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Alma Mahlers Dichter-Onkel#

Vor 200 Jahren, am 26. September 1818, wurde der Schriftsteller und Politiker Alexander Julius Schindler alias Julius von der Traun geboren, dessen Werk heute zu Unrecht vergessen ist.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 23. September 2018

Von

Gerhard Strejcek


Alexander Julius Schindler (pseudonym: Julius von der Traun
Alexander Julius Schindler (pseudonym: Julius von der Traun; 1818–1885).
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter PD

Wer sich in Alma Mahler-Werfels Tagebuchsuiten vertieft, erkennt die Formulierungsgabe der jungen Autorin, die ihr gefälliges Äußeres noch stärker wirken ließ. In Paulus Mankers bilderreicher Darstellung erscheint uns die Muse der Künstler um 1900 als erotisch-bebendes Kraftzentrum, doch als Mädchen war Alma wohlbehütet und genoss eine humanistische Erziehung.

Lange bevor ihre lebenslange Freundschaft mit Arthur Schnitzler begann und geraume Zeit vor ihrer Ehe mit Franz Werfel (sie währte von 1929 bis 1945) betätigte sich Alma literarisch und musikalisch. Ihre Anziehungskraft auf den Komponisten Alexander von Zemlinsky und den symphonischen Genius Gustav Mahler erscheint so nachvollziehbar. Früh verwitwet, stieß die in einer Josef-Hoffmann-Villa auf der Hohen Warte lebende Ästhetin auf den Architekten Walter Gropius und wurde in Puppenform zum Kokoschka-Sehnsuchtstraum, ehe sie an den begabten Lyriker und Erzähler Franz Werfel geriet, der von seinem Prager Kollegen Kafka liebevoll "der kleine Franz" genannt wurde (der große war er ja selbst!).

Lob von Theodor Storm#

Sowohl im Schreibatelier in Döbling als auch im kalifornischen Exil erbrachte Werfel unter Almas Ehe-Herrschaft publizistische Höchstleistungen und erreichte dank Buchgemeinschaftsausgaben hohe Auflagenzahlen. Der Sohn eines Prager Handschuherzeugers bezahlte diese Erfolge, die er mit Romanbiografien (Verdi) und historischen Darstellungen ("Die vierzig Tage des Musa Dagh") erzielte, mit einem frühen Tod, den Alma nicht ihrem ehrgeizbeflügenden Schaffensdruck, sondern seinem exzessiven Kaffee- und Zigarrenkonsum zuschrieb.

Das literarische Talent der 1879 als Alma Schindler Geborenen könnte auf einen Vorfahren zurückgehen, der heute, 133 Jahre nach seinem Tod am 6. März 1885, fast vergessen ist. Am 26. September 1818 wurde Almas Großonkel, Alexander Julius Schindler, geboren, mit dem sie über den Maler Emil Jakob Schindler verwandt war. Im August 1872 war Julius von der Traun, wie er sich als Autor nannte, in seinem Schloss Leopoldskron bei Salzburg Gastgeber von Theodor Storm (18171888).

Der Jurist aus dem hohen Norden war, nachdem er das Reisegeld endlich erübrigen konnte, den mehrfachen Einladungen aus Österreich gefolgt und erlebte rund um Salzburg einen seltenen Auslandsaufenthalt voller Idyllen und Naturschönheiten. Kein Wunder, dass er Schindler in hohen Tönen lobte. Im Stall des schönen Rokoko-Lustschlosses warteten nicht nur zwei Reitpferde auf einen Ausritt, sondern auch prächtige Zugtiere, die Storm nach Hellbrunn und zum Unterberg brachten, der den norddeutschen Autor besonders faszinierte.

