche und manchmal politische Konsequenzen falsche, nicht genügend scharf geprüfte Software zeitigt.

Die große technisch-wirtschaftliche Bedeutung, die die Informatik erlangt hat, haben wir in den 1960er Jahren nicht erahnt. Mich freut ungemein, dass wir mit der Informatik, mit der Softwareerstellung gute Arbeitsplätze schaffen, selbst in diesem technisch zögerlichen Schleswig-Holstein. Das Agrarland Bayern hat das Agrarland Schleswig-Holstein entschieden überholt. Es ist mir in der Seele unangenehm, wenn unsere Landesregierung sagt, wir hätten ein Recht, Finanzausgleich von Bayern einzufordern.