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Der Meister des Raumes#

Die Albertina zeigt eine prunkvolle wie prominent bestückte Ausstellung über den Hochrenaissance-Meister Raffael.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 28. September 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Selbstporträt Raffaels (1506)
Ein Selbstporträt Raffaels (1506), des Ausnahmekünstlers der Hochrenaissance.
© Galleria degli Uffizi, Florenz

Im 20. Jahrhundert hatte es Raffaelo Santi (1483-1520) schwer, außerhalb der Spezialistenwelt der Kunstgeschichte, die vor allem seine virtuosen Zeichnungen und für die Theorie so gut nutzbaren ausgewogenen Kompositionen schätzt, vom Publikum so geliebt zu werden, wie sein großer Nachruhm es eigentlich verlangte. Die süßlichen Nachempfindungen seiner Madonnenbilder vom Barock bis ins 19. Jahrhundert brachten ihn sogar in Kitschverdacht, seine Porträts galten als weich und seine klare Farbigkeit und idealen Körperproportionen zu akademisch. In der Gegenwartskunst ist allerdings auch sein Antikenvorbild wieder gefragt und so ist der Zeitpunkt gut gewählt für einen neuen Zugang zum Phänomen Raffael, der neben den älteren Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarotti als Leitstern der klassischen Phase der Hochrenaissance beschrieben wird.

Leihgabe von Queen Elisabeth II.#

Der Sohn eines Malers aus Urbino kam 1495 zu Pietro Perugino nach Perugia, ging 1504 nach Florenz, wo er die beiden älteren Konkurrenten bei ihrem Wettstreit erlebte und auch das Scheitern Leonardos am Fresko der "Schlacht von Anghiari" sowie Michelangelos legendärer "Schlacht von Cascina". Er nahm von beiden wichtige Anregungen auf, wie seine Zeichnungen verraten: Leonardos "Leda mit dem Schwan" zeichnete er mit Sepia-Tusche und Feder nach, das Blatt kommt aus dem Besitz von Queen Elisabeth II. aus Windsor. Die Leihgabe verrät schon den Anspruch dieser Ausstellung, als eine der wenigen möglichen Personalen dieses Künstlers Kunstgeschichte zu schreiben.

Die 18 Gemälde kommen aus den bekanntesten Museen der Welt: Dem Louvre in Paris, den Uffizien von Florenz und als Kooperation mit dem Ashmolean Museum von Oxford war eine Konzentration von 130 der wichtigsten Papierarbeiten überhaupt möglich. Um 38 Millionen Dollar ist ein Apostelkopf auf Papier, Studie für Raffaels letztes Gemälde, die "Transfiguration" der Vatikanischen Sammlungen, zuletzt an einen Privatsammler versteigert worden - auch dieses Blatt ist in der Schau, denn der Wettstreit um das Altarbild der Kathedrale von Narbonne schließt den fulminanten Bogen durch ein kurzes Leben ab.

Fünf Jahre Vorbereitungszeit sind verständlich, Kurator Achim Gnann kann damit der Michelangelo-Schau ein noch mehr durch bekannte Gemälde unterstütztes Großprojekt folgen lassen. Raffael hat seine Zeichnungen nicht zum Selbstzweck angefertigt wie seine Kollegen, sondern sie bilden immer eine Kette im Arbeitsprozess von der flüchtig-virtuosen Ideenskizze, der Anlage von Details, vor allem der Figuren und danach erst einer gesamten Kompositionsanlage mit Akt. In der Folge kam nach Gewandstudien die direkte Vorstudie (der Modello) und der Karton, wobei Letztere zum Teil durchstochen und mit Raster zur direkten Übertragung auf die Grundierung des Gemäldes dienten. Dabei verwendete er Rötel, Tusche, auch laviert und weiß gehöht, aber auch Silberstift und Kreiden.

Antike und Theologie#

In mehreren Beispielen ist das in der Ausstellung schön zu verfolgen, etwa im Gegenüber von Vorstudie und Gemälde im Falle einiger Madonnenbilder, die als ein Hauptthema Raffaels einen eigenen Saal in der chronologischen Anordnung bekommen.

Die Verbindung von Antike und Theologie war revolutionär in Raffaels Kunst. Leicht wirkt auch das damals als skandalös geltende Spielen des Jesusknaben mit dem Granatapfel - diese Lässigkeit hat Baldassare Castiglione dem durch seine Malerei geadelten Raffael im Buch über den idealtypischen Hofmann zugeschrieben. Heute würde er wohl als "cool" gelten. Architekt Martin Kohlbauer hat neben farblichen Akzenten Fotos der Fresken, teils wandfüllend in Schwarzweiß, neben einem farbigen Modell der Stanzen eingebracht, damit die außerordentliche Karriere in Rom verständlich wird. Raffael war ab 1509 ein Aufsteiger am päpstlichen Hof in Rom, verdrängte andere und diente sich bis zum Hofkämmerer und Baumeister von Neu St. Peter nach dem Tod Bramantes 1514 bei den Päpsten Julius II. und Leo X. hoch. Ebenso geliebt war sein Werk von den reichen Bankiers der Stadt, wie Agostino Chigi oder Altoviti Bindo, der aus Florenz nach Rom ging und sogar Michelangelos Konten verwaltete. Das Porträt von Letzterem dient der Schau als Signet auf Plakat und Katalog, das Selbstbildnis aus den Uffizien 1509 als Auftakt.

Gesundheitlich angeschlagen#

Die privaten Wohnräume des Papsts mit Bibliothek beschäftigten Raffael wie die Sixtinische Kapelle, für die Leo X. die Teppiche der Sockelzone bestellte. Er war nicht nur in der Figurendarstellung und der Komposition fortgeschritten, sondern ging auch von der strengen Zentralperspektive zu einer mulitperspektivischen Ansicht des Raumes über. Mit 30 hatte er bereits eine große Anzahl von Schülern in seiner Werkstatt und Marcantonio Raimondi vervielfältigte seine Ideen in Stichen. Nach den Loggien des Vatikans kamen die Villa Farnesina und Villa Madama, für die er noch viele Studien aus der antiken Mythologie und Literatur entwarf. Doch haben seine Schüler, Giulio Romano, Baldassare Peruzzi oder Giovanni Francesco Penni bis auf wenige Fresken wie die "Galatea" sein Werk vollendet.

Es war wohl mit seiner Aufnahme von Funden, einer Art frühem Denkmalschutz, für die Antiken ein übertriebenes Multitasking, das Raffael neben vielen Mal- und Teppich-Aufträgen gesundheitlich überforderte. Er starb schon mit 37 Jahren und wurde im Pantheon in Rom beigesetzt.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 28. September 2017