Schindler war eine vielseitige Persönlichkeit mit einer exzellenten Formulierungsgabe. Sei es als liberales Mitglied im Abgeordnetenhaus des Reichsrats (18611870), sei es als Autor volksnaher Dramen und von Reiseerzählungen, stets fielen dem Sohn eines Tuchfabrikanten originell-humorvolle Wendungen ein. Im Reichsrat duellierte er sich mit klerikalen Abgeordneten zum Amüsement seiner politischen Freunde. Sie bereiteten ihm allerdings eine Niederlage und hintertrieben seine Kandidatur, sodass er 1870 nicht mehr dem Parlament angehörte. Damals wurde noch indirekt gewählt: Grundbesitzer, Städte, Landtage, Gemeinden und Kammern beschickten das Abgeordnetenhaus. Erst ab 1873 entwickelte sich schrittweise das direkte Wahlrecht, zu spät für Schindler.

Interesse an Chemie#

Der umtriebige Autor gab ab 1848 revolutionäre Schriften ("Zwanglose Blätter für Oberösterreich") heraus, die seine Karriere empfindlich behinderten. Er verfasste kritische Pamphlete, welche nicht mit Kritik am "Gesamtministerium" und dem Justizminister sparten. Ein Aliasname schien angebracht, wobei "Traun" auf Schindlers Tätigkeit in Steyr zurückgeht, wo er als Richter am Gut des Grafen Lamberg angestellt war.

Später amtierte er auch im Unterkärntner Wolfsberg als Patrimonialjustiziar. Schindler hatte sich erst in einem zweiten Anlauf für die juristische Laufbahn entschieden und zunächst an der Wiener Universität Philosophie studiert. Sein Interesse galt den Naturwissenschaften, namentlich der Chemie. In der Färberei eines Onkels setzte er seine Kenntnisse um, kehrte dann aber mit 23 Jahren in die Residenzstadt zurück, um Jus zu studieren. Sodann wollte er Notar werden, doch dazu bedurfte es einer freien Stelle und Beziehungen zur Obrigkeit, die dem liberal gesinnten Schindler abgingen. Anders als in Frankreich, wo der Ämterschacher (siehe Stendhals "Rot und Schwarz") blühte, war eine Notarstelle nicht erwerbbar.

Somit musste sich Schindler gedulden und zunächst als Richter und Staatsanwalt amtieren. Noch konnten Grundherren im Zivil- und Strafrecht ihre Untertanen richten, wozu sich betuchte Adelige geschulter Juristen bedienten. Bei Schindler dürfte diese Tätigkeit, angesichts seiner Aufgeschlossenheit für moderne soziale Ideen, für ein Umdenken und Hinterfragen von Vorurteilen gesorgt haben, die in Adelskreisen "einfachen" Leuten gegenüber bestanden.

Dieses Gedankengut floss in seine Dramen ein, von denen vor allem der "Theophrastus Paracelsus" Bekanntheit erlangte. Das Drama aus den 1850er Jahren dreht sich, nicht ganz überraschend, um ein Pest-Wundermittel ("Laudanum"), das nur der modern und egalitär eingestellte Arzt und Naturheiler kennt und einsetzt und das ihm die weniger erfolgreichen Fachkollegen aller Art abjagen wollen.

Einen geistlichen Herrn heilt Paracelsus so rasch von der Tuberkulose, dass ihm dieser das Honorar schuldig bleiben will. Der Reiz des Dramas besteht abgesehen von diesen kleinen Weisheiten im Salzburger Lokalkolorit und in den ironischen Zwischentönen, die an Raimund, aber auch an Nestroys Couplets erinnern. Richtig erkennt der Autor, dass künftig nicht das "Haben" (also der Besitz), sondern das "Wissen" die Welt regieren werde. Tatsächlich haben innovative Softwarepäpste und gewitzte Technologieentwickler wie Bill Gates, Mark Zuckerberg und Elon Musk diese These bestätigt.

Nicht mehr gespielt#

Ein anderes zeitloses Paracelsus-Thema ist die Desinformation: Die Menschen plappern nur das nach, was sie von "Landfahrern, Scheerern und Nachrichtern" vorgesetzt bekommen. Schindler nahm somit bereits Nachrichtendienste wie Twitter und Instagram sowie Gratiszeitungen vorweg.

Ein Julius von heute hätte vermutlich über Wahlmanipulationen, die von fernen Zwiebeltürmen und verbotenen Städten bis zum Kongress und dem Bundestag reichen, geschrieben. Gnadenlos verurteilt sein Paracelsus die Unwissenheit und die Vorurteile der Bürger, aber auch der konservativ eingestellten Fachkollegen ("Schulfüchse").

Dass Schindler ausgerechnet dem Scharfrichter, den er auch in seiner Prosa anspricht ("Die Geschichte vom Scharfrichter Rosenfeld und seinem Pathen", 1853) eine humane, fürsorgliche Rolle beimisst, mag aus eigener Erfahrung oder einem besonders ironischen Einfall herrühren. Da sich einst niemand in der Nähe eines Henkers ansiedeln wollte, kann man heute noch an Szenerien wie dem "Rabenstein" erkennen, den Schindler beim Salzburger Linzertor unweit des alten "Hochgerichts" ansiedelte, wo er illustre Figuren wie den Famulus Oporinus nach Knochen und Versatzstücken für Laudanum suchen ließ.

So stellt sich die Frage, warum der "Paracelsus", den ein Wahlsalzburger schrieb, nicht mehr geschätzt und aufgeführt wird. Immerhin spielt das Stück unweit der Erzbischöflichen Residenz, wo Schindler sein ererbtes Vermögen in das Schloss Leopoldskron investierte, statt es zu verprassen.

Am Domplatz stellt Jahr für Jahr der "Jedermann", den Hugo von Hofmannsthal ja auch aus einem alten Volksstück kompiliert hat, einen der dramatischen Höhepunkte der Festspiele dar. Der von Schnitzler als "dämonisch" und sogar "satanisch" punzierte Sie-Freund Hugo hat aus der bäuerlichen Posse ein Drama über das Leben und Sterben des (in der Region gehäuft auftretenden) reichen Mannes und des (bis in den Pinzgau hinab) allseits herrschenden Mammon stilisiert.

Erlebnisreisen#

Schon Grillparzer erkannte um 1852 in seiner heute unbekannten Rolle als Analytiker von fremden Theaterstücken, dass sich der spanische Dichter Lope de Vega (15621635) deshalb so erfolgreich hielt, weil sich das gebildete Publikum seiner Heimat mit all seinen Anspielungen identifizieren konnte. Dasselbe gilt für Schindlers Figuren. Obwohl somit der "Jedermann" in Salzburg eine Art sakrosankten Dauerbrenner darstellt, an dem zu rühren noch kein Intendant wagte, könnte mit dem "Theophrastus Paracelsus" ein weiteres Werk mit einem ähnlichen, regional-literarischen Strickmuster samt tiefsinniger Aussage und Wiedererkennungswert neu belebt werden.

Was Schindlers materielle Verhältnisse betraf, hatte er trotz der Rückschläge in der politischen und juristischen Karriere stets sein Auskommen. Er lernte die Reformer und Großen seiner Zeit persönlich kennen, darunter Bauernfeld, Hartmann, Seidl, Storm und andere bedeutende Dichter.

Obwohl er nach einem Intermezzo als Staatsanwalt in Leoben und Graz den Staatsdienst quittieren musste (um 1854), fand er eine lukrative Stelle als Bevollmächtigter und Syndicus für die k.k. ungarischen Staatsbahnen. Nach den politischen Intrigen, die ihn sein Mandat kosteten, konnte er sich dank seines Erbes in Leopoldskron der Literatur widmen, musste aber krankheitsbedingt um 1883 wieder nach Wien zurückziehen.

Seine 1881 erschienenen "Exkursionen eines Österreichers", die in zwei Bänden mit fast 600 Seiten erschienen, umfassen zahlreiche Reiseberichte zwischen 1840 und 1879. Von "Herbsttagen im Mühlviertel" bis zu italienischen und mährischen Erlebnissen reicht das Spektrum des Dichterjuristen. Sie sind heute als Nach- und Neudrucke bei Hansabooks wieder verfügbar.

Wiener Zeitung, 23. September 2018